{"id":9325,"date":"2003-01-07T19:49:52","date_gmt":"2003-01-07T18:49:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9325"},"modified":"2025-04-25T15:25:39","modified_gmt":"2025-04-25T13:25:39","slug":"matthaeus-3-13-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-3-13-17\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 3, 13-17"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">1. Sonntag nach Epiphanias | 12. Januar 2003 | Matth\u00e4us 3,13-17 | Christoph Dinkel |<\/span><\/b><\/h3>\n<p><em>&#8222;Zu der Zeit kam Jesus aus Galil\u00e4a an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen lie\u00dfe.<\/em><br \/>\n<em>Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt geschehen! Denn so geb\u00fchrt es uns, alle Gerechtigkeit zu erf\u00fcllen. Da lie\u00df er&#8217;s geschehen.<\/em><br \/>\n<em>Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und \u00fcber sich kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>(1) unser heutiger Predigttext macht uns zu Zeugen eines g\u00f6ttlichen Gef\u00fchlsausbruchs. G\u00f6ttliche Gef\u00fchlsausbr\u00fcche stellen wir uns im Allgemeinen ja eher vernichtend und zerst\u00f6rend vor. Wir denken vielleicht an den griechischen G\u00f6ttervater und Obergott Zeus, der seine Blitze vom Olymp schleudert, oder wir erinnern uns an den alttestamentlichen Gott Jahwe, der am Berg Sinai im Donner erscheint und der auch sonst im Umgang mit seinem Volk nicht immer zimperlich ist.<\/p>\n<p>Der Gef\u00fchlsausbruch, um den es heute geht, ist aber ganz anderer Art. Er ist sehr pers\u00f6nlich, ganz und gar positiv und in keiner Weise bedrohlich: Zu dem aus dem Jordan steigenden Jesus von Nazareth und zu allen, die dabei stehen, sagt Gott: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. In diesem Satz schwingt eine gro\u00dfe Z\u00e4rtlichkeit mit. Fast bildlich steht einem der g\u00f6ttliche Vater vor Augen, der mit geneigtem Haupt seinen frisch getauften Sohn liebevoll anschaut und dann diesen unglaublich gef\u00fchlvollen Satz spricht. &#8222;Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.&#8220; Vielleicht hat Gott, so kann man \u00fcberlegen, den Satz am Ende gar nicht f\u00fcr die Umstehenden oder f\u00fcr Jesus gesagt. Vielleicht ist er einfach so aus ihm herausgebrochen und er hat ihn nur f\u00fcr sich gesagt: Die Umstehenden und mit ihnen auch wir sind nur zuf\u00e4llig Zeugen dieser h\u00f6chst intimen Szene geworden. Fast m\u00f6chte man versch\u00e4mt beiseite blicken, um die beiden nicht zu st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. &#8211; Nicht nur die Worte in dieser Szene sind voller Z\u00e4rtlichkeit. Auch die Taube als Symbol des Heiligen Geistes ist ein Zeichen g\u00f6ttlicher Zuneigung und Liebe. Die Taube war in der Antike das Symbol der Liebesg\u00f6ttinnen Aphrodite und Venus. Bis heute ist die Taube ein Zeichen f\u00fcr Frieden, Verst\u00e4ndigung und Vers\u00f6hnung geblieben, auch wenn die real existierenden Tauben in unseren Innenst\u00e4dten eher eine Plage sind. Die Taube vom Himmel best\u00e4tigt also, dass wir bei der Taufe Jesu Zeugen eines g\u00f6ttlichen Gef\u00fchlsausbruchs werden: Gottes Z\u00e4rtlichkeit wird anschaulich in der Taube und h\u00f6rbar in jenem Satz: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.<\/p>\n<p>(2) Die Taufe Jesu steht im Matth\u00e4usevangelium am Beginn der T\u00e4tigkeit Jesu. Am Ende dieser T\u00e4tigkeit steht erneut die Taufe im Zentrum der Aufmerksamkeit. Der auferstandene Christus gibt seinen auf der Erde zur\u00fcckbleibenden J\u00fcngerinnen und J\u00fcngern den Auftrag, den die meisten von uns als Taufbefehl im Konfirmandenunterricht einmal auswendig gelernt haben:<\/p>\n<p>&#8222;Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.<br \/>\nDarum gehet hin und machet zu J\u00fcngern alle V\u00f6lker:<br \/>\nTaufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes<br \/>\nund lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.<br \/>\nUnd siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.&#8220;<\/p>\n<p>Die Taufe Jesu und die Taufe der christlichen Kirche bilden eine Klammer um das Wirken Jesu auf Erden. Ist die Taufe Jesu der Auftakt zur T\u00e4tigkeit Jesu, so ist der Taufauftrag an die J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger der Auftakt zur Fortsetzung der Mission Jesu. Doch die Verbindung zwischen der Taufe Jesu und der Taufe der Kirche, unserer Taufe, ist noch enger: Was Gott bei der Taufe Jesu zu seinem einen Sohn sagt, das sagt er in der Taufe zu jeder und jedem Getauften: Dies ist mein liebes Kind, an dem ich Wohlgefallen habe. Die Taufe, mit der wir getauft sind, ist sozusagen die institutionalisierte Liebeserkl\u00e4rung Gottes an seine Kinder, an uns. Ob dabei jede Taufe zu einem g\u00f6ttlichen Gef\u00fchlsausbruch f\u00fchrt, mag man bezweifeln. Zumeist kommt ja weder eine Taube noch eine g\u00f6ttliche Stimme vom Himmel. Aber ernst gemeint ist die Liebeserkl\u00e4rung Gottes in der Taufe an uns dennoch. Die Taufe ist das sichtbare Zeichen f\u00fcr das, was der Apostel Paulus so beschrieben hat: &#8222;ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch M\u00e4chte noch Gewalten, weder Gegenw\u00e4rtiges noch Zuk\u00fcnftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.&#8220; (R\u00f6m 8,38f) Jede Getaufte ist eine Tochter Gottes, jeder Getaufte ist ein Sohn Gottes, auf ihnen ruht Gottes Wohlgefallen. Nichts kann sie von Gottes Liebe trennen.<\/p>\n<p>(3) Nichts kann uns als Getaufte von Gottes Liebe trennen &#8211; das ist ein gro\u00dfer Satz, so k\u00f6nnten Sie einwenden. Wie passt das zusammen mit dem, dass doch auch Getaufte nicht von Schmerz und Kummer und Leiden verschont werden? Richtig, kann man da nur antworten. Die Taufe ist keine Gl\u00fccksgarantie f\u00fcr unser Leben. Wer sie so versteht, der hat die Taufe missverstanden. Der Apostel Paulus, der so vollmundig sagt, dass uns nichts von Gottes Liebe scheiden kann, z\u00e4hlt zugleich vieles auf, was den Eindruck erwecken k\u00f6nnte, dass wir von Gottes Liebe geschieden sind: &#8222;Tr\u00fcbsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Bl\u00f6\u00dfe oder Gefahr oder Schwert?&#8220; &#8211; Paulus verk\u00fcndet die Liebe Gottes gerade angesichts zahlloser \u00dcbel und Leiden, die die Getauften genauso betreffen wie die Nichtgetauften. Und auch Jesus wird sofort nach seiner Taufe und direkt nach der g\u00f6ttlichen Liebeserkl\u00e4rung einem brutalen H\u00e4rtetest ausgesetzt. 40 Tage ist Jesus in der W\u00fcste und am Ende wird er vom Satan versucht: Wenn er doch Gottes Sohn ist, dann soll er aus Steinen Brot machen, damit er nicht mehr Hunger leiden muss; wenn er Gottes Sohn ist, dann soll er sich doch von der Zinne des Tempels st\u00fcrzen, weil Gott ja versprochen hat, dass er seine Kinder auf Engelsfl\u00fcgeln tragen wird und sie sich nicht sto\u00dfen werden; er soll den Satan anbeten, dann wird er die ganze Welt beherrschen.<\/p>\n<p>Jesus besteht den H\u00e4rtetest mit W\u00fcstenaufenthalt und Satansbegegnung. Dass er Gottes Sohn ist, macht ihn weder leichtsinnig noch gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig. Auch wir sollten also daraus, dass wir Kinder Gottes sind, nicht schlie\u00dfen, dass uns im Leben nichts passieren kann. Das Bewusstsein, Gottes Kind zu sein, darf nicht zu Gr\u00f6\u00dfenwahn, zu Leichtsinn oder zu falschen Erwartungen f\u00fchren.<br \/>\nDas Beten und die Fr\u00f6mmigkeit ersetzten nicht den Gang zum Arzt, wenn man krank ist.<br \/>\nGottes Kinder m\u00fcssen in Gesch\u00e4ftsangelegenheit die Regeln des Marktes und die Gesetze des Staates genauso beachten wie alle anderen.<br \/>\nDie kirchliche Eheschlie\u00dfung ist keine Garantie f\u00fcr das Gelingen der Beziehung. Auch manche Ehe frommer Christen muss geschieden werden, so schmerzvoll das ist.<br \/>\nDie Taufe von kleinen Kindern und das Bem\u00fchen um ihre christliche Erziehung durch Eltern und Paten enthalten keinen Automatismus, dass aus den Kindern etwas wird und sie mit ihrem Leben und ihrer Umwelt zu Recht kommen.<\/p>\n<p>(4) Die Taufe bewahrt nicht vor dem Scheitern, die Taufe ist keine Garantie f\u00fcr ein gelingendes Leben und sie sch\u00fctzt nicht vor Krankheit, nicht vor Schmerz, nicht vor Unfall und vor fr\u00fchem Tod. Oder in Anlehnung an Paulus gesagt: Tr\u00fcbsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Bl\u00f6\u00dfe oder Gefahr oder Schwert geh\u00f6ren auch zum Leben eines Christenmenschen. Aber, so fragt man sich, was n\u00fctzt dann die Taufe, was ist die g\u00f6ttliche Liebeserkl\u00e4rung wert?<\/p>\n<p>Die Taufe ist ein Zeichen daf\u00fcr, dass wir Kinder Gottes sind, gerade dann, wenn dies f\u00fcr uns in Frage steht und wir daran zweifeln. Die Taufe ist ein Zeichen der Z\u00e4rtlichkeit Gottes, ein Zeichen seiner Zuwendung, seiner Liebe, seiner Begleitung inmitten auch alles Schlimmen und B\u00f6sen, was uns im Leben widerf\u00e4hrt. Die Taufe versichert uns der N\u00e4he Gottes gerade dann, wenn wir in Gefahr geraten. Die Taufe erinnert uns daran, dass wir im Leben und im Sterben, in guten und in schlechten Tagen von Gottes guten M\u00e4chten umfangen und getragen werden: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende &#8211; diese Zusage Christi steht am Ende seines Auftrags zur Taufe.<\/p>\n<p>Martin Luther hat wenn er mit Zweifeln oder mit Traurigkeit k\u00e4mpfte, ein St\u00fcck Kreide genommen und vor sich auf den Tisch geschrieben: Ich bin getauft. &#8211; Sich an seine Taufe erinnern hie\u00df f\u00fcr Luther, sich an die Treue Gottes, an seine guten Gaben, sich an Jesus Christus selbst zu erinnern. Die Erinnerung an seine Taufe machte Luther in allen Zweifeln gewiss, dass er als Getaufter ein Kind Gottes ist, dass Gott selbst auf seiner Seite steht und er deshalb allem, was ihm Angst und Sorgen macht, widerstehen kann.<\/p>\n<p>Gerade wenn wir an Gottes N\u00e4he zweifeln, wenn wir uns verloren und verlassen f\u00fchlen, wenn wir unser eigenes Ende oder gar das Ende der Welt nahe meinen, gerade dann kann uns die Erinnerung an unsere Taufe darin gewiss machen, dass wir allen Widerw\u00e4rtigkeiten des Lebens zum Trotz Gottes Kinder sind, dass wir bei Gott nicht verloren gehen und unser Leben von Gottes f\u00fcrsorgender Z\u00e4rtlichkeit und Liebe umfangen ist. Denn in der Taufe sagt Gott zu uns das, was er bei der Taufe im Jordan zu Jesus gesagt hat: Du bist mein lieber Sohn, du bist meine liebe Tochter, an dir habe ich wohlgefallen. &#8211; Amen.<\/p>\n<p>Predigtlied: EG 66, 1-3+7, Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude<\/p>\n<p>Schriftlesung: R\u00f6mer 8, 35-39<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Dr. Christoph Dinkel<br \/>\nPfarrer, Privatdozent<br \/>\nG\u00e4nsheidestra\u00dfe 29<br \/>\n70184 Stuttgart<br \/>\n<a href=\"mailto:christoph.dinkel@arcor.de\">christoph.dinkel@arcor.de<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sonntag nach Epiphanias | 12. Januar 2003 | Matth\u00e4us 3,13-17 | Christoph Dinkel | &#8222;Zu der Zeit kam Jesus aus Galil\u00e4a an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen lie\u00dfe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? 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