{"id":9329,"date":"2003-01-07T19:49:49","date_gmt":"2003-01-07T18:49:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9329"},"modified":"2025-04-25T15:34:35","modified_gmt":"2025-04-25T13:34:35","slug":"johannes-2-1-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-2-1-11\/","title":{"rendered":"Johannes 2, 1-11"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">2. Sonntag nach Epiphanias | 19. Januar 2003 | Johannes 2, 1-11 | Rolf Wischnath |<\/span><\/b><\/h3>\n<p align=\"left\">VORBEMERKUNG:<\/p>\n<p>Ich lege diese Predigt in einer l\u00e4ngeren und einer <a href=\"#kurz\">k\u00fcrzeren<\/a> Fassung vor. F\u00fcr den Vortrag der l\u00e4ngeren Fassung brauche ich f\u00fcnfundzwanzig Minuten. Weil es sich um den Versuch einer Homilie handelt, ist es hilfreich, wenn die Gemeinde den Predigttext in Kopie vor Augen hat. F\u00fcr den Vortrag der k\u00fcrzeren Fassung ben\u00f6tige ich f\u00fcnfzehn Minuten. Sie ist in der Verst\u00e4ndlichkeit f\u00fcr die H\u00f6rer allerdings etwas schwerer.<\/p>\n<p>PREDIGTTEXT (GUTE NACHRICHT 1997)<\/p>\n<p>Die Hochzeit in Kana<br \/>\n<em>1 Am dritten Tag wurde in Kana in Galil\u00e4a eine Hochzeit gefeiert. Die Mutter von Jesus war dabei,<\/em><br \/>\n<em>2 und auch Jesus war mit seinen J\u00fcngern dazu eingeladen.<\/em><br \/>\n<em>3 Als der Weinvorrat zu Ende war, sagte seine Mutter zu ihm: &#8222;Sie haben keinen Wein mehr!&#8220;<\/em><br \/>\n<em>4 Jesus erwiderte ihr: &#8222;Frau, das ist meine Sache, nicht deine! Meine Stunde ist noch nicht gekommen.&#8220; <\/em><br \/>\n<em>5 Da wandte sich seine Mutter an die Diener und sagte: &#8222;Tut alles, was er euch befiehlt!&#8220;<\/em><br \/>\n<em>6 Im Haus standen sechs Wasserkr\u00fcge aus Stein, von denen jeder etwa hundert Liter fasste. Man brauchte sie wegen der Reinigung , die das Gesetz vorschreibt. <\/em><br \/>\n<em>7 Jesus sagte zu den Dienern: &#8222;F\u00fcllt diese Kr\u00fcge mit Wasser!&#8220; Sie f\u00fcllten sie bis an den Rand.<\/em><br \/>\n<em>8 Dann befahl er ihnen: &#8222;Jetzt nehmt eine Probe davon und bringt sie dem Mann, der f\u00fcr das Festessen verantwortlich ist.&#8220;<\/em><br \/>\n<em>Sie brachten ihm eine Probe,<\/em><br \/>\n<em>9 und er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher dieser Wein kam; nur die Diener, die das Wasser gesch\u00f6pft hatten, wussten es. Er rief den Br\u00e4utigam zu sich<\/em><br \/>\n<em>10 und sagte: &#8222;Jeder bringt doch zuerst den guten Wein auf den Tisch, und wenn die G\u00e4ste schon reichlich getrunken haben, folgt der schlechtere. Aber du hast den guten Wein bis zuletzt aufgehoben!&#8220;<\/em><br \/>\n<em>11 So vollbrachte Jesus in Kana in Galil\u00e4a sein erstes Wunderzeichen und offenbarte seine Herrlichkeit . Und seine J\u00fcnger kamen zum Glauben an ihn.<\/em><\/p>\n<p>A: L\u00c4NGERE PREDIGT<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">I<\/p>\n<p>In der Erz\u00e4hlung von der Hochzeit zu Kana wird berichtet, dass Jesus das Wasser von sechs steinernen Kr\u00fcgen in Wein verwandelt hat. Die angegebenen Ma\u00dfe der Kr\u00fcge bedeuten, dass es sich um 480 bis 700 Liter Wein gehandelt haben muss. Und da ist es nicht nur erheiternd, wenn einmal ein treuer Presbyter im sch\u00f6nsten Sprachklang meines westf\u00e4lischen Heimatdialekts sagte: &#8222;Ach, Herr Pastor, das ist mir doch eine richtige Anfechtung, dass der Herr Jesus in Kana die Trunksucht der Menschen so sehr gef\u00f6rdert hat.&#8220;<\/p>\n<p>In der Tat, was f\u00fcr ein sonderbares Wunder: Jesus verschafft einer Hochzeitsgesellschaft in ihrer fr\u00f6hlich feuchten Stimmung ein solches Unma\u00df an Wein, dass sie h\u00e4tten drin schwimmen k\u00f6nnen. Und doch wird gerade dieses Wunder vom Evangelisten Johannes besonders herausgestellt: Das ist das <b>erste<\/b> Zeichen, das Jesus tat (V. 11), hei\u00dft es. Und bei diesem Evangelisten wiegt jedes Wort: Das erste Wunder ist nicht nur in der Abfolge der Zeichenhandlungen das Erste, sondern auch sachlich: Es ist als erstes f\u00fcr Johannes das wichtigste Wunder Jesu. Von diesem Wunder sagt der Evangelist etwas, was er bei keinem anderen so ausdr\u00fccklich hervorhebt: Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat &#8230;. und er offenbarte (damit) seine Herrlichkeit (V. 11). Nichts weniger als seine Herrlichkeit &#8211; eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit (Joh. 1, 14b) &#8211; wird hier offenbar, d.h. augenscheinlich und sichtbar. Wir m\u00fcssen also genau hinsehen, jedes Wort in dieser Erz\u00e4hlung ist von Gewicht:<\/p>\n<p>Und &#8230;. (es) war eine Hochzeit in Kana in Galil\u00e4a (V. 1). So einfach beginnt die Offenbarung der Herrlichkeit Jesu: mit etwas Allt\u00e4glichem an einem Ort, der sonst so unbedeutend war, dass ihn heute keiner mehr ausmachen kann. Und hier geschieht, was tausendfach jede Woche an vielen Orten geschieht. Zwei Menschen, deren Namen nicht einmal genannt werden heiraten. F\u00fcr viele ist dieser Tag ein H\u00f6hepunkt des Lebens. Sie sagen: Alles, was der Mensch f\u00fcr sich an Gl\u00fcck erhofft und an Lebensfreude erwartet, sei wie in diesem Ereignis geb\u00fcndelt wie Lichtstrahlen in einem Brennglas. Darum leben viele Menschen im Traum dieses Tages: in der Erwartung oder der Erinnerung. Die Hochzeit ist biblisch gesehen das Urbild der Freude am Leben, seines Gl\u00fcckes und seiner Sehnsucht.<\/p>\n<p>&#8230;. und die Mutter Jesu war da (V. 1), h\u00f6ren wir. Die Mutter Jesu &#8211; das war der Mensch, den Gott pers\u00f6nlich in einzigartiger Weise ausgezeichnet hatte. Sie war es, durch die Gott selber als Mensch geboren wurde &#8211; und sie war es auch, die sich dieser einzigartigen Erw\u00e4hlung gehorsam gebeugt hat. Man darf sagen: Maria war ein Gott wohl-gef\u00e4lliger Mensch. Sie steht hier f\u00fcr den Menschen \u00fcberhaupt, an dem Gott sein Wohlgefallen hat. Und eben dieser Mensch, der Gott so wohl-gef\u00e4llt, war auch da (V. 1). Wir k\u00f6nnen daran sehen:<\/p>\n<p>Es st\u00f6rt Gottes Wohlgefallen durchaus nicht, wenn der Mensch das Menschliche tut: sich an seinem Mitmenschen zu freuen und mit ihm zu feiern, sein Gl\u00fcck zu suchen und zu genie\u00dfen, die H\u00f6hepunkte des Lebens festlich zu begehen. Gott ist auf keinen Fall ein griese-grauer Gram, der das Gl\u00fcck verdirbt. Nein, der Gott Israels g\u00f6nnt uns von Herzen die Freuden des Lebens. Er freut sich mit und will, dass unsere gro\u00dfen und kleinen Freuden Vorschein und Vorgeschmack jener unaussprechlichen Freude seien, die er seinen Menschenkindern verhei\u00dfen hat in seinem ewigen Reich. Wenn also die Mutter Jesu damals nicht weltfremd und mit frommen Augenaufschlag abseits gestanden hat, sondern dabei war, dann gilt auch f\u00fcr uns die Ermunterung, im Grau der Lebenstage die Freude nicht verkommen zu lassen, sondern sie dann, wenn es Grund, Voraussetzung und Gelegenheit dazu gibt, auch bewusst und unbefangen wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Und wir lesen hier, was noch einmal eine Steigerung bedeutet: Jesus aber und seine J\u00fcnger waren auch zur Hochzeit geladen (V. 2). Wenn unser Herr Jesus, liebe Gemeinde, sich zusammen mit seinen J\u00fcngern auf ein allt\u00e4gliches menschliches Fest einladen l\u00e4sst, dann hei\u00dft das doch: Der Sohn Gottes, der Menschensohn &#8211; kein Kind von Traurigkeit! kein Kost- und Weltver\u00e4chter! kein M\u00f6nch! kein asketischer Neider unserer Freude! vielmehr einer, der seine J\u00fcnger mitnimmt, der das Leben &#8211; das ganze Leben &#8211; mit uns teilt. Das ist das Wunder von Weihnachten: Gott kommt herab zu uns Menschen. Und das ist die Botschaft des Epiphaniasfestes und der Epiphaniaszeit: Gott wird in seiner Herrlichkeit offenbar als der, der nicht nur kommt, sondern bleibt &#8211; bei uns: in der Freude und im Leid, &#8211; in Beidem, denn in Beidem haben wir ihn n\u00f6tig: Gott als unseren Freund, der sein eigenes Leben mit uns teilt und der sich freut, wenn auch wir es mit ihm teilen, unser ganzes Leben mit seinen Tag- und seinen Nachtseiten. Ein einzigartiger Freund! Denn von ihm gilt, was von keinem anderen unserer Freunde so gesagt werden kann:<\/p>\n<p>Abend und Morgen \/ sind seine Sorgen; \/<br \/>\nsegnen und mehren, \/ Ungl\u00fcck verwehren \/<br \/>\nsind seine Werke und Taten allein. \/<br \/>\nWenn wir uns legen, \/ so ist er zugegen; \/<br \/>\nwenn wir aufstehen, \/ so l\u00e4sst er aufgehen \/<br \/>\n\u00fcber uns seiner Barmherzigkeit Schein.<br \/>\nPaul Gerhardt, EG 494, 4<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">II<\/p>\n<p>Aber nun kommt ein anderer Ton in diese Erz\u00e4hlung: Und als der Wein ausging (V. 3). Luther hat urspr\u00fcnglich bildkr\u00e4ftiger \u00fcbersetzt: Und da es an Wein gebrach &#8230;. . Auf den ersten Blick erscheint uns das Ausgehen des Weins allenfalls als ein peinliches Vorkommnis f\u00fcr den Gastgeber, aber wohl nicht als eine Katastrophe, die h\u00f6heres Eingreifen erforderlich macht.<\/p>\n<p>Aber der Mangel an Wein meint bei Johannes doch etwas tief Eingreifendes: ein Bild, das scharf eine elementare menschliche Situation einf\u00e4ngt. Der Wein ist hier wie oft in der Bibel ein Symbol der Freude, das Bild der Lebensfreude: &#8222;&#8230; dass der Wein erfreue des Menschen Herz&#8220; (Ps. 104, 15), hei\u00dft es etwa beim Psalmisten. Und der Prediger Salomo ruft trotz der Eitelkeit des Lebens auf zur Freude mit den Worten: &#8222;Geh hin und i\u00df dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut, denn dies dein Tun hat Gott schon l\u00e4ngst gefallen&#8220; (Pred. 9, 7). Und nun eben geht auf dem H\u00f6hepunkt der Hochzeit zu Kana der Wein aus: die Freude versiegt, das Fest erstirbt, Ern\u00fcchterung greift um sich, die Einladung hat nicht gehalten, was sie versprochen hat. Und das k\u00f6nnen wir nun leicht verstehen, wenn wir an eigene Erfahrungen mit der Freude denken: dass sie keine Dauer haben, dass sie so bald der Ern\u00fcchterung Platz machen m\u00fcssen, dass sie nicht standhalten, wenn Bedrohliches auf uns zukommt oder wenn wir die ungez\u00e4hlten politischen Probleme unserer Generation an uns heranlassen. K\u00f6nnen wir uns dann \u00fcberhaupt noch unbefangen freuen, wenn wir auch nur einigerma\u00dfen bewu\u00dft in unserer Zeit leben und die Schatten der Bedrohung des Friedens, des Hungers, der politischen Unterdr\u00fcckung, der Arbeitslosigkeit und Armut oder der Zerst\u00f6rung unserer Mitwelt nicht einfach aus unserem Kopf ausblenden. Und l\u00e4sst sich der Verlust unbefangener und ungetr\u00fcbter Freude nicht auch im Blick auf die vielen wichtigen Formen der pers\u00f6nlichen Lebensfreude nachvollziehen: Die Freude am geliebten Menschen etwa muss begreifen, dass der Zustand der Verliebtheit (der sog. honey moon) sich nicht konservieren l\u00e4sst und wir alle f\u00fcreinander nur eine Zeit lang gegeben sind. Die Freude am Beruf wird bedroht vom erdr\u00fcckenden Anblick all der ungel\u00f6sten Probleme. Und die Freude am Leben &#8211; die Ur-freude schlechthin &#8211; sackt in sich zusammen, sobald sie sich bewu\u00dft wird, wie sehr jede und jeder unausweichlich vom Tod umfangen ist. Das ist schwer zu ertragen. Denn eigentlich erwarten wir von der Freude, dass sie verl\u00e4\u00dflich ist und Dauer hat. Eine Freude, die von ihrem Ende her \u00fcberschattet ist, hat etwas Fahles. Sie ist schon keine Freude mehr, sondern dem Leiden viel n\u00e4her. &#8211; Und da es an Wein gebrach &#8230;. (V. 3) &#8211; der kleine Satz sammelt unsere gebrochenen Erfahrungen mit der Freude.<\/p>\n<p>Und nun, liebe Gemeinde, meinen wir vielleicht schon zu wissen, worauf Johannes mit dieser Erz\u00e4hlung hinauswill: Jesus ist der, der neuen Wein herbeizaubert; er ist also der, der unsere Freude verl\u00e4ngert oder auf Dauer rettet. Aber dieser schnelle Schluss ist eben im klassischen Sinn &#8211; ein Trug-Schluss.<\/p>\n<p>&#8230;. spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Was geht&#8217;s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen (V. 3f.). Ein aufregender Dialog, haarscharf vorbei an der Beleidigung eines Sohnes gegen\u00fcber seiner Mutter: &#8222;Was geht&#8217;s dich an, Frau, was ich tue?&#8220; Auch hier war die urspr\u00fcngliche \u00dcbersetzung Luthers treffender: &#8222;Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?&#8220; Kann es deutlicher gesagt werden: Ich Jesus, bin und handle nicht so, wie ihr das von mir erwartet, erbittet und euch vorstellt. Was ich tue, ist nicht einfach die euch so passende Antwort auf eure Lebensn\u00f6te und Verzagtheiten. Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Denn sie hat ihre eigene Notwendigkeit und Zeit &#8211; und so auch ihre eigene, von euch nicht erwartete Gestalt.<\/p>\n<p>Dass Gott nicht L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer und Wunschhansel der Menschen und ihrer W\u00fcnsche ist &#8211; das zu akzeptieren, sind wir in einer gewissen theologischen Abstraktion bereit. Aber wie schwer f\u00e4llt es uns, mit dem Satz &#8222;Was habe ich mit dir zu schaffen?&#8220; zurechtzukommen, wenn er praktisch wird, wenn wir das harte Nein Jesu in unerf\u00fcllt gebliebenen Gebeten erfahren m\u00fcssen. Die Naivit\u00e4t eines Gebets, das Gott vor den Karren unserer eigens\u00fcchtigen Absichten stellen will, geht hoffentlich daran verloren. Sie muss daran verloren gehen! &#8211; Aber was sollen wir machen mit solchen Erfahrungen der Vergeblichkeit unserer W\u00fcnsche und unserer Hoffnungen?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">III<\/p>\n<p>Wir lesen weiter: Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. (V. 5) &#8211; Das ist immer noch ein Wort der Hoffnung, &#8211; aber nicht einer Hoffnung, die eigens\u00fcchtig Hilfe erwartet, sondern die wei\u00df, dass sie langen Atem braucht und dass einstweilen nur der durchhaltende Glaube und der Gehorsam z\u00e4hlen. In diesem Glaubensgehorsam, der das Nein Jesu respektiert, geben wir uns nicht selbst auf &#8211; es handelt sich mithin um keinen &#8222;Kadavergehorsam&#8220; -, sondern wir sehen mit den Augen der Hoffnung hinaus auf &#8222;seine Stunde&#8220;. Das ist kein faules Gaffen, sondern allemal eine Zeit angef\u00fcllt mit der Arbeit im Gehorsam und der Disziplin im Glauben: Was er euch sagt, das tut, hei\u00dft es aus dem Mund der Mutter Maria. Haltet dar\u00fcber also keine geistreichen Reden und zermartert nicht euer Gehirn, sondern tut, was er sagt. Die Zeit bis zu seiner Stunde ist darum keineswegs einfach, weil sie oft die Zeit m\u00fchsamer Arbeit ist, auch Zeit des Nichtverstehens und des mit der Hoffnung k\u00e4mpfenden Zweifels. Ich soll wissen und lernen: meine Erwartungen m\u00fcssen warten. ich soll wissen und lernen: Ich kann nicht jederzeit alles verstehen, was mir in meinem Leben, im Leben anderer und in der Geschichte der Welt r\u00e4tselhaft ist. Und ich soll wissen und lernen: nicht jedes Problem &#8211; besonders nicht die in den Beziehungen zwischen Gott und Mensch (und Mensch und Mensch) &#8211; l\u00e4sst sich begreifen und so ( wie ich es will) l\u00f6sen. &#8211; Aber eben das Warten, das Wissen und Lernen sind nicht ziellos, sondern gerichtet auf die Offenbarung seiner Stunde. Sie wird kommen. Mir sollen die Lichter aufgehen. Ich soll nicht nur gehorchen und glauben, einmal werde ich auch verstehen, soll ich auch sehen. Ich werde die Erfahrung neuer, ungetr\u00fcbter Freude machen &#8211; einer Freude, in der ich, indem ich zu ihm komme, ganz zu mir selber komme. Aber eben: zu seiner Stunde!<\/p>\n<p>Wann ist diese Stunde? Und woran ist sie zu erkennen? Wir h\u00f6ren: Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkr\u00fcge f\u00fcr die Reinigung nach j\u00fcdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Ma\u00dfe. (V. 6) Sechs gewaltige steinerne Gef\u00e4\u00dfe stehen da, bestimmt f\u00fcr einen unheimlich gro\u00dfe Menge Wasser zur Reinigung nach dem Gesetz. Aber ich meine, das Wasser hat hier nicht die vordergr\u00fcndige Bedeutung des Mittels f\u00fcr einen religi\u00f6sen Reinigungsritus, sondern es ist wie der Wein Symbol &#8211; das Gegensymbol: Das Wasser ist in der Bibel das Element des Chaos, mit dem Gott in der Sch\u00f6pfung fertig wird. Wasser st\u00fcrzt vom Himmel, wird zur Sintflut und vernichtet das Leben. Durch das Wasser wird Israel gerettet, vor seinen Feinden, \u00fcber denen das Wasser zusammenst\u00fcrzt. Und vom herannahenden Tod hei\u00dft es im Psalm: &#8222;Das Wasser geht mir bis zur Kehle&#8220; (Ps. 69, 2). Das Wasser ist mithin Symbol tiefster Bedrohung. Es ist das Machtmittel des Todes.<\/p>\n<p>Und Jesus spricht zu den Dienern: F\u00fcllt die Wasserkr\u00fcge mit Wasser! Und sie f\u00fcllten sie bis obenan. (V: 7) &#8211; Wie soll man das noch begreifen? Anstatt das Wasser aussch\u00fctten zu lassen, dem Element des Todes den Garaus zu machen &#8211; oder die M\u00fchsalen der Bedrohung wenigstens zu lindern, indem man Liter f\u00fcr Liter, Tropfen f\u00fcr Tropfen absch\u00f6pft, l\u00e4sst Jesus bis obenan f\u00fcllen. Ist das die Stunde Jesu, dass das Wasser bis zum Rand steigt, das Element des Todes also alles ausf\u00fcllt, was es \u00fcberhaupt ausf\u00fcllen kann; &#8211; dass mithin der Tod bis zum \u00e4u\u00dfersten Gewalt bekommt? Ja, genau das ist nach der Meinung des Evangelisten Johannes das Kennzeichen der einzigartigen Stunde Jesu:<\/p>\n<p>Johannes 13: &#8222;Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater&#8220; (V. 1). Johannes 17: &#8222;&#8230;.und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche&#8220; (V. 1). Und zuletzt, da die Stunde Jesu am Karfreitag zuende geht, hei\u00dft es Johannes 19: &#8220; Danach, da Jesus wu\u00dfte, dass alles schon vollbracht war &#8230;. sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied&#8220; (V. 28 + 30). Die Schuld und Not aller Menschen bis an den Rand ihrer unm\u00e4\u00dfig gro\u00dfen Gef\u00e4\u00dfe gef\u00fcllt zu haben &#8211; das ist das Ereignis jener Stunde Jesu. In dieser Stunde fallen alle Bedrohung, alle Sorgen und Schmerzen, alle Angst, alles Gemeine und Widerw\u00e4rtige &#8211; m.e.W. fallen die S\u00fcnden der ganzen Welt auf diesen Einen. &#8222;Der S\u00fcnde Sold ist der Tod&#8220; (R\u00f6m. 6, 23), schreibt der Apostel Paulus. Diesen Tod ertr\u00e4gt und zahlt als Sold f\u00fcr die S\u00fcnden der ganzen Welt der Menschensohn. Und das ist die Stunde der Herrlichkeit des Sohnes Gottes: der Hohe &#8211; am Kreuz ganz niedrig, der Herr der Welt &#8211; ein Opfer der Spie\u00dfgesellen, der F\u00fcrst des Lebens &#8211; ein Toter im Grab des Joseph von Arimathia. &#8222;Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes voller Gnade und Wahrheit&#8220; (Joh. 1, 14). Das ist die Herrlichkeit der Stunde Jesu: die Gnade Gottes, durch die keiner von uns ertrinken muss im Meer seiner Schuld und Not. Und das ist die Wahrheit dieser Herrlichkeit: dieser eine Mensch nimmt das bis zum Rand gef\u00fcllte Ma\u00df unserer S\u00fcnde auf sich, um es uns nicht ertragen und b\u00fc\u00dfen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">IV<\/p>\n<p>Und er spricht zu ihnen: Sch\u00f6pft nun (V. 8). &#8211; und die Diener sch\u00f6pfen, und der Inhalt erweist sich als Wein, weit k\u00f6stlicher als jener erste, der anfangs die Freude des Lebens befl\u00fcgelte und der dann doch so schnell ausging. Der Wein Jesu ist besser und in solcher Menge da, dass die Feiernden ihn gar nicht werden ersch\u00f6pfen k\u00f6nnen. Wie sollten denn die Hochzeitsg\u00e4ste damals diese ungeheure Menge Wein ausgetrunken haben? Nein, sie sollten ihn gar nicht austrinken, denn &#8211; so hat schon der Kirchenvater Hieronymus gesagt- &#8222;wir trinken alle noch davon&#8220;. Jawohl, jede und jeder von uns lebt (ob er oder sie das wei\u00df oder nicht) urspr\u00fcnglich von diesem Wein, von der Verwandlung des Wassers der Bedrohung in den Wein der Freude Jesu, vom Sieg des Lebens \u00fcber S\u00fcnde und Tod. In der Tat: davon leben &#8211; nur davon k\u00f6nnen wir wirklich leben.<\/p>\n<p>Und so w\u00e4re diese Epiphaniasgeschichte vom Weinwunder zu Kana nur mi\u00dfverstanden, wollten wir an ihr das Mirakel einer Verwandlung bestaunen, die es vor Jahrhunderten mit zauberhaften Kr\u00e4ften geschafft hat, 480 bis 700 Liter H2O in eine entsprechende Menge Kerner-Beerenauslese (ohne Glykol &#8211; nat\u00fcrlich) zu verwandeln. Wem sollte das n\u00fctzen und Eindruck machen? Nein, die &#8222;Geschichte vom Weinwunder&#8220; behauptet etwas viel Gr\u00f6\u00dferes: Sie behauptet die Herrlichkeit Gottes \u00fcber die Sch\u00e4ndlichkeit des Menschen &#8211; eine Herrlichkeit, die sich so offenbart, dass sie das ganze \u00dcberma\u00df der S\u00fcnde nicht durch die Vernichtung des S\u00fcnders, sondern durch seine Rettung \u00fcberwindet. In Wahrheit ist diese Epiphaniasgeschichte darum heimlich schon eine Ostergeschichte. Sie beginnt ja auch mit den Worten: Und am dritten Tag &#8230;. Ja, das Fest f\u00fcr die Welt, das Fest des Lebens \u00fcber den Tod kommt &#8222;am dritten Tage&#8220; &#8211; es ist am dritten Tage gekommen &#8211; und es wird kommen, unaufhaltsam.<\/p>\n<p>Und diese wunderbare Erz\u00e4hlung schlie\u00dft mit den Worten: Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galil\u00e4a, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine J\u00fcnger glaubten an ihn. Mit diesen Worten wendet sich der Erz\u00e4hler indirekt an uns, um uns einzuladen mit der Frage: ob wir nicht den Wein unser Rettung sch\u00f6pfen wollen und uns das Unma\u00df der Freude gefallen lassen, indem wir glauben. Glaube beginnt damit, dass wir allem Augenschein und allem, was dagegen spricht, zum Trotz der Stunde Jesu mehr zutrauen als den misstrauischen Stimmen in und um uns. In solchem Glauben, der sich den gekreuzigten Sieger \u00fcber den Tod nicht ausreden l\u00e4sst als den wahren Herrn der Welt, werden wir erfahren, dass die Wahrheit dieser Epiphaniasgeschichte nicht nur bezeugt wird durch den Satz &gt;&gt;geschehen in Kana in Galil\u00e4a&lt;&lt;, sondern dass dei Verwandlung des Wassers unserer Schuld und Traurigkeit in den Wein der Freude und der Zuversicht ein Ereignis dieses Tages sein kann, so dass es hei\u00dfen mag:&gt;&gt; geschehen heute und hier&lt;&lt;. Dies kann und soll sich ereignen, weil der Sohn Gottes, der Menschensohn jedem von uns durch das Zeugnis des Johannesevangeliums verspricht:<\/p>\n<p>Habe ich dir nicht gesagt, wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes <b>sehen<\/b> ! (Joh. 11, 40) &#8211; Amen.<\/p>\n<p>Gib meinem Glauben Klarheit,<br \/>\nzu sehn, Herr Jesu Christ,<br \/>\ndass du Weg, Leben, Wahrheit,<br \/>\ndass du mir alles bist;<br \/>\ndie finstern Wolken teile<br \/>\nder bangen Zweifel, heile<br \/>\ndes Glaubens d\u00fcrre Hand.<\/p>\n<p>(Friedrich Adolf. Lampe, EKG RhWL 424, 3 &#8211; Das wunderbare Osterlied &#8222;Mein Fels hat \u00fcberwunden&#8220; des gro\u00dfen Reformierten Friedrich Adolf Lampe, aus dem hier der Vers 4 zitiert ist, steht leider nicht mehr im neuen EG, jedenfalls nicht in der ostdeutschen oder in der Rheinisch-Westf\u00e4lisch-Lippischen-Reformierten Ausgabe.)<\/p>\n<hr \/>\n<p><a name=\"kurz\"><\/a>K\u00dcRZERE PREDIGT<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">I<\/p>\n<p>Die erste Wassergeschichte im Neuen Testament ist die Erz\u00e4hlung von der Hochzeit zu Kana. Wenn man das Johannesevangelium als einen Kommentar in, mit und unter den anderen Evangelien begreift, stimmt das auch in formaler Hinsicht. Es stimmt aber vor allem in inhaltlicher Hinsicht: &#8222;Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat &#8230; und er offenbarte damit seine Herrlichkeit&#8220;, hei\u00dft es am Ende der Erz\u00e4hlung. Von keinem anderen Wunder wird etwas mit \u00e4hnlichem Gewicht gesagt.<\/p>\n<p>Nun wird aber hier im Blick auf das Symbol &#8222;Wasser&#8220; berichtet, dass Jesus &#8222;zu Kana&#8220; das Wasser von sechs steinernen Kr\u00fcgen in Wein verwandelt hat. Die angegebenen Ma\u00dfe der Kr\u00fcge (je 80 bis 120 Liter) bedeuten, dass es sich um 480 bis 700 Liter Wein gehandelt haben muss. Das fand einmal ein treues westf\u00e4lisches Gemeindeglied durchaus nicht beeindruckend, sondern eher irritierend, als er im sch\u00f6nsten Sprachklang der dortigen Mundart sagte: &#8222;Ach, Herr Pastor, das ist mir doch eine richtige Anfechtung, dass der Herr Jesus in Kana die Trunksucht der Menschen so sehr gef\u00f6rdert hat.&#8220;<\/p>\n<p>In der Tat, was f\u00fcr ein sonderbarer Umgang mit dem Element des Wassers: Jesus verschafft damit einer Hochzeitsgesellschaft in ihrer fr\u00f6hlich feuchten Stimmung ein solches Unma\u00df an Wein, dass sie bald h\u00e4tten darin schwimmen k\u00f6nnen. Und doch wird gerade dieses Wunder vom Evangelisten Johannes so besonders herausgestellt: &#8222;&#8230; und er offenbarte (damit) seine Herrlichkeit&#8220;. Nichts weniger als seine Herrlichkeit- &#8222;eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit&#8220; (Johannes 1, 14b) wird hier offenbar, d. h. augenscheinlich und sichtbar. Wie denn?<\/p>\n<p>&#8222;Und &#8230; (es) war eine Hochzeit in Kana in Galil\u00e4a&#8220;. So einfach beginnt das Wasserwunder: mit etwas Allt\u00e4glichem an einem Ort, der sonst so unbedeutend war, dass ihn heute keiner mehr ausmachen kann. Wir sollen ihn auch nicht ausmachen, weil Kana irgendwo ist. Hier geschieht, was tausendfach jede Woche an vielen Orten &#8222;irgendwo&#8220; geschieht. Zwei Menschen, deren Namen nicht einmal genannt werden, heiraten. F\u00fcr viele ist dieser Tag ein H\u00f6hepunkt des Lebens. Sie sagen: . Alles, was der Mensch f\u00fcr sich an Gl\u00fcck erhofft und an Lebensfreude erwartet, sei in diesem Ereignis geb\u00fcndelt wie Lichtstrahlen in einem Brennglas. Darum leben viele Menschen im Traum dieses Tages: in der Erwartung oder der Erinnerung. Die Hochzeit ist biblisch gesehen das Urbild der Freude am Leben, seines Gl\u00fcckes und seiner Sehnsucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">II<\/p>\n<p>Aber nun hat die Hochzeitserz\u00e4hlung sofort einen anderen Ton: &#8222;Und als der Wein ausging&#8220;, hei\u00dft es. Martin Luther hat urspr\u00fcnglich noch bildkr\u00e4ftiger \u00fcbersetzt: &#8222;Und da es an Wein gebrach.&#8220; Auf den ersten Blick erscheint uns das Ausgehen des Weins bei einer Hochzeit unseres Leben allenfalls als ein peinliches Vorkommnis f\u00fcr den Gastgeber aber nicht als eine Katastrophe, die h\u00f6heres Eingreifen erforderlich macht. Aber der Mangel an Wein meint bei Johannes doch etwas tief Eingreifendes: ein Bild, das scharf eine elementare menschliche Situation einf\u00e4ngt. Der Wein ist ein Symbol der Freude, das Bild der Lebensfreude: &#8222;&#8230;dass der Wein erfreue des Menschen Herz&#8220;, hei\u00dft es etwa beim Psalmisten (Psalm 104,15). Der Prediger Salomo ruft trotz der Eitelkeit des Lebens auf zur Freude mit den Worten: &#8222;Geh hin und i\u00df dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut, denn dies dein Tun hat Gott schon l\u00e4ngst gefallen&#8220; (Prediger 9,7). Und nun eben geht auf dem H\u00f6hepunkt der Hochzeit zu Kana der Wein aus: die Freude versiegt, das Fest erstirbt, Ern\u00fcchterung greift um sich, die Einladung hat nicht gehalten, was sie versprochen hat.<\/p>\n<p>Das ist leicht zu verstehen, wenn wir an unsere eigenen Erfahrungen mit der Freude denken: dass sie keine Dauer hat, dass sie bald der Ern\u00fcchterung Platz machen muss, dass sie nicht standh\u00e4lt, wenn Bedrohliches auf uns zukommt oder wenn wir die ungez\u00e4hlten politischen Probleme unserer Generation an uns heranlassen. K\u00f6nnen wir uns dann \u00fcberhaupt noch unbefangen freuen, wenn wir auch nur einigerma\u00dfen bewu\u00dft in unserer Zeit leben und die Schatten der Bedrohung des Friedens, des Hungers, der politischen Unterdr\u00fcckung, der Arbeitslosigkeit und Armut oder der Zerst\u00f6rung unserer Mitwelt nicht einfach aus unserem Kopf ausblenden?<\/p>\n<p>Und l\u00e4sst sich der Verlust unbefangener und ungetr\u00fcbter Freude nicht auch im Blick auf die vielen wichtigen Formen der pers\u00f6nlichen Lebensfreude nachvollziehen: Die Freude am geliebten Menschen etwa muss begreifen, dass der Zustand der Verliebtheit (der sogenannte &#8222;Honey moon&#8220;) sich nicht konservieren l\u00e4sst und wir alle f\u00fcreinander nur f\u00fcr eine begrenzte Zeit gegeben sind. Was f\u00fcr eine Last k\u00f6nnen Alter und Krankheit f\u00fcr eine menschliche Beziehung bedeuten. Wie sehr werden unsere Liebe und Treue dabei herausgefordert. Und auch die Freude am urspr\u00fcnglich einmal gern erw\u00e4hlten Beruf wird bedroht vom erdr\u00fcckenden Anblick all der ungel\u00f6sten Probleme. Und schlie\u00dflich: Die Freude am Leben &#8211; die Urfreude schlechthin &#8211; sackt in sich zusammen, sobald sie sich bewu\u00dft wird, wie sehr ein jeder unausweichlich vom Tod umfangen ist. Das ist schwer zu ertragen. Denn eigentlich erwarten wir von der Freude, dass sie bleibt und von Dauer ist. Eine Freude, die von ihrem Ende her \u00fcberschattet wird, hat etwas Fahles. Sie ist schon keine Freude mehr, sondern dem Leiden viel n\u00e4her. &#8222;Und da es an Wein gebrach &#8230;&#8220; &#8211; der kleine Satz sammelt unsere gebrochenen Erfahrungen mit der Freude, mit den Hoch-Zeiten des Lebens, die in ihrer H\u00f6he zugleich die k\u00fcnftige Tiefe signalisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">III<\/p>\n<p>In der Geschichte vom Weinwunder zu Kana geschieht nun in jener besonderen Stunde &#8211; &#8222;meine Stunde&#8220; sagt Jesus &#8211; die Verwandlung einer Unmenge von Wasser in den Wein der Freude. Das ist zu begreifen, wenn hier &#8222;das Wasser&#8220; nicht nur verstanden wird als Mittel zur Reinigung nach dem j\u00fcdischen Gesetz, sondern als Gegensymbol zum Wein: als Element des Chaos, mit dem Gott in der Sch\u00f6pfung fertig wird, als Bedrohung und Gefahr aus dem Himmel, das zur Sintflut werden kann und das Leben vernichtet. Zu erinnern ist auch, dass Israel durch das Wasser hindurch gerettet wird vor seinen Feinden, \u00fcber denen das Wasser zusammenst\u00fcrzt. Vom herannahenden Tod hei\u00dft es im Psalm: &#8222;Das Wasser geht mir bis zur Kehle&#8220; (Psalm 69,2). Das Wasser ist mithin Symbol tiefster Bedrohung. Es ist das Machtmittel des Todes. Auch das wird zu bedenken sein, wenn die Symboldidaktik sich besonders der vielf\u00e4ltigen lebensspendenden und -erhaltenden Funktion des Wassers erfreut.<\/p>\n<p>Und so spricht der Evangelist Johannes hier in der Geschichte eines unvorstellbaren Wunders vom tiefsten Geheimnis des Evangeliums. Ist der Wein das Symbol der Freude und des Lebens, so ist das Wasser das Gegensymbol: Bild des Todes und der Vernichtung. Nichts Geringeres erz\u00e4hlt und behauptet diese Geschichte als die Verwandlung des ganzen Ausma\u00dfes an Leid, Tod, Vernichtung und Schuld in den Wein des Lebens. Das ist die Herrlichkeit, die wir in dieser Symbolgeschichte zu sehen bekommen. Aber wo ist sie zu sehen? Wann ist die Stunde dieses Wunders?<\/p>\n<p>Der Evangelist Johannes spricht davon in Kapitel 13 seines Evangeliums: &#8222;Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater&#8220; (V. 1). Und in Johannes 17 hei\u00dft es: &#8220; &#8230;.. und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche&#8220; (V. 1). Zuletzt, da die Stunde Jesu am Karfreitag zu Ende geht, ist in Johannes 19 zu h\u00f6ren: &#8222;Danach, da Jesus wu\u00dfte, dass alles schon vollbracht war, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied&#8220; (V. 28+30). Der Ort dieser Stunde ist der H\u00fcgel Golgatha. Die Schuld und Not aller Menschen bis an den Rand ihrer unm\u00e4\u00dfig gro\u00dfen Gef\u00e4\u00dfe gef\u00fcllt zu haben &#8211; das ist das Ereignis jener Stunde Jesu. In dieser Stunde und an jenem Ort fallen alle Bedrohung, alle Sorgen und Schmerzen, alle Angst, alles Gemeine und Widerw\u00e4rtige &#8211; fallen die S\u00fcnden der ganzen Welt auf diesen Einen.<\/p>\n<p>&#8222;Der S\u00fcnde Sold ist der Tod&#8220; (R\u00f6mer 6,23), schreibt der Apostel Paulus. Diesen Tod ertr\u00e4gt und zahlt als Sold f\u00fcr die S\u00fcnden der ganzen Welt der Menschensohn. Das ist die Stunde der Herrlichkeit des Sohnes Gottes: der Hohe &#8211; am Kreuz ganz niedrig; der Herr der Welt &#8211; ein Opfer der Spie\u00dfgesellen; der F\u00fcrst des Lebens &#8211; ein Toter im Grab des Josef von Arimat\u00e4a. &#8222;Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes voller Gnade und Wahrheit&#8220; (Johannes 1, 14). Das ist die Herrlichkeit des Ortes und der Stunde Jesu: die Gnade Gottes, durch die keiner von uns ertrinken muss im Meer seiner Schuld und Not, in den Abgr\u00fcnden der Tiefe des Lebens.<\/p>\n<p>Und das ist die Wahrheit dieser Herrlichkeit: Dieser eine Mensch nimmt das bis zum Rand gef\u00fcllte Ma\u00df unserer S\u00fcnde auf sich, um es uns nicht ertragen und b\u00fc\u00dfen zu lassen. Er geht selber am Kreuz in die tiefste Tiefe, in die menschliches Leben f\u00e4llt: in den Tod.<\/p>\n<p>Martin Luther hat in seiner Auslegung des Galaterbriefes das Geheimnis des Wasser-Wein-Wunders in den weitreichendsten Ausdruck gebracht: &#8222;Die ganze Welt ist gereinigt und erl\u00f6st von allen S\u00fcnden, also auch befreit vom Tod und allen \u00dcbeln &#8230; Deshalb sind die S\u00fcnden in Wahrheit nicht dort, wo sie anschaulich sind und empfunden werden. Denn &#8230; es ist keine S\u00fcnde, kein Tod, kein Fluch mehr in der Welt, sondern in Christus, der das Lamm Gottes ist, das die S\u00fcnden der Welt tr\u00e4gt &#8230; Dagegen sind nach der Philosophie und der Vernunft S\u00fcnde, Tod etc. nirgendwo als in der Welt, im Fleisch, in den S\u00fcnden &#8230; Die wahre Theologie aber lehrt, dass keine S\u00fcnde mehr in der Welt ist, weil Christus, auf den der Vater die S\u00fcnden der ganzen Welt geworfen hat, sie an seinem Leibe \u00fcberwunden, zerst\u00f6rt und get\u00f6tet hat&#8220; (WA 40\/1, 445, 19ff .).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">IV<\/p>\n<p>Die wahre Theologie? Das ist die Theologie der ersten Wassergeschichte des Neuen Testaments: &#8222;Und er spricht zu ihnen: Sch\u00f6pft nun&#8220;, &#8211; und die Diener sch\u00f6pfen, und der Inhalt erweist sich als Wein, weit k\u00f6stlicher als jener erste, der anfangs die Freude des Lebens befl\u00fcgelte und der dann doch so schnell ausging. Der Wein Jesu ist besser und in solcher Menge da, dass die Feiernden ihn gar nicht werden ersch\u00f6pfen k\u00f6nnen. Wie sollten denn die Hochzeitsg\u00e4ste damals diese ungeheure Menge Wein ausgetrunken haben? Nein, sie sollten ihn gar nicht austrinken, denn &#8211; so hat schon der Kirchenvater Hieronymus gesagt &#8211; &#8222;wir trinken alle noch davon&#8220;.<\/p>\n<p>So w\u00e4re diese Wassergeschichte zu Kana nur mi\u00dfverstanden, wollten wir an ihr das Mirakel einer Verwandlung bestaunen, die es vor Jahrhunderten mit zauberhaften Kr\u00e4ften geschafft hat, 480 bis 700 Liter H20 in eine entsprechende Menge Kerner Beerenauslese (ohne Glykol &#8211; nat\u00fcrlich) zu verwandeln. Wem sollte das n\u00fctzen? Nein, diese Wassergeschichte behauptet etwas Gr\u00f6\u00dferes: Sie behauptet die Herrlichkeit Gottes \u00fcber die Sch\u00e4ndlichkeit des Menschen &#8211; eine Herrlichkeit, die sich offenbart, dass sie das ganze \u00dcberma\u00df der S\u00fcnde nicht durch die Vernichtung des S\u00fcnders, sondern durch seine Rettung \u00fcberwindet.<\/p>\n<p>In Wahrheit ist diese Geschichte darum schon eine Ostergeschichte. Sie beginnt ja auch mit den Worten: &#8222;Und am dritten Tag &#8230;&#8220;. In der Kraft dieses Tages kommt das Wunder als Wirklichkeit und Verhei\u00dfung in unsere H\u00e4nde. Werden wir es begreifen?<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Generalsuperintendent Dr. Rolf Wischnath<br \/>\nSeminarstra\u00dfe 38<br \/>\n03044 Cottbus<br \/>\nTelefon 0355 &#8211; 23369<br \/>\nTelefax 0355 &#8211; 702145<br \/>\n<a href=\"mailto:generalsuperintendent.cottbus@t-online.de\">generalsuperintendent.cottbus@t-online.de<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. 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