{"id":9333,"date":"2003-01-07T19:49:51","date_gmt":"2003-01-07T18:49:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9333"},"modified":"2025-04-25T15:44:00","modified_gmt":"2025-04-25T13:44:00","slug":"matthaeus-85-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-85-13\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 8,5-13"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">3<\/span><span style=\"color: #000099;\">. Sonntag nach Epiphanias | 26. Januar 2003 | Matth\u00e4us 8,5-13 | Peter Maser |<\/span><\/b><\/h3>\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde!<br \/>\nLiebe Schwestern und Br\u00fcder!<\/p>\n<p>Die Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum, die uns heute als Predigttext gegeben ist, kennen die meisten von uns ja wahrscheinlich noch so einigerma\u00dfen. Auch ich glaubte zun\u00e4chst, mich dabei auf vertrautem Terrain zu bewegen. Aber diese Geschichte hat es so in sich, da\u00df es sich wirklich lohnt, ihr wieder sehr genau zuzuh\u00f6ren. Was da zuerst als wohlbekannte Wundergeschichte einher kommt, endet schlie\u00dflich in einer furchtbaren Verst\u00f6rung. Wir stehen da auch heute nicht besser da als diejenigen, die damals Augen- und Ohrenzeugen in Kapernaum wurden.<\/p>\n<p>Da gab es in Kapernaum einen r\u00f6mischen Offizier, bestenfalls ein mittlerer Dienstrang, der offensichtlich kein Leuteschinder war, sondern sich um seine Soldaten k\u00fcmmerte. Dieser Offizier hatte einen altgedienten Feldwebel, der war wahrscheinlich einmal so eine richtige Mutter der Kompanie, bis ihn die Gicht krummzog und mit unabl\u00e4ssigen Schmerzen peinigte. Die \u00c4rzte in Kapernaum wu\u00dften nicht zu helfen: Gicht geh\u00f6rt f\u00fcr Menschen, die oft im Freien biwakieren m\u00fcssen, eben zum Berufsrisiko. Der Offizier aber wollte sich mit solcher Auskunft nicht zufrieden geben und dachte dar\u00fcber nach, ob es nicht doch eine Hilfe f\u00fcr den Invaliden geben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Nun h\u00f6rte der Offizier, da\u00df auf einem Berg ganz in der N\u00e4he von Kapernaum, von dem man bis heute einen herrlichen Ausblick auf den Kinnereth genie\u00dft, ein wunderlicher Heiliger eine m\u00e4chtige Predigt gehalten hatte. Die Leute, die abends in die Stadt zur\u00fcckkamen, wu\u00dften manches davon zu erz\u00e4hlen. Auch der Offizier h\u00f6rte davon. Dieser Jesus soll doch tats\u00e4chlich gesagt haben: &#8222;Bittet, so wird euch gegeben werden.&#8220;<\/p>\n<p>Milit\u00e4rs sind in der Regel tatkr\u00e4ftige Pers\u00f6nlichkeiten. Das galt wohl auch unseren Hauptmann. Als Jesus in die Stadt kam, stellte der Offizier sich Jesus in den Weg und bat ihn, indem er ihn respektvoll mit &#8222;Herr&#8220; anredete, um Hilfe &#8211; und tats\u00e4chlich: Der wunderliche Heilige sagt einen Hausbesuch zu.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieses kurzen Wortwechsels mu\u00df der Offizier aber ganz pl\u00f6tzlich etwas begriffen haben: Dieser Jesus geh\u00f6rt nicht zu jenen mehr oder weniger fragw\u00fcrdigen Wunderheilern, die die Jahrm\u00e4rkte unsicher machen und vor allem den wundergl\u00e4ubigen alten Weibern das Geld aus der Tasche ziehen. Dieser Jesus ist anders! Da kann auch ein Offizier nicht mithalten. Hier braucht es keinen Hausbesuch, sondern nur ein Wort, und der alte Feldwebel ist wieder wie neu.<\/p>\n<p>Aber wie das diesem Jesus klarmachen? Man ist in der Offizierunterkunft doch gar nicht eingerichtet auf den Besuch einer solchen Pers\u00f6nlichkeit. Und deshalb wehrt der Hauptmann mit Worten ab, die zu den wohl meistzitierten Worten auf dieser Erde geh\u00f6ren. In jeder Me\u00dffeier antworten unsere katholischen Geschwister ja auf die Einladung zum Empfang der Kommunion fast wortw\u00f6rtlich mit den Worten des Offiziers in Kapernaum: &#8222;Herr, ich bin nicht wert, da\u00df du unter mein Dach gehest; sondern sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.&#8220;<\/p>\n<p>Ein Offizier denkt, wie sollte es auch anders sein, in milit\u00e4rischen Strukturen. Es mu\u00df nur von dem richtigen Dienstgrad der richtige Befehl gegeben werden, dann funktioniert das auch, ohne das ein Vorgesetzter sich pers\u00f6nlich um die Befehlsausf\u00fchrung k\u00fcmmert. Genau so kann es doch Jesus machen, damit ist doch alles getan.<\/p>\n<p>Das war gewi\u00df ein Denken, mit dem Jesus nicht sehr oft konfrontiert wurde. Kaiser Wilhelm II. a.D., der gerne predigte, kommentierte diese Haltung des Hauptmanns von Kapernaum in einer Predigt am 16. M\u00e4rz 1930 zum Ged\u00e4chtnistag f\u00fcr die Weltkriegstoten in der f\u00fcr ihn typischen abgehackten Sprechweise: &#8222;Der Vorgang in Kapernaum zeigt den Soldaten in vorbildlicher Beziehung zum Herrn.&#8220; Das mag uns heute eher komisch ber\u00fchren, aber vielleicht hatte Wilhelm II. damit doch immerhin eines sehr genau begriffen: Der Hauptmann reagiert, so wie es ihm zur zweiten Natur geworden ist. Und Jesus nimmt sein Gegen\u00fcber ernst. Er sp\u00fcrt das Vertrauen, das ihm hier entgegengebracht wird. Der Offizier, der gegen\u00fcber der schweren Krankheit seines alten Kameraden die eigene Machtlosigkeit erkennen mu\u00dfte (Gicht l\u00e4\u00dft sich nun einmal nicht durch ein milit\u00e4risches Kommando heilen!), der traut Jesus genau das zu: Sein Befehl wird Heilung bewirken. So einfach ist das f\u00fcr ihn &#8211; nur auf einer ganz anderen Ebene.<\/p>\n<p>An dieser Stelle wendet sich Jesus zu seinen J\u00fcngern und den Menschen, die ihm nachgelaufen sind. Der naive Glauben, den ihm da ein Nichtjude, ein r\u00f6mischer Besatzungsoffizier, entgegenbringt, veranla\u00dft ihn zu einer Kurzpredigt, die weit \u00fcber den gegebenen Anla\u00df hinaus reicht. Sie trifft nicht nur die Juden, die damals Jesus zuh\u00f6rten. Diese Predigt Jesu zielt \u00fcber die Zeiten und den damaligen Anla\u00df hinweg genau auch auf uns. Verstecken wir uns also heute nicht hinter einer Er\u00f6rterung dar\u00fcber, was die Worte Jesu seinen j\u00fcdischen H\u00f6rern sagten. Stellen wir uns vielmehr mitten hinein in die Gruppe von Menschen, die die Bitte des Hauptmanns von Kapernaum geh\u00f6rt haben und nun von Jesus angesprochen werden.<\/p>\n<p>Als erstes stellt Jesus fest: &#8222;Solchen Glauben&#8220; habe ich in Israel nicht gefunden. Was kann das hei\u00dfen? Wir wissen doch um den Schatz der Fr\u00f6mmigkeit und die gl\u00fchende Hoffnung auf das zuk\u00fcnftige Heil, die Israel geschenkt worden ist. Wir wissen doch von den zahllosen M\u00e4rtyrern, die mit dem gro\u00dfen Bekenntnis der Einzigartigkeit Gottes zur Heiligung seines Namens auf den Lippen gestorben sind. Wir wissen doch von der F\u00fclle des Glaubens, die der Allm\u00e4chtige seiner Kirche geschenkt hat. Wovon redet denn die Kirchengeschichte, wenn nicht letztlich immer davon? Und dann diese Feststellung Jesu! Was macht den Glauben des Hauptmanns in Kapernaum so unvergleichlich? Ich glaube, es ist die Naivit\u00e4t dieses Glaubens, die Jesus hier so hoch preist. Dieser r\u00f6mische Hauptmann wei\u00df nichts von den Verhei\u00dfungen Gottes an sein Volk, er wei\u00df nichts von Geschichte Gottes mit seinem Volk, er kennt keines der gro\u00dfen Gebete, die die Psalmdichter ihr Volk gelehrt haben, er wei\u00df nichts von der gro\u00dfen endzeitlichen Hoffnung. Nein, das alles fehlt. Der Hauptmann hat nur das Wort &#8222;Bittet, so wird euch gegeben&#8220; geh\u00f6rt und darauf vertraut er &#8211; ohne allen Religionsunterricht, ohne alle Theologie, ohne alle kirchliche Sozialisation. Aber &#8211; erf\u00fcllt von einem ganz gro\u00dfen Vertrauen &#8211; stellt er sich Jesus in den Weg, tr\u00e4gt seine ganz praktische Bitte vor und ist sich merkw\u00fcrdig sicher, das wird nun auch geschehen. Vielleicht beginnen wir zu ahnen, weshalb Jesus diesen &#8222;hohen und gro\u00dfen Glauben in dem Hauptmann&#8220;, so hat es Luther ausgedr\u00fcckt, so sehr preist. Hier wird Glauben als ein Geschenk entgegengenommen und sogleich ganz praktisch umgesetzt. Ich wei\u00df, die Juden werden damals \u00fcber diesen Hauptmann den Kopf gesch\u00fcttelt haben. Und auch wir tun uns schwer damit, so wie wir da unter denen stehen, die Jesus nachgelaufen sind. Wir Frommen haben es zu allen Zeiten ja immer schwer damit, wenn das, um das wir uns doch sehr heftig m\u00fchen, auch einmal ganz klar als das vor uns aufscheint, was es wirklich ist: Der Glaube als ein Geschenk &#8211; so einfach und doch so wunderbar!<\/p>\n<p>Jesus aber bel\u00e4\u00dft es nicht bei diesem Lobpreis eines naiven Glaubens. Sein Blick wendet sich denen zu, die sich ihres Glaubens doch immerhin einigerma\u00dfen sicher sind und auch einiges daf\u00fcr tun. Und er spricht das erschreckende Wort aus: &#8222;Viele, sehr viele von \u00fcberallher werden mit den Erzv\u00e4tern dereinst im Himmel vereint sein, aber die Kinder des Reichs werden ausgesto\u00dfen sein in die Finsternis.&#8220; Das trifft auch uns, die wir heute zu diesem Akademischen Gottesdienst versammelt sind. Nat\u00fcrlich f\u00fchlen wir uns als &#8222;Kinder des Reiches&#8220; und die Theologen unter uns wahrscheinlich in ganz besonderem Ma\u00dfe. Was tun wir nicht alles, um des Reiches willen! Wir arbeiten in der Studentengemeinde mit, singen in der Kantorei, engagieren uns in der Evangelischen Frauenarbeit, betreuen Kranke und Alte, bilden uns im Evangelischen Forum und wirken in Evangelischen Akademien mit. Manche von uns schreiben sogar dicke B\u00fccher oder d\u00fcnne Aufs\u00e4tze, in denen es zuletzt doch immer um das Reich Gottes geht. Und das alles soll uns nicht wenigsten f\u00fcr einen der unteren Pl\u00e4tze am Tisch der Herrlichkeit qualifizieren? M\u00f6glicherweise werden es die ganz Anderen sein, die zum Freudenmahl gebeten werden? M\u00f6glicherweise haben die, die wir als Sp\u00f6tter, als Verzweifelte, als Uninteressierte oder sogar als Gegner einstufen, die viel besseren Chancen. Haben die Kinder der Welt m\u00f6glicherweise einen besseren Stand als die Kinder des Reiches? Luther hat in seiner Auslegung dieses Textes davon gesprochen habe, da\u00df Gott geradezu Lust daran habe, diejenigen, die satt sind, hungern zu lassen, wiederum aber die Hungrigen zu s\u00e4ttigen. Das ist der Geist des Magnifikat: Die gro\u00dfe Gefahr ist die Sattheit, die gro\u00dfe Chance ist die Demut. Glaube als ein Geschenk &#8211; das m\u00fcssen wir wohl auch als die Frommen und Theologen immer wieder zu buchstabieren lernen. Es geht um Dankbarkeit f\u00fcr die kleine Sicherheit, es geht um das Wissen von unserer gro\u00dfen Unsicherheit und es geht um die gro\u00dfe, ja die naive Zuversicht, da\u00df das Wenige, das uns geschenkt wird, dann auch ausreichen wird, um mit den V\u00e4tern des Glaubens die F\u00fclle der Herrlichkeit zu schauen.<\/p>\n<p>Der Hauptmann von Kapernaum wird von Jesus mit dem Wort &#8222;Dir geschehe, wie du geglaubt hast&#8220; entlassen. Der Hauptmann konnte das als gro\u00dfe Best\u00e4tigung seines Glaubens h\u00f6ren: &#8222;Sein Unteroffizier ward gesund zu derselben Stunde.&#8220; Ich aber h\u00f6re dieses Wort mit einem gewissen Gef\u00fchl der Sorge, denn dieses Wort l\u00e4\u00dft sich ja auch umdrehen, sobald wir es auf uns selber anwenden. Ernst Wiechert hat in seiner Erz\u00e4hlung von 1928\/29 \u00fcber den Hauptmann von Kapernaum von der &#8222;furchtbaren Last dieses Wortes&#8220; gesprochen. Es bedeutet ja genau genommen: So, wie du glaubst, so wirst du es erfahren. Es h\u00e4ngt von deinem Glauben ab! Und dann sieht es wohl schlimm aus um uns, denen doch alle Naivit\u00e4t in Glaubensdingen so weit abhanden gekommen ist. Wenn diese Mechanik tats\u00e4chlich funktioniert, dann wird mir angst und bange. Aber so funktioniert es &#8211; Gott sei Dank &#8211; eben doch nicht. Martin Luther hat in seiner Auslegung unseres Predigttextes ein wenig tiefer gegraben, wenn er erl\u00e4utert: &#8222;Also lehrt dies Evangelium [&#8230;] sehr fein vom Glauben, was f\u00fcr eine Art er sei, wie er sich an das Wort halte, auf die Gnade Gottes in aller Demut harre. Wer solches tut, dem wird es gelingen, wie [&#8230;] diesem feinen Hauptmann, da\u00df ihm geschehen wird, wie er glaubt; das ist, gleichwie er allein Gottes G\u00fcte und Gnade im Herzen hat, derselben begehrt und sich darauf verl\u00e4\u00dft: also will Gott allein nach Gnaden mit ihm handeln, ihn annehmen und ihm helfen.&#8220; Und deshalb darf ich diese Predigt mit den Worten beschlie\u00dfen, mit denen einst Martin Luther die seinige beendete: &#8222;Gott verleihe uns seinen Heiligen Geist, der solche Zuversicht auf die Gnade durch Christum in unsere Herzen auch erwecken und also uns zur Seligkeit f\u00fchren wolle, Amen.&#8220;<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Prof. Dr. Peter Maser<br \/>\nDirektor des Ostkirchen-Instituts der WWU M\u00fcnster<br \/>\nvon-Siemens-Stra\u00dfe 3B, D-48291 Telgte<br \/>\nTel.: 02504\/5399 Fax: 02504\/3388<br \/>\n<a href=\"mailto:Peter.Maser@t-online.de\">Peter.Maser@t-online.de<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. 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