{"id":9337,"date":"2003-01-07T19:49:52","date_gmt":"2003-01-07T18:49:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9337"},"modified":"2025-04-25T15:51:00","modified_gmt":"2025-04-25T13:51:00","slug":"roemer-7-14-25","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-7-14-25\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 7, 14-25"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">Bibelsonntag | 26. Januar 2003 | R\u00f6mer 7, 14-25 | Ulrich Nembach |<\/span><\/b><\/h3>\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>heute ist Bibelsonntag. Das gerade begonnene Jahr ist zum Jahr der Bibel ausgerufen worden. Die Bibel ist in und soll in werden, wo sie es noch nicht ist. Auf unseren Kanzeln ist sie in. Texte der Bibel werden gepredigt. Warum tun wir das? Um was geht es im Kern in der Bibel? Der f\u00fcr den heutigen Sonntag vorgeschlagene Text zum Bibelsonntag steht R\u00f6m.7,14-25. Der Text ist schwierig. Darum habe ich ihn vervielf\u00e4ltigt, so dass Sie mitlesen k\u00f6nnen, wenn ich ihn nun verlese.<\/p>\n<p align=\"center\">I.<\/p>\n<p>In unserer Lutherbibel sind die Verse 18b, 19, 24 und 25 fett gedruckt. Diese Hervorhebung markiert den Kern, das Zentrum der Aussage des ganzen Textes: Ich will das Gute, aber ich schaffe es einfach nicht, es auch zu tun.<\/p>\n<p>Nicht wenige Menschen machen diese Erfahrung. Wie viele Partnerschaften drohen daran zu zerbrechen, dass eine andere Frau, ein anderer Mann pl\u00f6tzlich sch\u00f6ner, netter erscheint. Nachher \u00e4rgern sich nicht wenige. \u201eDas habe ich nicht gewollt!\u201c denken sie dann und oft sagen sie es auch. Sie sagen es traurig, \u00e4rgerlich, manche sagen es auch verzweifelt. Sie klagen der besten Freundin, dem guten Freund, ihren \u00c4rger, ihre Verzweiflung. Den Freunden bleibt dann meistens nicht viel mehr, als tr\u00f6sten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Warum ist das so? Haben wir uns nicht genug angestrengt? Eine andere Antwort gibt ein alter Film. Fritz Lang drehte ihn 1931.<\/p>\n<p>Es ist ein Krimi. Prominente Schauspieler spielten mit, u.a. Gustav Gr\u00fcndgens. Der Krimi ist spannend. Er l\u00e4uft immer wieder einmal im Fernsehen. Der Titel des Films hei\u00dft: \u201eM, eine Stadt sucht ihren M\u00f6rder\u201c. Um was geht es in dem Film? Kinder werden in Berlin ermordet. Die Polizei arbeitet fieberhaft. Sie sucht \u00fcberall. Die Berliner Unterwelt ger\u00e4t in Aufregung, weil die Polizei auf der Suche nach dem M\u00f6rder, in der Angst, er k\u00f6nnte wieder zuschlagen, das gewohnte Leben durcheinender bringt. Die Unterwelt kann nicht mehr in Ruhe ihren Gesch\u00e4ften nachgehen. Die Gangster tun sich zusammen und beschlie\u00dfen, den M\u00f6rder zu suchen. Sie wollen der Polizei helfen, damit wieder Ruhe einkehrt. Sie finden tats\u00e4chlich den M\u00f6rder. Was tun sie? Ihn der Polizei \u00fcbergeben? Nein. Sie beschlie\u00dfen, eine Gerichtsverhandlung abzuhalten. Wie das funktioniert, wissen sie aus eigener Erfahrung gut. Der M\u00f6rder bekommt auch einen Verteidiger. Ordnung mu\u00df sein. Der Verteidiger hat keine Chance. Eine Hure aus dem Publikum bringt die Anklage auf den Punkt. Sie schreit aus dem Publikum: ein kleines Kind, so ein W\u00fcrmchen umzubringen, ist das Letzte. Der Angeklagte bekommt das Schlusswort. Ja, es geht alles ordentlich zu. Er leugnet nicht. Und dann sagt er noch etwas. Es f\u00e4llt ihm nicht leicht. Er kr\u00fcmmt sich, er schreit heraus, dass er gar nicht t\u00f6ten will, aber mu\u00df; immer wieder k\u00e4mpft er dagegen an, aber er schafft es nicht. Da, in diesem Moment kommt die Polizei, die von der \u201eGerichtsverhandlung\u201c Wind bekommen hat. Sie greift ein. Ein Arm, der Arm des Gesetzes ergreift den Angeklagten. Der Beamte sagt: \u201eIm Namen des Gesetzes\u201c. Damit schlie\u00dft der Film. Der psychopathische Kindesm\u00f6rder ist verhaftet.<\/p>\n<p align=\"center\">II.<\/p>\n<p>Der M\u00f6rder t\u00f6tet und kann nichts daf\u00fcr. Was hier diesem Mann passiert, sagt Paulus von sich. Paulus sagt das von sich. Paulus! \u201eDenn das Gute, das ich will, das tue ich nicht,\u201c V. 19. Dann setzt Paulus noch eins drauf: \u201eSondern das B\u00f6se, das ich nicht will, das tue ich\u201c. Uns geht es genauso. Partnerschaften zerbrechen, obwohl Beteiligte, die Schuldigen das gar nicht wollen. Wir morden nicht. Aber, wie oft tun wir das Gute? Wenn wir dann einmal etwas Gutes tun, sind wir stolz, stolz auf uns selbst. Warum sind wir stolz, weil wir es endlich einmal geschafft haben. Ist einmal genug, sind zweimal genug?<\/p>\n<p>Um dieses Problem geht es in der Bibel. Die Bibel behandelt dieses Problem in Beispielen, Erz\u00e4hlungen. Die Bibel unterscheidet sich darin nicht vom Film, dass sie auch Bespiele, Geschichten erz\u00e4hlt. Sie unterscheidet sich darin, welche Geschichten sie erz\u00e4hlt. Wie sollte die Bibel auch anders vorgehen? Sie will zu uns reden, mit uns sprechen. Kann sie das anders als in unserer Sprache? Luther \u00fcbersetzte die Bibel ins Deutsche, damit wir sie verstehen. Menschen, viele Menschen lernten daraufhin zu lesen, damit sie die \u00fcbersetzte Bibel lesen k\u00f6nnen. Vorher konnten nur Wenige in Deutschland lesen und schreiben. Warum sollten sie, fragten sie. Nun hatten sie einen Grund!<\/p>\n<p>Ja, und dann lasen sie unseren Text. Der R\u00f6merbrief wurde viel gelesen. Sie lasen, wie wir sagen, um unseren Problemen auf den Grund zugehen. Ja, Paulus sagt mit recht: Ich. Was ihm passiert, geschieht auch mir und dir, uns allen.<\/p>\n<p>Luther lie\u00df dies Problem nicht los. Er hielt eine gro\u00dfe Vorlesung \u00fcber den R\u00f6merbrief. Sie ist so gro\u00dfartig, dass wir sie heute immer wieder lesen, Theologiestudierende h\u00f6ren Vorlesungen \u00fcber diese Vorlesung. Sp\u00e4ter schrieb Luther B\u00fccher \u00fcber dieses Problem. Er diskutierte mit Erasmus von Rotterdam. Er diskutierte, wie es damals durchaus \u00fcblich war, mit Hilfe eines von ihm geschriebenen umfangreichen Buches. Wir heute verschicken ein umfangreiches Attachment angeh\u00e4ngt an eine Mail. Luther gab seinem Buch den bezeichnenden Titel: De servo arbitrio, auf deutsch: Vom unfreien Willen. Erasmus hatte zuvor ein Buch geschrieben mit dem Titel: De libero arbitrio, Vom freien Willen. Erasmus, einer der f\u00fchrenden Gelehrten seiner Zeit, hatte v\u00f6llig richtig gesehen, dass Luther von dem Brief des Paulus an die R\u00f6mer her, unseren fehlenden freien Willen beklagte. Erasmus war anderer Meinung. Er meinte, dass der Mensch einen freien Willen hat. Erasmus war dieser Meinung trotz unseres Bibeltextes. Er blieb bei dieser Meinung bis zu seinem Tod.<\/p>\n<p align=\"center\">III.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich habe ich die Freiheit, in Ferien l\u00e4nger zu schlafen oder fr\u00fch aufzustehen und an den Strand zu gehen, vielleicht so fr\u00fch, dass ich die Sonne aufgehen sehe. Der M\u00f6rder im Film hat auch diese M\u00f6glichkeit, aber nicht die andere, von seinem Tod bringenden Tun abzulassen, obwohl er das will. An dieser Unf\u00e4higkeit leidet er. Wir wissen uns bis heute nicht anders zu helfen, als dass wir solche Menschen wegschlie\u00dfen. Wie frei sind wir? Gut, ich bin in Ferien frei. Ich kann auch abschreiben oder es bleiben lassen, selbst wenn es mir schwer f\u00e4llt. Das wissen wir seit unseren Schultagen und alle Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen heute.<\/p>\n<p>Wo ist dann die Grenze? Wenn eine Partnerschaft zerbricht? Ja, aber nicht nur da. Machen wir einen Test und zwar gleich jetzt. Der Test dauert nicht lange. Es gen\u00fcgen 5 Sekunden. Stellen wir uns die 10 Gebote vor Augen. Wer nicht alle auswendig kann, nehme die, die sie oder er kennt. So und nun vergleichen wir einmal anhand dieser bekannten Gebote und unserem Ged\u00e4chtnis, wie oft wir die Gebote gebrochen haben. So jetzt. &#8230;&#8230; 5 Sekunden sind um. Ich denke, dass das reicht, unsere Probleme, das B\u00f6se nicht zu tun, uns vor Augen zu stellen. Das B\u00f6se wird vorher, V. 14, und einen Vers sp\u00e4ter, V. 20, \u201eS\u00fcnde\u201c genannt.<\/p>\n<p>Das ist ein Wort, was manche nicht gern h\u00f6ren. Aber das geh\u00f6rt auch zur Bibel, sie redet Klartext, nennt die Dinge beim Namen. So kann die Bibel, hier Paulus, die Dinge auf den Punkt bringen, uns unsere Grenze zeigen, klar machen. Wir schaffen es nicht, was wir eigentlich wollen, das Gute zu tun. K\u00f6nnen wir also nur noch resignieren, uns verzweifelt fragen: Was sollen wir tun?<\/p>\n<p align=\"center\">IV.<\/p>\n<p>Ja, diese Frage stellt Paulus, V. 24. In der Bibel steht eben viel. Die Bibel nennt nicht nur die Probleme beim Namen, sondern sie bietet auch die L\u00f6sung. Paulus beendet seinen Text nicht mit V.24.<\/p>\n<p>Die L\u00f6sung f\u00fchrte in der Vergangenheit wiederum zu umfangreichen Diskussionen in B\u00fcchern. Luther war daran ebenfalls beteiligt. Der wissenschaftliche Name der L\u00f6sung: iustificatio impii, auf deutsch: Rechtfertigung der S\u00fcnder. Gott selbst greift ein. Der Mensch, wir schaffen es nicht. Darum kann nur helfen, wer st\u00e4rker ist als wir, Gott.<\/p>\n<p>Wir kommen von Weihnachten her und gehen auf Karfreitag und Ostern zu. Gott schickt seinen Sohn, Jesus. Sp\u00e4ter wird er ihn leiden und sterben lassen. Dann wird er auferstehen, dem Tod entrissen und leben. Jesus ist ein Mensch wie wir, aber er ist zugleich Gottes Sohn. So bleibt er nicht im Tod. Dadurch durchbricht er die Mauer, eine Mauer; die mehr als eine Schallgrenze ist. Jene Grenze k\u00f6nnen wir mit technischen Mitteln, \u00dcberschallflugzeugen, durchbrechen, die Mauer Tod nicht. Wir haben die M\u00f6glichkeit, die Freiheit dazu nicht. Wir haben diese M\u00f6glichkeit so wenig, wie die 10 Gebote zu erf\u00fcllen. Alles h\u00e4ngt zusammen. Einmal im Grunds\u00e4tzlichen unfrei \u2013 immer im Grunds\u00e4tzlichen unfrei.<\/p>\n<p>Um frei zu werden, braucht es mehr St\u00e4rke als wir haben. Diese Kraft, St\u00e4rke hat Gott und greift ein, greift ein zu unseren Gunsten.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens, darin sind sich die christlichen Kirchen einig. Sind sie sonst nicht immer einer Meinung, hier sind sie es wie auch gerade jetzt in der Friedensfrage. Die Kirchen sehen die Rechtfertigung nur in einigen Akzenten etwas anders. Es gibt keine Trennung zwischen Evangelisch und Katholisch hier. Beide Kirchen haben dies weltweit feierlich schriftlich in Augsburg erkl\u00e4rt. Es existiert nicht nur der Elysee-Vertrag zwischen Deutschland und Frankreich. Es gibt auch Gemeinsamkeiten zwischen evangelisch und katholisch.<\/p>\n<p>Die Bibel sagt das Ganze k\u00fcrzer. Sie formuliert im Unterschied zu Erasmus, Luther, den Kirchen nicht in umfangreichen B\u00fcchern oder in feierlichen Erkl\u00e4rungen, sondern wie sie knapp das Problem darstellte, so formuliert sie knapp die L\u00f6sung des Problems, selbst dieses f\u00fcr uns Menschen unl\u00f6sbare Problem. Die Bibel kann das zwar auch breit darstellen, so in den Evangelien, jedoch ist Paulus hier, in unserem Predigttext, knapp im Ausdruck. Die L\u00f6sung des Problems erfolgt durch Leiden, Kreuz und Auferstehung Jesu Christi. Paulus setzt die Kenntnis der L\u00f6sung als bekannt voraus. Er zieht sofort und direkt die Konsequenz aus der L\u00f6sung: den Dank an Gott. \u201eDank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn!\u201c, V. 25.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns Paulus folgen und in den Dank einstimmen. Wir singen darum das Osterlied \u201eChrist lag in Todesbanden\u201c, EG 101, 1-3.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach<br \/>\n<a href=\"mailto:unembac@gwdg.de\">unembac@gwdg.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bibelsonntag | 26. Januar 2003 | R\u00f6mer 7, 14-25 | Ulrich Nembach | Liebe Gemeinde, heute ist Bibelsonntag. Das gerade begonnene Jahr ist zum Jahr der Bibel ausgerufen worden. Die Bibel ist in und soll in werden, wo sie es noch nicht ist. Auf unseren Kanzeln ist sie in. Texte der Bibel werden gepredigt. 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