{"id":9338,"date":"2003-02-07T19:49:53","date_gmt":"2003-02-07T18:49:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9338"},"modified":"2025-04-25T15:52:52","modified_gmt":"2025-04-25T13:52:52","slug":"markus-4-35-41","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-4-35-41\/","title":{"rendered":"Markus 4, 35-41"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\"><strong>Der schlafende Gott &#8211; Lebensnot und Erwachensgl\u00fcck | <\/strong>4. Sonntag nach Epiphanias | 2. Februar 2003 | Markus 4, 35-41 | Reinhard Weber |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Wir glauben Gott als Sch\u00f6pfer, Erl\u00f6ser und Vollender der Welt. Das ist der Dreischritt des Glaubensbekenntnisses, welches Gott in dreifacher Bez\u00fcglichkeit, also in trinitarischer Weise auf Welt hin auslegt, Gott als den dreieinigen, als den drei in einen. Diese theologische Weltauslegung ist in der Gegenwart f\u00fcr die Mehrheit der Zeitgenossen obsolet, unnachvollziehbar, fremd und unverst\u00e4ndlich geworden.<\/p>\n<p>Wir erleben n\u00e4mlich in der modernen Kultur prim\u00e4r nicht die dreifache Anwesenheit, sondern die einfache Abwesenheit Gottes, die Gottesverfinsterung, wie Martin Buber das genannt hat, seine Verborgenheit also, oder besser gesagt: seine scheinbare Unwirksamkeit, seine Anwesenheit in der Form der Abwesenheit, da\u00df er sich aus der Welt zur\u00fcckgezogen zu haben scheint, oder vielleicht auch: da\u00df er aus ihr hinausgedr\u00e4ngt wurde, jedenfalls, da\u00df er die Welt sich und ihren eigenen Gesetzlichkeiten \u00fcberlassen und \u00fcberantwortet hat, in ihr weder eine erkl\u00e4rende noch eine stabilisierende noch eine \u00fcberschreitende Funktion einnimmt, ja nicht einmal als hilfreich-erfindungsreiche Kategorie taugt und allenfalls noch \u2013wie Hegel das schon vor ann\u00e4hernd 200 Jahren gesagt hat- im Herzen einiger Individuen seine Alt\u00e4re baut, aber sonst funktions- und wirkungslos geworden ist.<\/p>\n<p>Das aber ist nicht lediglich eine moderne Erfahrung. Vielmehr zeigt uns die Geschichte von Mk 4 ihre auch antike, ja urchristliche Pr\u00e4senz, jedoch in einer bestimmten Zuspitzung und Perspektive. Und auf die kommt es an!<\/p>\n<p>Das ist ja \u00fcberhaupt eine sehr merkw\u00fcrdige, seltsame Geschichte, die wir da aufgezeichnet finden. Sie steht in den synoptischen Evangelien an dem Ort, wo Jesus aus der Gegend von Kapernaum kommt und hin\u00fcberf\u00e4hrt nach Tiberias in die Gegend von Gadara jenseits des Sees. Und auf dieser Fahrt da geschieht etwas, was bis heute an dieser geographischen Stelle gar nicht so selten vorkommt, n\u00e4mlich da\u00df einer dieser gef\u00fcrchteten Fallwinde vom schneebedeckten Hermon im Norden herunterkommt und durch das enge Jordantal peitscht, ganz pl\u00f6tzlich und unvorhergesehen, und diesen sonst so angenehmen und eher stillen See aufmischt mit einer Gewalt, die man sich nur schwer vorstellen kann, n\u00e4mlich so, da\u00df es nur so kracht und donnert, wie bei einem Erdbeben (Seismos bei Mt), als ob sich der Schlund der Tiefe auftut und einen verschlingen will. Und die hochgehenden Wellen schlagen ins Boot und bedecken das Schifflein fast ganz. Wie eine Entfesselung der Urgewalten, der Urnot ist das, wo die Erde in ihren Festen ins Wanken ger\u00e4t und der Himmel auf einen herabzust\u00fcrzen und die zagenden Menschen unter sich zu begraben droht. Wer es einmal auf See hautnah erlebt hat, der wei\u00df, wie sich das anf\u00fchlt, dieses Ausgeliefertsein an diese chaotischen Gewalten.<\/p>\n<p>Und da passiert nun etwas ganz Eigenartiges und Seltsames: diese alterfahrenen Seeleute, wie sie zum J\u00fcngerkreis Jesu geh\u00f6ren, dieser Petrus und sein Bruder Andreas, dann die Zwillinge Jakobus und Johannes, die Boanergess\u00f6hne, die machen M\u00e4uschen, die machen gar nichts, die zittern blo\u00df, die sind wie gel\u00e4hmt, wie das Kaninchen vor der Schlange. Und der Jesus da mit im Boot, der macht auch nichts, der schl\u00e4ft blo\u00df und vielleicht hat er sogar geschnarcht. Eine komische Situation. Ja, und dann werden die J\u00fcnger ein bi\u00dfchen frech, wie das oft so ist, wenn die Leute sich hilflos f\u00fchlen: \u201eHe Meister, was machst du denn, merkst du denn gar nicht, was hier abgeht. Dir ist es wohl piepegal, wenn wir hier absaufen wie die Ratten; Mensch, nun tu mal was und hilf uns, bevor es zu sp\u00e4t ist!\u201c Und daraufhin wird dieser Jesus wach, steht auf und macht was, und dann ist Ruhe.<\/p>\n<p>Eigenartig wie hart und schn\u00f6rkellos Markus das noch erz\u00e4hlt hat.<\/p>\n<p>Und eins ist ja klar, so um 70\/75 n.Chr., als Mk diese Geschichte erz\u00e4hlt, da ist dieses Schifflein ja schon selbstverst\u00e4ndlich die Gemeinde, die Gemeinde Gottes, die fr\u00fche Christenheit. Das war ja als feste Metapher, als bekanntes Bild aus dem Judentum schon vorgegeben. Und diese Gemeinde Gottes, die ist eigentlich schon ganz vom Wasser bedeckt, von der sieht man schon nicht mehr viel. Die hat kaum noch eine erkennbare Gestalt, da ist keine wirkliche Form mehr, keine festgef\u00fcgte Institution, da ist weithin nur noch innere und auch \u00e4u\u00dfere Aufl\u00f6sung. Da geht es um das \u00dcberw\u00e4ltigtwerden durch die Chaosm\u00e4chte. Um dieses Aufsch\u00e4umen des Urchaos, welches die Welt von ihrem Grund her bedroht und stets um sie herumsteht, seit der Sch\u00f6pfung her. Die Evangelien wollen also wohl sagen, da\u00df wie die Welt als ganze so auch die christliche Gemeinde sich in dieser letzten Bedrohtheit vorfindet, in der es um Sein oder Nichtsein, um ihre Existenz oder ihren Untergang geht, und d.h. genauer: in der es um den schlafenden Gott geht, ob Gott oder das Chaos die Oberhand gewinnen und behalten, Gestaltlosigkeit oder Gestalthaftigkeit, ob in unserem Leben, in unserem Bem\u00fchen um den Staat, um die \u00d6konomie, um Krieg oder Frieden, um Bildung und Erziehung, um die Kirche und die Universit\u00e4t, um die Stadt und das Land, auch um uns selbst und unser unmittelbares soziales Umfeld und um die Wissenschaft, ob da gestaltende Exousia, Vollmacht oder gestaltzersetzendes Urmeer herrscht.<\/p>\n<p>Phimotheti, \u201eschweig stille\u201c, der Terminus, der hier im Mund Jesu f\u00fcr sein herrschaftliches Wort gegen\u00fcber den aufgepeitschten Wassern gebraucht ist, das ist Exorzismusterminologie, Sprachform von D\u00e4monenaustreibungsgeschichten! Es ist pr\u00e4zise das Wort f\u00fcr den Schweigebefehl an den auszutreibenden D\u00e4mon, welches Markus auch in 1,24 verwendet. Das geh\u00f6rt zur Topik, zum Inventar, also zu den \u00fcblichen Stilmitteln der Exorzismusgeschichten. Wenn Jesus hier das Meer bedroht und ihm Schweigen gebietet, dann ist das ein Exorzismus, den er durchf\u00fchrt, eine D\u00e4monenaustreibung. Und in der Tiefe des ungr\u00fcndigen Abgrundes, da herrschen die D\u00e4monen, da treiben sie ihr Unwesen. In der Unterwelt ist ihr Zuhause. Da sitzen Leviathan und Behemoth, die Widersacher Gottes schon bei der Sch\u00f6pfung, denen er sie abringen und entwinden, die er binden und f\u00fcr eine Weile stillstellen mu\u00df, damit so etwas wie eine Welt, eine Weltordnung, eine geordnete Welt, die Lebensm\u00f6glichkeit bietet, \u00fcberhaupt zustande kommen kann; in der babylonischen Sch\u00f6pfungsmythologie, in der ja alles noch viel archaischer ist als im AT, was aber davon durchaus abh\u00e4ngig ist und \u00fcberall noch die alten Vorstellungen durchschimmern l\u00e4\u00dft, ist da ja ganz deutlich, welchen furchtbaren Kampf der Stadtgott Marduk gegen das Urweltsungeheuer Tiamat und seine Gefolgsleute durchzufechten hat, um schlie\u00dflich aus deren aufgeschlitztem Leib die Welt und aus ihrem Blut den Menschen zu schaffen.<\/p>\n<p>Und das endzeitlich-apokalyptische Denken wei\u00df, da\u00df die in der Endzeit wieder loskommen und dann alles in die Anarchie st\u00fcrzen, da\u00df sie da ihre ganze Macht und ihren ganzen Schrecken entfalten und sogar die Gl\u00e4ubigen zum Abfall bringen, da\u00df sie sich gegen Gott auflehnen werden. Darum geht es hier. Der See Genezareth, das ist so ein kleines Ausfalltor, wo die Tiefe an die Oberfl\u00e4che st\u00f6\u00dft. Und wenn dann eines dieser d\u00e4monischen Urwelts- und Unterweltsungeheuer einmal einen kleinen Schnupfen hat und anf\u00e4ngt zu husten, dann rast der See und will sein Opfer haben, mit Wilhelm Tell gesprochen, dann merkt man es bei diesen urgewaltigen, riesigen Wesen eben bis an die Erdoberfl\u00e4che, die ger\u00e4t dann in Wallung, und die Wasser schlagen \u00fcbereinander und sprengen die kleine menschliche Ordnung, fegen sie einfach hinweg; wir kennen das ja jetzt auch in Deutschland besser mit den Fluten.<\/p>\n<p>Und die Meinung des Textes ist nun, da\u00df die Kirche Jesu Christi genau derjenige Teil in der Welt ist, der immer wieder neu und jeden Tag in dieser letzten Bedrohtheit da ist, und zwar in der Bedrohtheit durch diese Welt und ihre chaotischen Tendenzen ebensosehr wie in der Bedrohtheit f\u00fcr diese Welt. In diesen zwei sich erg\u00e4nzenden und miteinander korrespondierenden Bedrohtheiten steht sie, die sind ihr aufgegeben. Dazwischen droht sie zerrieben zu werden und unterzugehen.<\/p>\n<p>Denn, sie ist nicht f\u00fcr sich selbst da, sie ist f\u00fcr die Welt da, auf die hin hat sie sich als Kirche Jesu Christi auszulegen, die ist ihr anheimgegeben. Denn diese Welt, so wie sie ist, die ist nicht in der Lage und f\u00e4hig, sich diesen gestaltenden, lebenserm\u00f6glichenden, zur Sch\u00f6nheit und zum Gl\u00fcck, zur Ordnung und zur Gestalt f\u00fchrenden Impuls selber zu geben. Im Gegenteil, die Welt gibt sich immer wieder den chaotischen, zersetzenden, aufl\u00f6senden Kr\u00e4ften preis, mit ihrer latenten Tendenz zum Abgrund, zum Unterweltlichen. Die Welt und der Mensch sind von sich selber so bedrohlich wie bedroht. Die k\u00f6nnen sich nicht von sich selbst her und durch sich selbst bannen und aus dem Sumpf ziehen. Diese Kraft kann ihnen nur gleichsam wie von au\u00dfen zukommen.<\/p>\n<p>Warum ist das so? Weil dieser letzte Impuls Gott hei\u00dft, und Gott ist nicht Welt. Der ist ihr Zuvor und ihr Danach, ihr Grund und ihr Horizont, der ist ihre Vollendlichkeit, und als solcher ist er ihre Inst\u00e4ndigkeit, ihr innerster Kern, ihr bewegendes Prinzip! Darum kann die Welt nicht aus sich da sein, sie zehrt in ihrem Sein immer von dem, was sie selber nicht ist. In ihr, wenn sie sich selbst \u00fcberlassen wird, gewinnen immer wieder die chaotischen M\u00e4chte die Oberhand. Das Wesen der Welt n\u00e4mlich ist, das wissen alle Religionen, sich selber und andere mit sich selbst und durch sich selbst zu bedrohen. Das ist auch das Wesen des Menschen. Wenn er existieren will, dann mu\u00df er nicht nur vor sich selber und seinen chaotischen Tendenzen gesch\u00fctzt werden, dann mu\u00df ihm auch ein sch\u00f6pferischer Impuls von au\u00dfen imputiert, eingefl\u00f6\u00dft werden.<\/p>\n<p>Dieser Impuls, das ist der Gott, der sein Haus baut \u00fcber den Fluten, \u00fcber dem Tosen und Brausen des Meeres, \u00fcber der Urgewalt der alles \u00fcberschwemmenden und in ihren Sog hinabrei\u00dfenden Tiefe. Dieser Gott ist der Grund der M\u00f6glichkeit von Leben und Gestalt, und Leben ist Gestalt. Und Gestalt ist Sch\u00f6nheit und ist die Geordnetheit des Lebendigen. Und das ist das Thema dieser Geschichte!<\/p>\n<p>Und damit handelt sie von dem schlafenden Gott!<\/p>\n<p>Denn nun ist eben dieses kleine Kirchenschifflein, dieses Christenboot beinahe ganz von Wasser bedeckt. Und wenn man sich das heute in dieser Gesellschaft mit der Kirche so ansieht, dann mu\u00df man ja wohl sagen, na ja, das Evangelium, das hat ja wohl recht. Auch wenn das Kirchenschiff der Gro\u00dfkirchen auf den ersten Blick noch einigerma\u00dfen dick und fett aussieht, so treibt es doch sehr steuerlos und desorientiert durch die Wellen des Zeitgeistes hindurch, die \u00fcberall hineinschwappen, hin- und hergeschaukelt und innerlich schwankend und hohl, stets von geistiger Auszehrung bedroht. Wenn man sich das mal kritisch ansieht, was die Christen heute noch an F\u00e4higkeit und Autorit\u00e4t und M\u00f6glichkeit und Vollmacht haben, der Welt in ihrer Not zur Gestaltwerdung zu verhelfen, dann ist das ja gleich Null. Immer rennen sie irgendwelchen aktuellen Tagesparolen hinterher und versuchen, wenigstens in irgendeinem Teilbereich noch ihre Notwendigkeit zu erweisen, nat\u00fcrlich \u2013 und doch nimmt kaum einer davon Notiz. Man bel\u00e4chelt eher diese mehr komisch als effektiv wirkenden Bem\u00fchungen, die ja vielleicht gut gemeint sein m\u00f6gen, aber was bringen sie schon anderes als das \u00dcbliche? Was wird denn an gestaltetem Leben von der Kirche noch an die Universit\u00e4t, die Wissenschaft, die Politik, die Wirtschaft, das Milit\u00e4r, die Familien, die Kommunen, das Land, das Volk weitergegeben!? Also, das Schiff ist ziemlich weitgehend von Wasser bedeckt. Das ist un\u00fcbersehbar deutlich, jedenfalls f\u00fcr die, welche nicht die dreifache Affenhaltung einnehmen.<\/p>\n<p>Das ist die Geschichte, Gott schl\u00e4ft &#8211; es geht kein Impuls von Gestalthaftigkeit mehr von ihm aus. Er hat sich abgewendet und ruht desinteressiert auf seinem Kissen hinten am Heck, w\u00e4hrend vorne der Bug schon untertaucht.<\/p>\n<p>Das ist die Situation: die Wellen schlagen ins Schiff und Gott schl\u00e4ft! Alles wird pitschna\u00df, und das st\u00f6rt ihn gar nicht. Er merkt nichts, und anscheinend will er auch gar nichts merken. So k\u00f6nnte die Geschichte auch weiter- und zuendegehen, wenn sich die J\u00fcnger nicht dann doch aufraffen w\u00fcrden und anfangen w\u00fcrden, ihn zu r\u00fctteln und zu sch\u00fctteln: \u201eMensch, Gott, los, wach auf, siehst du denn nichts, komm hoch und tu endlich was!\u201c<\/p>\n<p>Das ist schon eine erstaunliche Angelegenheit, ein eindr\u00fcckliches Bild, der schlafende Gott im Chaos von Kirche und Welt! Dieser herrlich und unbek\u00fcmmert schlafende Gott! Und dann diese J\u00fcnger mit ihrem aus der Lebensnot geborenen Geschrei!<\/p>\n<p>Und das ist es eben, das ist der Schl\u00fcssel zu dieser Geschichte, das ist der Skopos, der Kern: dieser Gott ist ein Gott, der darauf wartet, da\u00df wir hingehen und rufen: \u201eMensch, Gott, Gott, Mensch, mach doch endlich was, du siehst doch, wie es mit uns steht!\u201c Ja, sonst macht er nichts, sonst schl\u00e4ft er weiter. Und dann geschieht nichts, vielleicht allerlei, aber doch nichts. Und das ist das Eigenartige an der Gottheit dieses Gottes, da\u00df er mit seiner Gottheit darauf wartet, da\u00df er gerufen wird, vom Menschen gerufen wird. Das ist ja von uns wohl immer wieder sehr schwer zu begreifen, da\u00df er nun einmal nichts tun will, es sei denn, er sei gerufen. Aber das ist ja wohl doch der Kern nicht nur der vielen M\u00e4nner und Frauen in der Geschichte der Kirche, sondern auch und gerade des biblischen Zeugnisses selbst, n\u00e4mlich da\u00df das Gebet der Mittelpunkt des Glaubens an diesen Gott ist, da\u00df dieser Gott sich ver\u00e4ndern l\u00e4\u00dft: deus est mutabilis quam maxime hei\u00dft es bei Luther, also da\u00df er sich bewegen l\u00e4\u00dft, da\u00df er eine Geschichte hat, unendlich wandelbar ist, aber als der Treue, da\u00df hei\u00dft in der St\u00e4ndigkeit seiner Wiederankn\u00fcpfung an sich. Da\u00df das Gebet eben auch Gott ver\u00e4ndert, das ist das Eigentliche. Ohne das Gebet schl\u00e4ft Gott weiter bis zum St. Nimmerleinstag. Und wir sind dazu da, ihn zu wecken, d.h. ihn zur Gestalt zu erheben. Das ist das Gebet, das ist dasjenige Ph\u00e4nomen, was mit Gebet gemeint ist; nicht einfach nur das Dahersprechen von frommen Formeln, nicht einfach nur die kultische Verrichtung, nicht einfach nur das pers\u00f6nliche Zwiegespr\u00e4ch mit dem Erhabenen, das alles auch, ja, aber entscheidend ist und darauf l\u00e4uft unsere Geschichte zu: Gott zur Gestalt zu erheben, ihn Gott sein lassen und d.h. Grund und Grenze von Welt und Ich. Dem dient das Geschrei der J\u00fcnger: \u201eHej, du, nun komm und steh auf und mach was. Es ist h\u00f6chste Eisenbahn!\u201c Die Lage ist ja auch zum Schreien! Und wenn es die Christen nicht tun, dann werden bald die Steine schreien, und f\u00fcr den, der zu h\u00f6ren versteht, fangen sie ja auch schon an. Also die schreienden J\u00fcnger, sie verhelfen ihm, diesem Gott dazu, das zu sein, was er ist, n\u00e4mlich der auf die Welt hin auszulegende Garant von Sein und Leben und Sch\u00f6nheit und Freude.<\/p>\n<p>Dieses Geschreis bedarf dieser merkw\u00fcrdige Gott offenbar, um an der Welt zu sich selbst zu kommen, d.h. sich als Gott zu erweisen. Das will er von uns haben, und dann ist er auch da, dann kommt er auch. Unser Zeugnis von Gott ist also dieses Geschrei zu Gott, und das mu\u00df kein Krawall sein, das kann ganz still sein und sich unter tausend Formen verstecken. Das mu\u00df gar nichts Verbales sein, das kann auch einfach die Form sein, unter der wir unser Leben f\u00fchren. Aber wir m\u00fcssen ihn berufen, mitten in der Welt und mitten im Leben, sei es beim Fahrradfahren oder beim Fr\u00fchst\u00fccken oder beim Lesen oder beim Latein-\u00dcbersetzen, oder beim Vokabel- und Formeln-Lernen, beim Studieren, beim Denken, oder beim Brot backen und beim Kochen und beim Tennisspielen und beim Wandern und ich wei\u00df nicht wo, da ist es, da kann es sein, da\u00df er um uns herumsteht und wir in ihm. Das ist das Gebet, ihn in der Welt wahrzunehmen, ihn darin gro\u00df machen, ihn aus seiner Verborgenheit zu erheben, ihn aufzur\u00fctteln, ihm zu helfen, f\u00fcr die Welt da zu sein, sich ihrer anzunehmen und ihrer Not und Hilflosigkeit und Schw\u00e4che und Verkehrtheit. Das ist das Geschrei, Gott aufzuwecken von seiner Schl\u00e4frigkeit und ihn in der Welt als Gott zu erheben. Das ist die Lebendigkeit des Lebens. Ihn aus unserer Lebensnot heraus zu wecken und zu erheben, und die Lebensnot ist nicht nur die Bedr\u00e4ngnis durch Krankheit und Tod, und Unfall, und Gefahr und Scheitern im Examen oder Angst vor Arbeitslosigkeit usw., nein das ist auch und gerade das Dunkel des gelebten Augenblicks und das \u201eFinstrer ist im allt\u00e4glichen Leben als nach des Herbstes hellzuckenden Blitzen\u201c, dieses ganze Vers\u00e4umen, weil wir ihn, den Grund und die Grenze und den Horizont unseres Lebens in diesem Leben nicht wahr-nehmen. Das ist ja unsere Hauptnot, nicht wahr, diese Not der Notlosigkeit. Und darum schreien wir ja auch nicht mehr. Und darum sieht es ja auch so aus, wie es aussieht. Und darum gehen ja von unseren Kirchen und von der Christenheit hierzulande so wenig Impulse aus, trotz Kirchentag und allen m\u00f6glichen Events. Weil der Ruf nicht mehr erhoben wird. Ja, da bleibt Gott stumm. \u00dcberall wird organisiert und geplant und gemacht, und es wird dar\u00fcber das Rufen vergessen, weil wir wohl glauben, wir k\u00f6nnten das alles selbst machen. Oder haben wir noch gar nicht wirklich entdeckt, da\u00df das Boot schon voll Wasser ist. Das kann auch sein.<\/p>\n<p>Aber wenn man in dieses Weltgeschehen heute hineinschaut, dann ist es wohl so, da\u00df Gott wieder einmal schl\u00e4ft. Und das bedeutet dann auch, da\u00df wir Christen uns unserer Exousia, unserer vollm\u00e4chtigen Aufgabe an Gott nicht mehr bewu\u00dft sind, da\u00df wir unsere Aufgabe nicht erkennen, da\u00df wir Gott nicht rufen, damit er in unser Leben eintritt und seine Herrlichkeit \u00fcber dem Chaos der Urflut aufscheint. Um dieses Aufscheinen geht es! Und da sind wir gefragt. Unser Glaube ist da gefragt. Mitten aus unserer Lebensnot heraus den Gott zu erwecken und ihn aus dem Dunkel des gelebten Augenblicks heraus zu verherrlichen, ihn zu erheben und gro\u00df zu machen. Darin ereignet sich das Gl\u00fcck unseres eigenen Erwachens, das ist n\u00e4mlich das Erwachen zum Geheimnis unseres eigenen Lebens. Wenn wir diesen Gott rufen und ihm eine Gestalt geben, wenn wir ihm zur Wahrnehmung seiner Gottheit verhelfen, ihn durch unseren Glauben aus der Tiefe seiner Verborgenheit erl\u00f6sen und ihm zu weltlicher Gestalt verhelfen, dann werden wir selber zum Leben erweckt, weil dann der Glanz dieses Gottes \u00fcber unserem Leben aufscheint. Das ist das Eintreten in das Mysterium dieses Gottes in der Welt. Das ist ja das Staunen der J\u00fcnger \u00fcber diesen Jesus, dem die Wellen gehorchen: wer ist denn dieser? Dieses Aufscheinen seines Glanzes im erweckenden Erwachen. Da\u00df wir Gott, dem nackten Gott, ein Gewand geben in dem Geheimnis unseres Lebens, unter welchem er seine Bl\u00f6\u00dfe verbergen und seine Gottheit enth\u00fcllen kann, in welchem er wird, was er ist \u2013 der K\u00fcnftige, der uns in seine Kunft hineinnimmt als die von ihm Herk\u00fcnftigen, da\u00df wir sein weltliches Kleid werden als dazu Bestimmte von allem Anfang her, das ist die ungeheure Kraft unseres Christenglaubens, die sich sogar noch in halben Verdunklungen bew\u00e4hrt und -wenn auch undeutlich- beim weltlichen Dichter ausspricht:<\/p>\n<p>Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,<br \/>\ndann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.<br \/>\nAber die Worte, eh jeder beginnt,<br \/>\ndiese wolkigen Worte, sind:<\/p>\n<p>Von deinen Sinnen hinausgesandt,<br \/>\ngeh bis an deiner Sehnsucht Rand;<br \/>\ngib mir Gewand.<\/p>\n<p>Hinter den Dingen wachse als Brand,<br \/>\nda\u00df ihre Schatten, ausgespannt,<br \/>\nimmer mich ganz bedecken.<\/p>\n<p>La\u00df dir alles geschehn: Sch\u00f6nheit und Schrecken.<br \/>\nMan mu\u00df nur gehen. Kein Gef\u00fchl ist das fernste.<br \/>\nLa\u00df dich von mir nicht trennen.<br \/>\nNah ist das Land, das sie das Leben nennen.<\/p>\n<p>Du wirst es erkennen<br \/>\nAn seinem Ernste.<\/p>\n<p>Gib mir die Hand.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>PD Dr. Reinhard Weber<br \/>\nRudolf-Bultmann-Str. 4<br \/>\n35039 Marburg<br \/>\nTel. 06421-969111<br \/>\nFax: 06421-969399<br \/>\n<a href=\"mailto:weber@esg-marburg.de\">weber@esg-marburg.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der schlafende Gott &#8211; Lebensnot und Erwachensgl\u00fcck | 4. Sonntag nach Epiphanias | 2. Februar 2003 | Markus 4, 35-41 | Reinhard Weber | Wir glauben Gott als Sch\u00f6pfer, Erl\u00f6ser und Vollender der Welt. 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