{"id":9347,"date":"2003-02-07T19:49:52","date_gmt":"2003-02-07T18:49:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9347"},"modified":"2025-04-26T13:53:20","modified_gmt":"2025-04-26T11:53:20","slug":"matthaeus-20-1-16a-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-20-1-16a-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 20, 1-16a"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">Septuagesimae | 16. Februar 2003 | Matth\u00e4us 20, 1-16a | Andreas Pawlas |<\/span><\/b><\/h3>\n<p align=\"left\"><em>&#8222;Das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der fr\u00fch am Morgen ausging, um Arbeiter f\u00fcr seinen Weinberg einzustellen. Und als er mit den Arbeitern einig wurde \u00fcber einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere m\u00fc\u00dfig auf dem Markt stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag m\u00fc\u00dfig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie w\u00fcrden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden \u00fcber einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so g\u00fctig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Immer wenn ich dieses Gleichnis h\u00f6re, muss ich an eine Frau denken, die sich in einer Gottesdienst-Vorbereitungsgruppe regelm\u00e4\u00dfig intensiv engagierte. Sie hatte sich darum auch mit diesem Bibeltext sorgf\u00e4ltig und sehr pers\u00f6nlich auseinandergesetzt. Aber pl\u00f6tzlich und vollkommen unvermutet bekam ich von Ihr eine Absage. Nein, sie k\u00f6nne da nicht mehr mitmachen.<\/p>\n<p>Wer h\u00e4tte da nicht sofort nach Gr\u00fcnden gefragt? Nein, da musste ich doch wissen, was los war. Hatte ich sie vielleicht beleidigt, ohne es zu merken? Fast fingen schon Schuldgef\u00fchle an zu rumoren. Sie ahnte so etwas wahrscheinlich, weshalb sie mir antwortete, bevor ich die Frage aussprechen konnte: \u201eNein, nein, ich kann da nicht mehr mitmachen, weil dieses Gleichnis und sein Thema so unertr\u00e4glich eng mit meinem eigenen Lebensthema zusammenh\u00e4ngt\u201c.<\/p>\n<p>Ich muss dann wohl nicht sehr intelligent geguckt haben. Und das hing damit zusammen, dass ich ziemlich genau wusste, dass sie noch nie in ihrem Leben in einem Weinberg gearbeitet hatte. Und dass sie auch bestimmt noch nie eine Tagel\u00f6hnerin war. Offensichtlich sah sie mein Unverst\u00e4ndnis, weshalb sie gleich begann, mir zu erz\u00e4hlen, wie es ihr da auf der letzten Sitzung der Vorbereitungsgruppe, an der ich nicht hatte teilnehmen k\u00f6nnen, in der Begegnung mit diesem Gleichnis ergangen war.<\/p>\n<p>In dieser Gruppe h\u00e4tte man n\u00e4mlich das Gleichnis, um es besser verstehen zu k\u00f6nnen, einmal ganz bildhaft nachgespielt. Dabei hatte man ein Stuhlkreis gebildet. Der sollte nun der Weinberg sein. Und der Leiter der Vorbereitungsgruppe hatte dann drei oder vier gebeten hervorzutreten, so auch sie. Und diese drei oder vier, die bekamen dann einen wirklich schweren Stein in Arm und sollten dann langsam eine beschwerliche Runde nach der anderen innerhalb des Stuhlkreises drehen &#8211; eben mit diesem schweren Stein. Und das taten sie ja auch. Nach einer Weile wurden dann weitere aus Gruppe hinzugebeten und dann noch weitere. Die letzten aber bekamen nur ganz kurz den gewichtigen Stein in Hand, ehe das Gleichnis zu Ende gespielt war und es zum wohlverdienten Abendbrot ging. Aber bereits als die letzten der Gruppe in den Kreis gebeten wurden &#8211; so erz\u00e4hlte mir die Frau -, da h\u00e4tte es in ihr merklich zu kochen und zu brodeln begonnen. Und da h\u00e4tte sie am liebsten ihren schweren Stein weggeworfen und w\u00e4re nach Hause gelaufen. Denn mit einem Male h\u00e4tte bei ihr die Erkenntnis wie ein Blitz eingeschlagen: Genau so wie jetzt hier, so war es in ihrem Leben \u00fcberhaupt: Denn sie war es doch immer, die die M\u00fchen und Lasten zutragen hatte, w\u00e4hrend die anderen es einfach hatten. Denn was hatte sie in der Schule strampeln m\u00fcssen und trotzdem standen am Ende doch nur immer mittelm\u00e4\u00dfige Noten. Und im Beruf war es doch dann genauso m\u00fchselig und belastend: Zuerst ihr m\u00fchsames P\u00e4dagogik-Studium, das ihr nicht viel Freude macht und sie soviel Schwei\u00df kostete und dann bekam sie nach dieser Qu\u00e4lerei erst nach langen Jahren des Wartens eine Stelle.<\/p>\n<p>Und was das Privatleben anbelangte: Von Ehe war ganz zu schweigen: denn ihr Mann war viel unterwegs, sie musste viel allein bleiben, sie musste alles allein tragen. Wie das mit Kindern war? So sehr hatte sie sich ein Kind gew\u00fcnscht und so lange wurde er nicht erf\u00fcllt, Dann hatte sie unter viel M\u00fchen ein Kind adoptiert. Aber dann bekam sie doch ein eigenes Kind. Wie viel Schwierigkeiten hatte sie seitdem mit dem Adoptivkind. Und das war dann ihre Last allein.<\/p>\n<p>Nein, sie war immer und immer diejenige, die die M\u00fche und Last des Lebens zu tragen hatte. Anderen dagegen &#8211; das war ja \u00fcberall zu sehen -, ja, denen ging es gut, die hatten gut lachen, die konnten leicht und fr\u00f6hlich leben. Das war ihr nun schlagartig klar geworden unter diesem Bibelwort von Arbeitern im Weinberg. Wie sollte sie deshalb da noch mitmachen k\u00f6nnen, und ein solches Gotteswort als gut und richtig f\u00fcr ihr Leben zu akzeptieren? Nein, niemals! Und wie sollte sie auch hinnehmen k\u00f6nnen, dass das Himmelreich genau so sein sollte, wie in diesem Gleichnis, nein, das konnte und wollte sie nicht! Deshalb habe sie da heraus m\u00fcssen und weg von diesem m\u00fchsalbeladenen Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, so war das damals mit dieser Frau. Ein Einzelfall? Oder w\u00fcrden vielleicht auch manche unter uns genauso empfinden wie diese Frau? Haben nicht so manche unter uns \u00e4hnliche oder so gar noch viel beschwerlichere Lebensgeschichten als diese Frau? W\u00fcrden darum nicht vielleicht auch manche unter uns jetzt auch lieber wegh\u00f6ren und damit lieber diesem Gleichnis Jesu ausweichen? Denn so kann das doch einfach nicht mit dem Himmelreich sein, das uns Jesus Christus verk\u00fcndigt. Diese Botschaft soll doch eine frohe, befreiende und erleichternde Botschaft f\u00fcr uns sein und nicht irgend etwas willk\u00fcrlich Ungerechtes das unsere Leidensgeschichten und Lebensqualen nicht wahr nimmt und nicht w\u00fcrdigt.<\/p>\n<p>Achtung! Bitte nicht zu schnell wegh\u00f6ren oder ausweichen! Lassen Sie uns stattdessen doch einmal mit einem Perspektivenwechsel versuchen. Denn wie w\u00e4re das eigentlich, wenn gar nicht wir das w\u00e4ren, die zuerst mit unserer Lebensarbeit in den Weinberg gerufen sind? Und lassen Sie uns doch einmal nachempfinden, wie sich der f\u00fchlen m\u00fcsste, der eher zu der Gruppe der zuletzt gerufenen geh\u00f6rte. Da m\u00fcsste doch freudige \u00dcberraschung sein und tiefe Dankbarkeit gegen\u00fcber dem Herrn des Weinbergs und seiner Gro\u00dfz\u00fcgigkeit. Und stellen wir uns doch jetzt einmal vor, was f\u00fcr Menschen Jesus Christus dieses Gleichnis zuerst erz\u00e4hlte. Das waren doch alle Angeh\u00f6rige des Alten Gottesvolkes, genau jenes Volkes, das vierzig Jahre auf Gottes Gehei\u00df durch die W\u00fcste gewandert war, das Hitze und Strapazen ertragen hatte, das Versuchungen und Todesgefahr ausgeliefert war.<\/p>\n<p>K\u00f6nnten wir etwa jetzt schon dieses Gleichnis so h\u00f6ren, dass keinesfalls wir die ersten im Weinberg des Herren gewesen sind, sondern eben diese Israeliten, die unverlierbar durch Geburt aus diesem alten Gottesvolk stammen und durch die Beschneidung zu erkennen sind? Und das kann doch keiner bestreiten, dass wir mit der ersten Erw\u00e4hlung Gottes wir nichts zu tun hatten. Vielmehr irrten diese V\u00f6lkerschaften, denen wir hier im Norden Deutschlands entstammten, damals blind und taub f\u00fcr den lebendigen Gott in der Welt umher und h\u00e4ngten ihr Herz derart an irgendwelche Baumg\u00f6tzen und Wetterg\u00f6tter, dass es einem heutzutage fast peinlich sein muss.<\/p>\n<p>Nein, alle M\u00fchen und Lasten, die in tausendj\u00e4hriger Geschichte das Alte Gottesvolk zu tragen hatte, die sind nicht unsere Lasten. Neu und unvermutet wurden wir in der Geschichte unseres Volkes und in unserer eigenen Lebensgeschichte und unserer eigenen Lebensarbeit, in den Kreis g\u00f6ttlicher Verhei\u00dfungen hineingezogen und sind v\u00f6llig \u00fcberraschend mit der Zusage von lebendigem Trost, St\u00e4rkung und ewigem Leben ausger\u00fcstet.<\/p>\n<p>Wodurch? Doch allein durch Jesus Christus! Denn wer allein ihm glaubt, dem wird seine Lebenslast leicht.<\/p>\n<p>Aber was ist das f\u00fcr ein Satz. denn wie sollte das denn gehen k\u00f6nnen? Kilo bleibt doch Kilo und Zentner bleiben doch Zentner! Genauso wie Schuld Schuld bleibt und Versagen Versagen. Oder ist das alles ganz anders, selbst in den Bereichen unserer Welt, wo alles gemessen, gez\u00e4hlt und gewogen wird? Denn schwere Steine an sich sind doch f\u00fcr uns Menschen im Prinzip \u00fcberhaupt nichts Bedrohliches. Schweres und Gewichtiges gibt es nun einmal in unserem Leben. Schwere Steine, schwere Kugeln, werden von Leichtathleten doch sogar weit geschleudert oder gesto\u00dfen. Und warum? Weil sie Lust dazu haben! Eben weil dazu bei ihnen gen\u00fcgend Motivation und Wille vorhanden ist. Das Entscheidende ist also nicht alle k\u00f6rperliche Kraft, sondern alles seelische Verm\u00f6gen. Seit Boris Becker muss man ja sagen \u201eDas Mentale\u201c. Insofern ist das Entscheidende an schweren Steinen doch gar nicht ihr Gewicht, sondern ob sie uns auf dem Herzen liegen und uns damit die Luft abquetschen. Es kommt also entscheidend bei allem, was uns im Leben begegnet, darauf an, aus welcher Perspektive wir es begreifen und verstehen und aus welchen Quellen unsere Seele dann Kraft zieht, es zu tragen.<\/p>\n<p>Darum noch einmal zur\u00fcck zu unserem Gleichnis: Es w\u00e4re doch eine vollkommen andere Perspektive, wenn wir es annehmen k\u00f6nnten, dass wir hier alle zu der Gruppe der zuletzt vom Herrn des Weinbergs gerufenen, also dass wir hier alle zu der Gruppe der zuletzt von Gott gerufenen geh\u00f6rten. Das, was an Wunderbarem, an Erf\u00fcllung und unsagbarer Freude Menschen von Gott in seinem Reich zugesagt ist, das steht uns unmittelbar bevor. Dazu m\u00fcssen wir uns nicht erst generationenlang durch die W\u00fcsten unserer Lebensarbeit hungern und d\u00fcrsten! Sondern all das, was Himmel und Erde an Wunderbarem, St\u00e4rkenden und Tr\u00f6stenden bieten kann, begegnet uns doch direkt in Jesus Christus! Und da muss doch einfach unsere Wirklichkeit vollkommen anders werden, wenn wir erkennen k\u00f6nnten, dass es nicht die Stunden, Tage und Jahre sind, in den wir uns m\u00fchen und qu\u00e4len, die uns zu Gl\u00fcck und Lebenserf\u00fcllung bringen, sondern allein unser Glauben an diesen Jesus Christus.<\/p>\n<p>Aber wenn man das wirklich versp\u00fcren kann, dass so in diesen Jesus Christus alles Wunderbare, alle Erf\u00fcllung und Freude beginnt, dass also das Himmelreich so gleich hier und jetzt bei uns anbrechen will, m\u00fcsste es uns dann nicht fast umrei\u00dfen vor Gef\u00fchlen der Dankbarkeit? M\u00fcssten dann nicht unsere Willens- und Antriebskr\u00e4fte richtig gest\u00e4rkt und gekr\u00e4ftigt sein auch f\u00fcr schwerste Steine, f\u00fcr die st\u00e4rksten Lasten f\u00fcr die Seele? Und w\u00fcrden dann nicht sogar auch noch gen\u00fcgend Kr\u00e4fte da sein, um anderen beim Tragen ihrer schweren Steine, beim Tragen ihrer Seelenlasten zu helfen? Und wer dann zusammen tr\u00e4gt, wer dann zusammen arbeitet, der kann dann vielleicht auch zusammen singen, aber auf jeden Fall sich dann auch zusammen freuen und gemeinsam Gott danken, dass er sich als letzten uns zugewandt hat, um uns durch Jesus Christus ein erf\u00fclltes und frohes Leben zu schenken, jetzt und in Ewigkeit. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Dr. Andreas Pawlas<br \/>\nEv.-luth. Kirchengemeinde Barmstedt<br \/>\nErlenweg 2<br \/>\n25365 Kl. Offenseth-Sparrieshoop<br \/>\n<a href=\"mailto:Andreas.Pawlas@t-online.de\">Andreas.Pawlas@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Septuagesimae | 16. Februar 2003 | Matth\u00e4us 20, 1-16a | Andreas Pawlas | &#8222;Das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der fr\u00fch am Morgen ausging, um Arbeiter f\u00fcr seinen Weinberg einzustellen. Und als er mit den Arbeitern einig wurde \u00fcber einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. 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