{"id":9349,"date":"2003-02-07T19:49:47","date_gmt":"2003-02-07T18:49:47","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9349"},"modified":"2025-04-26T13:51:56","modified_gmt":"2025-04-26T11:51:56","slug":"matthaeus-20-1-16a-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-20-1-16a-4\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 20, 1-16a"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">Septuagesimae | 16. Februar 2003 | Matth\u00e4us 20, 1-16a | Gertrud Yde Iversen |<\/span><\/b><\/h3>\n<p align=\"left\">Dieses Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg handelt von zwei Dingen. Zum einen liefert es Worte und Bilder f\u00fcr eine der wichtigsten Dinge f\u00fcr die christliche Auffassung vom Menschen: Der Mensch ist immer jemand, der Gott alles schuldig ist, er wird dies immer sein. In allem, was wir haben und wollen, leben wir nur von der G\u00fcte Gottes. Und dann handelt das Gleichnis davon, wie erfreulich es in Wirklichkeit ist, da\u00df wir uns nicht mit dem begn\u00fcgen m\u00fcssen, was uns eigentlich rechtm\u00e4\u00dfig zukommt.<\/p>\n<p>Das ist ein Gleichnis, das in unseren Alltag hineinbricht, in unsere Auffassung von dem, was die Welt regiert, was Gerechtigkeit ist, und unsere Vorstellung davon, wie Gott die Menschen sieht.<\/p>\n<p align=\"center\">I<\/p>\n<p>Gerechtigkeit hei\u00dft Gleiches f\u00fcr Gleiches, sagen wir. Fr\u00fcher hatten die Leute ein Prinzip, das hie\u00df: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Leben f\u00fcr Leben. Das sitzt noch immer tief in den meisten Menschen.<\/p>\n<p>In einem Buch \u00fcber die Wiedereinf\u00fchrung der Todesstrafe in D\u00e4nemark aus den 30ger Jahren steht als Motto des Buches: Jede Humanit\u00e4t gegen\u00fcber dem Verbrecher ist ein Verbrechen am Opfer! Gleiches f\u00fcr Gleiches! Das ist ein strenges Prinzip. Dennoch finden die meisten, da\u00df es das beste ist. So soll gerichtet werden. Das ist nur gerecht. Alle sollen wissen, da\u00df wir von seitens der Gesellschaft nicht die grobe Gewalt tolerieren, sagte ein d\u00e4nischer Ministerpr\u00e4sident einmal in seiner Neujahrsansprache. Und dem stimmen viele zu. Das war gut und richtig gesprochen. Niemand darf daran zweifeln, da\u00df wir auf der Seite der Opfer sind, sagt der Justizminister. Anders kann es nicht sein. Das ist nur gerecht. Was soll denn sonst gelten?<\/p>\n<p>Wie aber sieht es mit der Gerechtigkeit au\u00dferhalb der Welt der Politiker und der Gerichte aus, in der Welt, in der wir selbst die Hauptpersonen sind? Hier richten wir ja so \u00fcberaus schnell nach dem, was die Augen sehen und die Ohren h\u00f6ren. Zuweilen gen\u00fcgt schon ein Ger\u00fccht. Eine Geschichte in der Zeitung. Das kann ein Mensch sein, der nur in Verdacht geraten ist, vielleicht einmal sp\u00e4ter angeklagt wird in einer Sache, und wir haben ihn schon verurteilt. Und zeigt sich dann, da\u00df der Betreffende gar schuldig ist, dann sehen wir in diesem Menschen nur einen Schuldigen. Du hast so und so gehandelt, deshalb kannst du damit rechnen, da\u00df du so und so behandelt wirst. Du hast nur so und so lange gearbeitet, also hast du auch nur so und so viel verdient. Anders kann es nicht sein. Das ist nur gerecht.<\/p>\n<p>So dachten auch die Tagel\u00f6hner, die fr\u00fch am Morgen angestellt waren. Sie einigten sich mit dem Besitzer des Weinbergs auf einen Denar f\u00fcr den Tag. Damit waren sie zufrieden. Als der Tag vorbei ist, erhalten sie den versprochenen Lohn. Und damit w\u00e4ren sie sicher auch zufrieden gewesen, wenn sie als die letzten in der Schlange der Lohnempf\u00e4nger nicht gesehen h\u00e4tte, da\u00df kein Unterschied gemacht wurde. Das ist wichtig zu beobachten. Sie murrten nicht, weil ein Unterschied gemacht wurde, sondern weil kein Unterschied gemacht wurde. Alle bekommen denselben Lohn. Diese Tagel\u00f6hner sind unzufrieden, weil sie nicht meinen, da\u00df die anderen das verdient haben, was sie bekommen. Das ist ungerecht.<\/p>\n<p>Ist das nun auch ungerecht? Oder ist es nur gerecht? Ist die einzige Gerechtigkeit die, wonach jeder das bekommt, was ihm bzw. ihr streng genommen zukommt?<\/p>\n<p align=\"center\">II<\/p>\n<p>Mit der Reaktion der Tagel\u00f6hner ber\u00fchrt das Gleichnis etwas vom Tiefsten im Menschenleben. Ein Trieb mit ungeahnter Kraft, mit dem wir oft nichts anzufangen wissen und der uns immer wieder ins Ungl\u00fcck f\u00fchrt: den Neid.<\/p>\n<p>Der ist auch ein immer wiederkehrendes Thema in der biblischen Literatur. Schon in der ersten biblischen Erz\u00e4hlung vom Paradies und vom S\u00fcndenfall taucht der Neid auf im Munde der Schlange als ein unbestimmter, aber verbotener Versuch, so zu werden wie Gott. Der Baum der Erkenntnis ist der Baum Gottes. Aber wir wollen auch mitessen. Hier wird der Neid als die Wurzel alles B\u00f6sen entlarvt. Durch den Neid f\u00e4llt der Mensch aus dem Paradies. Durch den Neid wird er heimatlos, versto\u00dfen.<\/p>\n<p>Weiter in der biblischen Erz\u00e4hlung macht der Neid den Menschen zum M\u00f6rder seines Bruders. Kain sah, da\u00df Abels Opfer zum Himmel stieg, w\u00e4hrend seines nur j\u00e4mmerlich am Boden kroch. Kain wurde neidisch. Kain erschlug Abel. Und der Sinn der Erz\u00e4hlung ist ja der: In jedem Menschen ist ein Kain und ein Abel. Wenn wir durch den neidischen Blick gesehen werden oder wenn wie selbst mit dem Blick des Neides sehen. Dann werden wir wie Menschen, die versto\u00dfen sind und \u00fcbersehen. Letztlich ist es eben auch der Neid, der die Auffassung der Tagel\u00f6hner von dem bestimmt, was Gerechtigkeit ist. Warum sollen die, die wenig gearbeitet haben, genauso viel bekommen wie wir.<\/p>\n<p align=\"center\">III<\/p>\n<p>Gegen unsere Auffassung von Gerechtigkeit: Gleiches f\u00fcr Gleiches, Auge um Auge und gegen die Ein\u00e4ugigkeit des Neides stellt Jesus das Gleichnis die Liebe. Sie ist die st\u00e4rkere Kraft. Es wird einer kommen, der richtet nicht nach dem, was das Auge sieht, und nach dem, was das Ohr h\u00f6rt. Und er, Jesus von Nazareth, f\u00fchrt hier das Wort mit seinem Gleichnis dar\u00fcber, wie es sich mit dem Himmelreich verh\u00e4lt und mit Gottes Sicht der Menschen. Kann Gott als ein solcher Weinbergbesitzer denn nicht z\u00e4hlen und die Arbeitsstunden ausrechnen? Ja, aber er richtet nicht nach Verdienst. Er sieht diese Menschen nicht nur als Tagel\u00f6hner, die etwas verdient haben oder auch nicht verdient haben. Gott sieht sie in erster Linie als die Menschen, mit denen er eine Verabredung getroffen hat, einen Bund geschlossen hat, wie die Bibel sagt. Der handelt nicht vom Verh\u00e4ltnis des Arbeiters zum Arbeitgeber, sondern vom Verh\u00e4ltnis des Menschen zu seinem Sch\u00f6pfer. Er richtet nicht nach dem, was das Auge sieht oder das Ohr h\u00f6rt, sondern nach seiner eigenen Gerechtigkeit. Gott ist also der, der wie der Weinbergbesitzer allen den gleichen Tagelohn gibt. Sie bekommen nicht nach Verdienst &#8211; und dar\u00fcber sollen sie sich alle freuen. Das ist ein wichtiger Gedanke in dem Gleichnis, da\u00df sie alle dar\u00fcber froh sein sollen, da\u00df sie nicht nach Verdienst entlohnt werden: sowohl die, die am Ende des Tages angestellt wurden, als auch die aufgebrachten Tagel\u00f6hner, die zwar flei\u00dfig den ganzen Tag gearbeitet hatten und deshalb je das Ihre f\u00fcr den Lohn geleistet hatten, die aber dennoch der Macht des Neides verfallen und damit genauso schuldig werden wie die anderen.<\/p>\n<p>Gott gibt also nicht nach dem, was das Auge sieht und das Ohr h\u00f6rt. Warum? Weil er es so will. Kann ich nicht tun, was ich will, mit dem was mein ist? So spricht der Besitzer des Weinberges.<\/p>\n<p>Das ist das Evangelium in diesem Gleichnis. Wir sollen uns nicht mit dem begn\u00fcgen, was uns streng genommen und gerecht zukommt. Denn die Gerechtigkeit Gottes ist an die Liebe gebunden, die das Verlorene findet. Weil er es so will. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. theol. Gertrud Yde Iversen<br \/>\nFasanvej 21<br \/>\nDK-6240 L\u00f8gumkkloster<br \/>\nTel: 74 74 55 99<br \/>\n<a href=\"mailto:gyi@mail.tele.dk\">gyi@mail.tele.dk<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Septuagesimae | 16. Februar 2003 | Matth\u00e4us 20, 1-16a | Gertrud Yde Iversen | Dieses Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg handelt von zwei Dingen. 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