{"id":9352,"date":"2003-02-07T19:49:45","date_gmt":"2003-02-07T18:49:45","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9352"},"modified":"2025-04-26T13:49:02","modified_gmt":"2025-04-26T11:49:02","slug":"matthaeus-20-1-16a-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-20-1-16a-5\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 20, 1-16a"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\">Septuagesimae | 16. Februar 2003 | Matth\u00e4us 20,1\u201316a | Stefan Knobloch |<\/h3>\n<p align=\"left\">Auf welcher Seite liegen unsere Sympathien,<br \/>\nwenn wir dieses Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg h\u00f6ren? Zuerst<br \/>\nsicher, wie sich das Ganze so abspielt, auf Seiten des Weinbergbesitzers.<br \/>\nEr hat unternehmerische Qualit\u00e4ten und tut etwas f\u00fcr den Arbeitsmarkt.<br \/>\nEr holt Arbeitslose von der Stra\u00dfe und k\u00fcmmert sich nicht um<br \/>\nTarifabschl\u00fcsse und gewerkschaftliche Vereinbarungen, oder besser,<br \/>\nhat sich um sie nicht zu k\u00fcmmern. Er hat unsere Sympathie. Doch dann<br \/>\nd\u00fcrften wir die Seiten wechseln, wenn es n\u00e4mlich zur Lohnauszahlung<br \/>\nkommt. Da scheint es nicht mehr mit rechten Dingen zuzugehen. Da bleibt<br \/>\nin der Tat \u2013 nach unseren Ma\u00dfst\u00e4ben \u2013 die Gerechtigkeit<br \/>\nauf der Strecke. Das verhei\u00dft nichts Gutes, wenn auch im Reich Gottes<br \/>\nwieder die Gerechtigkeit auf der Strecke bleibt. Sollen sich dort wieder,<br \/>\nwie wir das aus unseren Verh\u00e4ltnissen kennen, Vetternwirtschaft,<br \/>\nBeg\u00fcnstigung und launische Ungleichbehandlung fortsetzen, gegen die<br \/>\nman kein Rechtsmittel h\u00e4tte?<\/p>\n<p>Mit solchen Fragen, die sich bei uns gewisserma\u00dfen automatisch<br \/>\neinstellen, die wir gar nicht erst lange bem\u00fchen m\u00fcssen, verfangen<br \/>\nwir uns im Gestr\u00fcpp unseres Denkens, das zur Welt des Reiches Gottes<br \/>\nin krassem Gegensatz steht. Aber der Reihe nach.<\/p>\n<p>Der Gutsbesitzer ist ein Fr\u00fchaufsteher. Um sechs Uhr fr\u00fch heuert<br \/>\ner schon die ersten Arbeiter f\u00fcr seinen Weinberg an. Vereinbarter<br \/>\nTagelohn ein Denar. Drei Stunden sp\u00e4ter, gegen neun Uhr, heuert er<br \/>\ndie n\u00e4chsten an. Die Vereinbarung lautet nicht mehr einen Denar,<br \/>\nsondern: &#8222;Ich werde euch geben, was recht ist.&#8220; Mittags um zw\u00f6lf<br \/>\nund am fr\u00fchen Nachmittag um drei macht er es ebenso. Ja, sogar kurz<br \/>\nvor Schlu\u00df, bevor um achtzehn Uhr der Arbeitstag endet, ordert er<br \/>\nnoch um siebzehn Uhr f\u00fcr eine einzige Stunde Arbeitslose f\u00fcr<br \/>\nseinen Weinberg. Bis dahin l\u00e4uft das Ganze noch halbwegs nach einer<br \/>\nf\u00fcr uns nachvollziehbaren Logik, wenngleich wir vielleicht gesagt<br \/>\nh\u00e4tten, das mit einer Stunde Arbeit, das h\u00e4tte nicht sein m\u00fcssen.<br \/>\nAndererseits kennen ja auch wir die Ph\u00e4nomene der Kurzarbeit und<br \/>\ndes flexiblen Arbeitsmarktes. Soweit so gut.<\/p>\n<p>Was sagt das Bisherige \u00fcber das Reich Gottes? Denn das Gleichnis<br \/>\nsteht ja f\u00fcr das Reich Gottes. Eigentlich bisher nichts, was wir<br \/>\nnicht nachvollziehen k\u00f6nnten. Also hat es im Bisherigen nicht seinen<br \/>\neigentlichen Konstruktionspunkt. Der liegt anderswo, n\u00e4mlich in dem,<br \/>\nwas jetzt folgt. Pl\u00f6tzlich scheint es sehr ungerecht zuzugehen. Da<br \/>\nbekommen die allerletzten, die nur eine Stunde gearbeitet haben, als erste<br \/>\nden Lohn: einen Denar. Aha, der Gutsbesitzer mu\u00df es sich offenbar<br \/>\nanders \u00fcberlegt haben; da mu\u00df=20f\u00fcr die, die den ganzen<br \/>\nTag gearbeitet haben mehr herausspringen. Tut es aber nicht. Ich denke,<br \/>\nwir teilen den Unmut derer, die sich benachteiligt f\u00fchlen. Das geht<br \/>\nnicht mit rechten Dingen zu. Selbst die Begr\u00fcndung des Gutsherrn<br \/>\nf\u00fcr sein Vorgehen hinterl\u00e4\u00dft bei uns einen unguten Beigeschmack.<br \/>\nDoch da genau liegt die Pointe des Gleichnisses, und genau da sind wir<br \/>\nschwer zu knacken. &#8222;Kann dein Auge nicht mitansehen&#8220;, so lautet<br \/>\ndie Schlu\u00dffrage an einen der Protestierer, &#8222;da\u00df ich gut<br \/>\nbin?&#8220; Hier geht es nicht blo\u00df um unser anderes Augenma\u00df.<br \/>\nHier geht es ums Ganze, n\u00e4mlich ums Ganze des Reiches Gottes.<\/p>\n<p>Da hat sich Jesus \u2013 wenn ich das einmal so respektlos sagen darf<br \/>\n\u2013 sein ganzes Wirken hindurch den Mund fransig geredet, wie es sich<br \/>\nmit dem Reich Gottes verhalte, was da auf uns zukomme \u2013 und wir<br \/>\nhaben es ihm noch immer nicht abgenommen, haben es noch immer nicht begriffen!<br \/>\nUnser Auge will nicht sehen, es will uns nicht in den Kopf, &#8222;wie<br \/>\ngut Gott zu uns ist&#8220; (vgl. Mt 20,15). Es will nur schwer in unseren<br \/>\nKopf, da\u00df das Reich Gottes ein Geschenk an uns ist, ein Geschenk,<br \/>\nwie dreimal Weihnachten, ja, noch unendlich mehr als das. Die Pointe des<br \/>\nGleichnisses liegt exakt darin, da\u00df das Reich Gottes nicht verdient<br \/>\nwird, weder durch einen zw\u00f6lfst\u00fcndigen noch durch einen einst\u00fcndigen<br \/>\nArbeitstag. Verdienstkategorien greifen hier nicht. Das Reich Gottes kommt<br \/>\nauf uns zu, wird unser Geschenk, nicht weil wir es uns verdient haben,<br \/>\nsondern weil es uns geschenkt wird.<\/p>\n<p>Darin zeigt sich die G\u00fcte Gottes. Sie besteht, richtig verstanden,<br \/>\nnicht darin, da\u00df unsere Kategorien von Letzten und Ersten, unser<br \/>\n&#8222;ranking&#8220; \u2013 wie man neudeutsch sagt \u2013 auf den Kopf<br \/>\ngestellt werden, so da\u00df Erste Letzte und Letzte Erste w\u00fcrden.<br \/>\nSo k\u00f6nnte man den Schlu\u00dfsatz des Evangeliums zwar im ersten<br \/>\nMoment verstehen und so lautet er auch w\u00f6rtlich. Aber so fiele die<br \/>\nKatze wieder auf die alten Pfoten. Nicht darum geht es, da\u00df Letzte<br \/>\nErste werden und umgekehrt, sondern darum, da\u00df diese Kategorie,<br \/>\nzwischen Ersten und Letzten zu unterscheiden, im Reich Gottes nicht mehr<br \/>\ngilt. Sie ist aufgehoben. Sie z\u00e4hlt nicht mehr. Sie ist keine Kategorie<br \/>\ndes Reiches Gottes. &#8222;St\u00f6rt es dich, weil ich gut bin?&#8220;,<br \/>\ndiese zusammenfassende Frage \u00fcberstrahlt alles.<\/p>\n<p>Ja, wenn wir dar\u00fcber nachdenken, verschl\u00e4gt uns das beinahe<br \/>\nden Atem. So vom Reich Gottes zu denken, l\u00e4uft unserer Logik, unserem<br \/>\nGerechtigkeitsempfinden irgendwie zuwider. So k\u00f6nne das mit dem Reich<br \/>\nGottes nicht sein! Was also st\u00f6rt uns am abgrundtiefen Gutsein Gottes?<br \/>\nIst es nicht unser Glaube, der falsche Akzente setzt? Letzte und Erste<br \/>\nz\u00e4hlen nicht mehr, ganz \u00e4hnlich sagt das ja auch Paulus im Galaterbrief:<br \/>\nF\u00fcr auf Christus Getaufte gebe es keinen Unterschied mehr zwischen<br \/>\nJuden und Griechen, Sklaven und Freien, Mann und Frau; sie alle seien<br \/>\n&#8222;einer&#8220; in Christus (Gal 3,28). Die Pointe unseres Gleichnisses<br \/>\nvon den Arbeitern im Weinberg ist Gottes Gutsein, das sich jedem schenkt.<\/p>\n<p>Dieses Gutsein Gottes aber soll in uns verfangen, es soll in uns nicht<br \/>\nverpuffen. Es soll in uns gewisserma\u00dfen zu den Synergieeffekten<br \/>\nf\u00fchren, von denen der Jakobusbrief spricht: &#8222;Willst du (nicht)<br \/>\neinsehen, du unvern\u00fcnftiger Mensch, da\u00df der Glauben ohne Werke<br \/>\nnutzlos ist?&#8220; (Jak 2,20). Ein blo\u00df geglaubter Glaube an das<br \/>\nGutsein Gottes als zentraler Botschaft vom Reich Gottes w\u00e4re ein<br \/>\nWiderspruch in sich, weil er &#8222;nur glaubend&#8220; nicht glaubt. Wenn<br \/>\nunser Glaube keine Synergieeffekte zeitigt, indem wir Gottes Gutsein zum<br \/>\nFundament, nicht zum Ideal unseres Gutseins, unserer Mitmenschlichkeit<br \/>\n(und was wir immer sagen wollen) machen, wenn das alles ausbliebe, dann<br \/>\nh\u00e4tten wir in der Tat nicht an das umst\u00fcrzende Gutsein Gottes<br \/>\nangedockt. Solange wir mentalit\u00e4tsm\u00e4\u00dfig im Gleichnis auf<br \/>\nder Seite der Protestierer verharren, die meinen, sie seien zu kurz gekommen,<br \/>\nso lange haben wir vom Gutsein Gottes in seinem Reich nichts begriffen.<br \/>\nLassen wir also unsere Kategorien von den &#8222;Letzten&#8220;, &#8222;den<br \/>\nErsten&#8220; hinter uns. Lassen wir uns anr\u00fchren vom Gutsein Gottes.<br \/>\nEs wird uns guttun.<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><strong>Prof. Dr. Stefan Knobloch<br \/>\n<a href=\"mailto:stefan.knobloch@kapuziner.org\">stefan.knobloch@kapuziner.org<br \/>\n<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Septuagesimae | 16. Februar 2003 | Matth\u00e4us 20,1\u201316a | Stefan Knobloch | Auf welcher Seite liegen unsere Sympathien, wenn wir dieses Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg h\u00f6ren? Zuerst sicher, wie sich das Ganze so abspielt, auf Seiten des Weinbergbesitzers. 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