{"id":9356,"date":"2003-02-07T19:49:54","date_gmt":"2003-02-07T18:49:54","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9356"},"modified":"2025-04-26T14:01:03","modified_gmt":"2025-04-26T12:01:03","slug":"lukas-8-4-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-8-4-8\/","title":{"rendered":"Lukas 8, 4-8"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\">Sexagesimae | 23. Februar 2003 | Lukas 8,4\u20138 | Richard Engelhardt |<\/h3>\n<p align=\"left\">(Vorbemerkung: Der Mehrheit der Exegeten<br \/>\nfolgend insbesondere Joachim Jeremias und Hans Weder wird f\u00fcr die<br \/>\nPredigt nur das eigentliche Gleichnis aufgenommen. Die bis V.15 folgenden<br \/>\nDeutungen verschieben &#8222;den Akzent vom Eschatologischen auf das Psychologische<br \/>\nund Par\u00e4netische&#8220; (Jeremias: Die Gleichnisse Jesu S.130). Das<br \/>\nw\u00e4re eine andere Predigt.)<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Das war Anfang der f\u00fcnfziger Jahre, die DDR war noch jung und wir<br \/>\nwaren es auch: jung. Wir hatten den Krieg mit seinen Grausamkeiten, mit<br \/>\nBombenangriff, Tieffliegerbeschuss, Tod des Vaters erlebt und wollten<br \/>\neine neue bessere Welt, aber auch eine Welt mit Freiheit, nicht eine mit<br \/>\neiner neuen Diktatur. Wir waren versammelt in der Jungen Gemeinde unserer<br \/>\nKirche und standen vor dem Abitur. Nat\u00fcrlich wollten wir studieren<br \/>\nund dann mitbauen an einer freien und besseren Gemeinschaft. Aber der<br \/>\nStaat und die, die ihn trugen, hatten eine andere Vorstellung. Man wollte<br \/>\nunsere Gedanken und uns nicht dabei haben, es sei denn, wir ordneten uns<br \/>\nden Vorstellungen einer sozialistischen Gesellschaft unter. Und da die<br \/>\nM\u00e4chtigen und ihre Mitl\u00e4ufer keine Geduld hatten, da sie wohl<br \/>\nauch der Wirkung ihrer eigenen Lehren nicht trauten, erkl\u00e4rten sie,<br \/>\ndass f\u00fcr uns kein Platz mehr weder auf der Schule noch \u00fcberhaupt<br \/>\nin der Gesellschaft sei. &#8222;Wer nicht f\u00fcr uns ist, der ist gegen<br \/>\nuns&#8220;, war der Wahlspruch. So gingen denn einige Tapfere einen dornenvollen<br \/>\nWeg, einige sogar ins Gef\u00e4ngnis, wir andern &#8222;in den Westen&#8220;.<\/p>\n<p>Aber nicht nur die Diktaturen und Ideologien haben solche Geschichte<br \/>\ngeschrieben. Auch die Geschichte unserer Kirchen ist in grossen Zeitabschnitten<br \/>\ndurch Intoleranz und Verfolgung, durch die Prozesse gegen Ketzer und Hexen,<br \/>\nMenschen also mit anderen \u00dcberzeugungen und Lebensweisen, gepr\u00e4gt.<br \/>\nOffensichtlich fehlt es auch uns Christen wie anderen Menschen immer wieder<br \/>\nan Geduld und an Vertrauen auf Gottes Wirken. Wir haben da etwas als wahr<br \/>\nund gut erkannt und k\u00f6nnen es nicht dulden, dass andere Menschen<br \/>\nin unserer N\u00e4he es nicht so aufnehmen wollen und k\u00f6nnen, wie<br \/>\nes uns als richtig erscheint. Sie m\u00fcssen also \u00fcberzeugt werden<br \/>\nnotfalls, und wenn sie sich nicht \u00fcberzeugen lassen wollen, mit Gewalt.<\/p>\n<p>Genau dies ist nicht die Botschaft Jesu von der K\u00f6nigsherrschaft<br \/>\nGottes und dem Wirken Gottes in der Welt.<\/p>\n<p>Einmal kam eine grosse Menschenmenge zusammen; aus allen Orten str\u00f6mten<br \/>\nsie herbei. Da erz\u00e4hlte Jesus ihnen ein Gleichnis:<br \/>\nEin Bauer ging aufs Feld, um zu s\u00e4en. Als er die K\u00f6rner ausstreute,<br \/>\nfiel ein Teil davon auf den Weg. Dort wurden sie zertreten und von den<br \/>\nV\u00f6geln aufgepickt. Andere fielen auf felsigen Boden. Sie gingen auf,<br \/>\nvertrockneten dann aber, weil der Boden nicht feucht genug war. Wieder<br \/>\nandere fielen in Dornengestr\u00fcpp, das bald das Korn \u00fcberwucherte<br \/>\nund erstickte. Doch nicht wenige fielen auf guten Boden, gingen auf und<br \/>\nbrachten hundertfache Frucht.<br \/>\nDann rief Jesus: Wer h\u00f6ren kann, soll gut zuh\u00f6ren.<br \/>\n(Lk.8,4-8. \u00dcbersetzung aus Die Gute Nachricht)<\/p>\n<p>Jesus erz\u00e4hlt dieses Gleichnis. Die ersten drei Evangelien berichten<br \/>\nes fast \u00fcbereinstimmend. Aber schon sehr bald die Gr\u00fcnde daf\u00fcr<br \/>\nk\u00f6nnen wir nur ahnen wurde es mit einer Deutung versehen, die es<br \/>\nkr\u00e4ftig ver\u00e4ndert. Sehen wir uns daher nur dieses Gleichnis,<br \/>\ndie Parabel, wie es im Griechischen heisst, an:<\/p>\n<p>Es geht Jesus um die K\u00f6nigsherrschaft Gottes. Es geht ihm darum,<br \/>\nden Menschen die Augen daf\u00fcr zu \u00f6ffnen, dass Gottes Herrschaft<br \/>\nnicht auf ein fernes unerreichbares Jenseits gehoben werden kann, sondern<br \/>\ndass diese K\u00f6nigsherrschaft Gottes eine Wirklichkeit in dieser Welt<br \/>\nist. Dass sie erfahrbar wird, wo Menschen ihr Leben nach Gottes Wort ausrichten.<br \/>\nSelig, und das heisst: unter und in der K\u00f6nigsherrschaft Gottes lebend,<br \/>\nsind die Sanftm\u00fctigen und die, die nach der Gerechtigkeit hungern<br \/>\nund d\u00fcrsten, die Barmherzigen und die Friedfertigen. Und Jesus bietet<br \/>\ndieses Wort Gottes an, dieses wirkungsvolle Wort Gottes.<\/p>\n<p>Aber seine Anh\u00e4nger erfahren es immer wieder: Viele Menschen wollen<br \/>\nes nicht h\u00f6ren. Vielleicht finden sie ihr Leben mit einem fernen<br \/>\nGott einfacher. Vielleicht wollen sie lieber ihren eigenen Interessen<br \/>\nnachgehen. Die Anh\u00e4nger Jesu erleben es immer wieder, dass dieses<br \/>\nf\u00fcr sie so grossartige Angebot des nahen und sie begleitenden Gottes<br \/>\nvielen Menschen nichts bedeutet, dass sie weggeschickt werden, wenn sie<br \/>\ndavon reden, das sie ausgelacht werden, wenn sie danach zu leben versuchen,<br \/>\nja, dass ihnen sogar Feindschaft entgegenschl\u00e4gt von Menschen, die<br \/>\nihren eigenen Glauben bedroht sehen.<\/p>\n<p>Und diejenigen, die sich auf Jesu Botschaft einlassen, verstehen soviel<br \/>\nAbwehr als Arroganz oder Dummheit. Muss man da nicht doch gelegentlich<br \/>\nPfl\u00f6cke einschlagen, mit Nachdruck und mehr oder weniger sanfter<br \/>\nGewalt nachhelfen, sich gelegentlich auch kr\u00e4ftiger durchsetzen?<\/p>\n<p>Wir kennen die Ergebnisse solchen Denkens aus manch intoleranter Nachbarschaft,<br \/>\naus der Geschichte der Diktaturen und ihrer Ideologien bis in die Gegenwart.<br \/>\nWir kennen dieses Denken aber auch aus der Schule, wo Lehrer ihre Sch\u00fcler<br \/>\nauf vorgefertigte Wege bringen wollen, oder aus der Familie, wenn Vater<br \/>\noder Mutter nicht dulden wollen, dass die Kinder andere als die vorgegebenen<br \/>\nWege zu gehen sich anschicken.<\/p>\n<p>In dem Gleichnis Jesu hat der Bauer eine unglaubliche Geduld. Er weiss,<br \/>\nviel M\u00fche wird ergebnislos bleiben, viel Saatgut wird verloren sein.<br \/>\nTrotzdem streut er es aus, denn er weiss auch, dass soviel auf den guten<br \/>\nAckerboden f\u00e4llt, dass es eine reiche Ernte geben wird. Das, was<br \/>\nauf den guten Boden f\u00e4llt, wird Frucht in grosser F\u00fclle bringen.<\/p>\n<p>Wenn wir nun aus dem Gleichnis nur einen Aufruf zu mehr Toleranz und<br \/>\nGeduld heraush\u00f6ren w\u00fcrden, h\u00e4tten wir es immer noch nicht<br \/>\nverstanden. Gewiss sind Duldsamkeit und Geduld gute christliche Tugenden,<br \/>\naber Jesus sagt mehr.<\/p>\n<p>Wie der Bauer die Saat, so streut Gott sein Wort aus. Und Gottes Wort<br \/>\nbringt reiche Frucht. Mag da noch so viel auf kargen Boden oder in taube<br \/>\nOhren fallen, mag da noch so viel zertreten werden, verdorren oder ersticken,<br \/>\nder Ertrag wird trotz allem \u00fcberw\u00e4ltigend sein. Die K\u00f6nigsherrschaft<br \/>\nGottes wird sich ausbreiten trotz aller Widrigkeiten und R\u00fcckschl\u00e4ge,<br \/>\ndie die Anh\u00e4nger Jesu immer wieder erleben. Um die Wirkung des Wortes<br \/>\nGottes brauchen sie weder zu k\u00e4mpfen noch zu bangen.<\/p>\n<p>Und wie der Bauer zur Zeit Jesu erst nach der Aussaat mit dem Pflug \u00fcber<br \/>\nden Acker ging, wird Gott auch die Saat seines Wortes so in den Boden<br \/>\neinbringen, dass ein gut Teil in fruchtbaren Acker ger\u00e4t, wo Frucht<br \/>\nwachsen kann. Um Vertrauen auf Gottes Geduld und auf die Wirkung seines<br \/>\nWortes, um Gottvertrauen wirbt Jesus. &#8222;0, ihr Kleingl\u00e4ubigen,<br \/>\nwarum seid ihr so furchtsam?&#8220; ruft er seinen Anh\u00e4ngern einmal<br \/>\nin einer angstmachenden Lage zu. Lukas berichtet diese Geschichte wenige<br \/>\nVerse nach diesem Gleichnis. Hier lautet die Frage: &#8222;Wo ist euer<br \/>\nGlaube?&#8220;<\/p>\n<p>Jesus hat in diesem Vertrauen auf Gottes Wort und seine Wirkung bis zur<br \/>\nHinrichtung auf Golgatha gelebt. Die ersten Nachfolger Jesu haben denn<br \/>\nauch seinen Tod verglichen mit einem Samenkorn, dass nur dadurch, dass<br \/>\nes in die Erde f\u00e4llt und &#8222;erstirbt&#8220; wachsen und Frucht<br \/>\nbringen kann. So konnten sie die Botschaft von der Auferstehung verbinden<br \/>\nmit dem Gedanken an den Sieg des Wortes Gottes.<\/p>\n<p>Im Matth\u00e4usevangelium wird berichtet, dass Jesus einmal, als viele<br \/>\nMenschen gekommen waren, ihn zu h\u00f6ren, eine gro\u00dfe Anrede damit<br \/>\nbegann, dass er zu all den vielen Menschen sagte: &#8222;Ihr seid das Salz<br \/>\nder Erde &#8230; Ihr seid das Licht der Welt &#8230; &#8220; Er sagt nicht: &#8222;wenn<br \/>\nihr dies und jenes tut seid ihr&#8220;. Er sagt auch nicht: &#8222;Unter<br \/>\ndieser oder jener Bedingung k\u00f6nntet ihr sein&#8220;. Dabei wird er<br \/>\nsich bewu\u00dft gewesen sein, dass die Anrede: &#8222;Ihr seid &#8230;&#8220;<br \/>\nviele erreicht hat, die dann eben doch nicht Salz der Erde oder Licht<br \/>\nder Welt sein konnten oder wollten. Aber mit dem Wort Gottes, das Jesus<br \/>\nin der Bergpredigt mitteilt, ist es wie mit der Saat im Gleichnis: Es<br \/>\nist vieles nicht aufgegangen. Da aber, wo es aufgegangen ist, ist unendlich<br \/>\nreiche Frucht gewachsen bis in unsere Tage.<\/p>\n<p>Gott sei Dank! Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Richard Engelhardt 19055 Schwerin<br \/>\nPastor i.R. August Bebel Str.18A<br \/>\nTel.: 0385 5815432 Fax : 0385 5815431<br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sexagesimae | 23. Februar 2003 | Lukas 8,4\u20138 | Richard Engelhardt | (Vorbemerkung: Der Mehrheit der Exegeten folgend insbesondere Joachim Jeremias und Hans Weder wird f\u00fcr die Predigt nur das eigentliche Gleichnis aufgenommen. 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