{"id":9365,"date":"2003-03-07T19:49:47","date_gmt":"2003-03-07T18:49:47","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9365"},"modified":"2025-04-27T14:14:18","modified_gmt":"2025-04-27T12:14:18","slug":"lukas-1831-43-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1831-43-3\/","title":{"rendered":"Lukas 18,31-43"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">Estomihi | 2. M\u00e4rz 2003 | Lukas 18,31-43 | Birte Andersen |<\/span><\/b><\/h3>\n<p align=\"left\">Jesus ist auf dem Wege nach Jerusalem. Nicht auf einer Urlaubsreise, sondern zu seinem Tod. Er wei\u00df es selbst &#8211; kennt die Notwendigkeit des Leidens, damit neues Leben entstehen kann.<\/p>\n<p>Aber die J\u00fcnger, sie begreifen rein gar nichts &#8211; obwohl er sie in sein Wissen einweiht, ehe er sich auf die Reise begibt.<\/p>\n<p>Vielleicht begreifen sie nichts, weil sie noch so sehr mit sich selbst befa\u00dft sind, da\u00df sie nicht verstehen, da\u00df Hingabe des Lebens und Gabe des Lebens zwei Seiten ein und derselben Sache sind.<\/p>\n<p>Was es hei\u00dft, seinem Leiden entgegenzugehen, wissen wir aus der Erz\u00e4hlung des Lukas nicht, aber so in sich verschlossen ist er nicht, als da\u00df er sich nicht anrufen lie\u00dfe.<\/p>\n<p>Ein blinder Bettler, ein Mann, der es gewohnt ist, auf sich aufmerksam zu machen, ruft Jesus an. Und dieses hartn\u00e4ckige Rufen deutet Jesus als Glauben, dieses Rufen weckt den Willen Jesu zum Helfen und seine F\u00e4higkeit zu heilen.<\/p>\n<p>Jesus heilt, aber er heilt, weil der Mann seinen Mangel zeigt, seine Blindheit und seinen Glauben.<\/p>\n<p>Ein Wunder findet statt.<br \/>\nAber Wunder sind zweideutig. Damals wie heute.<\/p>\n<p>Damals, weil ein Eingriff wunderbarer Art auch als Werk des Teufels, als Werk Beelzebuls gedeutet werden konnte. Heute, weil Wunder fast ein Hindernis f\u00fcr den Glauben an Gott sind.<\/p>\n<p>Wunder passen nicht in unser Verst\u00e4ndnis von Wirklichkeit, sie sind zu merkw\u00fcrdig, als da\u00df wir sie verstehen k\u00f6nnten. Deshalb brauchen sie heute wie damals eine Richtung, eine Auslegung. Nicht eine Erkl\u00e4rung, aber eine Richtung.<\/p>\n<p>Es geht deutlich aus dem Gang der Erz\u00e4hlung hervor, da\u00df es sowohl um Heilung als auch um Heil geht.<\/p>\n<p>Eine konkrete, physische Wiederaufrichtung des Lebens f\u00fcr diesen Mann. Er bekam das Augenlicht wieder. Physisch &#8211; aber nicht nur physisch. Denn er verwandelte sich aus einem passiven Menschen, der am Wege sa\u00df, in einen aktiven Menschen, ja zudem in einen Menschen, der Jesus nachfolgt. Obwohl Jesus auf dem Weg zum Leiden ist.<\/p>\n<p>Man sollte ja meinen, da\u00df der zuvor Blinde diesen Weg kennt und ihn zu meiden sucht, den Weg des Leidens.<\/p>\n<p>Aber vielleicht kannte er nur das Leiden, nicht aber den Weg.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich verwandelt sich der Mann aus einem Bettler in einen J\u00fcnger, das ist das Entscheidende an der Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p>Er hatte ja nun die Wahl. Er konnte in die Gesellschaft zur\u00fcckkehren und sich der geltenden Wertenorm dieser Gesellschaft unterwerfen: dem Geld. Diesen Wert kannte er aus seiner Zeit als Bettler &#8211; wenn auch nur als Mangel.<\/p>\n<p>Aber er tut das nicht. Er sieht, da\u00df Gott in dem Menschen Jesus am Werke ist, und er lobt Gott. Und Gott Loben hei\u00dft ihm zu folgen.<\/p>\n<p>So gut ging die Erz\u00e4hlung nicht aus, die dieser unmittelbar vorausgeht, die Erz\u00e4hlung vom reichen J\u00fcngling. Er konnte sich nicht von seiner Norm und der Norm der Gesellschaft befreien: dem Geld. Es wird zu einer Bindung, die ihn festh\u00e4lt und vom Heil fernh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Anders ergeht es dem zuvor blinden Bettler.<\/p>\n<p>Er wird einer der ersten Personen im Neuen Testament, die die Geschichte Jesu und ihre eigene Geschichte zusammenschreiben.<\/p>\n<p>Und das ergibt ein ganz neues Bild des Lebens, wo das Leiden nicht verschwindet, sondern wo Leiden und Liebe miteinander verbunden werden, so da\u00df man sagen kann, da\u00df das Leiden ein Teil der Erl\u00f6sung ist. Erl\u00f6sung bedeutet nicht eine magische Befreiung von Leiden und Tod, sondern die F\u00e4higkeit und das K\u00f6nnen, die erforderlich sind, um durch Leiden und Tod hindurchzukommen. Zum ersten Mal in der Geschichte werden Leiden und Liebe miteinander verbunden, so da\u00df das Leiden von Liebe durchdrungen wird.<\/p>\n<p>Das Leiden wird in eine ganz neue Kategorie gebracht. Durch das Leiden hindurch und aus dem Leiden offenbart sich Gott. Das Leiden offenbart Liebe, Leben, Leidenschaft.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, da\u00df das lateinische Wort Passion sowohl Schmerz als auch leidenschaftliche Liebe bedeutet.<\/p>\n<p>Die Geschichte, in die der nun sehende Mann sein Leben einschreibt, die Geschichte Jesu, enth\u00e4lt ein Leiden, das eine Art \u00dcberschu\u00dfhandlung war, eine spontane Initiative von Seiten Jesu, die allen Prinzipien widersprach. Deshalb mu\u00df es in den Augen der Welt unbegreiflich wirken, nicht aber f\u00fcr die sehenden Augen des Bettlers.<\/p>\n<p>Das Wunder liegt dazwischen &#8211; als eine \u00d6ffnung der Welt. Er ahnt, was ihm begegnet ist: Ein Ausdruck des eigenen Wesens Gottes und seiner Einstellung zu den Menschen. Die Liebe, die das Innerste im Leben ist.<\/p>\n<p>Niemand hat gr\u00f6\u00dfere Liebe denn die, da\u00df er sein Leben l\u00e4\u00dft f\u00fcr seine Freunde (Joh. 15,13). An dieses Bild bindet der geheilte Mann sein Leben, als er Jesus folgt.<\/p>\n<p>Das bedeutet, da\u00df er sich dem aussetzt, da\u00df seine Welt ber\u00fchrt wird, da\u00df sie ver\u00e4ndert wird &#8211; von Kr\u00e4ften, die au\u00dferhalb seiner selbst liegen, die er nicht beherrscht. Kr\u00e4fte, die unverst\u00e4ndlich sind und furchterregend. Sie sind da, sie enthalten eine Kraft, die ihm Liebe erweisen und ihn bef\u00e4higen, ein gr\u00f6\u00dferes leben auszuhalten &#8211; im Guten wie im B\u00f6sen.<\/p>\n<p>An seinem Leib hat er das Wunder Gottes erfahren. Mit seinem Leib will er die Konsequenz des Wunders tragen. Als er sich von seiner Blindheit verabschiedete, mu\u00dfte er sich auch von seiner Selbstsucht, dem Kreisen um sich selbst, seinem Ego verabschieden.<\/p>\n<p>Nun ist da die Offenheit, die Nacktheit und das, was ihn will und ihn zum Menschen macht &#8211; wenn auch der Offene verwundbar ist und der Nackte verletzbar.<\/p>\n<p>Damit ist er im Unbekannten beheimatet.<\/p>\n<p>Ein Mensch, der das Leiden kennt und den Weg, singt so:<br \/>\n(Nelly Sachs: Sternverdunklung)<\/p>\n<p>Zuweilen wie Flammen<br \/>\njagt es durch unseren Leib &#8211;<br \/>\nals w\u00e4re er verwoben noch mit der Gestirne<br \/>\nAnbeginn<\/p>\n<p>Wie langsam leuchten wir in Klarheit auf &#8211;<\/p>\n<p>O nach wieviel Lichter Jahren haben sich unsere<br \/>\nH\u00e4nde gefaltet zur Bitte &#8211;<br \/>\nunsere Kniee sich gesenkt &#8211;<br \/>\nund aufgetan sich unsere Seele<br \/>\nzum Dank?<\/p>\n<p>Aus Nelly Sachs: Sternverdunkelung, zitiert nach: Fahrt ins Staublose &#8211;<br \/>\nDie Gedichte von Nelly Sachs, Frankfurt 1961, S. 143<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Birte Andersen<br \/>\nEmdrupvej 42<br \/>\nDK-2100 K\u00f8benhavn-\u00d8<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 39 18 30 39<br \/>\n<a href=\"mailto:bia@km.dk\">e-mail: bia@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Estomihi | 2. 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