{"id":9366,"date":"2003-03-07T19:49:45","date_gmt":"2003-03-07T18:49:45","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9366"},"modified":"2025-04-27T14:17:01","modified_gmt":"2025-04-27T12:17:01","slug":"matthaeus-4-1-11-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-4-1-11-4\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 4, 1-11"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\">Invokavit | 9. M\u00e4rz 2003 | Matth\u00e4us 4,1\u201311 | Rudolf Rengstorf |<\/h3>\n<p align=\"left\">&#8222;Da wurde Jesus vom Geist in die W\u00fcste gef\u00fchrt&#8220; &#8211;<br \/>\nso beginnt die Geschichte dieses Sonntags.<\/p>\n<p>Unmittelbar vorher hatte Jesus den Geist Gottes noch ganz anders erlebt.<br \/>\nWie viele andere hatte er sich von Johannes am Jordan taufen lassen.<br \/>\nDa hatte sich der Himmel \u00fcber ihm aufgetan. Und er hatte den Geist<br \/>\nGottes wie eine Taube auf sich herabkommen sehen: liebenswert und unendlich<br \/>\nbehutsam war er von Gottes Geist ber\u00fchrt worden mit der Botschaft: &#8222;Dies<br \/>\nist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!&#8220; In seiner<br \/>\nPerson &#8211; so war deutlich geworden &#8211; ber\u00fchrt der Himmel die Erde;<br \/>\ner ist der erkl\u00e4rte Sohn, der Repr\u00e4sentant Gottes auf Erden.<\/p>\n<p>Nun sollte man erwarten, da\u00df Jesus in die Geheimnisse der himmlischen<br \/>\nWelt eingef\u00fchrt und von der Freude der Seligen durchdrungen wird.<br \/>\nDoch derselbe Geist f\u00fchrt ihn dahin, wo die Erde am bedrohlichsten<br \/>\nist, in die W\u00fcste. Die Menschen, die eben noch um ihn waren, voller<br \/>\nBewunderung und Respekt &#8211; sie sind verschwunden. Jesus ist allein. Allein<br \/>\nmit seinem Leib, der Nahrung braucht und Fl\u00fcssigkeit, Schutz vor<br \/>\nder sengenden Sonne und den nach Beute suchenden Tieren in der Nacht.<br \/>\nAllein mit seiner Seele, die sich nach Gott sehnt wie nach menschlicher<br \/>\nGemeinschaft.<br \/>\nDa will der Geist Gottes ihn haben. Damit er sich ganz auf sich selbst<br \/>\ngestellt klar werden kann \u00fcber den Auftrag, der ihm allein gilt.<br \/>\nUnd stellen soll er sich dem, was diesen Auftrag durcheinanderbringen<br \/>\nund verkehren kann. Versucher, Satan, Teufel wird er genannt. Und wir<br \/>\ndenken dabei unwillk\u00fcrlich an eine unheimliche absto\u00dfende<br \/>\nGestalt, die den Menschen mit allen m\u00f6glichen Tricks ins Verderben<br \/>\nziehen will. Doch der Versucher, der Durcheinander- werfer &#8211; wie das<br \/>\nhier f\u00fcr den Teufel verwandte Wort w\u00f6rtlich zu \u00fcbersetzen<br \/>\nw\u00e4re &#8211; der, so zeigt sich, steckt in uns Menschen. Er steckte auch<br \/>\nin Jesus. Er will, wie es aussieht, nur unser Bestes. Und f\u00fchrt<br \/>\ndabei genau ins Gegenteil.<br \/>\nWoran wir ihn erkennen, was er zu unserem Schaden durcheinanderbringt,<br \/>\nwird an der Weise deutlich, wie er Jesus begegnet.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst meldet der Versucher sich in dem, was dem hungernden Jesus<br \/>\nin der W\u00fcste am meisten fehlt: Brot, Nahrung, S\u00e4ttigung. Was<br \/>\nist da nat\u00fcrlicher als die Frage: Mu\u00df ich als Sohn Gottes<br \/>\nnicht vor allem anderen daf\u00fcr sorgen, da\u00df der Hunger der Menschen<br \/>\ngestillt wird? Aus Steinen Brot machen. Das meint mehr, als da\u00df Jesus<br \/>\nsich im Handumdrehen etwas Nahrhaftes besorgen soll. Aus Steinen Brot<br \/>\nmachen &#8211; das ist ein Regierungsprogramm, mit dem der Sohn Gottes voll<br \/>\nausgelastet gewesen w\u00e4re: Daf\u00fcr zu sorgen, da\u00df die nat\u00fcrliche<br \/>\nNahrungsgrundlage der Menschen systematisch erweitert wird. Aus W\u00fcsten<br \/>\nG\u00e4rten machen. So viel Nahrungsmittel produzieren, bis alle satt<br \/>\nsind und f\u00fcr jeden da ist, was er und sie braucht und alle Bed\u00fcrfnisse<br \/>\nbefriedigt sind. Ist das nicht die Voraussetzung daf\u00fcr, da\u00df wahrhaft<br \/>\nmenschliches Leben entsteht mit Zeit und Phantasie auch f\u00fcr Gott?<br \/>\nJesus freilich kommt zu einem anderen Schlu\u00df: Der Mensch lebt nicht<br \/>\nvom Brot allein. Auch nicht f\u00fcr eine Zeit lang. Nach der Devise:<br \/>\nErst kommt das Fressen, dann die Moral, die Religion, der Glaube an Gott.<br \/>\nEbenso wichtig f\u00fcr den Menschen wie das Brot ist die Erfahrung,<br \/>\nvon Anfang an geliebt und gewollt zu sein, angesprochen und beansprucht<br \/>\nzu werden. Wenn ein Mensch davon nichts mitbekommt, dann bleibt es beim<br \/>\nFressen, und es wird nie etwas anderes daraus. Nahrung und die Erfahrung,<br \/>\nangesprochen und wertgesch\u00e4tzt zu sein, sie geh\u00f6ren zusammen<br \/>\nund d\u00fcrfen um Gottes Willen nicht durcheinander gebracht, nicht<br \/>\ngegeneinander ausgespielt werden. Etwa nach der umgekehrten Devise: Verge\u00dft<br \/>\nEure Initiativen f\u00fcr W\u00e4rmestuben und Tafeln f\u00fcr die Armen<br \/>\nim eigenen Land. Verge\u00dft die Aktion BROT F\u00dcR DIE WELT. K\u00fcmmert<br \/>\neuch statt dessen um Glaubenskampagnen und Evangelisationen. Damit h\u00e4tte<br \/>\nder Versucher Jesu Hinweis auf die Gottesbed\u00fcrftigkeit des Menschen<br \/>\nzum Zynismus verkehrt.<br \/>\nDie Bitte um das t\u00e4gliche Brot und die offene Hand f\u00fcr die<br \/>\nHungernden waren f\u00fcr Jesus an der Tagessordnung. Sie waren es aber<br \/>\ndeshalb, weil Gottes Name, Gottes Reich, Gottes Wille am Anfang stehen<br \/>\nund \u00fcber das hinaus, was wir t\u00e4glich brauchen und einander<br \/>\nschuldig bleiben, erl\u00f6send zum Zuge kommen.<\/p>\n<p>Doch mit dieser Feststellung ist Jesus den Versucher nicht los. Gut,<br \/>\nsagt der, wenn der Mensch wie das Brot auch Gott braucht, dann richte<br \/>\ndich als Sohn Gottes auch danach. Dann bring endlich handfeste Beweise<br \/>\ndaf\u00fcr, da\u00df Gott auch da ist und man sich auf ihn verlassen<br \/>\nkann. Dann demonstriere doch mal in aller \u00d6ffentlichkeit, da\u00df das<br \/>\nGotteswort, von dem wir angeblich leben, auch h\u00e4lt, was es verspricht.<br \/>\nEtwa jenes bis heute so beliebte Wort: &#8222;Er wird seinen Engeln befehloen,<br \/>\nda\u00df sie sie dich auf H\u00e4nden tragen, damit du deinen Fu\u00df nicht<br \/>\nan einen Stein st\u00f6\u00dft.&#8220; Komm mit auf die Spitze des Tempels<br \/>\nund st\u00fcrze dich hinab.<br \/>\nIn der Tat, das w\u00e4re nicht ohne Wirkung geblieben, wenn Jesus gezeigt<br \/>\nh\u00e4tte, da\u00df r\u00fcckhaltloses Gottvertrauen die Naturgesetze<br \/>\nau\u00dfer Kraft zu setzen und einem aus der H\u00f6he St\u00fcrzenden<br \/>\nzu unversehrter Landung zu verhelfen vermag.<br \/>\nJesus aber durchschaut den so naheliegenden Wunsch nach unwiderlegbaren<br \/>\nGottesbeweisen. Wer Gott mit au\u00dferordentlichen Aktionen beweisen<br \/>\nwill, dr\u00e4ngt ihn heraus aus dem allt\u00e4glichen Leben und legt<br \/>\nsein Wirken fest auf eine Art von Sonderwelt. Er fordert Gott dort heruas,<br \/>\nwo wir ihn gar nicht brauchen. &#8222;Warum &#8211; so fragt der un\u00fcbertrefflich<br \/>\nn\u00fcchterne Martin Luther &#8211; sich herunterst\u00fcrzen, wenn da eine<br \/>\nTreppe ist, auf der man ohne Gefahr heruntergehen kann?&#8220;<br \/>\nWieder sagt Jesus entschieden Nein. Mit seinem auf die N\u00e4he Gottes<br \/>\nvertrauenden Wirken hat er Menschen in erstaunlicher Weise helfen k\u00f6nnen,<br \/>\ngewi\u00df. Aber nur da, wo sie sich von ihm ansprechen und aktivieren<br \/>\nlie\u00dfen. Da kamen Lahme wieder in die G\u00e4nge, Blinden wurden<br \/>\ndie Augen aufgetan, Auss\u00e4tzige wurden rein, Besessene kamen wieder<br \/>\nzu Verstand. Das alles geschieht auch heute noch. Am eigenen Leib aber<br \/>\nhat Jesus nicht seine Unbesiegbarkeit, sondern seine Verletzbarkeit demonstriert.<br \/>\nBis zum Tod am Kreuz. Damit wir uns daran halten k\u00f6nnen: Auch wo<br \/>\nalles am Ende ist, haben wir den lebendigen Gott vor uns.<\/p>\n<p>Die letzte Versuchung f\u00fcr den sein Amt antretenden Gottessohn lag<br \/>\ndarin, sich politische Macht \u00fcbertragen zu lassen. Und sich dem<br \/>\nzu unterwerfen, was Macht und Herrschaft verleiht. Das war ja die landl\u00e4ufige<br \/>\nErwartung an den, der im Namen Gottes als Messias, als Christus kommen<br \/>\nsollte: Mit unwiderstehlicher Gewalt w\u00fcrde er das Land von den heidnischen<br \/>\nBesatzern befreien und einen Staat errichten, wie Gott ihn haben will.<br \/>\nIn der christlichen Kirche hat diese Versuchung sich als besonders wirksam<br \/>\nerwiesen. Seit dem vierten Jahrhundert bis zum Ende des Kaiserreiches<br \/>\nwar die Kirche des Abendlandes fest verbunden mit weltlicher Herrschaft.<br \/>\nUnd wenn wir uns inzwischen auch an die Trennung von Staat und Kirche<br \/>\ngew\u00f6hnt haben: Die S\u00e4kularisierung, die zunehmende Verweltlichung<br \/>\naller Lebensbereiche wird fast \u00fcberall als schmerzlicher Verlust<br \/>\nempfunden und beklagt. Kirchliche Feiertage, der Religionsunterricht<br \/>\nan den Schulen, der Sonntagsschutz &#8211; all das, was bisher f\u00fcr uns<br \/>\nselbstverst\u00e4ndlich war, verliert zunehmend an staatlicher Verbindlichkeit.<br \/>\nMit gro\u00dfer Z\u00e4higkeit versuchen wir, uns dagegen anzustemmen<br \/>\nund so viel wie m\u00f6glich von der Partnerschaft von Staat und Kirche<br \/>\nso festzuhalten.<br \/>\nJesus aber hat konsequent Nein gesagt zu der Versuchung, staatliche Gewalt<br \/>\nf\u00fcr die Sache des Reiches Gottes an Anspruch zu nehmen. Weil wir<br \/>\nGottes Ehre antasten, wenn wir seinen Willen mit Machtpolitik durchzusetzen<br \/>\nversuchen.<br \/>\nGottes Reich beginnt, wo die Liebe zu ihm gro\u00df wird, wo die Kleinen,<br \/>\ndie Abgeschriebenen, die Verlierer aufgerichtet werden, wo die Starken<br \/>\nden Schwachen dienen. Staat l\u00e4\u00dft sich damit nicht machen.<br \/>\nDer ist da und hat seinen guten Sinn, solange er sich nicht an die Stelle<br \/>\nGottes setzt und bedingungslose Loyalit\u00e4t fordert. Da werden die<br \/>\nLeute Jesu auf der Hut sein und Widerstand leisten und daran erinnern:<br \/>\nDu sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen!<\/p>\n<p>&#8222;Da verlie\u00df ihn der Teufel. Und siehe, da traten die Engel<br \/>\nzu ihm und dienten ihm.&#8220;<br \/>\nGottes Engel sind da, wo der Mensch sich nicht an Gottes Stelle setzt,<br \/>\nsondern sich an seinem Platz von Gottes Willen leiten l\u00e4\u00dft.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Superintendent Rudolf Rengstorf<br \/>\nWilhadikirchhof 11<br \/>\n21682 Stade<br \/>\n<a href=\"mailto:Rudolf.Rengstorf@evlka.de\">e-mail: Rudolf.Rengstorf@evlka.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Invokavit | 9. M\u00e4rz 2003 | Matth\u00e4us 4,1\u201311 | Rudolf Rengstorf | &#8222;Da wurde Jesus vom Geist in die W\u00fcste gef\u00fchrt&#8220; &#8211; so beginnt die Geschichte dieses Sonntags. Unmittelbar vorher hatte Jesus den Geist Gottes noch ganz anders erlebt. Wie viele andere hatte er sich von Johannes am Jordan taufen lassen. 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