{"id":9374,"date":"2003-03-07T19:49:49","date_gmt":"2003-03-07T18:49:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9374"},"modified":"2025-04-27T16:47:42","modified_gmt":"2025-04-27T14:47:42","slug":"markus-121-2-und-matthaeus-2128-44","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-121-2-und-matthaeus-2128-44\/","title":{"rendered":"Markus 12,1-2 und Matth\u00e4us\u00a021,28-44"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\">\u00a0Reminiscere | 16. M\u00e4rz 2003 | Markus 12,1-2 und Matth\u00e4us 21,28-44 | Hanne Sander |<\/h3>\n<p>Das Gleichnis von den sogenannten b\u00f6sen Weing\u00e4rtnern hat seine Parallele im Matth\u00e4usevangelium, wo es (nach der d\u00e4nischen<br \/>\nPerikopenordnung, die auch Matth. 21,28-32 mit umfa\u00dft) mit dem\u00a0Gleichnis von den beiden ungleichen S\u00f6hnen im Weinberg verbunden\u00a0wird, dem Ja-Bruder und dem Nein-Bruder.<\/p>\n<p>Das Gleichnis stellt einen Vater mit zwei S\u00f6hnen dar, wo der Vater\u00a0zuerst den einen darum bittet, in den Weinberg zu gehen und zu arbeiten.\u00a0Und der Sohn sagt nein, bereut aber sein Nein und geht dennoch in den\u00a0Weinberg und arbeitet. Dann bittet der Vater den anderen, der sagt ja,\u00a0geht aber nicht. &#8222;Welcher unter den zweien hat des Vaters Willen\u00a0getan?&#8220; fragt Jesus.<\/p>\n<p>Die beiden Gleichnisse erg\u00e4nzen einander, deshalb beziehe ich\u00a0beide ein.<\/p>\n<p><strong>Predigt<\/strong><\/p>\n<p>Ich erinnere mich noch immer an einen Studienfreund aus Aarhus, meinem\u00a0Studienort, der wie wir anderen regelm\u00e4\u00dfig von einem Buchverk\u00e4ufer\u00a0Besuch erhielt, der ihn dazu \u00fcberreden wollte, mal dieses mal jenes\u00a0zehnb\u00e4ndige Werk zu kaufen, das angeblich ganz unverzichtbar war,\u00a0wenn wir uns Hoffnung machen sollten, das Examen zu bestehen. Aber dieser\u00a0Freund fand bald heraus, da\u00df die schnellste Art und Weise, den\u00a0Mann loszuwerden, darin bestand, ihn hereinzubitten, seinen Empfehlungen\u00a0etwas zuzuh\u00f6ren und dann sofort ja zu sagen und zu unterschreiben\u00a0&#8211; um dann, sobald der Mann wieder gegangen war, das ganze wieder r\u00fcckg\u00e4ngig\u00a0zu machen und die B\u00fccher mit einer Postkarte wieder abzubestellen.<\/p>\n<p>Ich kann dieses System nicht empfehlen &#8211; aber diese Geschichte kann\u00a0einen dennoch dar\u00fcber nachdenken lassen, warum so gut wie nie nach\u00a0einer Begr\u00fcndung gefragt wird, wenn wir ja sagen &#8211; w\u00e4hrend\u00a0wir erkl\u00e4ren m\u00fcssen, ja fast entschuldigen m\u00fcssen, wenn\u00a0wir jemandem nein sagen.<\/p>\n<p>Wie oft sagen wir nicht ja zu etwas und lassen dennoch andre M\u00f6glichkeiten\u00a0offen &#8211; wenn uns etwas dazwischenkommt oder ich anderes vorhabe, dann\u00a0wird mein Ja zu einem Nein.<\/p>\n<p>Aber der Jasager vergi\u00dft, da\u00df er Erwartungen bei dem geweckt\u00a0hat, der gefragt hat. Der, der gefragt hat, konnte nicht h\u00f6ren,<br \/>\nda\u00df das Ja voll von Vorbehalten war &#8211; konnte vielleicht auch nicht\u00a0h\u00f6ren, ob es ein Ja war, das nur das Ziel hatte, sich bequem und\u00a0h\u00f6flich aus der Aff\u00e4re zu ziehen.<\/p>\n<p>Man ist versucht, dieses Bild auf die volkskirchlichen Verh\u00e4ltnisse\u00a0zu \u00fcbertragen, wie sie sich oft darstellen. Wenn wir &#8211; jedenfalls<br \/>\nin D\u00e4nemark &#8211; die Mitgliederzahlen betrachten, dann gibt es viele\u00a0Jasager &#8211; aber wenn ein Ja in der Wirklichkeit, im Alltag gelebt werden\u00a0soll, dann zeigt sich, da\u00df in ihm ein nein verborgen war. Neulich\u00a0zeigte das d\u00e4nische Fernsehen den Besuch zweier afrikanischer Studenten\u00a0in D\u00e4nemark und ihre Eindr\u00fccke von Kirche und Gesellschaft\u00a0in D\u00e4nemark. Die afrikanischen Studenten waren ersch\u00fcttert\u00a0dar\u00fcber, da\u00df z.B. in einer dritten Klasse mit 22 Sch\u00fclern\u00a0nur vier Kinder das Vaterunser konnten und da\u00df in derselben Klasse\u00a0nur sechs, die manchmal in die Kirche gingen. Die Kinder wurden gefragt,\u00a0warum sie nicht zur Kirche gingen, und ein Teil von ihnen sagte, dazu\u00a0h\u00e4tten sie keine Lust. Andere sagten, da\u00df ihre Eltern auch\u00a0nicht in die Kirche gingen. Aber alle in der Klasse waren getauft. Man\u00a0hatte also ja gesagt.<\/p>\n<p>So gesehen ist der Neinsagen sympathischer. Er schafft jedenfalls nicht\u00a0Erwartungen, die er nachher nicht erf\u00fcllt. Oft geh\u00f6rt mehr\u00a0Mut dazu, nein zu sagen &#8211; gegen den Strom zu schwimmen, mit dem hergebrachten\u00a0zu brechen &#8211; seinen eigenen Weg zu gehen und sich \u00fcber das Erwartete\u00a0hinwegzusetzen.<\/p>\n<p>Aber der Neinsager des Gleichnisses h\u00e4lt ja auch nicht an seinem\u00a0Beschlu\u00df fest. Auch bei ihm h\u00e4ngen Wort und Tat nicht zusammen\u00a0&#8211; in dieser Hinsicht haben sich der Jasager und der Neinsager gegenseitig\u00a0nichts vorzuwerfen. Und niemand von ihnen f\u00fchlt sich dem gemeinsamen\u00a0Leben und der gemeinsamen Arbeit im Weinberg verpflichtet. Ich sehe in\u00a0beiden eine Haltung verk\u00f6rpert, die sagt: Ich tue das, was mir gef\u00e4llt\u00a0und was mir pa\u00dft. Und beide \u00fcbersehen, da\u00df Erwartungen\u00a0an sie gestellt werden. Fr\u00fcher einmal hie\u00df es, da\u00df die\u00a0Menschen eine Berufung hatten, da\u00df es etwas gibt, was wir sollen,\u00a0da\u00df das Dasein bzw. Gott und andere Menschen mit uns rechnen und\u00a0etwas von uns wollen.<\/p>\n<p>In dieser Weise meine ich auch, da\u00df die beiden Bilder des Textes\u00a0zusammenh\u00e4ngen, das Bild des Jasagers und des neinsagers und das\u00a0Bild des Weinbergbesitzers, der seinen Weinberg verpachtete.<\/p>\n<p>Was indirekt und implizit im ersten Bild liegt, wird im zweiten Bild\u00a0ausdr\u00fccklich: Weder der Jasager noch der Neinsager achten gen\u00fcgend\u00a0darauf, wie ihr Leben mit dem Leben anderer zusammenh\u00e4ngt und dieses\u00a0beeinflu\u00dft. Die P\u00e4chter des Weinbergs leben ihr Leben, als\u00a0seien sie die Herren, die alles bestimmen. Als geh\u00f6rten der Weinberg\u00a0und die Fr\u00fcchte ihnen &#8211; und als brauchten sie nicht mit jemandem\u00a0zu teilen. In gewisser Weise unglaublich naiv: Zu leben, als h\u00e4tte\u00a0man ein Recht auf den Weinberg bzw. die Welt &#8211; vor anderen &#8211; und dann\u00a0gewaltt\u00e4tig die anderen au\u00dfen vor zu halten, um die Ernte\u00a0bzw. die Ausbeute f\u00fcr sich zu behalten. Aber die Konsequenzen sind\u00a0gewaltig und furchtbar.<\/p>\n<p>Als das Gleichnis von den Zeitgenossen Jesu gedeutet wurde, verstand\u00a0man es rein lokal, als eine heftige Kritik an den Juden, die den Weinberg\u00a0f\u00fcr sich behalten wollten und Gott als ihren Gott betrachteten &#8211;\u00a0wobei sie in ihrer Verteidigung so weit gingen, den Sohn Jesus zu t\u00f6ten,\u00a0um sich das Erbe zu sichern. So gesehen hat das Gleichnis sehr zum Antisemitismus\u00a0beigetragen. Im 16. Jahrhundert wurde das Gleichnis in der Auseinandersetzung\u00a0zwischen der katholischen Kirche und der protestantischen Bewegung gedeutet.\u00a0Lukas Cranach der J\u00fcngere hat ein phantastisches Bild gemalt, das\u00a0zeigt, wie der Papst und seine Leute den Weinberg vers\u00e4umen und\u00a0zerst\u00f6ren, w\u00e4hrend Luther und seine Mitstreiter den Weinberg\u00a0so pflegen, wie es erforderlich ist, damit eine gute Ernte zustande kommt.<\/p>\n<p>In einer heutigen Auslegung kann man das Bild auf verschiedenen Ebenen\u00a0verwenden.<\/p>\n<p>Sozial und politisch: Es zeigt uns selbst in der westlichen Welt als\u00a0die, die sich die Welt als einen Weinberg angeeignet haben &#8211; und alles\u00a0tun, um andere au\u00dfen vor zu halten.<\/p>\n<p>Religi\u00f6s: Es zeigt uns selbst als die, die meinen, das Reich Gottes\u00a0geh\u00f6re uns wie ein Weinberg.<\/p>\n<p>In allen F\u00e4llen endet das Gleichnis mit ganz furchtbaren Konsequenzen.\u00a0Aber so k\u00f6nnen wir nicht von der Kirche nach Hause gehen. So kann\u00a0ich vielleicht mit dem Vorwurf leben, da\u00df ich die \u00e4tzende\u00a0Kritik an unserer Lebensweise nicht als letztes Wort stehen lassen will.\u00a0Aber im letzten Bild ist ein anderes Bild enthalten, n\u00e4mlich das\u00a0von dem Sohn, der sowohl ja sagte als auch in den Weinberg ging &#8211; und\u00a0sich heraustreiben und t\u00f6ten lie\u00df, der aber sein Ja festhielt,\u00a0zu seinem Vater, zur Welt, zu uns.<\/p>\n<p>Sein Ja ist ein Gegenbild zu all unseren leeren Jaworten und trotzigem\u00a0Neinsagen.<\/p>\n<p>Und wir k\u00f6nnen Gottes Ja zu uns durch ihn h\u00f6ren &#8211; damit sich\u00a0neue Wege \u00f6ffnen, neue M\u00f6glichkeiten, damit wir neue Einsicht\u00a0und neue Selbsterkenntnis gewinnen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer Hanne Sander<br \/>\nPrins Valdemarsvej 62<br \/>\nDK-2820 Gentofte<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 39 65 52 72<br \/>\n<a href=\"mailto:sa@km.dk\">e-mail: sa@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Reminiscere | 16. M\u00e4rz 2003 | Markus 12,1-2 und Matth\u00e4us 21,28-44 | Hanne Sander | Das Gleichnis von den sogenannten b\u00f6sen Weing\u00e4rtnern hat seine Parallele im Matth\u00e4usevangelium, wo es (nach der d\u00e4nischen Perikopenordnung, die auch Matth. 21,28-32 mit umfa\u00dft) mit dem\u00a0Gleichnis von den beiden ungleichen S\u00f6hnen im Weinberg verbunden\u00a0wird, dem Ja-Bruder und dem Nein-Bruder. 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