{"id":9380,"date":"2003-03-07T19:49:52","date_gmt":"2003-03-07T18:49:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9380"},"modified":"2025-04-27T16:59:20","modified_gmt":"2025-04-27T14:59:20","slug":"lukas-9-57-62-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-9-57-62-2\/","title":{"rendered":"Lukas 9, 57-62"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">Okuli | 23. M\u00e4rz 2003 | Lukas 9, 57-62 | Ulrich Haag |<\/span><\/b><\/h3>\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>es ist Krieg und wir h\u00f6ren die Worte Jesu, mit denen er die Welt nach einem Krieg beschreibt: Eine Welt ohne Geborgenheit und Schutz, eine Welt aus Bombentrichtern und brennenden \u00d6lfeldern, wie haben sie schon einmal gesehen, eine Welt aus zerst\u00f6rten St\u00e4dten kahlen Feldern zerschossenen H\u00e4usern. Nichts bleibt, wo ein Mensch sein Haupt betten k\u00f6nnte, kein Dach \u00fcber dem Kopf, keine T\u00fcr zum hinter sich zu machen, keine Wand, in deren Schatten man sich bergen k\u00f6nnte. Nur offener Himmel, aus dem es \u2013 wer entscheidet dar\u00fcber \u2013 jederzeit wieder Bomben regnen kann, die dann auch mein Leben ausradieren werden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich. Das ist Ausnahmezustand. Das ist weit weg. Das ist Krieg.<br \/>\nAber Jesus spricht seine S\u00e4tze ins normale Leben hinein. Kein Platz das Haupt zu betten, kein Moment um zur Ruhe zu kommen. Gilt das auch f\u00fcr normale Menschen unter normalen Lebensbedingungen?<br \/>\nWas hei\u00dft normal?<\/p>\n<p>Mit seiner Rede vom Menschen, der nirgends Halt findet, nirgends Sicherheit und Orientierung scheint sich Jesus auch auf der H\u00f6he unserer Kultur zu befinden, die unter den Schlagworten Globalisierung und Flexibilisierung gewachsene Beziehungen f\u00fcr hinderlich erkl\u00e4rt. Gewerkschaften, Vereine, Kirchen leiden unter Schwund. Die Keimzelle allen Zusammenlebens die Familie ist auf Minimalgr\u00f6\u00dfe zusammengeschrumpft und wechselt im Laufe der Jahre mehrmals die Konstellationen: Erzieherin 1, Kind eins \u2013 das kleinstm\u00f6gliche Modell ist beinahe die Regelgr\u00f6\u00dfe, gegebenenfalls kommen Erzieher 1 und Kind 2 hinzu. Erzieher 1 ist t\u00e4tig bei internationalem Konzern, regelm\u00e4\u00dfig auf Achse, was hei\u00dft auf Achse, auf Interkontinentalflug in Gesch\u00e4ftsdingen. \u00dcberall und nirgends, aber per Handy zu erreichen, wenn was is. Vater von Kind 1 hat Besuchsrecht am Wochenende, hat aber Sa-So regelm\u00e4\u00dfig Dienst. Oma 3 halbj\u00e4hrlich auf Mallorca mit angeheiratetem Opa 4. Opa 1 ist noch berufst\u00e4tig, zuletzt in Hamburg, weil dort noch Jobs in seiner Branche. Mutter von Kind 2 ist verschollen, schrieb zuletzt aus einer Therapie in Bad Wildungen.<\/p>\n<p>Wer gibt wem noch wann Geborgenheit? Wer findet bei wem noch Ruhe. Noch den Ort, wo er alles vergessen darf, die Fl\u00fcgel h\u00e4ngen lassen, mit der Seele baumeln, wo er einfach zu Hause ist? Wo er nicht in st\u00e4ndig sprungbereiter Wachheit die n\u00e4chste Herausforderung abwarten mu\u00df?<\/p>\n<p>Und wer begr\u00e4bt die Toten? Die Trauerhallen leeren sich, immer kleiner werden die Kreise, die einem Verstorbenen das letzte Geleit geben. Immer gleichg\u00fcltiger wird die Bestattungsmaschinerie, immer abgehackter die Rituale. Bald sind es wirklich nur noch die Toten, die die Toten Beerdigen, nur der Pfarrer geht mit im schwarzen Talar \u2013 wenn \u2013 ja, wenn sich der Verstorbene zu Lebzeiten hat entschlie\u00dfen k\u00f6nnen, sich an die Kirche zu binden.<\/p>\n<p>Der Abri\u00df aller Geborgenheiten, der Bruch mit der Tradition, der Aufbruch aus dem Gewachsenen, die Ungebundenheit als ideale Lebensweise, die Single-Existenz \u2013 das ist die Welt, in der nur die St\u00e4rksten \u00fcberleben. Auf sich allein gestellt: das halten nur die Kr\u00e4ftigsten aus. Ohne Schutz: das schaffen nur die sich selbst in jeder Lage verteidigen k\u00f6nnen. Ohne ablesbaren Sinn, ohne erkennbares Ziel durch die eigene Biographie marschieren, das bringen nur die Mutigsten fertig. Und wohl denen, die vorzeitig fallen auf dem Schlachtfeld, bevor ihnen die Zuversicht sinkt, sie die Kr\u00e4fte verlassen. Wehe denen, die am Ende auf Hilfe angewiesen sind, um noch ein menschenw\u00fcrdiges Leben zu f\u00fchren. Wehe denen, die ohne Beistand in die M\u00fchlen des Gesundheitswesens geraten. Oder gar die der Pflegeversicherung. Hier wird sie sichtbar: Eine Diktatur omin\u00f6ser Sachzw\u00e4nge in der wir leben, ein immer weniger geregelter Krieg aller gegen alle. Wer nicht die Ellbogen hat, sich sein Pl\u00e4tzchen freizuboxen, der findet allenfalls ein Bett auf der Pflegestation. Aber nicht den Platz, um sein Haupt zu betten.<\/p>\n<p>Und Menschen, die entwurzelt sind, haben nicht viel zu verlieren. Sie lassen sich leicht in den n\u00e4chsten Krieg schicken.<\/p>\n<p>Menschen, die unter materiellem Druck stehen, sind leicht bereit, f\u00fcr das wenige, was sie erhoffen, zu schie\u00dfen.<\/p>\n<p>Menschen, die man hetzt und die sich gehetzt f\u00fchlen, sind leicht bereit das Leben zu tauschen gegen Ruhe, zur Not gegen Grabesruhe!<\/p>\n<p>Da geh\u00f6rt es zweifellos zum Auftrag der Kirche, Gemeinschaften Raum zu geben, Bindungen zu festigen, ein Dach \u00fcber dem Kopf zu sein, Insel der Geborgenheit, Oase der Ruhe, St\u00e4tte des Asyls, der Solidarit\u00e4t, des Zusammenhalts, Gemeinde eben<\/p>\n<p>Und unsere Aufgabe, die von uns Christinnen und Christen ist es, Lebenszusammenh\u00e4nge aufzubauen, Familie, Kirchengemeinde, Vereine, in die unsere Kinder hineinwachsen, in denen sie einen Schutzraum finden, um zu stabilen Pers\u00f6nlichkeiten heranzureifen. Ein zu Hause, eine R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeit auch f\u00fcr uns, die wir schon etwas erlebt haben von dem rauen Klima, das drau\u00dfen herrscht.<\/p>\n<p>Im Alten Testament begegnen sie uns Seite f\u00fcr Seite: Festegef\u00fcgte Gemeinschaften, die den Menschen Halt geben, Sippen, die tief in den \u00fcberkommenen Werten verwurzelt sind, Familien, die sich \u00fcber vier, f\u00fcnf Generationen erstrecken, und in denen einer das Sagen hat, St\u00e4mme, die jeder Familie ihren Platz zuweisen. Und doch erz\u00e4hlt das AT nicht anders vom Menschen als Jesus es in unserem Predigttext tut, n\u00e4mlich da\u00df er keine St\u00e4tte hat, um sein Haupt hinzulegen. Abraham im fremden Land, Isaak im Alter, blind und gebrechlich vom eigenen Sohn schamlos betrogen, Jakob auf der Flucht, Josef von den eigenen Br\u00fcdern nach \u00c4gypten verkauft, Krieg zwischen den Sippen Abrahams und Lots, Gewalt der Stadtk\u00f6nige gegen die wehrlosen Nomaden.<\/p>\n<p>\u00dcberschaubare, wohlgeordnete Gemeinschaften \u2013 und doch keine Geborgenheit. Immer die Angst. Angst in der Hackordnung der Gruppe den Platz r\u00e4umen zu m\u00fcssen. D\u00fcnkel zwischen den Familien, Gewalt der V\u00e4ter, subtile Rache der M\u00fctter, Angst vor dem eigenen Versagen, vor Schuld und Rache &#8211; und alles verschwiegen, unter den Teppich gekehrt. Vielleicht deshalb durchgehend bei allen biblischen Gestalten die eine Sehnsucht: Raus! Raus aus meines Vaters Haus, raus aus der Enge der Familie, raus aus der Beschr\u00e4nktheit der Sippe, raus aus dem Hungerland, raus aus dem Land der Sklaverei.<\/p>\n<p>Mag sein, menschliche Gemeinschaften wollen Keimzelle des Friedens sein. Das Heil aber bringen sie nicht. Sie basieren zwangsl\u00e4ufig auf Abgrenzung nach au\u00dfen. Sie ben\u00f6tigen Hierarchien nach innen, sie leben in Angst und sind in Angst eingebettet. Und damit sind auch sie &#8211; Keimzelle des Krieges.<\/p>\n<p>So bleibt uns am Ende nichts \u00fcbrig, als Jesus zuzustimmen. Ja, es ist tats\u00e4chlich so. Wie auch immer der Mensch lebt, sich einordnet, unterordnet, sich befreit und auf eigene Rechnung lebt: Ganz bis zu Ende gedacht, ganz bis zu Ende gelebt und ganz bis auf den Grund geschaut: Nichts bleibt auf dieser Welt, nichts, worauf sich der Mensch endg\u00fcltig verlassen k\u00f6nnte, nichts wo er sich dauerhaft ausruhen k\u00f6nnte, endlich das Sorgen sein lassen k\u00f6nnte. Der Menschensohn hat nichts, wo sein Haupt betten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Und doch kannte Jesus einen, bei dem er sein Haupt gebettet hat. Er begegnet ihm am See Genezareth, allein auf einem Berg, im Garten Gethsemane \u2013 er ruft nach ihm am Kreuz. Er nennt ihn Vater und bei ihm kommt er zu sich selbst, zur Ruhe nach den Tagen des Tumults, der sich um ihn entspinnt.<\/p>\n<p>Nur bei dem, nur bei dem findet ein Mensch wirkliche Geborgenheit, nur bei dem ins er aufgehoben \u2013 und das noch in den schlimmsten Strapazen, selbst auf den furchtbarsten Etappen seiner Biographie. So hat es Paulus erfahren, der die Stimme hatte, im Gef\u00e4ngnis zu singen. So Daniel in der L\u00f6wengrube, so der Prophet Jeremia in der Zisterne: So bekennt es der Heidelberger Katechismus: Er ist der einzige Trost im Leben und im Sterben.<\/p>\n<p>So ist die Absage Jesu zu verstehen. Er erteilt sie denen, die ihre Geborgenheiten diesseits suchen, bei einem Meister, einem Guru, in einer Gemeinschaft, der Familie, ihrer Herkunft.<\/p>\n<p>Mag sein: das Leben ohne Sicherungen ist etwas radikales. Doch ob wir wollen oder nicht, irgendwann kommen wir alle an den Punkt, wo unsere Geborgenheiten nicht mehr tragen, wo wir sehen, da\u00df nichts und niemand da ist, bei dem wir unser Haupt betten k\u00f6nnten. Nichts und niemand au\u00dfer Gott allein. Wenn es soweit ist, d\u00fcrfen wir es getrost wagen: Uns im Namen Jesu auf Gott hin fallen lassen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Ulrich Haag, Aachen<br \/>\n<a href=\"mailto:haag@ekir.de\">e-mail: haag@ekir.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Okuli | 23. 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