{"id":9388,"date":"2003-04-07T19:49:45","date_gmt":"2003-04-07T17:49:45","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9388"},"modified":"2025-04-28T09:23:36","modified_gmt":"2025-04-28T07:23:36","slug":"markus-10-35-45-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-10-35-45-3\/","title":{"rendered":"Markus 10, 35-45"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\">Judika | 6. April 2003 | Markus 10,35\u201345 | Birte Andersen |<\/h3>\n<p align=\"left\">Ehrgeiz und Ambitionen sind problematisch.<\/p>\n<p>Als ich jung war, wurde man schief angesehen, wenn man seine Ambitionen<br \/>\nzu deutlich zeigte. Denn damals waren die Werte deutlicher gepr\u00e4gt<br \/>\nvon Idealen der Gemeinschaft und Solidarit\u00e4t. Und da passen Ambitionen<br \/>\nnicht gut ins Bild.<\/p>\n<p>Heute ist das anders. Heute zeigt man seine Ambitionen ganz offen,<br \/>\neinige werden sagen man stellt sie schamlos zur Schau. Karriereplanung<br \/>\nund Verzicht auf Lebensqualit\u00e4t sind keine Schimpfworte mehr, sondern<br \/>\nMittel in der Welt, in der wir leben.<\/p>\n<p>Dennoch kann das leicht peinlich werden &#8211; auch heute. Wie z.B. die<br \/>\nDame, deren Sohn gerade an der P\u00e4dagogischen Hochschule sein Studium<br \/>\nbegonnen hatte: Sie stellte dies aber ihrer Umgebung so dar, als werde<br \/>\nihr Sohn zum Schulrektor ausgebildet! L\u00e4cherlich, und ein gewisses<br \/>\nUnbehagen stellt sich leicht ein angesichts allzu offener oder durchschaubarer<br \/>\nAmbitionen. Andererseits w\u00fcnschen wir, da\u00df es unseren Kindern<br \/>\ngut geht, und wenn unsere Ambitionen nicht so sehr auf Geld ausgerichtet<br \/>\nsind oder Status, sondern darauf, sein Leben so gut wie m\u00f6glich<br \/>\nzu gebrauchen, einen Beitrag zu leisten und h\u00f6chste Anforderungen<br \/>\nan sich selbst und andere zu stellen, ja, dann haben wir wiederum nichts<br \/>\ndagegen.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit wissen wir nicht ganz, in welcher Richtung die Mutter<br \/>\nder S\u00f6hne des Zebed\u00e4us sich ihre Ambitionen erf\u00fcllt sehen<br \/>\nwollte. Aber da sie vom Reich Gottes redet, k\u00f6nnte einiges daf\u00fcr<br \/>\nsprechen, da\u00df es sich um das echte Leben handelt, von dem sie redet,<br \/>\nGott, dem Sohn Gottes und dem Willen Gottes nahe zu sein. Es deutet darauf<br \/>\nhin, wenn Jesus vertiefend fragt: &#8222;K\u00f6nnt ihr den Kelch trinken,<br \/>\nden ich trinken werde?&#8220; &#8211; und diese Frage bejaht wird. Es handelt<br \/>\nsich also vielleicht um einige \u00fcberwiegend positive Ambitionen,<br \/>\nwenn auch etwas komisch vorgetragen. Eines mu\u00df man n\u00e4mlich<br \/>\ndieser Mutter zugute halten: Sie l\u00e4\u00dft sich nicht von falscher<br \/>\nDemut leiten.<\/p>\n<p>Ihr Ansinnen veranla\u00dft Jesus dazu, deutlich zu machen, was die<br \/>\nwahre Ambition in diesem Leben sein soll: Nicht Machtposition zum eigenen<br \/>\nVorteil, sondern ein Dienst in Demut f\u00fcr das Allgemeinwohl, die<br \/>\nLiebe, ein Dienst, dessen Weg Jesus selbst durch sein Beispiel aufzeigt.<\/p>\n<p>Das sind gute Ideale, die uns heute &#8211; auch wenn wir sie seit zweitausend<br \/>\nJahren geh\u00f6rt haben &#8211; dennoch unendlich fern liegen, wo jeder danach<br \/>\nstrebt, seines eigenen Gl\u00fcckes Schmied zu sein, und nicht so genau<br \/>\nauf die Leichen sieht, die die eigene Macht unterwegs im Stra\u00dfengraben<br \/>\nhinterl\u00e4\u00dft. Es scheint so, als sei die Kluft zwischen einer<br \/>\nchristlichen, humanen und solidarischen Auffassung einerseits und andererseits<br \/>\ndem Kampf ums Prestige aller gegen alle um Geld und Einflu\u00df un\u00fcberbr\u00fcckbar.<br \/>\nAber wer hat heutzutage Lust &#8211; oder das Format, die Leiden und Widrigkeiten<br \/>\ndurchzustehen, die ein echter Dienst f\u00fcr das Leben mit sich bringt?<\/p>\n<p>Die beiden J\u00fcnger antworteten ja, aber sie wu\u00dften nicht,<br \/>\nwozu sie ja sagten. Jesus wu\u00dfte, da\u00df sie ihm nicht aus eigener<br \/>\nKraft in Leiden und Tod folgen konnten. Das sollte sich nach der Verhaftung<br \/>\nJesu als allzu wahr erweisen.<\/p>\n<p>Ob wir ein Leben akzeptieren, das nicht nur uns selbst geh\u00f6rt,<br \/>\nsondern mehr ist als wir, so da\u00df es Leiden und Schmerz mit sich<br \/>\nbringen kann, das h\u00e4ngt vor allem von zwei Dingen ab. Einmal davon,<br \/>\nwie sehr wir an das Bild Christi gebunden sind und an das Leben, das<br \/>\ner er\u00f6ffnet, und zum andern davon, ob wir verstehen, was das f\u00fcr<br \/>\neine Demut ist, die Jesus von uns fordert.<\/p>\n<p>Das letzte zuerst: Wenn wir von Demut reden, meinen wir gew\u00f6hnlich<br \/>\netwas Psychologisches, ein Gef\u00fchl, bei dem wir uns selbst binden<br \/>\nund uns selbst zwingen, anst\u00e4ndiger und ordentlicher zu sein, als<br \/>\nwir eigentlich sind. Eine Z\u00fcchtigung, die darin besteht, Ambitionen<br \/>\nzu ersticken und uns klein zu machen &#8211; im Vertrauen darauf, da\u00df das,<br \/>\ndem wir diesen, dadurch &#8211; fast automatisch &#8211; wachsen wird.<\/p>\n<p>Aber so wie Jesus im Neuen Testament den Begriff der Demut gebraucht,<br \/>\nhandelt es sich nicht um ein psychologisches Gef\u00fchl, sondern um<br \/>\neinen Zugang zum Leben, wo der einzelne nicht das ganze Ziel der Welt<br \/>\nist, sondern mit der Gro\u00dfe rechnet, die eben einen Menschen dem\u00fctig<br \/>\nmachen kann. Ein Zugang zum Leben, den wir Achtung oder Respekt nennen<br \/>\nk\u00f6nnen. Achtung vor dem Leben, wie es an sich ist, Respekt vor anderen<br \/>\nMenschen &#8211; auch denen, die ganz anders sind als ich.<\/p>\n<p>Es ist der Respekt davor, da\u00df das Leben und die anderen Menschen<br \/>\netwas enthalten, mit dem ich aus mir selbst nicht in Kontakt kommen kann.<br \/>\nEtwas oder jemand mu\u00df von au\u00dfen kommen, um es mir zu \u00f6ffnen.<br \/>\nDemut ist eine Leidenschaft, die sich nach au\u00dfen richtet, ein Sich<br \/>\nausstrecken und Empfangen. Demut hei\u00dft eingestehen, da\u00df jeder<br \/>\n&#8211; auch der oberfl\u00e4chlichste &#8211; Kontakt mit anderen Menschen dazu<br \/>\nbeitr\u00e4gt, den Lebensmut dieses Menschen zu d\u00e4mpfen oder zu<br \/>\nf\u00f6rdern. Niemand von uns kann mit einem anderen Menschen zusammensein,<br \/>\nohne einen bestimmten Ton anzuschlagen. Und mit diesem Ton wagt man sich<br \/>\nim Verh\u00e4ltnis zueinander hervor. Das kann man, wenn nicht anders,<br \/>\ndaran merken, da\u00df der Ton unsicher wird, wenn man glaubt, da\u00df der<br \/>\nandere eigentlich nichts mit einem zu tun haben will oder einen nicht<br \/>\nakzeptiert.<\/p>\n<p>Jede Begegnung zwischen Menschen enth\u00e4lt ein kleines Drama, wo<br \/>\nMenschen gegenseitig Macht \u00fcber einander gewinnen. Jeder von uns<br \/>\nhat erlebt, wie ein Busfahrer, der Hilfsbereit ist, die Hilfsbereitschaft<br \/>\nbei allen hervorruft, die sich im Bus befinden. Und wo Menschen sich<br \/>\nin Trauer und Krise n\u00e4her kommen, sieht das Dasein ganz unterschiedlich<br \/>\naus &#8211; je nach dem ob meine Trauer und Unsicherheit einen Raum bekommt<br \/>\noder ob sich kein Raum daf\u00fcr \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Demut hei\u00dft, diese Situation wahrnehmen, die W\u00fcrde des anderen<br \/>\nachten &#8211; ohne sich selbst zu vergessen. Und dies gilt nicht nur anderen<br \/>\nMenschen gegen\u00fcber, da\u00df sie sich in unserer Macht befinden,<br \/>\nwenn wir mit ihnen zu tun haben. Wir k\u00f6nnen auch unser Lebensschicksal<br \/>\nentweder in Demut oder ohne Demut verwalten. Demut hei\u00dft keineswegs,<br \/>\nsich alles gefallen zu lassen, sich mit Ungerechtigkeit abfinden &#8211; ja<br \/>\nfast ganz im Gegenteil hei\u00dft Demut, sich nicht damit abzufinden,<br \/>\nwenn Leben nicht zu Leben wird, sondern in Formen erstarrt, in Gewohnheiten,<br \/>\nKonventionen, Angst und Phantasielosigkeit. Demut hei\u00dft, sich dazu<br \/>\nzu bekennen, da\u00df man f\u00fcr etwas einsteht, k\u00e4mpft &#8211; ganz<br \/>\ngleich wie die \u00e4u\u00dferen Bedingungen sich gestalten.<\/p>\n<p>Demut sehen wir dort, wo der Einsame darum k\u00e4mpft, seine Einsamkeit<br \/>\nzu \u00fcberwinden, indem er sich hervorwagt anderen Menschen gegen\u00fcber.<br \/>\nDemut ist der Kampf des Behinderten, nicht in Selbstmitleid oder Trauer<br \/>\nzu versinken. Demut ist die Verpflichtung, die du, der du viel empfangen<br \/>\nhast, anderen gegen\u00fcber f\u00fchlst, etwas weiterzugeben, die Freude<br \/>\nzu teilen.<\/p>\n<p>Die Nicht-Demut hat vor allem zwei Gesichter: Einmal die Flucht aus<br \/>\ndem Zusammenhang, in dem du stehst, aus der Solidarit\u00e4t mit der<br \/>\nUmgebung, von der du lebst, zu der du aber nicht stehst. Die Flucht aus<br \/>\nden Schwierigkeiten, dem Leid, aus dem, was deine Zeit beansprucht, deinem<br \/>\nEngagement, deiner N\u00e4he, deinem Mit-Leben.<\/p>\n<p>Du kannst in vieler Weise fliehen: in die Arbeit, Rauschmittel, in<br \/>\nden Verbrauch von Menschen und Dingen. Die Flucht kann auch andere Gesichter<br \/>\nhaben: Du bist beleidigt, f\u00fchlst dich \u00fcbergangen. Wo du dir<br \/>\neinbildest, da\u00df die Welt dir nichts zu bieten hat, so da\u00df du<br \/>\nihr keine Achtung entgegenzubringen brauchst &#8211; vielmehr meinst du sie<br \/>\nnach eigenen Gutd\u00fcnken ausnutzen zu d\u00fcrfen und dich einen Dreck<br \/>\num die anderen scheren zu brauchen und darum, da\u00df du mit deiner<br \/>\nUmwelt verwachsen bist. Oder indem du dich f\u00fcr viel besser h\u00e4ltst<br \/>\nals die anderen. Du brauchst sie gar nicht!<\/p>\n<p>Aber Jesus war und ist nicht ein Beispiel weder f\u00fcr die J\u00fcnger<br \/>\nnoch f\u00fcr uns. Er sagte nicht: &#8222;Lebt f\u00fcr andere!&#8220; zu<br \/>\ndenen, denen er begegnete. Er machte sich selbst zu einem Vorl\u00e4ufer<br \/>\nund Bahnbrecher &#8211; indem er sich den Weg freisprengte durch die Flucht<br \/>\nund die Isolation, den Tod und das Leiden.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir sein Bild nicht festhalten, kann er es in uns festhalten.<br \/>\nDenn er hat, indem er uns sich selbst gegeben hat, uns teilhaben lassen<br \/>\nan dem Proze\u00df der Sch\u00f6pfung und der Liebe, durch den Gott<br \/>\nuns pr\u00e4gt. So pr\u00e4gt, da\u00df wir nicht ohne den Atem sein<br \/>\nk\u00f6nnen, der Christus in uns sein will. Durch ihn sehen wir, da\u00df sich<br \/>\ndas Leben bewegt im Unterschied zwischen dem eigenen Leben und dem Leben<br \/>\nanderer, da\u00df uns das Leben abh\u00e4ngig macht von etwas au\u00dferhalb<br \/>\nunserer selbst. Da\u00df der Unterschied und die Verbundenheit notwendig<br \/>\nsind, damit wir zu uns selbst kommen &#8211; durch die anderen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer Birte Andersen<br \/>\nEmdrupvej 42<br \/>\nDK-2100 K\u00f8benhavn-\u00d8<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 39 18 30 39<br \/>\n<a href=\"mailto:bia@km.dk\">e-mail: bia@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Judika | 6. April 2003 | Markus 10,35\u201345 | Birte Andersen | Ehrgeiz und Ambitionen sind problematisch. Als ich jung war, wurde man schief angesehen, wenn man seine Ambitionen zu deutlich zeigte. Denn damals waren die Werte deutlicher gepr\u00e4gt von Idealen der Gemeinschaft und Solidarit\u00e4t. Und da passen Ambitionen nicht gut ins Bild. 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