{"id":9389,"date":"2003-04-07T19:49:45","date_gmt":"2003-04-07T17:49:45","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9389"},"modified":"2025-04-28T09:26:35","modified_gmt":"2025-04-28T07:26:35","slug":"markus-10-35-45-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-10-35-45-2\/","title":{"rendered":"Markus 10, 35-45"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\">Judika | 6. April 2003 | Markus 10,35\u201345 | Peter Kusenberg |<\/h3>\n<p align=\"left\">Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes,<br \/>\ndie S\u00f6hne des Zebed\u00e4us, und sprachen: Meister, wir wollen,<br \/>\ndass du f\u00fcr uns tust, um was wir dich bitten werden.<br \/>\nEr sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich f\u00fcr euch tue?<br \/>\nSie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und<br \/>\neiner zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.<br \/>\nJesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. K\u00f6nnt<br \/>\nihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der<br \/>\nTaufe, mit der ich getauft werde?<br \/>\nSie sprachen zu ihm: Ja, das k\u00f6nnen wir. Jesus aber sprach zu ihnen:<br \/>\nIhr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit<br \/>\nder Taufe, mit der ich getauft werde;<br \/>\nzu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht<br \/>\nzu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, f\u00fcr die es bestimmt<br \/>\nist.<br \/>\nUnd als das die Zehn h\u00f6rten, wurden sie unwillig \u00fcber Jakobus<br \/>\nund Johannes.<br \/>\nDa rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher<br \/>\ngelten, halten ihre V\u00f6lker nieder, und ihre M\u00e4chtigen tun ihnen<br \/>\nGewalt an.<br \/>\nAber so ist es unter euch nicht; sondern wer gro\u00df sein will unter<br \/>\neuch, der soll euer Diener sein;<br \/>\nund wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.<br \/>\nDenn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse,<br \/>\nsondern dass er diene und sein Leben gebe als L\u00f6segeld f\u00fcr viele.<br \/>\n(Markus 10, 35-45)<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>die beiden J\u00fcnger Jesu, Jakobus und Johannes, waren Weggef\u00e4hrten<br \/>\nder ersten Stunde. Fischer waren sie gewesen, am See Genezareth, wie<br \/>\nPetrus und dessen Bruder Andreas, die Jesus als erste rief, um sie zu<br \/>\nMenschenfischern zu machen. Danach hatte er sie gerufen, und sie hatten<br \/>\ndie Netze, die sie flickten, aus der Hand gelegt, hatten ihren Vater<br \/>\nZebed\u00e4us mit den Hilfskr\u00e4ften allein im Boot zur\u00fcckgelassen,<br \/>\num mit Jesus zu gehen.<\/p>\n<p>Sie hatten von Anfang an miterlebt, wie er durch die D\u00f6rfer und<br \/>\nSt\u00e4dte zog, Kranke heilte, in den Gottesh\u00e4usern und auf freiem<br \/>\nFeld predigte, hatten den immer gr\u00f6\u00dferen Zulauf des Volkes<br \/>\nerlebt, die Erwartung der Menschen, ihren Hunger nach Ver\u00e4nderung.<\/p>\n<p>So gut sie konnten, hatten sie mitgeholfen, den Zustrom der Leute zu<br \/>\nordnen, die ihren Lehrer sehen, ber\u00fchren oder ihm aus n\u00e4chster<br \/>\nN\u00e4he zuh\u00f6ren wollten. An die 5000 waren es einmal, die sie<br \/>\nan einem Tage zu verpflegen hatten.<\/p>\n<p>Kein Zweifel \u2013 sie hatten eine Menge erlebt mit diesem Mann aus<br \/>\nNazareth, von dem eine so faszinierende Wirkung ausging. Manches Mal<br \/>\nwar er ihnen fast unheimlich vorgekommen, wie in der Nacht, als ihr Boot<br \/>\nim Sturm zu sinken drohte. Sie erinnerten sich noch deutlich genug, wie<br \/>\nsie Jesus in Todesangst geweckt hatten, und an ihr ehrfurchtsvolles Staunen,<br \/>\nals er dem Sturm Einhalt gebot.<\/p>\n<p>Manchmal hatten sie ihn missverstanden. Als sie ihm die neugierigen<br \/>\nKinder vom Leibe halten wollten, da hatte er geschimpft und ihnen vorgehalten,<br \/>\ngerade die unbefangene Natur dieser Kinder sollte Vorbild f\u00fcr sie<br \/>\nsein.<\/p>\n<p>Und manchmal hatte er ihnen R\u00e4tsel aufgegeben, wenn er in Bildergeschichten<br \/>\naus dem Alltag von Gottes Reich redete, das nahe herbeigekommen sei.<\/p>\n<p>Aber bereut hatten sie es keinen Augenblick, den Weg an seiner Seite<br \/>\ngew\u00e4hlt zu haben. Und ich nehme an, dass sie auch in gewissem Ma\u00dfe<br \/>\nstolz darauf waren, zum engsten Kreis der Auserw\u00e4hlten zu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Kein Wunder also, wenn Jakobus und Johannes sich Gedanken machen, wie<br \/>\nes weitergehen k\u00f6nnte. Sie sp\u00fcren es ja, dass eine Entscheidung<br \/>\nnahe ist. Sie sind auf dem Weg nach Jerusalem, in die Hauptstadt. Dort<br \/>\nwird etwas geschehen. Jesus hat es selbst gesagt, dass er dort sein Ziel<br \/>\nsieht.<\/p>\n<p>Und je n\u00e4her das Ziel r\u00fcckt, je weiter sie dem erwarteten<br \/>\nFinale entgegen gehen, desto konkreter werden die Gedanken der J\u00fcnger.<br \/>\nWenn es wirklich wahr wird, wie sie im Stillen hoffen, dass Gottes Reich<br \/>\nnun tats\u00e4chlich anbricht, dann wird dies Reich doch auch irgendwie<br \/>\nregiert werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Jakobus und Johannes sind einfache Leute, aber so viel wissen sie: ein<br \/>\nReich braucht neben dem Herrscher, der auf dem Thron sitzt, auch Minister<br \/>\nund Ratgeber. Es gibt den Hofstaat und W\u00fcrdentr\u00e4ger. Ist es<br \/>\nda nicht naheliegend, solche \u00c4mter an zuverl\u00e4ssige Weggef\u00e4hrten<br \/>\ndes Herrschers zu vergeben? D\u00fcrfen sich die J\u00fcnger nicht zu<br \/>\nRecht Hoffnung machen auf einen Kabinettsposten in Jesu k\u00fcnftiger<br \/>\nRegierung? W\u00e4re eine solche Karriere nicht angemessene Belohnung<br \/>\nf\u00fcr ihre Treue in den Zeiten der Wanderschaft kreuz und quer durchs<br \/>\nLand?<\/p>\n<p>Und so gehen sie hin und tragen Jesus ihren Wunsch vor: je einen Posten<br \/>\nzur Rechten und zur Linken, vielleicht als Au\u00dfen- und Innenminister. \u2013 Doch<br \/>\nJesus antwortet mit einer Gegenfrage: \u201cIhr k\u00f6nnt nicht absehen,<br \/>\num was ihr da bittet. K\u00f6nnt ihr den Weg des Leidens gehen, den ich<br \/>\ngehen werde?\u201d<\/p>\n<p>Ihre Antwort kommt schnell, vielleicht ein wenig zu schnell. \u201cJa,<br \/>\nnat\u00fcrlich, k\u00f6nnen wir das. Wir gehen mit dir durch Dick und<br \/>\nD\u00fcnn, komme, was da wolle!\u201d So wird auch Petrus sp\u00e4ter<br \/>\nim Brustton der \u00dcberzeugung behaupten: \u201cBevor ich abstreite,<br \/>\nzu dir zu geh\u00f6ren, sterbe ich eher!\u201d<\/p>\n<p>Jesus sieht die beiden lange an. Dann sagt er: \u201cJa. So wird es<br \/>\nwohl kommen, dass auch ihr leiden m\u00fcsst. Auch euch werden sie verh\u00f6hnen,<br \/>\nverachten und verfolgen. Doch die Pl\u00e4tze an meiner rechten und linken<br \/>\nSeite zu verteilen, das steht mir nicht zu.\u201d<\/p>\n<p>Die anderen J\u00fcnger sind inzwischen aufmerksam geworden. Die, die<br \/>\nvon Anfang alles mitbekommen haben, informieren fl\u00fcsternd die anderen.<br \/>\nIch kann mir die Situation gut vorstellen. \u00c4rgerliches Gemurmel.<br \/>\nGerunzelte Stirnen. Was bilden die beiden sich eigentlich ein?<\/p>\n<p>Zweifellos ist auch ein wenig Neid im Spiel. Neid, weil Jakobus und<br \/>\nJohannes das als erste offen ausgesprochen haben, das vermutlich auch<br \/>\nden anderen irgendwie im Kopf herumging. Eine Belohnung f\u00fcr den<br \/>\ngeleisteten Dienst zu erbitten \u2013 darauf h\u00e4tte man auch selbst<br \/>\nkommen k\u00f6nnen. Geschieht ihnen ganz recht, dass Jesus ihnen keine<br \/>\nVorrechte gew\u00e4hrt. Schadenfreude ist auf ein paar Gesichtern zu<br \/>\nlesen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, es tut mir immer wohl, zu h\u00f6ren und zu lesen, dass<br \/>\nJesu J\u00fcnger ganz normale Durchschnittsmenschen waren, voller kleiner<br \/>\nund gro\u00dfer Schw\u00e4chen und Unzul\u00e4nglichkeiten, so, wie<br \/>\nich sie immer auch wieder an mir selbst bemerke. Der Wunsch der J\u00fcnger<br \/>\nnach Belohnung, das unbewusste, leise Schielen auf die Erfolge oder Misserfolge<br \/>\nder Anderen ringsum \u2013 kommt uns das so fremd vor?<\/p>\n<p>Ich finde es deshalb wohltuend, weil Jesus diesen normalen Menschen<br \/>\ndennoch zugetraut hat, an seinem Reich mit zu bauen. Es geh\u00f6ren<br \/>\nkeine \u00fcbermenschlichen F\u00e4higkeiten dazu. Und das bedeutet:<br \/>\nGott traut es auch mir zu. Er traut es jedem von uns hier zu. Trotz unserer<br \/>\nFehler, denn er hat Geduld mit uns.<\/p>\n<p>Mit der gleichen Geduld wendet sich Jesus an die tuschelnden J\u00fcnger.<br \/>\nEr weist sie nicht zurecht, so wie er auch Jakobus und Johannes nicht<br \/>\nzurechtgewiesen hat. Er wendet sich aber mit deutlichen Worten an alle<br \/>\nZw\u00f6lf: \u201cIhr habt noch immer falsche Vorstellungen vom Reich<br \/>\nGottes. Ihr meint, wer herrschen will, muss oben sitzen, um die Macht<br \/>\nzu haben. So kennt ihr es aus der Politik und der Wirtschaft. Und so<br \/>\ngeht ihr auch oft privat miteinander um. Ihr glaubt noch immer, man m\u00fcsse<br \/>\ndie Ellenbogen gebrauchen, um voran zu kommen.\u201d<\/p>\n<p>\u201cIch aber sage euch: die M\u00e4chtigen, die oben sitzen, \u00fcben<br \/>\nGewalt aus, um ihre Macht zu erhalten. Bei euch aber soll es umgekehrt<br \/>\nsein: wer von euch Einfluss und Ansehen haben will, der soll helfen,<br \/>\ndass die Menschen in seiner N\u00e4he ihr Leben frei entfalten d\u00fcrfen.<br \/>\nAuch ich bin nicht zu euch gekommen, um mich bedienen zu lassen, sondern<br \/>\num zu dienen \u2013 selbst um den Preis meines Lebens. Habt ihr das<br \/>\nnoch immer nicht verstanden?\u201d<\/p>\n<p>Die J\u00fcnger werden nachdenklich. Ob sie merken, dass sie \u2013 wieder<br \/>\neinmal \u2013 umdenken m\u00fcssen. Dass eine Welt des Friedens und<br \/>\nder Freiheit nur auf dem Weg des Dienstes f\u00fcr den Anderen erreicht<br \/>\nwerden kann? Ahnen sie, wie ernst es ihrem Freund und Lehrer ist, sein<br \/>\neigenes Leben daf\u00fcr als L\u00f6segeld zu zahlen? Werden sich Jakobus<br \/>\nund Johannes an ihre Bitte erinnern, wenn sie nach Jesu Tod h\u00f6ren,<br \/>\nzu seiner Rechten und Linken h\u00e4tten zwei weitere Kreuze gestanden?<\/p>\n<p>Eins ist sicher: Sp\u00e4testens durch Jesu Tod und Auferstehung haben<br \/>\ndie J\u00fcnger die volle Wahrheit erkannt. Nun wussten sie: In Gottes<br \/>\nReich gibt es keine Macht von Oben nach Unten. Gro\u00df sein bedeutet:<br \/>\ngro\u00df im Dienst am N\u00e4chsten. Und sie traten diesen Dienst ohne<br \/>\nZ\u00f6gern an.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Peter Kusenberg, Pastor und freier Journalist<br \/>\nAdelebsen-Erbsen<br \/>\n<a href=\"mailto:pekusenb@aol.com\">E-mail: pekusenb@aol.com<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Judika | 6. 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