{"id":9399,"date":"2003-04-07T19:49:54","date_gmt":"2003-04-07T17:49:54","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9399"},"modified":"2025-04-28T10:04:40","modified_gmt":"2025-04-28T08:04:40","slug":"johannes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes\/","title":{"rendered":"Johannes 19,16\u201330"},"content":{"rendered":"<h3>Karfreitag | 18. April 2003 | Johannes 19,16\u201330 | Friedrich-Otto Scharbau |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Pilatus hat Geschichte geschrieben. Ob er es wollte oder nicht, ob er<br \/>\nes wusste oder nicht: Er hat es festgehalten, was da geschehen ist auf<br \/>\nGolgatha, an dem Ort, den sie Sch\u00e4delst\u00e4tte nannten, drau\u00dfen<br \/>\nvor den Toren Jerusalems. \u201eJesus von Nazareth, der Juden K\u00f6nig\u201c,<br \/>\nhatte er auf eine Tafel geschrieben und diese \u00fcber dem Haupt Jesu<br \/>\nam Kreuz befestigen lassen. So war es vorgesehen, wenn jemand hingerichtet<br \/>\nwurde: auf diese Weise wurde der Schuldspruch ver\u00f6ffentlicht und<br \/>\ndie Neugier befriedigt. Und jeder, der vorbeiging, sollte und konnte<br \/>\nes lesen.<\/p>\n<p>Aber h\u00e4tte dann nicht besser dastehen m\u00fcssen, dass Jesus<br \/>\nes von sich behauptet hatte, er sei der Juden K\u00f6nig? Das jedenfalls<br \/>\nfanden die, die den Prozess gegen Jesus angezettelt hatten, um ihn auf<br \/>\ndiese Weise loszuwerden. So, wie es dastand, konnte es sich leicht gegen<br \/>\nsie selbst richten: dass sie ihren K\u00f6nig umgebracht hatten. Und<br \/>\nsie versuchten, eine Korrektur bei Pilatus durchzusetzen. Aber der blieb<br \/>\ndabei: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. Und er best\u00e4tigte<br \/>\ndamit, ob er es wollte oder nicht, Jesu Anspruch nicht als Schuld vor<br \/>\nGott und den Juden, sondern als Wahrheit von Gott: Jesus von Nazareth,<br \/>\nder Juden K\u00f6nig.<\/p>\n<p>Wir erinnern uns: In dem Prozess hatte Jesus von sich gesagt, er sei<br \/>\nein K\u00f6nig und dazu in die Welt gekommen, dass er die Wahrheit bezeugen<br \/>\nsolle. Pilatus hatte nach skeptischer Manier gefragt: Was ist Wahrheit?<br \/>\nNicht, weil er es eigentlich wissen wollte, sondern eher, weil er sich<br \/>\neine Auseinandersetzung \u00fcber die Wahrheit und letztlich wohl auch<br \/>\ndie Wahrheit selbst vom Leib halten wollte; das war ihm viel zu philosophisch<br \/>\nund zu nachdenklich. Er musste regieren und nicht philosophieren. Aber<br \/>\nnun hat er die Wahrheit unversehens zu Papier gebracht und bleibt dabei:<br \/>\nJesus von Nazareth, der Juden K\u00f6nig. Und best\u00e4tigt damit Jesu<br \/>\nBekenntnis in dem Prozess: Ich bin ein K\u00f6nig.<\/p>\n<p>Die Folterknechte hatten ihn mit der K\u00f6nigsformel noch verspottet:<br \/>\nSei gegr\u00fc\u00dft, K\u00f6nig der Juden! Und sie schlugen ihm ins<br \/>\nGesicht, das von der Dornenkrone gezeichnet war.<\/p>\n<p>Pilatus ist es ernst damit: Jesus von Nazareth, der Juden K\u00f6nig. \u2013 Nicht,<br \/>\ndass er selbst das geglaubt h\u00e4tte. Aber er sagt, was er geh\u00f6rt<br \/>\nhat: Das Selbstzeugnis Jesu.<\/p>\n<p>Und eben dieses teilt er mit, in der Landessprache zun\u00e4chst, also<br \/>\nHebr\u00e4isch, und dann in den beiden damaligen Weltsprachen: Lateinisch<br \/>\nund Griechisch. Nat\u00fcrlich: Lateinisch ist die Amtssprache im gro\u00dfen<br \/>\nR\u00f6mischen Reich und Griechisch die Sprache der Gebildeten und Gelehrten.<br \/>\nDer Tod Jesu ist nicht ein beil\u00e4ufiges Geschehen von lokaler Bedeutung,<br \/>\ndas dann auch schnell wieder vergessen sein wird, sondern danach werden<br \/>\nnoch viele fragen aus aller Welt, wer der war, genauer: wer der ist,<br \/>\nder da am Kreuz h\u00e4ngt: Jesus Nazarenus Rex Judaeorum, abgek\u00fcrzt<br \/>\nINRI. So ist es in die darstellende Kunst eingegangen. Auf vielen Bildern<br \/>\nund Passionsalt\u00e4ren k\u00f6nnen wir es so sehen: INRI \u2013 Jesus<br \/>\nvon Nazareth, der Juden K\u00f6nig.<\/p>\n<p>Vier Buchstaben, ein Tetragramm also, so wie auch der Gottesname im<br \/>\nAlten Testament von einem Tetragramm gebildet wird, aus vier Buchstaben<br \/>\ndes hebr\u00e4ischen Alphabets. So dass die Kreuzesinschrift des Pilatus<br \/>\ndie Gottheit Jesu konstatiert. Eine Szene von unglaublicher Intensit\u00e4t:<br \/>\nGerade das Kreuz, vordergr\u00fcndig Symbol der Schande und des Scheiterns<br \/>\nund des Todes, wird zum Ort der Mitteilung der Wahrheit \u00fcber Jesus:<br \/>\nK\u00f6nig der Juden ist er nicht im politischen Sinn, sondern im Sinne<br \/>\nder Gottesherrschaft:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\">\u201eEhre sei dir, Christe,<br \/>\nder du littest Not<br \/>\nan dem Stamm des Kreuzes<br \/>\nf\u00fcr uns bittern Tod,<br \/>\nherrschest mit dem Vater<br \/>\nin der Ewigkeit:<br \/>\nHilf uns armen S\u00fcndern<br \/>\nzu der Seligkeit.<br \/>\nKyrie eleison,<br \/>\nChriste eleison,<br \/>\nKyrie eleison.\u201c<\/p>\n<p>Das Kreuz ist nicht Ort der Erniedrigung, sondern es ist der Ort der<br \/>\nErh\u00f6hung Jesu. Anders als bei Matth\u00e4us und Markus und auch<br \/>\nnoch bei Lukas hat der Passionsbericht bei Johannes gerade auch in der<br \/>\nSchilderung und Interpretation der Kreuzigung etwas Triumphales und gibt<br \/>\nZeugnis von der Hoheit Jesu: Kein Schrei der Gottverlassenheit, kein<br \/>\nqualvoller letzter Todesseufzer, sondern er selbst sagt, was da geschieht:<br \/>\nEs ist vollbracht! Da kommt etwas zu seinem gewollten Ende. Nicht dass<br \/>\ndas Leiden ein Ende hat, so wie man bei jemandem, der einen schmerzhaften<br \/>\nTodeskampf hinter sich hat, sagt: Er ist hindurch. Sondern das Werk Gottes,<br \/>\ndas dieses Leiden und diesen Tod einschlie\u00dft, ist Wirklichkeit<br \/>\ngeworden.<\/p>\n<p>Schon in dem Nachtgespr\u00e4ch mit Nikodemus hatte Jesus gesagt, dass<br \/>\nder Menschensohn erh\u00f6ht werden m\u00fcsse, so wie Mose in der W\u00fcste<br \/>\ndie Schlange hoch \u00fcber dem Lager Israels erh\u00f6ht hat, damit<br \/>\nalle, die auf sie sehen, leben und nicht verderben. So auch Jesus: Alle,<br \/>\ndie an ihn glauben, werden das ewige Leben haben. Das Kreuz Jesu ist<br \/>\nseine Erh\u00f6hung, er ist der Sieger schon am Kreuz, Sieger nicht \u00fcber<br \/>\nden Tod, sondern im Tod, als der zu seiner Gottheit Erh\u00f6hte. Und<br \/>\ndarum berichtet Johannes auch nicht, wie es die anderen Evangelisten<br \/>\ntun, dass in der Stunde des Todes Jesu eine Finsternis \u00fcber das<br \/>\nganze Land kommt; es darf nicht verdeckt werden, was ja gerade offenbar<br \/>\nwerden soll: Die Todesstunde Jesu ist die Stunde Gottes, und am Kreuz<br \/>\nverherrlicht er seinen Sohn.<\/p>\n<p>Es ist Ausdruck eben dieser Autorit\u00e4t und Souver\u00e4nit\u00e4t<br \/>\nJesu, dass er aus der Schar derer, die bei ihm geblieben waren, zwei<br \/>\nherausruft und sie aneinander weist: Maria, seine Mutter, und Johannes,<br \/>\nden Lieblingsj\u00fcnger. Nicht einfach im Sinne eines letzten Willens,<br \/>\ndamit sie sich gegenseitig st\u00fctzen; Maria und Johannes werden berufen,<br \/>\nfamilia Dei zu sein, Gemeinschaft nicht nach der Geburt, aber nach dem<br \/>\nGlauben, eben Kirche nach dem Willen Jesu. Es ist eine andere Art der<br \/>\nNachfolge, in die der Gekreuzigte sie ruft, nicht mehr hinter einem Prediger<br \/>\nher, sondern nun selbst mit einer Botschaft ausgestattet der eine, zu<br \/>\nbezeugen, was er gesehen hat, und die andere, die leibliche Mutter, als<br \/>\nHinweis auf das Menschsein Jesu: Der ans Kreuz Erh\u00f6hte ist kein<br \/>\nanderer, als der leibliche Sohn seiner Mutter und darum ganz Mensch und<br \/>\nals solcher unter uns lebendig als der zur Herrlichkeit Gottes Erh\u00f6hte:<br \/>\nin seinem Wort.<\/p>\n<p>Es gab Leute, die wollten sich nur an der Lichtgestalt des Auferstandenen<br \/>\nberauschen und religi\u00f6s erbauen. Die Bibel sagt: Erst, wenn Du die<br \/>\nMenschheit Jesu begriffen hast und es gelten l\u00e4sst, dass er ein<br \/>\nMensch war unter Menschen, dann begreifst Du auch das Geheimnis seines<br \/>\nTodes am Kreuz: nicht das Ende eines zuerst so hoffnungsvollen Weges,<br \/>\nsondern Anfang einer Hoffnung, die von Gott kommt und zu Gott geht. \u201eAve<br \/>\ncrux unica spes\u201c wurde in der mittelalterlichen Liturgie gesungen.<br \/>\nDas Kreuz Christi als die einzige Hoffnung, die tr\u00e4gt. Vom Kreuz<br \/>\nChristi geht all unsere Hoffnung aus und zum Kreuz Christi geht sie hin.<br \/>\nDarum haben wir die Kreuze in unseren Kirchen und H\u00e4usern, darum<br \/>\nbekreuzigen Menschen sich, damit wir uns immer wieder dessen vergewissern,<br \/>\ndass unsere Hoffnung und unsere Zuversicht und unser Vertrauen ihren<br \/>\nGrund und ihren Bezugspunkt im Kreuz Christi haben. Da laufen die Linien<br \/>\nund Wege unseres Lebens gleichsam perspektivisch zusammen, werden sozusagen<br \/>\nauf den Punkt gebracht, auf den Fluchtpunkt, wenn man so will: Wer den<br \/>\nim Auge hat, der kennt Grund und Ziel seines Lebens.<\/p>\n<p>Es gibt, soweit ich sehen kann, kein Symbol in unserer Welt, das so<br \/>\nwie das Kreuz Verzweiflung, Klage und Schmerz versinnbildlicht und zugleich<br \/>\nTrost und Aufgehobensein und das Wissen, dass hinter diesen unendlich<br \/>\nvielen Kreuzen, die wir aufstellen oder die wir mit unseren H\u00e4nden<br \/>\nnachzeichnen, immer das Kreuz Christi steht, von Gott in unsere Welt<br \/>\ngestellt, und wer es ansieht, wird leben.<\/p>\n<p>Das ist ja der Sinn jener Erinnerung an die Schlange in der W\u00fcste:<br \/>\nAls das Volk ungeduldig geworden war auf seinem langen Weg aus der Knechtschaft<br \/>\nin \u00c4gypten hin zum Gelobten Land und gegen Gott und Mose rebellierte<br \/>\nund sich zur\u00fccksehnte zu den Bequemlichkeiten des \u00e4gyptischen<br \/>\nExils, da fielen Schlangen \u00fcber sie her und wer von einer gebissen<br \/>\nwurde, war des Todes. Da besannen sie sich und Mose errichtete hoch \u00fcber<br \/>\ndem Lager das Bild einer Schlange. Wer darauf den Blick richtete in der<br \/>\nStunde der Gefahr, der blieb am Leben.<\/p>\n<p>In dem Nachtgespr\u00e4ch mit Nikodemus sagt Jesus: \u201eWie Mose<br \/>\nin der W\u00fcste die Schlange erh\u00f6ht hat, so wird auch der Menschensohn<br \/>\nerh\u00f6ht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.\u201c Im<br \/>\nKlartext und unverschl\u00fcsselt unmittelbar daran anschlie\u00dfend: \u201eDenn<br \/>\nalso hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab,<br \/>\ndamit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige<br \/>\nLeben haben.\u201c<\/p>\n<p>So dass es also die Liebe Gottes ist, die Christus ans Kreuz bringt.<br \/>\nNat\u00fcrlich: Der Evangelist Johannes wei\u00df auch von menschlicher<br \/>\nS\u00fcnde und Schuld und von Gottes Gerechtigkeit, die zum Zuge kommen<br \/>\nmuss. Aber die ist kein Selbstzweck, wie ein Zwang, der auf Gott liegt<br \/>\nund dem er nachzugeben hat, koste es, was es wolle, eben auch das Leben<br \/>\nJesu. Sondern so ist Gott Gott, dass er in Liebe den Weg der Gerechtigkeit<br \/>\ngeht, nicht ohne Kreuz, aber das Kreuz wird zum Zeichen seines Sieges<br \/>\nund Ostern ist da schon mit drin.<\/p>\n<p>Der Evangelist Johannes beschreibt am Anfang seines Evangeliums Christus<br \/>\nals das Lamm Gottes, das die S\u00fcnde der Welt tr\u00e4gt, und pr\u00e4gt<br \/>\ndamit ein Verst\u00e4ndnis der Sendung Jesu, wie wir es uns in jeder<br \/>\nAbendmahlsfeier in Erinnerung bringen, wenn wir das \u201eChriste, du<br \/>\nLamm Gottes\u201c singen. Manche singen und h\u00f6ren das nicht so<br \/>\ngerne und betonen mehr den Gemeinschaftscharakter des Abendmahls \u2013 dass<br \/>\nes Gemeinschaft stiftet mit Gott und unter uns. Weil sie nicht gern von<br \/>\nder S\u00fcnde reden als von etwas, das ihnen selbst und \u00fcberhaupt<br \/>\nder Menschheit fremd ist. Das Reden von der S\u00fcnde kr\u00e4nkt den<br \/>\nStolz des seiner selbst Sicheren und schlie\u00dft die Anerkennung ein,<br \/>\ndass nicht ich selbst \u00fcber Gut und B\u00f6se bestimme, sondern dass<br \/>\nes ein Menschheitswissen gibt, das sehr wohl von Schuld und S\u00fcnde<br \/>\nwei\u00df und das ich tief in meinem Herzen trage, auch, wenn ich es<br \/>\nnicht wahrhaben will. Was f\u00fcr ein Irrtum \u00fcber uns selbst! Als<br \/>\nob wir von Natur aus gut und gerecht w\u00e4ren und der Erl\u00f6sung<br \/>\ngar nicht bed\u00fcrften. Und als sei es nur eine Frage der richtigen<br \/>\nPhilosophie und der Erziehung des Menschengeschlechts, eine makellose<br \/>\nWelt ohne Verbrechen und Kriege, ohne Unterdr\u00fcckung, ohne Hunger,<br \/>\nohne Hass und Neid herzustellen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Abendmahl: Wer es nur als Gemeinschaftsmahl feiern will, \u00fcbersieht<br \/>\ndabei leicht, warum es dieser neuen Herstellung von Gemeinschaft bedarf:<br \/>\nWeil wir sie haben zerbrechen lassen, Gott ausgewichen sind, uns vor<br \/>\nihm versteckt haben und immer wieder so tun, als ob es Gott nicht g\u00e4be.<br \/>\nVielleicht nicht jeder pers\u00f6nlich. Aber auch das geh\u00f6rt zum<br \/>\nMenschheitserbe dazu, das jeder von uns in sich tr\u00e4gt. In der Gottesferne<br \/>\nfinde ich mich vor, sie ist mir sozusagen angeboren. Das ist es, was<br \/>\ndie Bibel S\u00fcnde nennt, und aus dieser Gottesferne und Gottesfremdheit<br \/>\nkommen wir nicht heraus, mit noch so viel Anstrengung und mit noch so<br \/>\nviel guten Vors\u00e4tzen nicht. Die zerrinnen so schnell, wie sie gefasst<br \/>\nwurden, und morgen schon sind sie allenfalls noch Erinnerung.<\/p>\n<p>Es gibt Probleme, f\u00fcr die wir keine L\u00f6sungen haben, f\u00fcr<br \/>\ndie wir nur auf Erl\u00f6sung warten k\u00f6nnen. Und unsere Existenz<br \/>\nvor Gott geh\u00f6rt dazu. Das haben wir nicht in der Hand, dass daraus<br \/>\netwas Rechtes wird. Mit der S\u00fcnde kann ich nicht dadurch ins Reine<br \/>\nkommen, dass ich sie lasse oder dass ich sie einfach zu verdr\u00e4ngen<br \/>\nversuche. Oder dass ich mich selbst von ihr befreie und meine, dann sei<br \/>\nich auch vor Gott frei davon.<\/p>\n<p>Mit der S\u00fcnde kann ich auch nicht dadurch ins Reine kommen, dass<br \/>\nich sie urs\u00e4chlich mit Gott in Verbindung bringe: Ich bin halt so,<br \/>\nund so wie ich bin, bin ich Gottes Gesch\u00f6pf; was qu\u00e4lt mich<br \/>\nmeine S\u00fcnde? Wenn es die denn \u00fcberhaupt gibt!<\/p>\n<p>Ich bin Gottes Gesch\u00f6pf \u2013 das ist wahr. Aber geschaffen bin<br \/>\nich von Gott nach seinem Bild. Und mache st\u00e4ndig die Erfahrung,<br \/>\ndass ich dahinter zur\u00fcckbleibe. Ich bin nicht der, der ich sein<br \/>\nsoll, und ich bin nicht der, der ich sein will. Das ist noch nicht einmal<br \/>\nein Glaubenssatz, sondern das ist die n\u00fcchterne Erkenntnis eines<br \/>\nnormal empfindenden Gewissens: Dass ich immer zur\u00fcckbleibe hinter<br \/>\ndem, was ich soll und was ich will. Es geht um diese Differenz, die ich<br \/>\nnicht \u00fcberwinden oder beseitigen kann, sondern die bleibt, wie ein<br \/>\nl\u00e4stiges Schicksal. Es geht um diese Differenz, wenn wir von der<br \/>\nS\u00fcnde reden. Und es geht um diese Differenz, wenn wir von Erl\u00f6sung<br \/>\nreden.<\/p>\n<p>Das Kreuz Christi bringt diese Erl\u00f6sung, schafft Gemeinschaft,<br \/>\nstiftet Frieden, f\u00fchrt uns zur\u00fcck zu Gott und stellt das Bild<br \/>\nGottes in uns wieder her: Dass wir Gott erkennen, wer er ist. Und dass<br \/>\nwir uns erkennen, in Entsprechung zu ihm. Das ist ja das Erstaunliche:<br \/>\nIn Christus wendet Gott sich nicht ab vom S\u00fcnder, sondern er wendet<br \/>\nsich ihm zu, hebt ihn auf und nimmt ihn in sein Haus.<\/p>\n<p>Man hat oft gesagt, das Kreuz sei sozusagen der Vollzug der Gerechtigkeit<br \/>\nGottes: dass Gott Recht beh\u00e4lt gegen die S\u00fcnde. Und daf\u00fcr<br \/>\nmusste einer sterben.<\/p>\n<p>Das Johannesevangelium spricht da ganz unbefangen von der Liebe Gottes,<br \/>\ndie, so verstehe ich das, die Gerechtigkeit \u00fcberbietet, Gottes neue<br \/>\nGerechtigkeit ist, nicht dem Tod verpflichtet, sondern dem Leben. Luther<br \/>\nsagt einmal: \u201eBei Gott ist Leben und Lieben dasselbe\u201c, und<br \/>\ner spricht von Gott als dem \u201egl\u00fchenden Backofen voller Liebe,<br \/>\nder da von der Erde bis an den Himmel reicht.\u201c Das war sozusagen<br \/>\ndie Entdeckung, die f\u00fcr ihn die Wende brachte von der Existenz unter<br \/>\ndem Zorn Gottes, der ihn um Gott gebracht hat, hin zu der neuen Gewissheit,<br \/>\ndass es Gottes Liebe ist, die uns sucht und die uns h\u00e4lt. Und im<br \/>\nKreuz ist diese Liebe da.<\/p>\n<p>Es ist diese Liebe, die uns sagt: Es geht um dich, du bist gemeint.<br \/>\nGott hat uns in seine Liebe verstrickt. Und daraus entl\u00e4sst er uns<br \/>\nnicht.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Friedrich-Otto Scharbau<br \/>\n<a href=\"mailto:F.O.Scharbau@t-online.de\">E-Mail: F.O.Scharbau@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag | 18. April 2003 | Johannes 19,16\u201330 | Friedrich-Otto Scharbau | Liebe Gemeinde, Pilatus hat Geschichte geschrieben. Ob er es wollte oder nicht, ob er es wusste oder nicht: Er hat es festgehalten, was da geschehen ist auf Golgatha, an dem Ort, den sie Sch\u00e4delst\u00e4tte nannten, drau\u00dfen vor den Toren Jerusalems. \u201eJesus von Nazareth, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39,1,727,157,853,114,1418,298,702,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9399","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-johannes","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-friedrich-otto-scharbau","category-kapitel-19-chapter-19","category-karfreitag","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9399","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9399"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9399\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23483,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9399\/revisions\/23483"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9399"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9399"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9399"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9399"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9399"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9399"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9399"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}