{"id":9415,"date":"2003-04-07T19:49:47","date_gmt":"2003-04-07T17:49:47","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9415"},"modified":"2025-04-28T11:05:52","modified_gmt":"2025-04-28T09:05:52","slug":"lukas-24-13-35-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-24-13-35-6\/","title":{"rendered":"Lukas 24, 13-35"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #000099;\">Ostermontag | 21. April 2003 | Lukas 24, 13-35 | Birte Andersen |<\/span><\/h3>\n<p>Als Adam und Eva im Garten Eden vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, so betont die Erz\u00e4hlung, &#8222;\u00f6ffneten sich ihre Augen&#8220;. Von da an waren sie nicht mehr dieselben. Sie waren nicht mehr unschuldig und wurden sich bewu\u00dft, da\u00df sie nackt waren. Und sie konnten den Unterschied zwischen gut und b\u00f6se erkennen. Eine teure Bekanntschaft, wie sich zeigen sollte. Denn das B\u00f6se war am sichtbarsten. Der Brudermord Kains &#8211; und was darauf folgte.<\/p>\n<p>Die Geschichte heute handelt auch von Augen, die sich \u00f6ffneten, und von Menschen, die nicht mehr dasselbe sahen. Aber es handelt sich um eine Gegengeschichte gegen den S\u00fcndenfall. Von dem entscheidenden Wendepunkt in der Erz\u00e4hlung hei\u00dft es, da\u00df sich &#8222;ihre Augen \u00f6ffneten&#8220;. Das geschah, als sie Jesus in der Handlung wiedererkannten, die er mit ihnen zusammen vornahm: Er brach das Brot.<\/p>\n<p>Aber wo Adam und Eva aus dem lichten Paradies vertrieben wurden, kamen die beiden J\u00fcnger aus der dunkelsten Finsternis und der gr\u00f6\u00dften Trauer. Denn wenn selbst der gute Mensch &#8211; er, der die Welt erl\u00f6sen sollte, get\u00f6tet wurde, dann hatte das B\u00f6se endg\u00fcltig gesiegt.<\/p>\n<p>Aber ihre Augen \u00f6ffneten sich. Unterwegs war diese Augen\u00f6ffnung vorbereitet worden. Denn der auferstandene Jesus hatte unterwegs die Vorhersagen mit dem verbunden, was geschehen war. Aber das Geschehen der \u00d6ffnung der Augen selbst findet statt, als sich das Gespr\u00e4ch zwischen den dreien darin ausdr\u00fcckt, da\u00df Jesus das Brot bricht.<\/p>\n<p>Das ist ganz offenbar eine g\u00f6ttliche Tat &#8211; jemand \u00f6ffnete ihre Augen. Selbst konnten sie das nicht. Auch wenn sie h\u00f6rten und sahen. Wir k\u00f6nnen uns vorstellen, wie sie z.B. in ihrer eigenen Welt gefangen waren, oder da\u00df ihr Geh\u00f6r und ihr Blick durch die gewaltigen Ereignisse gesch\u00e4rft waren, so wie Menschen, die in extreme Situationen geraten und besser als gew\u00f6hnlich h\u00f6ren und sehen.<\/p>\n<p>Sie sahen ihn helllebendig auf dem Wege, aber sie sahen ihn dennoch nicht. Sie h\u00f6rten ihn die Schriften auslegen, aber sie h\u00f6rten ihn dennoch nicht. Aber als sie mit ihren Sinnen die Begegnung mit ihm hautnah erlebten, als sie das Brot sp\u00fcrten, schmeckten und rochen, da \u00f6ffneten sich ihre Augen.<\/p>\n<p>So wie es uns erz\u00e4hlt wird, wird betont, da\u00df der Gott, der Fleisch wurde, leiblich wurde und in das Innerste der Materie einging &#8211; da\u00df dieser Gott ihnen die Augen \u00f6ffnet. Und da\u00df er sich der notwendigen Dinge des Alltags bedient: Brot und Wein &#8211; als den Orten, an denen er sich zeigt. Und sein Reich offenbart.<\/p>\n<p>Wenn man etwas ber\u00fchrt, und noch deutlicher wenn man etwas schmeckt und riecht, dann wird die Grenze verwischt zwischen mir und dem, was ich wahrnehme. Indem ich etwas esse, werde ich eins mit dem, was ich verzehre. Du bist, was du i\u00dft. Und wenn Auferstehung bedeutet, da\u00df sich Gott mit unserem Brot und Alltag vereint hat, dann widerf\u00e4hrt eben dies den beiden J\u00fcngern: Ihre Herzen werden mit seinem Leben gef\u00fcllt.<\/p>\n<p>Sie &#8218;brennen&#8216;, hei\u00dft es &#8211; so ist es, wenn man mit dem Magen oder dem Herzen sieht, was in diesem Zusammenhang dasselbe ist. Im Gegensatz zu Adam und Eva, die aus dem Licht kommen, deren Augen aber f\u00fcr die Finsternis ge\u00f6ffnet werden, kommen diese beiden J\u00fcnger aus der Finsternis ins Licht. Und das auf eine ganz besondere Weise.<\/p>\n<p>Wo die Welt zuvor in gut oder b\u00f6se aufgeteilt war, sehen diese beiden Menschen nun den Sieg im Leiden oder durch das Leiden, da\u00df das Gute das B\u00f6se durchdringt &#8211; so wie die Hefe oder die Kraft Gottes das Brot durchs\u00e4uert.<\/p>\n<p>Und wenn das B\u00f6se nicht mehr seinen eigenen Spiralen \u00fcberlassen ist, und wenn das Gute seinen Bereich erh\u00e4lt, Form und Leib erh\u00e4lt, dann beginnt eine neue Geschichte. So wie man neue Lebensenergie erlangen kann, indem man Brot verzehrt, kann neuer Lebensmut nun durch Leiden und Verlust kommen &#8211; nicht dadurch, da\u00df man Verlust und Leiden vermeidet.<\/p>\n<p>Mit dem Herzen sehen hei\u00dft in den Blick bekommen, da\u00df wir nach der Auferstehung Jesu das Gute an den Orten des B\u00f6sen und des Leidens aufsuchen m\u00fcssen &#8211; nicht an dem Ort der hehren Ideale, sondern in den K\u00e4mpfen des Alltags. Denn der, dem die Augen aufgehen, sieht die Spuren Gottes dort, wo er es am wenigsten erwartet. Mit dem Herzen sehen hei\u00dft selbst auferstehen.<\/p>\n<p>Ostern ist der Tag der Auferstehung Jesu &#8211; der Ostermontag der Tag meiner Auferstehung und der Auferstehung der Welt. Die Welt, das Bild der Wirklichkeit hat sich denn auch ge\u00e4ndert und schreibt eine andere Geschichte als die, die die Menschen vorher kannten.<\/p>\n<p>Mit dem Herzen sehen, das ist nicht die St\u00e4rke unserer Kultur. Wir sind vielmehr gew\u00f6hnt, mit dem Kopf zu sehen. Die Sprache des Kopfes ist oft eine Sprache des Entweder-Oder. Deshalb geht jeder Mensch und jeder Bereich auch den eigenen Weg, und wenige denken quer &#8211; gegen den Strich oder in Spannungen.<\/p>\n<p>Die Sprache des Herzens dagegen kann sowohl als auch sagen. Oder die sch\u00e4rfsten Gegens\u00e4tze stehen lassen und zusammenhalten und gemeinsam eine Wahrheit bilden lassen. Die Sprache des Herzens denkt in Ganzheiten, vielleicht gebrochene Ganzheiten, aber alle Worte der Sprache des Herzens weisen \u00fcber sich selbst hinaus und sind in sich Einladungen zu neuen \u00d6ffnungen.<\/p>\n<p>Gebrauchen wir aber diese Sprache des Herzens nicht oder mi\u00dfbrauchen wir sie, dann schlie\u00dft sich unser Herz. Es wird ein Stein davor gew\u00e4lzt, und das Herz wird zu einer Grabkammer. Auferstehung ist, da\u00df sich die Augen des Herzens wieder \u00f6ffnen und sich \u00f6ffnen lassen. Dann k\u00f6nnen wir eine neue Welt und uns selbst mit einem neuen Blick sehen. Einem Blick, der daher kommt, da\u00df der Verwundete und Auferstandene in unseren Herzen lebt. Den Blick, den unsere Auferstehung gibt, k\u00f6nnen wir einen Doppelblick nennen. Eine neue Sicht auf unsere Umwelt, die bewirkt, da\u00df wir immer &#8211; wenn ich so sagen darf &#8211; doppelt sehen.<\/p>\n<p>Wo wir zuvor nur ein Brot als Nahrungsmittel sahen, ist dies nun zugleich das Brot des Lebens, N\u00e4he, etwas Heiliges. Wo wir zuvor unseren Mitmenschen nur als einen Arbeitskollegen, einen Nachbarn, einen Freund oder eine schwierige Herausforderung sahen, k\u00f6nnen wir nun niemals anders als das Bild Gottes in ihm oder ihr sehen. Wo wir zuvor nur Leiden sahen, wenn Ungl\u00fcck und Trauer uns \u00fcberw\u00e4ltigen, sind wir nun ewig der Hoffnung im Leiden verbunden. Wo wir zuvor nur Gl\u00fcck sahen, wenn es bei uns einzog, erblicken wir nun das Leiden, das nur das Gl\u00fcck aufdecken kann. Wo wir am liebsten das Ungl\u00fcck zu einem Bruch machen wollen &#8211; ein Bruch, der dann oft das ganze Leben umfa\u00dft, meldet sich das leben nun als Kontinuit\u00e4t und Zusammenhang. Und wo wir in der Kontinuit\u00e4t Br\u00fcche \u00fcbersehen und uns daran machen, zu harmonisieren uns vom Gl\u00fcck zu tr\u00e4umen, da meldet sich der Blick der Wirklichkeit als Bruch mitten im Zusammenhang.<\/p>\n<p>Ich glaube, da\u00df sich viele dar\u00fcber wundern, warum Jesus unsichtbar wird &#8211; gleich nachdem er sich offenbart hat. Mit einem inneren Auge gesehen k\u00f6nnte die Antwort auf diese Frage sein: Weil es nun nicht mehr um seine Auferstehung &#8211; sie haben wir gesehen &#8211; sondern um unsere Auferstehung geht. Unsere Augen und unser Herz werden nun ge\u00f6ffnet. Es gibt keine unsichtbaren Auferstehungen. Alle Auferstehungen haben etwas mit Stoff, K\u00f6rper und Erde zu tun: ein Brot, das gebrochen wird, eine T\u00fcr, die sich \u00f6ffnet, einige Schritte, die gegangen werden, eine Hand, die greift, ein Fu\u00df, der feststeht, ein Gesang, das sich nicht unterdr\u00fccken l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>So singt der schwedisch-finnische Dichter Bo Carpelan:<\/p>\n<p>In dem Gesehenen verbirgt sich immer etwas mehr,<br \/>\nzwischen vergessenen H\u00e4usern mehr als Stille.<br \/>\n\u00d6 ffne ich eine T\u00fcr, die vor mir ist,<br \/>\njemandem, der vorher den harten Weg gegangen ist &#8211;<br \/>\nin einem einsamen Raum ist stets etwas mehr.<br \/>\nWas vor allem Trauer war, wird Partner des Gl\u00fccks,<br \/>\nzwischen Stein und Stein gab es stumme Gespr\u00e4che,<br \/>\nfr\u00fchlingshaft leuchtete ein herbstlicher Tod<br \/>\ndort in der Finsternis, Licht und etwas mehr.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer Birte Andersen<br \/>\nEmdrupvej 42<br \/>\nDK-2100 K\u00f8benhavn-\u00d8<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 39 18 30 39<br \/>\n<a href=\"mailto:bia@km.dk\">e-mail: bia@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ostermontag | 21. 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