{"id":9425,"date":"2003-04-07T19:49:50","date_gmt":"2003-04-07T17:49:50","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9425"},"modified":"2025-04-28T11:30:43","modified_gmt":"2025-04-28T09:30:43","slug":"johannes-19-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-19-23\/","title":{"rendered":"Johannes 19-23"},"content":{"rendered":"<h3>Quasimodogeniti | 27. April 2003 | Johannes 20,19-29 | Reiner Kalmbach |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde:<\/p>\n<p>Es kann passieren, dass eine Predigt einschl\u00e4gt wie ein Blitz.\u00a0So ist mir das vor langer Zeit ergangen mit dem Wort das uns f\u00fcr<br \/>\nheute gegeben ist. Seitdem trage ich es mit mir herum, es begleitet mich,\u00a0tr\u00f6stet, st\u00e4rkt mich, aber manchmal st\u00f6rt es wie ein\u00a0Stachel im Fleisch, es kann sogar weh tun\u2026, es ist mir l\u00e4stig.<\/p>\n<p>Aber h\u00f6ren wir einfach hinein in dieses Wort, h\u00f6ren wir es\u00a0und bitten Gott, er m\u00f6ge unsere Herzen und Sinne weit machen, bereit<br \/>\nes in uns wirken zu lassen\u2026<\/p>\n<p>Textlesung<\/p>\n<p>1.) Gehet hin\u2026!, (ja, aber wohin?)<\/p>\n<p>Von Sendung ist hier die Rede, vom Zweifel und vom Frieden.<\/p>\n<p>Wir verliessen Deutschland just an dem Tag als in Berlin die Mauer fiel.\u00a0Verlassen ist vielleicht nicht das richtige Wort, wir wurden \u201centsandt\u201d,\u00a0hinaus in die Welt\u2026, ins ferne Argentinien.<\/p>\n<p>In diesem riesigen Land, katholisch und konservativ, kirchlich gesehen\u00a0(aber auch die Gesellschaft) in einer Art \u201cvorreformatorischen\u201d Zeit\u00a0lebend, gibt es kleine protestantische Gemeinden. Man nimmt sie kaum\u00a0wahr und viele ihrer Mitglieder verstecken sich \u00e4ngstlich hinter\u00a0einer Mauer aus Tradition und Kultur\u2026Fenster und T\u00fcren verriegelt, \u201czehrt\u201d man\u00a0von dem was (einst) war. Draussen geht das Leben weiter.<\/p>\n<p>Ja, hier sind wir gelandet, in der sogenannten Diaspora. Und\u00a0w\u00e4hrend in manchen Provinzen die Protestanten wenigstens eine \u201cMinderheit\u201d darstellen,\u00a0lebt unsere kleine Gemeinde im s\u00fcdlichen Patagonien als Diaspora\u00a0in der Diaspora, d.h. wir sind nicht einmal eine Minderheit. Noch\u00a0vor wenigen Jahren waren wir f\u00fcr die \u201cLeute auf der Strasse\u201d eine\u00a0Sekte, oder zumindest eine \u201cmerkw\u00fcrdige\u201d Gruppe.<\/p>\n<p>Und noch heute f\u00e4llt es manchen Gemeindegliedern schwer, ihren\u00a0protestantischen Glauben im Freundes und Kollegenkreis offen und fr\u00f6hlich\u00a0zu bezeugen.<\/p>\n<p>Vor ein paar Jahren fingen wir an \u00fcber unsere Situation nachzudenken.\u00a0Wenn wir es nicht schaffen, T\u00fcren und Fenster zu \u00f6ffnen, wenn\u00a0wir nicht Mauern umwerfen und Z\u00e4une einreissen\u2026, dann wird\u00a0unsere kleine Gemeinde bald das Totengl\u00f6ckchen h\u00f6ren. Aber\u00a0wie das durchbrechen?, wie Angst, L\u00e4hmung und Resignation in Mut,\u00a0Zuversicht und Aufbruch verwandeln\u2026?<\/p>\n<p>Und es war dieses Wort aus dem Johannesevangelium, das eines Tages in\u00a0unserer Gemeinde zum Leitwort wurde. Dabei blieben wir immer wieder am \u201cwie\u201d h\u00e4ngen, \u201c\u2026wie\u00a0mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch\u2026\u201d. Und wir\u00a0diskutierten \u00fcber unsere Rolle in der Gesellschaft, \u00fcber die\u00a0Wurzeln und Werte die aus einem (Alltags)-Christen einen Protestanten\u00a0machen\u2026; und immer wieder fragten wir: was erwartet Jesus von uns?\u00a0Die Antwort fanden wir in seinem Leben, der Weg der ihn zu den Benachteiligten<br \/>\nund Ausgegrenzten f\u00fchrte. Heute heisst unsere Losung: raus!, an\u00a0die \u00d6ffentlichkeit, sich einmischen, das tun, was uns Jesus aufgetragen\u00a0und gelehrt hat!<\/p>\n<p>2.) Lohnt es sich..?..(Zweifel sind erlaubt)<\/p>\n<p>Wie Jesus nicht alle seine J\u00fcnger (auf Anhieb) \u00fcberzeugen\u00a0konnte (es fehlte ja Thomas), so auch bei uns: f\u00fcr viele Menschen\u00a0ist der Glaube eine \u201cprivate\u201d Angelegenheit, sie f\u00fchlen\u00a0sich sicher hinter ihren hohen Mauern; Fenster und T\u00fcren geschlossen,\u00a0wollen sie unter sich bleiben. Und da sind auch die Zweifler\u2026Ich\u00a0denke da an einen Mann, Mitglied gar des Gemeindevorstandes, er sagt\u00a0immer wieder: \u201c\u2026das ist ja alles sch\u00f6n und gut, was\u00a0du predigst und auch die \u00d6ffnung unserer Gemeinde zur Gesellschaft\u00a0hin\u2026, dennoch habe ich Zweifel, einfach glauben wie ein Kind, das\u00a0f\u00e4llt mir schwer\u2026, ihr m\u00fcsst mich \u00fcberzeugen\u2026\u201d.<\/p>\n<p>Wenn die Mehrheit, Freunde, Kollegen, Verwandte, wenn (fast) alle in\u00a0die selbe Richtung laufen, wenn man von eben dieser Mehrheit immer wieder\u00a0und immer noch als ein exotisches Pfl\u00e4nzchen gesehen wird, dann\u00a0tauchen Fragen auf: lohnt es sich wirklich in die entgegengesetzte Richtung\u00a0zu gehen, gegen den Strom zu schwimmen\u2026?, was haben wir denn schon\u00a0zu bieten\u2026?<\/p>\n<p>Wir haben die Tradition der katholischen Amtskirche gegen uns, die ihren\u00a0Gl\u00e4ubigen das \u201csehen und ber\u00fchren\u201d praktisch und<br \/>\nt\u00e4glich erm\u00f6glicht: Madonnen und Heilige, Volksheilige denen\u00a0man am Rande der Strassen kleine Alt\u00e4re errichtet, Prozessionen,\u00a0sch\u00f6ne Kirchen und Kathedralen, die selbstverst\u00e4ndlichen Auftritte\u00a0kirchlicher Amtstr\u00e4ger bei \u00f6ffentlichen Akten\u2026, die Kirche\u00a0als K\u00f6rper, als \u201cLeib Christi\u201d den man ber\u00fchren,\u00a0den man sehen kann, ist omnipr\u00e4sent.<\/p>\n<p>Wir dagegen \u201cbieten\u201d unseren Zweiflern den Vereinsstatus,\u00a0chronische Finanzprobleme, Mehrzweckr\u00e4ume anstelle sch\u00f6ner\u00a0Kirchen, reden von der \u201cPriesterschaft aller Gl\u00e4ubigen\u201d und\u00a0wollen die Stellung der Laien in der Kirche st\u00e4rken\u2026, unsere\u00a0Pfarrer geniessen in der \u00d6ffentlichkeit nicht die Anerkennung die\u00a0f\u00fcr ihre katholischen Kollegen selbstverst\u00e4ndlich ist\u2026;\u00a0im Grunde haben wir <strong>nur<\/strong> das Wort\u2026, das sich oft genug als schwach\u00a0und verletzlich erweisst.<\/p>\n<p>Wer sich zu <strong>dieser<\/strong> Kirche bekennt, der muss schon einen\u00a0festen Glauben haben.<\/p>\n<p>Wie zeigt sich also Jesus <strong>unseren<\/strong> Zweiflern? Er zeigt ihnen (und uns)\u00a0seine Wunden! Er nimmt uns an der Hand und f\u00fchrt uns hinaus\u2026,\u00a0dorthin, wo <strong>seine<\/strong> Wunden sichtbar werden, wo wir sie ber\u00fchren und\u00a0sogar riechen k\u00f6nnen. Das ist in unseren Strassen und Pl\u00e4tzen,\u00a0an den Eing\u00e4ngen der Superm\u00e4rkte, wo (Strassen)-Kinder um etwas\u00a0Brot betteln; in unseren Hospit\u00e4lern in denen \u00c4rzte und Schwestern\u00a0um das Leben kranker und unterern\u00e4hrter Kinder k\u00e4mpfen, in\u00a0den Schulen in denen viele Sch\u00fcler die einzige Mahlzeit am Tage\u00a0zu sich nehmen\u2026<\/p>\n<p>Und dann fragen wir unseren Herrn: woher sollen wir die Kraft nehmen,\u00a0den Mut, um diese Not zu lindern?, wer hilft uns, die Strukturen der\u00a0S\u00fcnde\u00a0zu zerst\u00f6ren\u2026? Und er stellt sich in unsere Mitte und sagt: \u201c\u2026aber\u00a0ihr habt doch den Geist!, auf ihn d\u00fcrft ihr vertrauen\u2026; und\u00a0nun geht hinaus in die Welt und verk\u00fcndet den Namen Gottes unter\u00a0den Menschen!\u201d<\/p>\n<p>Aber das ist noch nicht alles: er spricht vom Frieden, er gr\u00fcsst\u00a0uns mit diesem weltumspannenden Wort, das beladen ist mit der Sehnsucht\u00a0einer ganzen Menschheit: Frieden!, Shal\u00f3m!, Sal\u00e1m!, oder\u00a0wie es bei uns heisst: Paz!<\/p>\n<p>Und damit sollen wir losziehen, und wir k\u00f6nnen es auch, denn\u2026<\/p>\n<p>3.) \u2026SEIN Friede ist viel mehr als ein Wort, er ist Lebenskraft\u00a0gegen die Todesmacht!<\/p>\n<p><strong>dieser<\/strong> Friede bef\u00e4higt uns aussergew\u00f6hnliches zu tun. <strong>Sein<\/strong> Friede setzt in Bewegung, er ist aktiv. Wer sich vom Frieden Jesu anstecken\u00a0l\u00e4sst, dessen Glaube ist zwar pers\u00f6nlich, aber niemals privat;\u00a0ein <strong>solcher<\/strong> Glaube will sich mitteilen!<\/p>\n<p>Ich denke an die vielen tausend Initiativen, die in unserem Land entstanden\u00a0sind, um die schlimmste Not zu lindern: leerstehende Fabriken werden\u00a0von den entlassenen Arbeitern besetzt und \u201cwiederbelebt\u201d,\u00a0mit Leben gef\u00fcllt; Nachbarschaftsinitiativen organisieren sich und\u00a0sorgen daf\u00fcr dass Hospit\u00e4ler und Schulk\u00fcchen funktionieren;\u00a0die alten Strukturen in Gesellschaft und Politik werden hinterfragt,\u00a0neues\u00a0entsteht, noch zaghaft, aber schon deutlich sichtbar. Und gerade da k\u00f6nnen\u00a0wir Protestanten mitreden\u2026; Luthers \u201cFreiheit eines Christenmenschen\u201d ist\u00a0den meisten hier fremd. Unsere Gemeinde hat gelernt, diese Freiheit nach\u00a0aussen hin zu leben, ihr freudig und mutig Raum zu schaffen.<\/p>\n<p>Dann denke ich auch an die vielen Friedensm\u00e4rsche der letzten Wochen,\u00a0an tausend Orten auf dieser Welt und auch bei uns. In der Jugendgruppe\u00a0haben wir viel \u00fcber die Sinnlosigkeit des Krieges diskutiert\u2026;\u00a0und dann sind diese jungen Menschen \u201chinausgegangen\u201d um \u201cetwas\u00a0zu tun\u201d, luden ein an den Schulen, nahmen Kontakt auf mit Gewerkschaften\u00a0und anderen Organisationen, und jetzt treffen sie sich jeden Freitagabend,\u00a0an der \u201cPlaza\u201d, einem Park im Stadtzentrum\u2026., ihre\u00a0Plakate klagen an, r\u00fctteln wach, sie lesen Texte, die vom Frieden\u00a0erz\u00e4hlen, z\u00fcnden Kerzen an, um ihre Hoffnung auszudr\u00fccken..;\u00a0und dann marschieren sie durch die Strassen, die Menschen kommen aus\u00a0den Gesch\u00e4ften, manche applaudieren\u2026; eine kleine Gruppe Jugendlicher\u00a0(dazu noch Protestanten!), wenige Erwachsene (die haben wichtigeres zu\u00a0tun\u2026)\u2026; dann setzen sie sich mitten auf die Hauptverkehrskreuzung\u2026,\u00a0und das Wunder geschieht: die Autos bleiben stehen, manche steigen aus\u00a0und setzen sich dazu, kein Tumult, kein Hupen, keine Proteste.<\/p>\n<p>Und dann sind da unsere Gottesdienste\u2026, sie haben sich ver\u00e4ndert\u2026,\u00a0jetzt sp\u00fcren wir <strong>seine<\/strong> Kraft, <strong>seinen<\/strong> Frieden, wenn wir gemeinsam\u00a0feiern.<\/p>\n<p>Das ist <strong>Lebenskraft gegen die Todesmacht!<\/strong> Darum geht es, daf\u00fcr\u00a0und deshalb sind wir Christen. Die Kirche Christi war in der Geschichte\u00a0zu oft und an zu vielen Orten Kirche um ihrer selbstwillen; versteckt\u00a0hinter hohen Mauern, verriegelten Fenstern und T\u00fcren lebte sie von\u00a0dem \u201cwas war\u201d. Das ist die sterbende Kirche die der Todesmacht\u00a0erliegt.<\/p>\n<p>Jesus kommt und nimmt uns an der Hand und f\u00fchrt uns hinaus\u00a0in die Welt, in die Wirklichkeit. Er \u201csendet\u201d uns wie er\u00a0selbst vom Vater gesandt wurde. Und wir d\u00fcrfen Zweifel haben und\u00a0es sind gerade diese Zweifel die unseren Glauben st\u00e4rken, denn wir\u00a0haben erkannt: Jesus lebt und er lebt in unseren Strassen, in den Hospit\u00e4lern\u00a0und Armenvierteln\u2026; diesen Jesus kann man \u00fcberall auf der\u00a0Welt finden!<\/p>\n<p>Neulich fragte ich im Gottesdienst: \u201cwie k\u00f6nnen wir die Existenz\u00a0unserer Gemeinde hier vor Ort rechtfertigen?\u201d Da antwortete eine\u00a0Frau: \u201c\u2026wir sind auf keinen Fall Gemeinde um unserer selbst\u00a0willen, sondern um den Namen Gottes in der Welt zu verk\u00fcndigen.\u201d Und\u00a0diesen Namen \u00fcbersetzen wir mit \u201cGerechtikeit\u201d, \u201cFrieden\u201d, \u201cLeben\u201d und \u201cZukunft\u201d,<br \/>\neben: <strong>Lebenskraft gegen die Todesmacht<\/strong> (und seit vergangenen Sonntag<br \/>\nhat sie ausgelacht!).<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Reiner Kalmbach<br \/>\n<a href=\"mailto:reikal@neunet.com.ar\">E-Mail: reikal@neunet.com.ar <\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quasimodogeniti | 27. 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