{"id":9429,"date":"2003-04-07T19:49:51","date_gmt":"2003-04-07T17:49:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9429"},"modified":"2025-04-28T11:16:05","modified_gmt":"2025-04-28T09:16:05","slug":"johannes-20-24-31","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-20-24-31\/","title":{"rendered":"Johannes 20, 24-31"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Quasimodogeniti | 27. April 2003 | Johannes 20, 24-31 | Paul Kluge |<\/span><\/b><\/h3>\n<p><em>24 Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zw\u00f6lf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.<\/em><br \/>\n<em>25 Da sagten die andern J\u00fcnger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen H\u00e4nden die N\u00e4gelmale sehe und meinen Finger in die N\u00e4gelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich&#8217;s nicht glauben.<\/em><br \/>\n<em>26 Und nach acht Tagen waren seine J\u00fcnger abermals drinnen versammelt, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die T\u00fcren verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch!<\/em><br \/>\n<em>27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine H\u00e4nde, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungl\u00e4ubig, sondern gl\u00e4ubig!<\/em><br \/>\n<em>28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!<\/em><br \/>\n<em>29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!<\/em><br \/>\n<em>30 Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen J\u00fcngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch.<\/em><br \/>\n<em>31 Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, da\u00df Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Geschwister,<\/p>\n<p>Thomas ist als der Zweifler bekannt. Das bringt ihn in meine N\u00e4he. Doch Thomas will seine Zweifel \u00fcberwinden. Deshalb will er der Sache auf den Grund gehen, deshalb fordert er Beweise. Diese Gr\u00fcndlichkeit gef\u00e4llt mir. Ich habe Thomas einen Brief geschrieben, und den m\u00f6chte ich Ihnen vorlesen:<\/p>\n<p>Lieber Thomas,<\/p>\n<p>ich habe deine Geschichte gelesen, und nun will ich dir einen Brief schreiben. Denn ich kann dich nur zu gut verstehen, und so denke ich, du wirst auch mich verstehen. Du glaubst nicht alles, was andere so reden, und daf\u00fcr gibt es ja gute Gr\u00fcnde. Da wirst du ebenso deine Erfahrungen gemacht haben wie ich. Du wirst wissen, wie schnell Ger\u00fcchte entstehen, wie gern sie erz\u00e4hlt und geh\u00f6rt werden, und du wirst die Gier der Massen nach sensationellen Nachrichten kennen. Das war zu deiner Zeit sicherlich nicht anders als heute. Man kann sein Geld damit verdienen, da\u00df man Ger\u00fcchte als Nachrichten verkauft, und man kann damit Menschen zu Grunde richten oder zu Superstars stilisieren.<\/p>\n<p>Du willst mit deinen eigenen Augen sehen, mit deinen H\u00e4nden fassen, was die anderen dir erz\u00e4hlt haben, willst die Nachricht \u00fcberpr\u00fcfen. Diese Tugend ist heute wenig verbreitet, war es wohl auch zu deiner Zeit nicht. H\u00e4tte dein Verhalten sonst Erw\u00e4hnung gefunden? Ich vermute, zu der Zeit wu\u00dftest du selbst noch nicht, da\u00df du einmal ein eigenes Evangelium schreiben w\u00fcrdest. Es hat bei weitem nicht die Publizit\u00e4t erlangt wie andere Evangelien. Das mag daran liegen, da\u00df du fast nur kurze Worte und Gleichnisse Jesu aufgeschrieben hast und keine spektakul\u00e4re Wunder wie die anderen. Auch keine Beschreibung von Spott und Hohn, von Folter und Hinrichtung, wie viele Menschen sie so gern mit G\u00e4nsehaut lesen. Vielleicht hast du das alles nicht geschrieben, weil du es nicht \u00fcberpr\u00fcfen konntest.<\/p>\n<p>Aber sag mal, warst du denn nicht dabei in Gethsemane, als Jesus verhaftet wurde, hast du den Scheinproze\u00df nicht verfolgt, bist nicht anonym in der Menge der Schaulustigen nach Golgatha gezogen? Das w\u00fcrde zu dir passen, denn du scheinst ein vorsichtiger, auf Sicherheit bedachter Mann zu sein, der das Risiko nicht gerade sucht. Das macht dich mir sympathisch. Doch wer sich so verh\u00e4lt, ist dann auf Informationen aus zweiter Hand angewiesen, auf das, was andere ihm erz\u00e4hlen, und mu\u00df das dann auch noch \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Als die anderen dir erz\u00e4hlten, Jesus sei bei ihnen gewesen, konntest du das nicht glauben, hatten die R\u00f6mer ihn doch zwei Tage vorher hingerichtet. Zwar hatte Maria aus Magdala berichtet, da\u00df das Grab leer war, doch das konnte viele Gr\u00fcnde haben. Und das sie, gerade sie, in einem Friedhofsg\u00e4rtner Jesus erkannt haben wollte, hast du vermutlich als Trauerhysterie abgetan.<\/p>\n<p>Dann hast du das Haus verlassen, wo ihr alle zusammenwart. Konntest du das Trauern und Klagen, die Angst und die Verzweiflung, die Rat- und Orientierungslosigkeit der anderen nicht mehr ertragen \u2013 oder warst du unterwegs, um das Geh\u00f6rte zu \u00fcberpr\u00fcfen? Und was haben deine Recherchen ergeben \u2013 in deinem Evangelium steht nichts dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Jedenfalls: Als du zur\u00fcckkamst, haben die anderen dich mit der Nachricht \u00fcberfallen, Jesus sei dagewesen. Du hast das vielleicht f\u00fcr eine Gruppenhalluzination gehalten, doch wohl, um die anderen nicht zu verletzen, hast du den Beweis verlangt. Der kam dann auch eine Woche sp\u00e4ter. Was da passiert ist, hast du vermutlich genau so wenig verstanden wie wir das heute mit unserem Verstand erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Aber es mu\u00df dich \u00fcberzeugt haben &#8211; auch, wenn es deiner Vernunft, deiner n\u00fcchternen \u00dcberlegung widersprach. Doch ist nicht gerade das typisch f\u00fcr Glauben, da\u00df er unsere Vernunft \u00fcbersteigt? Was ich mit meinem Verstand erfassen kann, brauche ich nicht zu glauben, ich wei\u00df es einfach. Doch auch heute gibt es Dinge, die sind einfach nicht zu fassen und auch nicht zu erkl\u00e4ren. Aber sie sind da. Liebe zum Beispiel oder manchmal vorkommende Spontanheilungen. Ich kenne Leute, die hatten f\u00fcr einen kurzen Moment das Gef\u00fchl, mit der ganzen Welt eins zu sein. Sie k\u00f6nnen es nicht beschreiben, aber sie haben es erlebt. So etwas gibt es und gab es wohl schon immer. Unser Verstand, haben Forscher herausgefunden, macht gerade mal 20% von uns aus. Das ist nicht gerade viel, und unser Stolz darauf sollte eher bescheiden sein.<\/p>\n<p>Wenn ich mich in deine Lage versetze, als die anderen dir vom Erscheinen Jesu erz\u00e4hlten und du das nicht glaubtest, kommt mir der Gedanke, da\u00df du da ja wohl zum Au\u00dfenseiter in der Gruppe wurdest, zu einem, der nicht dazugeh\u00f6rt. Ich stelle mir das schlimm vor, denn du hattest ja vermutlich keine anderen Beziehungen mehr. Doch dann, nach deinem Erlebnis, geh\u00f6rtest du wieder dazu. Das mu\u00df doch f\u00fcr dich wie die Heimkehr des verlorenen Sohnes gewesen sein, wieder zur Gemeinschaft der J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger zu geh\u00f6ren, zur Gemeinschaft der Glaubenden. Mindestens mu\u00dft es dich erleichtert haben, wieder dazuzugeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Lieber Thomas, sp\u00e4tere Generationen haben dich zum Zweifler erkl\u00e4rt und damit zu einem negativen Vorbild gemacht. Ich mu\u00df dem widersprechen. Du wolltest \u00fcberzeugt werden, und das wurdest du. Ich sehe in dir den letzten Augenzeugen und denke, das wird dir gerechter. Die Chance zu sehen, die du hattest, haben wir heute nicht mehr. Wir k\u00f6nnen aber glauben, weil du gesehen hast. Und weil du uns Mut machst, skeptisch zu sein, nachzufragen und uns \u00fcberzeugen zu lassen. Du hast deinen Verstand nicht ausgeschaltet, sondern erfahren, da\u00df der nicht alles ist. Das anzuerkennen, meine ich, m\u00fcssen wir heute wieder lernen. Dabei kannst du uns helfen, und daf\u00fcr m\u00f6chte ich dir danken.<\/p>\n<p>Herzlichst, Dein &#8230;<\/p>\n<p>Liebe Geschwister, vielleicht k\u00f6nnen Sie diesen Brief auch unterschreiben \u2013 oder Sie schreiben zu Hause Ihren Brief an Thomas. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Paul Kluge, Provinzialpfarrer<br \/>\nim Diakonischen Werk in der<br \/>\nKirchenprovinz Sachsen<br \/>\n<a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\">E-Mail: Paul.Kluge@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quasimodogeniti | 27. April 2003 | Johannes 20, 24-31 | Paul Kluge | 24 Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zw\u00f6lf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Da sagten die andern J\u00fcnger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. 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