{"id":9432,"date":"2003-04-07T19:49:46","date_gmt":"2003-04-07T17:49:46","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9432"},"modified":"2025-04-28T11:40:13","modified_gmt":"2025-04-28T09:40:13","slug":"johannes-10-11-16-27-30","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-10-11-16-27-30\/","title":{"rendered":"Johannes 10, 11-16 (27-30)"},"content":{"rendered":"<h3>Misericordias Domini | 4. Mai 2003 | Johannes 10,11\u201316 (27\u201330) | Birte Andersen |<\/h3>\n<p>Wir befinden uns in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten. Zwischen Auferstehung<br \/>\nund Himmelfahrt. Die Zeit, wo uns die Auferstehung unter die Haut gehen<br \/>\nsoll. Uns lehren soll, die Welt um uns mit den Augen des Auferstandenen<br \/>\nzu sehen, die Welt mit den H\u00e4nden des Auferstandenen zu sp\u00fcren<br \/>\nund zu f\u00fchlen. Wir sollen mit der Welt um uns mit den Worten des<br \/>\nAuferstandenen reden. Deshalb ist die Zeit nach Ostern voll von Texten,<br \/>\ndie von der Formgebundenheit der Menschen an Christus sprechen. Eines<br \/>\ndieser starken Bilder ist das Bild vom Verh\u00e4ltnis zwischen den<br \/>\nSchafen und ihrem Hirten.<\/p>\n<p>Bevor das Bild ankommt, erklingen die Worte: &#8222;Ich bin&#8220;. Als<br \/>\nein Echo aus den alten Worten an Moses am brennenden Dornenbusch. Ich<br \/>\nbin der, der ich bin. Einfach und r\u00e4tselhaft zugleich. So wie das<br \/>\nGottesverh\u00e4ltnis. Dann kommt das Bild des Hirten. Der gute Hirte,<br \/>\nder so stark in unserem Bewu\u00dftsein steht, da\u00df er fast zu<br \/>\neinem Archetypen geworden ist. Mit der Doppelheit, die einem Archetypen<br \/>\neigen ist.<\/p>\n<p>Viel verdeckte Macht ist als eine Hirtenfunktion ausge\u00fcbt worden.<br \/>\nDas Ausnutzen der Schw\u00e4chen anderer, Mi\u00dfbrauch eigener G\u00fcte<br \/>\nhaben falsche Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse geschaffen. Wir haben<br \/>\nes gesehen und sehen es zwischen Liebenden, zwischen Freunden, privat<br \/>\nund \u00f6ffentlich, auch in der Kirche. Wenn wir das Entscheidende \u00fcbersehen,<br \/>\nda\u00df Christus der Hirte ist. Nicht wir. Dadurch sind wir davon befreit,<br \/>\nHirten zu sein &#8211; zun\u00e4chst. Weder mein eigener Drang, andere zu erl\u00f6sen,<br \/>\nnoch deren Bed\u00fcrfnis nach N\u00e4he und F\u00fcrsorge k\u00f6nnen<br \/>\nmich in die Position des Hirten bringen. Christus ist der gute Hirte.<br \/>\nEr ist es f\u00fcr mich und f\u00fcr den anderen. In bezug auf den anderen<br \/>\nund in bezug auf mich selbst kommt Christus zuerst. Nicht ich bin Hirte<br \/>\nf\u00fcr den anderen &#8211; Christus ist Hirte f\u00fcr ihn &#8211; und auch f\u00fcr<br \/>\nmich.<\/p>\n<p>Was bedeutet es nun, da\u00df Christus Hirte ist? Wir sehen die Gestalt<br \/>\ndes wahren Hirten am besten auf dem Hintergrund seines Gegensatzes, dem<br \/>\nMietling.<\/p>\n<p>Nun wird der heutige Mietling sich selbst niemals so nennen. Er gibt<br \/>\nsich selbst ganz, meint er von sich selbst. Aber er will etwas daf\u00fcr.<br \/>\nDenn jemand &#8211; die Schafe oder deren Besitzer &#8211; sind ihm etwas schuldig.<br \/>\nKriegt er kein Geld, das ist vielleicht zu primitiv, zumindest braucht<br \/>\ner dann Anerkennung, Aufmerksamkeit, Dankbarkeit, Liebe &#8211; von den andern.<br \/>\nEr leitet die Schafe, indem er sie in ihrer Schw\u00e4che und Abh\u00e4ngigkeit<br \/>\nfesth\u00e4lt &#8211; um so deutlicher kann seine F\u00fcrsorge dann zum Vorschein<br \/>\nkommen. Er glaubt, da\u00df er etwas zu verlieren hat, und wei\u00df nicht,<br \/>\nda\u00df er bereits das verloren hat, was zu verlieren war &#8211; denn das<br \/>\nkann man nicht kaufen oder verkaufen. Er hat sein Leben verloren, als<br \/>\ner zu Ostern Jesus mit zum Tode verurteilte. Da ging das alte Leben zugrunde<br \/>\n&#8211; das Leben, das er kontrollieren konnte. Seitdem kam Auferstehung in<br \/>\ndas Leben, es geh\u00f6rt nicht mehr dem Menschen, es geh\u00f6rt jetzt<br \/>\nGott, und man kann es nicht verlangen oder um es feilschen. Der, der<br \/>\nMietling ist, nennt sich oft Hirte, aber er wird erst entlarvt, wenn<br \/>\ndie Gefahr kommt, wenn die W\u00f6lfe kommen. Denn er will selbst nicht<br \/>\nverlieren. Er will gerne da sein, aber nicht verlieren. Er kapselt sich<br \/>\nein &#8211; in Abwehr und Schutz &#8211; wenn der Wolf kommt.<\/p>\n<p>Der wahre Hirte kommt vom Tode. Dahin hat ihn sein Hirtenauftrag gef\u00fchrt.<br \/>\nEr bekommt nichts daf\u00fcr. Gott nahm ihm das Leben und lie\u00df es<br \/>\nsein Leben sein. Der wahre Hirte hat seinen Auftrag nicht von den Schafen,<br \/>\nsondern von dem Herrn, der Herr ist \u00fcber ihn und die Schafe, dem<br \/>\nHerrn der Welt. Der Sch\u00f6pfer und Herr der Welt hat ihm die Schafe<br \/>\ngegeben und ihm die Vollmacht erteilt, sie zu h\u00fcten und zu sammeln.<br \/>\nDer Hirte kennt Gott und Gott kennt ihn. Darin hat er seinen Ursprung.<br \/>\nSein Leben h\u00e4ngt nicht an der Anerkennung durch die Schafe oder<br \/>\ndem Mangel derselben. Weil er Gott kennt, h\u00fctet er seine Herde nicht<br \/>\nallein. Er l\u00e4\u00dft uns Gott sehen und Gott wiedererkennen in<br \/>\nder Herde, in der wir leben. Denn Jesus kann man nicht mehr sehen, ohne<br \/>\nzugleich Gott mit zu sehen. Durch seine Todesverachtung hat Jesus den<br \/>\nHerrn der Welt selbst zum H\u00fcter der zuf\u00e4lligen Schafsherde<br \/>\ngemacht, in der du und ich leben. So wie er auch Gott in andere Schafsherden<br \/>\ngebracht hat, die wir nicht kennen.<\/p>\n<p>Er hat den Tod heimatlos gemacht, so da\u00df er nicht mehr Gott und<br \/>\nMenschen trennen kann, die Schafe nicht mehr von ihrem Besitzer scheiden<br \/>\nkann.<\/p>\n<p>Wo ist es dann m\u00f6glich zu sehen, da\u00df Gott selbst Hirte geworden<br \/>\nist? Das sehen wir an seinem Merkmal. Die Schafsherde, in der du und<br \/>\nich leben, wird nicht mehr von einem Hirtenhund bewacht, einer soliden<br \/>\nUmz\u00e4unung oder einem Stab. All das ist durch ein Merkmal ersetzt.<\/p>\n<p>Ein Brandmal. Das Siegeszeichen des k\u00e4mpfenden Gottes. Das Zeichen<br \/>\nf\u00fcr meine Person bedeutet, da\u00df ich das schwarze Loch meiner<br \/>\nUnsicherheit nicht mehr mit dem Lob und der Anerkennung anderer zu f\u00fcllen<br \/>\nbrauche &#8211; mit dem Lechzen nach der Aufmerksamkeit anderer oder dem Warten<br \/>\nauf R\u00fcckzahlung der Dankesschuld. Denn mir ist ein Merkmal eingepr\u00e4gt,<br \/>\ndas mir sagt: Du bist erw\u00e4hlt. Niemand kann mir mehr geben, als<br \/>\nich schon empfangen habe.<\/p>\n<p>Vielleicht ist das f\u00fcr uns am schwersten zu schlucken &#8211; da\u00df ich<br \/>\nvom Herrn der Welt erkannt und gesehen bin. Und je mehr ich fortgebe,<br \/>\ndesto mehr empfange ich. Desto deutlicher tritt das Merkmal hervor. Genug,<br \/>\num mir durchs ganze Leben zu folgen. Denn wir k\u00f6nnen das Merkmal<br \/>\nselbst nicht sehen, an dem Gott uns erkennt. Niemand kann sich selbst<br \/>\nsehen.<\/p>\n<p>Dennoch ist es m\u00f6glich, das Merkmal als einen Leitstern zu benutzen<br \/>\nund ihm zu folgen. Wenn es in unsere Herzen eingeschrieben ist &#8211; wie<br \/>\ndies geschah, als Jesus den Tod \u00fcberwand &#8211; dann k\u00f6nnen wir<br \/>\nes als einen Stempel tragen, durch den man die Schafe auseinanderhalten<br \/>\nkann.<\/p>\n<p>Mit diesem Merkmal an sich zu leben bedeutet, da\u00df sich das allt\u00e4gliche<br \/>\nGrasen ver\u00e4ndert. Zuvor erhielten die st\u00e4rksten Schafe das<br \/>\nbeste Futter &#8211; f\u00fcr sich selbst. Die Schwachen mu\u00dften entweder<br \/>\nzugrunde gehen oder sich der Leitung des Hirten anvertrauen. Jetzt kann<br \/>\nselbst das schw\u00e4chste Schaf in der Herde gro\u00dfherzig sein und<br \/>\nPlatz machen f\u00fcr das Schaf, das neben ihm grast. Und f\u00fcr mich<br \/>\nals eines der Schafe der Herde wird wichtig, die anderen zu kennen. Kann<br \/>\nich das Merkmal Gottes an mir selbst nicht sehen, so kann ich das Merkmal<br \/>\nder anderen sehen. Und der Umwelt erz\u00e4hlen, was ich sehe.<\/p>\n<p>Durch die Gegenseitigkeit k\u00f6nnen die Schafe nun f\u00fcreinander<br \/>\nda sein. Ja, ohne diese Erz\u00e4hlung und den Austausch der verschiedenen<br \/>\nMerkmale Gottes h\u00f6ren das Leben und das Grasen auf. Und das war<br \/>\nja nicht der Sinn der \u00dcbung.<\/p>\n<p>Der Sinn, sagt Jesus, ist der, da\u00df die verstreuten Schafherden,<br \/>\ndie von der Existenz der jeweils anderen Herde nichts wissen, in einer<br \/>\ngro\u00dfen Herde versammelt werden, die alle Unterschiede in sich enth\u00e4lt.<br \/>\nWeil zwei und zwei mehr ist als vier. Weil dort, wo die Unterschiede<br \/>\nin demselben Bild zusammengehalten werden und zusammensein k\u00f6nnen,<br \/>\ndort sind Leben und Energie. Dort k\u00f6nnen das B\u00f6se und die Macht<br \/>\nder Zerst\u00f6rung nicht genug Nahrung und Sauerstoff erhalten, denn<br \/>\nder Sauerstoff ist dort, wo das Leben str\u00f6mt.<\/p>\n<p>Diese zerstreute Herde soll nach Gottes Willen in seiner Ewigkeit vereint<br \/>\nwerden. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer Birte Andersen<br \/>\nEmdrupvej 42<br \/>\nDK-2100 K\u00f8benhavn-\u00d8<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 39 18 30 39<br \/>\n<a href=\"mailto:bia@km.dk\">E-Mail: bia@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Misericordias Domini | 4. Mai 2003 | Johannes 10,11\u201316 (27\u201330) | Birte Andersen | Wir befinden uns in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten. Zwischen Auferstehung und Himmelfahrt. Die Zeit, wo uns die Auferstehung unter die Haut gehen soll. 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