{"id":9433,"date":"2003-05-07T19:49:44","date_gmt":"2003-05-07T17:49:44","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9433"},"modified":"2025-04-28T11:45:10","modified_gmt":"2025-04-28T09:45:10","slug":"1-johannes-31-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-johannes-31-2\/","title":{"rendered":"Johannes 10,11\u201316.27\u201330"},"content":{"rendered":"<h3>Misericordias Domini | 4. Mai 2003 | Johannes 10,11\u201316.27\u201330 | Reinhard Weber |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>an den Bildern, die im heutigen Predigttext verwendet werden, kann man<br \/>\nermessen, wie weit die biblische Welt von uns entfernt ist bzw. wir uns<br \/>\nvon ihr entfernt haben und wie fremd uns ihre Lebenswelt geworden ist.<br \/>\nHirten und Schafe und alles, was ihr Leben und Weben angeht, kommen in<br \/>\nunserer Umwelt praktisch nicht mehr vor. Die allf\u00e4llig praktizierte<br \/>\nindustrielle Agrarwirtschaft hat sie verdr\u00e4ngt bis auf ein paar<br \/>\nkleine Nischen, etwa in der L\u00fcneburger Heide, wo man hin und wieder,<br \/>\nund dann schon mehr mit touristischen und folkloristischen Ankl\u00e4ngen,<br \/>\nnoch einmal einen Sch\u00e4fer mit seiner Herde zu Gesicht oder besser:<br \/>\nvorgef\u00fchrt bekommt. Unsere jungen Leute wissen nichts mehr vom Hirtenleben,<br \/>\nund schon gar nicht, wenn es um deren allt\u00e4gliche Existenz, also<br \/>\num die erw\u00e4hnten W\u00f6lfe geht, obwohl die ja jetzt wieder in<br \/>\nDeutschland von irgendwelchen verr\u00fcckt gewordenen \u00d6kosophen<br \/>\neingewildert werden sollen. Ein Anachronismus sondergleichen, w\u00e4hrend<br \/>\nman gleichzeitig jeden Tag in dem winzigen Kleinstdeutschland, was uns<br \/>\ndank der Weisheit der sog. Siegerm\u00e4chte noch geblieben ist, ein<br \/>\nAreal von 180 Fu\u00dfballfeldern oder 2.000.000 qm (in Worten: 2 Millionen<br \/>\nm2 t\u00e4glich!!!) der eh nur noch geringen Freifl\u00e4chen zubaut,<br \/>\nversiegelt, betoniert. Das mu\u00df niemand mehr kommentieren.<\/p>\n<p>Also, was das Jesusbild vom Hirten angeht, sind wir von einem andern<br \/>\nStern, leben wir auf einem anderen Planeten. Die Menschen damals, und<br \/>\nso auch Jesus, haben eben eine andere Lebenswelt geteilt, die nicht mehr<br \/>\ndie unsere ist, eine halbnomadisch agrarische mit viel Weidewirtschaft<br \/>\nund Kleinvieh. Das Hirtenbild war plastisch und allf\u00e4llig, heute<br \/>\nist es k\u00fcnstlich, ein Schauspiel f\u00fcr Kinder mit Seltenheitswert.<br \/>\nDeshalb m\u00fcssen wir es \u00fcbersetzen, um es uns nahezubringen und<br \/>\nanschaulich zu machen. Als g\u00e4ngige, selbstverst\u00e4ndliche Metapher<br \/>\ntaugt es nicht mehr.<\/p>\n<p>Und doch &#8211; seltsam: wenn man als Pfarrer bei Beerdigungen die Angeh\u00f6rigen<br \/>\nfragt, welchen Text man denn f\u00fcr die Ansprache nehmen soll, so kommt<br \/>\nin der Regel, jedenfalls in den allermeisten F\u00e4llen: Psalm 23 \u2013 \u201eder<br \/>\nHerr ist mein Hirte\u201c. Der Hirtenpsalm! Nat\u00fcrlich, ich wei\u00df,<br \/>\nden hat man vielleicht und wahrscheinlich als einzigen, \u00fcbriggebliebenen<br \/>\nnoch im Konfirmandenunterricht gelernt, wenn man denn noch was gelernt<br \/>\nhat. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den man noch kommt.<br \/>\nDer sitzt bei den \u00c4lteren noch ziemlich fest, den kennt man noch<br \/>\nhalbwegs, und sei es auch nur von ferne, dem H\u00f6rensagen nach. Dieser<br \/>\nPsalm mit dem Weiden auf gr\u00fcner Aue und dem frischen Wasser ist<br \/>\nsicher einer der bekanntesten Texte der Bibel \u00fcberhaupt, sogar in<br \/>\neher kirchen und christentumsfremden Kreisen. Ein h\u00e4ngengebliebener<br \/>\nRest. Immer wieder wird der verlangt, auch wenn es dem Pfarrer bald l\u00e4stig<br \/>\nist, immer wieder dasselbe Getreide dreschen zu m\u00fcssen, mit wohlwollendem<br \/>\nGesicht zumal. Und das ist ja der gute Hirte.<\/p>\n<p>Das Bild kommt anscheinend immer noch gut an, und als Kinder haben wir<br \/>\nja fr\u00fcher auch so kleine oder gr\u00f6\u00dfere Jesusbildchen gehabt<br \/>\nund geschenkt bekommen, auf denen der treuherzige, b\u00e4rtige Jesus<br \/>\nsich das verlorene Schaf (da kommt es noch mal vor!) auf die Schulter<br \/>\ngelegt hat und es besch\u00fctzt und zur Herde zur\u00fcckbringt. Der<br \/>\nJesus mit dem Hirtenstab. Damit konnte man sicher einschlafen. Das war<br \/>\ntr\u00f6stlich.<\/p>\n<p>Das Bild selbst atmet darum immer noch eine Vertrautheit, jedenfalls<br \/>\ngeht es mir so, die tief in Kindheitszeiten und Kindheitsgef\u00fchle<br \/>\nhinabreicht, sehr tief sitzt und wohl doch archetypischen Charakter hat,<br \/>\nalso ins kollektive Unbewu\u00dfte hinunterwurzelt. Und damit auch der<br \/>\nText vom guten Hirten aus Joh 10, wie er heute die Predigt begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Das Bild als solches ist eben \u201eso richtig sch\u00f6n\u201c, wie<br \/>\nman oft zu h\u00f6ren bekommt. Es geht zu Herzen und erreicht eine seelische<br \/>\nIntensit\u00e4t, wie sie wenigen anderen Metaphern eigen ist. \u201eIch<br \/>\nbin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich.\u201c Das<br \/>\nschl\u00e4gt eine Saite im angesprochenen Menschen an, die Ruhe und Frieden,<br \/>\nGeborgenheit und Vertrauen, Sicherheit und Angstfreiheit, W\u00e4rme<br \/>\nund N\u00e4he, Loslassenk\u00f6nnen und Umfangensein wachruft und zum<br \/>\nKlingen bringt, ja sie uns zusagt, uns in diesen erweckten Raum hineinversetzt,<br \/>\nihn schafft. Da kann man sich wohlf\u00fchlen. Darum wird das Bild auch<br \/>\nheute noch recht unvoreingenommen und widerstandslos goutiert, angenommen,<br \/>\nrezipiert, akzeptiert, obwohl mit ihm doch erhebliche Ambivalenzen, Zwiesp\u00e4ltigkeiten<br \/>\nverbunden sind. Wer m\u00f6chte sonst schon gerne mit einem Schaf verglichen<br \/>\nwerden, das doch eher f\u00fcr Dummheit und Naivit\u00e4t steht. Mit<br \/>\ndem Bild k\u00f6nnten ja sowohl im Blick auf den Hirten fatale \u201eF\u00fchrer\u201c-Assoziationen<br \/>\nverbunden werden, als auch im Blick auf die Schafe solche der Entm\u00fcndigung<br \/>\nund Bevormundung, und beides zusammen ergibt dann diese ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte<br \/>\nMelange von Herdentrieb und Unterwerfungsgestus. Alles nicht sehr appetitliche<br \/>\nVorstellungen, dazu noch die L\u00e4mmer als traditionell wehrlose Opfer,<br \/>\ngeradezu pr\u00e4destiniert zum Mi\u00dfbrauch und zur Instrumentalisierung,<br \/>\nund die Hirten als \u00dcbermenschen mit der Overprotecting-Neurose oder<br \/>\ndem Gott-Vater-Herrschafts-Syndrom.<\/p>\n<p>Und dennoch gilt auch hier: abusus non tollit usum, der Mi\u00dfbrauch<br \/>\nhebt den rechten Gebrauch nicht auf, obwohl man das in Deutschland noch<br \/>\nnie begriffen hat, bes. nicht nach 1945, sondern immer nur den Sprung<br \/>\nvon einem Extrem ins andere kennt und so den einen Mi\u00dfbrauch durch<br \/>\nden anderen ersetzt.<\/p>\n<p>Das Urbed\u00fcrfnis des Menschen, und das ist es ja und wird es bleiben,<br \/>\nsolange er ein endliches und abh\u00e4ngiges und angewiesenes Wesen ist,<br \/>\nund wie sollte er je etwas anderes sein, dieses Urbed\u00fcrfnis nach<br \/>\nLebensgewi\u00dfheit und Sicherheit, nach Orientierung und Umfriedung,<br \/>\nnach guter Leitung und solidarischer Gemeinschaft (ein Hirt und eine<br \/>\nHerde), besonders und vor allem aber nach Erkanntwerden (\u201eich kenne<br \/>\ndie Meinen\u201c), also nach individueller Identifikation (auch und<br \/>\ngerade in der \u201eHerde\u201c), das l\u00e4\u00dft sich nun einmal<br \/>\nweder mit dem Teufel austreiben noch wirklich verleugnen. Das ist schlicht<br \/>\nals unhintergehbar anzuerkennen. Dazu ist ja zu sagen! Will hei\u00dfen,<br \/>\ndas fremde, lebensweltlich entzogene Hirtenbild, gerade auch mit seinen<br \/>\nreligi\u00f6sen Konnotation und Assoziationen ist trotz seiner Abst\u00e4ndigkeit<br \/>\nim milieuspezifischen Sinne eigenartig pr\u00e4sent und aktuell in unserem<br \/>\nseelischen Untergrund.<\/p>\n<p>Und da und gerade deshalb, wo es um diese Urbed\u00fcrfnisse und ihre<br \/>\nBefriedigung geht, ist es eben von entscheidender Bedeutung, wohin man<br \/>\nger\u00e4t, in welchen Kreis man sich hineinziehen l\u00e4\u00dft, wie<br \/>\nsie gef\u00fcllt, verwendet und gestaltet werden, wie man besonders an<br \/>\nden Jugendlichen sehen kann. Und auch das mit dem Hirtenbild verbundene<br \/>\nBed\u00fcrfnis kann man nicht ausrotten, ohne die Menschlichkeit des<br \/>\nMenschen aufzuheben, das d\u00fcrfte jedem vern\u00fcnftigen Menschen,<br \/>\nder Erfahrungen mit sich selbst und der Menschheit und ihrer Geschichte<br \/>\ngemacht hat, einsichtig und unwiderleglich sein. Also kommt es darauf<br \/>\nan, wie es befriedigt wird. Wie der Hirte von dem Rattenf\u00e4nger,<br \/>\nsprich in unserem Text von dem Mietling unterschieden werden kann. Darum<br \/>\ngeht es, das ist der Kern unseres Johannes-Textes. Da\u00df man es mit<br \/>\ndem richtigen, dem guten Hirten zu tun bekommt. Und das hei\u00dft ineins<br \/>\ndann eben, da\u00df man es mit dem richtigen Leben zu tun bekommt, dem<br \/>\nOrt, wo dieses Bed\u00fcrfnis wirklich hingeh\u00f6rt. Da mu\u00df unterschieden<br \/>\nwerden.-<\/p>\n<p>Deshalb: Jesus grenzt sich als den guten Hirten, f\u00fcr den die Schafe<br \/>\nsein Eigentumsvolk sind, von dem Mietling, dem gemieteten Hirten ab und<br \/>\nzeigt die Differenz zwischen beiden in ihrem Verh\u00e4ltnis zu den Schafen<br \/>\nan ihrem Verhalten in der Krisis, der kritischen Situation, die immer<br \/>\nenth\u00fcllenden Charakter hat. Schon im ersten Satz ist alles gesagt:<br \/>\nder gute Hirte l\u00e4\u00dft in der Not sein Leben f\u00fcr die Schafe.<br \/>\nDer Mietling hingegen nimmt rei\u00dfaus, wenn der Wolf kommt. Wozu<br \/>\nsoll er auch sein Leben einsetzen und evtl. opfern, wenn er doch nur<br \/>\num Lohn arbeitet, wenn die Schafe ihm nicht geh\u00f6ren, nicht sein<br \/>\nLeben, seine Daseinsgrundlage darstellen, er nur einen Zeitvertrag hat,<br \/>\nseine Loyalit\u00e4t, sein Interesse also begrenzt sind?! Sein Verhalten<br \/>\nentbehrt nicht der Logik, denn seine Verantwortlichkeit ist faktisch<br \/>\nlimitiert. Ihm kann es nicht ums Ganze gehen, weil die Herde nicht sein<br \/>\nGanzes ist. Sein Verh\u00e4ltnis zu ihr ist eben kein existentielles,<br \/>\nsondern ein gesch\u00e4ftliches, und darin liegt der entscheidende Unterschied!<\/p>\n<p>Man kann es vielleicht vergleichen mit einem Beispiel aus unserer heutigen<br \/>\nLebenswelt: wenn ich ein Auto miete oder lease, dann mache ich einen<br \/>\nentsprechenden Vertrag, in welchem meine Rechte und Pflichten genau geregelt<br \/>\nund abgegrenzt sind. Es wird nicht mein Eigentum, es bleibt geliehen.<br \/>\nEs ist fast unweigerlich, und wir erleben die Macht dieses Einflusses<br \/>\nbeinahe jeden Tag, da\u00df ich es dann anders behandeln werde, als<br \/>\nwenn ich es gekauft h\u00e4tte. Das beste Beispiel f\u00fcr dieses \u201eGesetz\u201c war<br \/>\ndie untergegangene DDR, und jeder, der alt genug war, hat die Bilder<br \/>\nnur noch allzu deutlich vor Augen. Mit dem sog. sozialistischen Eigentum,<br \/>\ndem Volkseigentum, war es nicht soweit her, da konnte man sich auch unter<br \/>\nder Hand mal dran bedienen, wenn es f\u00fcr private Zwecke brauchbar<br \/>\nschien, im \u00fcbrigen aber wurde es vernachl\u00e4ssigt bis dort hinaus.<br \/>\nAnders im privaten Raum, da achtete man auf seinen Trabi wie auf einen<br \/>\nAugapfel, der wurde pfleglich behandelt wie ein Heiligtum. Mit dem, was<br \/>\nmir nicht geh\u00f6rt, gehe ich anders um als mit meinen eigenen Sachen.<br \/>\nDas scheint unausrottbar, im Gro\u00dfen wie im Kleinen.<\/p>\n<p>Da\u00df bei den heutigen Jugendlichen dieses Prinzip auch nur noch<br \/>\neingeschr\u00e4nkt zu gelten scheint, wie ich immer wieder erstaunt und<br \/>\nmit Erschrecken erleben mu\u00df, und sie auch mit dem Eigenen in trostlos-rabiater,<br \/>\ngleichg\u00fcltiger Manier umgehen, steht auf einem anderen Blatt und<br \/>\nliegt wohl eher nur daran, da\u00df f\u00fcr sie alles ersetzbar, weil<br \/>\nim \u00dcberflu\u00df vorhanden ist und demgem\u00e4\u00df das (nominelle)<br \/>\nEigentum eigentlich gar mein richtiges Eigentum nicht mehr ist; ich komme<br \/>\ndarauf gleich noch zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Den Mietwagen also bringe ich wieder zur\u00fcck, um dessen (weiteres)<br \/>\nErgehen brauche ich mir keine Sorgen zu machen, es interessiert mich<br \/>\nnicht; sollen die anderen sehen, wie sie damit zurecht kommen. Achthaben<br \/>\nmu\u00df ich nur auf mein Eigentum, weil dessen Schicksal mich trifft,<br \/>\ndaf\u00fcr mu\u00df ich geradestehen, da habe ich etwas zu verlieren,<br \/>\nda habe ich Inter-esse, da bin ich dazwischen, dabei, darin.<\/p>\n<p>Es h\u00e4ngt also wohl am Begriff des Eigentums. Aber was ist wirklich<br \/>\nEigentum?<\/p>\n<p>Kann der VEB kein echtes Eigentum sein? Wie kommt es zu dieser Geringsch\u00e4tzung<br \/>\nfremden, allgemeinen, \u00f6ffentlichen und damit scheinbar herrenlosen<br \/>\nEigentum, wie wir es jetzt wieder im Irak bei den Pl\u00fcnderungen und<br \/>\nbes. dem Ausrauben des Nationalmuseums, ja auch Volkseigentum, erlebt<br \/>\nhaben? Es scheint eben nicht an den \u00e4u\u00dferen Rechtsverh\u00e4ltnissen<br \/>\nals solchen zu h\u00e4ngen, Eigentum ist nicht zuinnerst ein blo\u00df juristischer,<br \/>\nlegalistischer Begriff. Wirkliches Eigentum ist vielmehr das, was mir<br \/>\nwirklich zueigen ist, dem ich, das mir zugeeignet ist. In unserem konkreten<br \/>\nVerhalten zeigt sich ja, da\u00df Eigentum in erster Linie eine seelische,<br \/>\nkeine privatrechtliche Realit\u00e4t ist, oder doch erst sekund\u00e4r<br \/>\nauch eine solche. Das macht ja das nachl\u00e4ssige Verhalten der heutigen<br \/>\nJugendlichen zu ihrem eigenen Besitz deutlich. Mein Eigentum ist eigentlich<br \/>\nnur das, was ich mir innerlich zueigen gemacht habe, was ein Teil von<br \/>\nmir, was mir unersetzlich geworden ist, was mein Leben ausmacht, wovon<br \/>\nich innerlich erf\u00fcllt bin, was mich in meinem Selbstsein erfa\u00dft<br \/>\nhat, dem ich in Liebe zugetan bin, das ich nicht missen m\u00f6chte,<br \/>\nmit dem ich ein Fleisch geworden bin. Das kann ich auch nicht in dem \u00fcblichen<br \/>\nSinne besitzen. Das ist viel mehr als ein formalisierter Eigentumsbegriff,<br \/>\nwie er gew\u00f6hnlich verwendet wird. Es ist aber derjenige, den Jesus<br \/>\nhier verwendet und f\u00fcr sich und sein Verh\u00e4ltnis zu seinen Schafen<br \/>\nin Anspruch nimmt.<\/p>\n<p>Der Mietling baut kein pers\u00f6nliches, inneres Verh\u00e4ltnis zu<br \/>\nder ihm \u00fcbergebenen Herde auf, und ein solches widerspricht auch<br \/>\nseinem zeitlich und sachlich begrenzten, kommerziellen Auftrag, wenn<br \/>\ner ihn denn so versteht. Der gute Hirte aber hat ein Lebensverh\u00e4ltnis<br \/>\nzu der ihm anvertrauten Herde, und zwar ein solches, das weder zeitlich<br \/>\nnoch sachlich limitiert ist, dem kein Vertrag zugrunde liegt, sondern<br \/>\ndas Leben selbst. Sein Schicksal ist mit dem seiner Herde verkn\u00fcpft.<br \/>\nDas Leben seiner Schafe ist sein eigenes und umgekehrt. Und nur auf dieser<br \/>\nGrundlage ist das Opfer des Lebens m\u00f6glich und glaubhaft. Opfern<br \/>\nkann sich nur das Leben der Liebe, die in dem Opfer des Lebens sich selbst<br \/>\nals Liebe gewinnt und best\u00e4tigt zugleich. Darum kann Jesus dieses<br \/>\nBild vom Hirten hier so spezifisch wenden und durchbrechen und \u00fcberh\u00f6hen<br \/>\nzugleich, und damit auch konkretisieren, n\u00e4mlich auf sich selbst<br \/>\nund sein eigenes Schicksal hin.<\/p>\n<p>Sein Leben als guter Hirte ist das Leben der Liebe zu den Schafen als<br \/>\nzu seinem eigenen Leben, welches sich liebend hingibt an das Leben der<br \/>\nSchafe, um durch das Lebensopfer die Liebe zu leben und sich selbst als<br \/>\nLiebenden und so eben als wahrhaft guten Hirten zu gewinnen. Es ist dies<br \/>\nein einziger, in sich lebendiger Proze\u00df.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnen wir die Botschaft unseres heutigen Predigttextes ganz<br \/>\nschlicht zusammenfassen und auf den Kern bringen: Wir sind keine Mietwagen,<br \/>\ndie nach Gebrauch abgegeben und in die Ecke gestellt werden, sondern<br \/>\nwir sind das Eigentum Gottes, d.h. sein eigenes Leben, durch welches<br \/>\nund in welchem er sich selbst liebt und sein Lieben als unser Leben bet\u00e4tigt<br \/>\nund best\u00e4tigt. Sich als das lebendige Eigentum der Liebe Gottes<br \/>\nzu sich selbst zu erkennen, dadurch da\u00df er uns als diese individuierte<br \/>\neinzelne Existenz als Bestandteil seines Lebens erkennt, hei\u00dft<br \/>\ndarum, sich als sein Kind zu wissen. Gott hat zu uns mithin kein Leistung-Lohn-Verh\u00e4ltnis,<br \/>\ner ist auch kein Arbeitgeber, der am Ende abrechnet oder k\u00fcndigt,<br \/>\nsondern seine Gemeinschaft mit uns ist von der Art, wie sie der Vater<br \/>\nzu dem Sohn hat, welche die Liebe zum eigenen Leben ist. Das in einer<br \/>\nsolchen Beziehung herrschende Vertrauen kommt von und wirkt sich aus<br \/>\nin der Treue. Denn dieses Kennen ist Erkennen, sich im anderen als man<br \/>\nselbst erkennen, dieses Antworten ist Verantworten. Wie sich Jesus als<br \/>\nder gute Hirte zu uns verh\u00e4lt, so verh\u00e4lt sich Gott der Vater<br \/>\nzu dem Hirten als Gott dem Sohn, denn so wie der gute Hirte die Seinen<br \/>\nkennt und die Seinen ihn, so kennt der Vater den Sohn und der Sohn den<br \/>\nVater, denn er und der Vater sind eins; aber indem der Vater durch den<br \/>\nSohn dessen Herde kennt, erkennt er sie als seine Kinder und damit durch<br \/>\nden Opfertod des Sohnes hindurch als integrierenden Bestandteilsein seines<br \/>\neigenen auch noch im Tode lebendigen Lebens. Und genau dies ist die Osterbotschaft,<br \/>\nvon der wir an diesem Sonntag herkommen. Denn \u00fcber denen, die seine<br \/>\nStimme h\u00f6ren und von ihm gekannt werden und ihm folgen, steht die<br \/>\nVerhei\u00dfung des wahren, des ewigen Lebens, das keinen Tod mehr kennt.<\/p>\n<p>\u201eEr rei\u00dfet durch den Tod, durch Welt, durch S\u00fcnd, durch<br \/>\nNot, er rei\u00dfet durch die H\u00f6ll, ich bin stets sein Gesell\u201c.<\/p>\n<p>Darum, \u201eheute so ihr seine Stimme h\u00f6ret, verstocket eure<br \/>\nHerzen nicht\u201c (Hebr 3,8 etc.), \u201edenn ihr wart wie die irrenden<br \/>\nSchafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen\u201c (1.<br \/>\nPetr 2,25; vgl. Mt 9,36).<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>PD Dr. Reinhard Weber<br \/>\nRudolf-Bultmann-Str. 4<br \/>\n35039 Marburg<br \/>\nTel. 06421-969111<br \/>\nFax: 06421-969399<br \/>\n<a href=\"mailto:weber@esg-marburg.de\">E-<br \/>\nMail: weber@esg-marburg.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Misericordias Domini | 4. 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