{"id":9434,"date":"2003-05-07T19:49:49","date_gmt":"2003-05-07T17:49:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9434"},"modified":"2025-04-28T11:46:44","modified_gmt":"2025-04-28T09:46:44","slug":"johannes-10-11-16-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-10-11-16-2\/","title":{"rendered":"Johannes 10, 11-16"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Miserikordias Domini<\/span><span style=\"color: #000099;\"> | 4. Mai 2003 | Johannes 10, 11-16 | J\u00fcrgen Ziemer |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Der Gute Hirte! Vielen von uns ist dieses Bild, allen unendlichen Wiederholungen zum Trotz, vertraut und sympathisch.<br \/>\n&#8211; Vielleicht weil es mit bestimmten Erinnerungen verbunden ist \u2013 an ein eindrucksvolles Gem\u00e4lde, an eine stimmungsvolle Szene in der Natur, an einen Text wie \u201eDer Herr ist mein Hirte\u201c (Psalm 23) zu besonderer Zeit.<br \/>\n&#8211; Vielleicht auch weil es an Tr\u00e4ume r\u00fchrt \u2013 Tr\u00e4ume von Bewahrung und Gewi\u00dfheit, von Klarheit und Harmonie, von N\u00e4he und Geborgenheit.<\/p>\n<p>Der Gute Hirte \u2013 das ist tiefenpsychologisch gesprochen ein archetypisches Bild, also ein Urbild des Menschlichen \u2013 es ist einfach da, tief in uns, lange vor uns, mi\u00dfbrauchbar gewi\u00df, aber letztlich nicht zerst\u00f6rbar.<br \/>\nJesus nimmt es hier auf und verkn\u00fcpft es mit seiner eigenen von Gott so gewollten Geschichte zu unseren Gunsten : \u201eIch bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.\u201c<\/p>\n<p>Der Gute Hirte \u2013 Ein Bild des Lebens.<br \/>\nDen Menschen, zu denen Jesus sprach, war das Bild nat\u00fcrlich aus dem Alten Testament vertraut. (Wir haben im Gottesdienst heute schon die Lesung aus Ezechiel geh\u00f6rt). Aber auch in der vorchristlichen Antike war es bekannt als Sinnbild f\u00fcr das Paradies, f\u00fcr das Leben schlechthin.<br \/>\nKein Wunder, dass es f\u00fcr die Christen im R\u00f6mischen Reich eines ihrer ersten Kunstwerke \u00fcberhaupt war. Das Bild des Guten Hirten schm\u00fcckte W\u00e4nde oder Decken in den Katakomben, tauchte fr\u00fch an den Grabm\u00e4lern auf, bald auch in Taufr\u00e4umen. Der Gute Hirte \u2013 das ist das Symbol des von Gott gesandten Retters. Der Gute Hirte \u2013 das ist die Botschaft des Lebens im Bannkreis des Todes.Es leuchtet ein, dass dieser Sonntag mit diesem Thema so ganz in die N\u00e4he von Karfreitag und Ostern geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>\u201eIch bin der gute Hirte\u201c. Diese Selbstaussage Jesus liegt auf einer Linie wie andere Ich bin-Aussagen des Johannesevangeliums: \u201eIch bin das Brot des Lebens.\u201c \u201eIch bin die Auferstehung und das Leben.\u201c<br \/>\nDer Gute Hirte ist der, der alles, zuletzt sein eigenes Leben, daran setzt, damit die, f\u00fcr die er da ist, \u201edie Seinen\u201c, leben k\u00f6nnen.<br \/>\n\u201e Ich bin der gute Hirte\u201c \u2013 das ist eine Botschaft, die quer steht zu allem, was auch bei uns und in uns gegen das Leben steht: gegen den sich zu allen hin abschottenden und r\u00fccksichtslosen Egoismus, gegen die Anonymisierung der Schwachen und die Gleichg\u00fcltigkeit angesichts fremden Leides, gegen die Arroganz, mit der Einer festgelegen m\u00f6chte, was f\u00fcr einen Anderen, vielleicht f\u00fcr ein ganzes Volk gut sei.<\/p>\n<p>\u201eIch bin der gute Hirte und kennen die Meinen und die Meinen kennen mich.\u201c \u201eUnd ich lasse mein Leben f\u00fcr die Schafe.\u201c<br \/>\nEr, Christus, kann so sprechen. Im Munde eines Anderen kl\u00e4nge es wie eine Farce.<br \/>\nAus ihm und durch ihn aber spricht Gott selber. Keines seiner Worte, f\u00fcr das er nicht eingestanden hat.<\/p>\n<p>Die Lebensbotschaft klingt sehr n\u00fcchtern: ich \u201ekenne\u201c die Meinen. F\u00fcr ihn ist jeder von uns mehr als eine Nummer, mehr auch als ein gehorsames Schaf. Wie bin ich entt\u00e4uscht, wenn ich nicht erkannt werde! Wie lebe ich auf, wenn Einer mich kennt, wo ich es nicht erwartet h\u00e4tte!<br \/>\n\u201e Ich bin der gute Hirte\u201c \u2013 das ist nicht nur ein Bild, das ist eben auch Anfang einer Beziehungsgeschichte, einer Geschichte, die f\u00fcr mich pers\u00f6nlich Christsein zur Lebenskraft werden l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Der Gute Hirte \u2013 Bild des Lebens. Aber, die Redlichkeit gebietet zu sagen: Es kann auch mi\u00dfbraucht werden, und m\u00f6glicherweise geht es manchem oder mancher von uns gar nicht nur gut mir diesem Bild. \u00dcber Jahrhunderte wurde und wird es in den Kirchen auch zur Kennzeichnung der geistlichen \u00c4mter, des Hirtendienstes, benutzt \u2013 in der guten Absicht, Christus selbst so wirksam werden zu lassen. Das kann eine wunderbare Herausforderung sein. Aber es schlie\u00dft auch die Gefahr ein, religi\u00f6ser und anderer Machtaus\u00fcbung \u00fcber die \u201eSchafe\u201c Raum zu gew\u00e4hren. Michel Foucault, radikalkritischer postmoderner Interpret des Christentums, hat die \u201ePastoralmacht\u201c analysiert, die \u201esanfte Macht der Hirten\u201c, die alle ihre Kompetenz von \u201edem\u201c Guten Hirten herleiten. Sie laufen nicht davon wie die Mietlinge in unserem Text, sie nutzen die Gelegenheit vielmehr schamlos f\u00fcr die eigenen Zwecke. Foucault macht auf die Mi\u00dfbrauchsm\u00f6glichkeit aufmerksam: F\u00fcrsorge kann zur Herrschaft werden, das \u201eKennen der Seinen\u201c kann zu einem subtilen Prozess von \u00dcberwachen und Durchleuchten verkommen. Die Geschichte des Christentums liefert leider viele Beispiele daf\u00fcr. \u00dcberall wo auch heute noch einzelne Christen in Gemeinden oder Kirchen \u2013 angeblich um ihres Heiles willen \u2013 zu Gest\u00e4ndnissen oder Bekenntnissen gezwungen werden, wo sie von anderen gegen ihren Willen \u201egef\u00fchrt\u201c werden, da haben wir es mit einer Perversion des Hirtenamtes zu tun. Manchmal geschieht Unerh\u00f6rtes gar nicht weit von uns entfernt, und man mu\u00df dabei nicht nur an gef\u00e4hrliche Sekten wie Sciontology denken. Wir m\u00fcssen uns dagegen verwahren und ggf. damit auseinandersetzen.<br \/>\nDer springende Punkt: Das \u201eKennen\u201c, von dem Jesus spricht, ist immer nur als ein \u201eErkennen der Liebe\u201c gemeint. Liebe aber hat nichts, aber auch gar nichts mit Zwang zu tun: \u201eSie eifert nicht, sie treibt nicht Mutwillen, sie bl\u00e4ht sicht nicht auf.\u201c (1Kor 13,4).<br \/>\nLiebe ist gar nicht denkbar, ohne die Freiheit des anderen zu respektieren, um bei unserem Bilde zu bleiben: auch die Freiheit der Schafe. Die Schafe des Guten Hirten sind eben keine \u201eSchafe\u201c. Wer den Unterschied nicht bemerkt, geht als \u201ePastor\u201c als \u201eHirte\u201c in die Irre.<\/p>\n<p>Das ist nun vielleicht der richtige Zusammenhang, um heute an eine Frau zu denken, die im besten Sinne \u201eHirtin\u201c war, aber keine \u201eSchafe\u201c wollte: Dorothee S\u00f6lle. Vor einer Woche ist sie gestorben. Eine sensible und streitbare Theologin, eine K\u00e4mpferin aus Liebe. Immer wieder hat sie um eine Interpretation der Grundsymbole des Glaubens f\u00fcr unsere heutige Zeit gerungen. In einem ihrer ersten theologischen B\u00fccher sprach sie von Christus als dem \u201eguten Lehrer\u201c. Ein guter Lehrer ist wie der \u201eGute Hirte\u201c, der die Sch\u00fcler nicht an sich bindet, sondern ihnen Lern- und Lebenschancen er\u00f6ffnet, damit sie frei und selbst\u00e4ndig werden. In ihren Lebenserinnerungen schrieb sie von ihrem eigenen Lehrer: \u201eIch gehe davon aus, dass er mich nicht bel\u00fcgt, weder im gut gemeintenLob, noch im gleichg\u00fcltigen, zornfreien Tadel. Ich kann mich darauf verlassen, dass er mich lehren will, und mir das, was er ist, geben will.\u201c Wer so von einem Lehrer sprechen kann, gewinnt eine Ahnung von dem, was unsere Text meint.<\/p>\n<p>Dorothee S\u00f6lle starb einen Tag, bevor sich das grauenhafte Massaker im Erfurter Gutenberg-Gymnasium j\u00e4hrte, bei dem 17 Menschen, unter ihnen 13 Lehrer umkamen. Es scheint mir wichtig und an der Zeit, den so oft gescholtenen Lehrerberuf einmal in der Perspektive dieses Textes zu sehen. Lehrersein ist ein Hirtenberuf, mit seinen Herausforderungen, seinen Gefahren und seinen, auch \u00e4u\u00dfersten, M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Kehren wir zum Schlu\u00df noch einmal zum Text zur\u00fcck. Der Gute Hirte kennt die \u201eSeinen\u201c. Die aber haben, so spricht Jesus gegen manche fromme Sehnsucht, keine Exklusivrechte an ihm. Es gibt noch andere Schafe, aus einem anderen Stall \u2013 auch sie h\u00f6ren die Stimme des Guten Hirten. Das ist es , worauf es ankommt: Nicht ob ich zu einer bestimmten Kirche geh\u00f6re, nicht ob ich aus dem richtigen \u201eStall\u201c komme, nicht ob ich den gleichen frommen Habitus pflege und den gleichen \u201eStallgeruch\u201c verstr\u00f6me, sondern: ob ich die Stimme Christi h\u00f6re. Ob ich sie h\u00f6re in dem, was mir widerf\u00e4hrt, in dem was mir gepredigt wird, indem was ich an anderen wahrnehme. Und ob wir vernehmen und anerkennen k\u00f6nnen, dass andere, \u201edie Anderen\u201c, auch die Stimme des Guten Hirten h\u00f6ren.<br \/>\nVon diesem Text geht ein starker Impuls f\u00fcr die \u00d6kumene aus, die Gemeinschaft der Glaubenden und Suchenden \u00fcber die Grenzen der Konfessionen, der Kulturen, der Rassen, vielleicht sogar der Religionen hinweg. Die \u201eStimme Christi h\u00f6ren\u201c \u2013 das ist das elementarste Kriterium des Christlichen, elementarer als das Glaubensbekenntnis oder die Basisformel des \u00d6kumensichen Rates der Kirchen. Was das hei\u00dft, mu\u00df vielleicht jeder f\u00fcr sich, jede Gemeinde f\u00fcr sich zu buchstabieren versuchen: ein H\u00f6ren auf die Stimme Christi bei den anderen vernehmen, bei dem verbohrt erscheinenden Fundamentalisten wie bei dem nachdenklichen Kirchenkritiker von Nebenan. Das \u00f6ffnet R\u00e4ume, bringt frische Zugluft in den leicht vermoderten Stall, verhindert das Anwachsen von \u201ePastoralmacht\u201c und er\u00f6ffnet Chancen eines neuen miteinander unter der Gegenwart dessen, der die Seinen in ihrer bunten Vielfalt kennt und zusammenf\u00fchrt.<br \/>\nEr ist der gute Hirte. Auf seine Stimme la\u00dft uns h\u00f6ren.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. J\u00fcrgen Ziemer, Leipzig<br \/>\n<a href=\"mailto:ziemer@rz.uni-leipzig.de\">E-Mail: ziemer@rz.uni-leipzig.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Miserikordias Domini | 4. Mai 2003 | Johannes 10, 11-16 | J\u00fcrgen Ziemer | Liebe Gemeinde! Der Gute Hirte! 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