{"id":9435,"date":"2003-05-07T19:49:45","date_gmt":"2003-05-07T17:49:45","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9435"},"modified":"2025-04-28T11:49:27","modified_gmt":"2025-04-28T09:49:27","slug":"johannes-151-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-151-8\/","title":{"rendered":"Johannes 15,1-8"},"content":{"rendered":"<h3>Jubilate | 11. Mai 2003 | Johannes 15,1\u20138 | Christoph Dinkel |<\/h3>\n<p>&#8222;Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der<br \/>\nWeing\u00e4rtner.<br \/>\nEine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und<br \/>\neine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.<br \/>\nIhr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.<br \/>\nBleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann<br \/>\naus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht,<br \/>\nwenn ihr nicht in mir bleibt.<br \/>\nIch bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich<br \/>\nin ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich k\u00f6nnt ihr nichts<br \/>\ntun.<br \/>\nWer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt,<br \/>\nund man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie m\u00fcssen brennen.<br \/>\nWenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten,<br \/>\nwas ihr wollt, und es wird euch widerfahren.<br \/>\nDarin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet<br \/>\nmeine J\u00fcnger.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>(1.) Zwei klare Alternativen stellen uns die S\u00e4tze aus dem Johannesevangelium<br \/>\nvor Augen: Zum einen das Bleiben am Weinstock, das Verbundensein mit<br \/>\nChristus, also der Glaube und eine Beziehung zu Gott, die Frucht bringt.<br \/>\nDie andere Alternative ist der Unglaube, das Nicht-Bleiben am Weinstock,<br \/>\nalso: keine Beziehung zu Gott haben und deshalb auch keine Frucht bringen<br \/>\nund am Ende gar das Verbranntwerden im Feuer.<\/p>\n<p>Das sind klare Alternativen und die Worte Christi beschw\u00f6ren uns,<br \/>\ndie richtige der beiden Alternativen zu w\u00e4hlen: das Bleiben am Weinstock,<br \/>\ndie Beziehung zu Christus und damit zu Gott. Wer diese Alternative w\u00e4hlt,<br \/>\ndem wird verhei\u00dfen, dass er gute Fr\u00fcchte bringt und dass seine<br \/>\nBitten von Gott erh\u00f6rt werden. Wenn wir noch andere Worte aus dem<br \/>\nJohannesevangelium heranziehen, dann verspricht das Bleiben bei Christus<br \/>\nals dem Weinstock noch mehr. Denn Christus ist nicht nur der wahre Weinstock,<br \/>\ner ist zugleich der gute Hirte, der f\u00fcr seine Schafe sorgt, er ist<br \/>\ndas Licht der Welt, das die Finsternis erleuchtet. Christus ist der Weg,<br \/>\ndie Wahrheit und das Leben. Allen, die an ihn glauben, bringt er die<br \/>\nF\u00fclle des Lebens aus der Kraft seiner Auferstehung.<\/p>\n<p>Die Alternativen sind damit klar benannt: Wir k\u00f6nnen w\u00e4hlen<br \/>\nzwischen ewigem Leben und dem Tod, zwischen der Beziehung zu Gott und<br \/>\ndem Verderben, zwischen der F\u00fclle des Lebens und der Frucht- und<br \/>\nBedeutungslosigkeit. Keine Frage, wie die Wahl bei diesen Alternativen<br \/>\nausgehen wird.<\/p>\n<p>Doch dass im Johannesevangelium die Alternativen vorgestellt und so<br \/>\nklar benannt werden macht deutlich, dass die Entscheidung f\u00fcr Christus<br \/>\nund das Bleiben am Weinstock auch zur Zeit der Abfassung des Evangeliums<br \/>\ngegen Ende des 1. Jahrhunderts keinesfalls selbstverst\u00e4ndlich war.<br \/>\nDie Alternative, sich von der christlichen Gemeinde und damit von Christus<br \/>\nabzuwenden, steht im Evangelium klar vor Augen und man muss annehmen,<br \/>\ndass diese Alternative von einzelnen und vielleicht nicht nur von einzelnen<br \/>\ntats\u00e4chlich gew\u00e4hlt wurde. Der beschw\u00f6rende Tonfall des<br \/>\nEvangeliums scheint tats\u00e4chlich n\u00f6tig gewesen zu sein, damit<br \/>\ndie Mitglieder bei der Stange bleiben, oder, um in der Bildersprache<br \/>\ndes Predigttextes zu reden, damit die Reben am Weinstock bleiben und<br \/>\nsich nicht selbst\u00e4ndig machen.<\/p>\n<p>Ein merkw\u00fcrdiges Bild im \u00dcbrigen: Wo gibt es Weinst\u00f6cke,<br \/>\nderen Reben die Wahl zwischen Bleiben und Weggehen haben? Das Bild ist<br \/>\nschief. Einiges spricht daf\u00fcr, dass der Verfasser des Evangeliums<br \/>\nund nicht Jesus selbst dieses Bild entworfen hat. Die Bilder und Gleichnisse,<br \/>\ndie sicher von Jesus selbst stammen, wirken nie so gewollt und konstruiert<br \/>\nwie das Bildwort vom Weinstock und den Reben.<\/p>\n<p>Das Bild vom Weinstock und den Reben wirkt ein wenig bem\u00fcht, konstruiert<br \/>\nund entworfen auf einen beschw\u00f6renden Appell zum Bleiben hin, entstanden<br \/>\nwohl in einer Zeit als so manche des Bleibens \u00fcberdr\u00fcssig wurden<br \/>\nund sich davon machten. Sie waren skeptisch geworden gegen\u00fcber den<br \/>\nklaren Alternativen und den hochgestimmten Worten der christlichen Gemeinde.<\/p>\n<p>(2.) Die Skepsis vor zu klar aufgebauten Alternativen und das Unbehagen<br \/>\nvor allzu hochgestimmten \u00dcberzeugungen ist uns Heutigen wohl vertraut.<br \/>\nZumeist \u00fcberf\u00e4llt uns ein mulmiges Gef\u00fchlt, wenn Menschen<br \/>\nihre \u00dcberzeugung sehr deutlich und lautstark vor sich hertragen.<br \/>\nDie flammenden Bekenntnisse zu Saddam Hussein, geschrieben mit dem eigenen<br \/>\nBlut kurz vor dem schon absehbaren Zusammenbruch des Regimes \u2013 sie<br \/>\nwirkten abgeschmackt und aufgesetzt. Der zur Schau gestellte Fanatismus<br \/>\nder Iraker d\u00fcrfte bei uns bestenfalls Kopfsch\u00fctteln wenn nicht<br \/>\ngar Abscheu und Entsetzen \u00fcber das Ma\u00df an Verblendung ausgel\u00f6st<br \/>\nhaben.<\/p>\n<p>Auch wer seinen christlichen Glauben heute allzu aufdringlich pr\u00e4sentiert,<br \/>\nwird kaum auf unseren Beifall hoffen d\u00fcrfen: Jener Mann in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone<br \/>\nzum Beispiel, der mit einem Schild um den Hals heruml\u00e4uft mit der<br \/>\nAufschrift: \u201eKindertaufe ist Teufelswerk\u201c, erregt h\u00f6chstens<br \/>\nunser Mitleid. Und wenn wir das Riesengraffiti vor der Charlottenklinik<br \/>\nhier um die Ecke sehen \u201eGott rettet Stuttgart\u201c, dann klatscht<br \/>\nwohl kaum einer Beifall. Die meisten werden wie ich hoffen, dass diesem<br \/>\nVerwirrten, der jeden freien Fleck in der Gegend mit seinen Glaubensparolen<br \/>\nbespr\u00fcht, das Handwerk gelegt wird.<\/p>\n<p>Die Begeisterungsf\u00e4higkeit f\u00fcr eine gro\u00dfe Sache ist<br \/>\nuns Deutschen ziemlich vergangen. Zu gewaltig und zerst\u00f6rerisch<br \/>\nwar der Missbrauch, der im 20. Jahrhundert mit der Begeisterungsf\u00e4higkeit<br \/>\nvon Menschen getrieben wurde. Der \u201egro\u00dfe F\u00fchrer\u201c Adolf<br \/>\nHitler erwies sich als gr\u00f6\u00dfter Massenm\u00f6rder aller Zeiten.<br \/>\nEr richtete ein nie da gewesenes Zerst\u00f6rungswerk an. Seinen fanatisierten<br \/>\nAnh\u00e4ngern brachte er Krieg, Tod und Verderben. Auch f\u00fcr kommunistische<br \/>\nund sozialistische Visionen mag sich heute kaum mehr einer begeistern.<br \/>\nDas Scheitern dieser Ideologien ist zu offensichtlich. Der Missbrauch,<br \/>\nder mit dem guten Willen und der Gutgl\u00e4ubigkeit vieler in der DDR<br \/>\ngetrieben wurde, best\u00e4tigt unsere Skepsis gegen\u00fcber allzu klaren<br \/>\nAlternativen und allzu irrealen Visionen. Ihre Menschenfeindlichkeit<br \/>\nsteht uns deutlich vor Augen. In Deutschland sch\u00fctteln wir heute<br \/>\nschon skeptisch den Kopf, wenn wir die Begeisterung der Franzosen f\u00fcr<br \/>\nihr Land oder die Bekenntnisse der Amerikaner zum amerikanischen Traum<br \/>\nh\u00f6ren. So gr\u00fcndlich ist uns die Begeisterungsf\u00e4higkeit<br \/>\nf\u00fcr eine gro\u00dfe Sache ausgetrieben worden.<\/p>\n<p>(3.) Aber was f\u00fcr Ziele bleiben \u00fcbrig, wenn einem der Geschmack<br \/>\nan den gro\u00dfen Zielen vergangen ist? Was erf\u00fcllt uns noch ganz,<br \/>\nwenn jede Begeisterung missbraucht werden kann? Woran h\u00e4ngen wir<br \/>\nunser Herz, was motiviert uns im Leben und treibt uns voran? Die Ziele,<br \/>\ndie sich die Menschen in unserem Land im Allgemeinen stecken, erscheinen<br \/>\nmerkw\u00fcrdig klein und manchmal fast erb\u00e4rmlich: Der Urlaub wird<br \/>\nvon vielen zum H\u00f6hepunkt des ganzen Lebens hochstilisiert. Der Urlaub<br \/>\nmuss f\u00fcr alles entsch\u00e4digen, was einem im normalen Leben entgeht.<br \/>\nDeshalb geben die Deutschen mehr als jedes andere Volk der Welt f\u00fcr<br \/>\nden Urlaub aus. Der Urlaub muss das wahre Leben und die Erf\u00fcllung<br \/>\nbringen. Und nach dem Urlaub l\u00e4sst man sich scheiden. Ein Drittel<br \/>\naller Scheidungen in Deutschland, so stand es in diesen Tagen in einer<br \/>\nZeitungsmeldung, wird nach dem gemeinsamen Urlaub eingereicht. Ein misslungener<br \/>\nUrlaub l\u00e4sst sich kaum integrieren. Wer auf die Frage: \u201eWie<br \/>\nwar euer Urlaub?\u201c, zur Antwort g\u00e4be: \u201eSchlecht!\u201c,<br \/>\nder w\u00fcrde als bemitleidenswerter Versager dastehen.<\/p>\n<p>Das andere gro\u00dfe Gl\u00fccksversprechen, dem viele Menschen in<br \/>\ndiesem Land glauben und vertrauen, ist der Konsum, das Einkaufen. Dabei<br \/>\ngeht es heute nicht mehr ums schiere Haben und Besitzen. Der Kaufrausch<br \/>\nwird heute verfeinert genossen. Viele von uns haben vom meisten schon<br \/>\nzu viel. Wenn das Leben sonst \u00f6de ist, dann kommt alles auf das<br \/>\nwahre \u201eShoppingerlebnis\u201c an. Das Einkaufen in der Innenstadt<br \/>\nwird zum multimedialen Event mit Musik, Tanzgruppe, Kinderzirkus, Schlemmerbuffett<br \/>\nund allen m\u00f6glichen anderen Attraktionen. Der Einkauf verspricht<br \/>\nGl\u00fcck und Lebensfreude, Erf\u00fcllung und Zufriedenheit.<\/p>\n<p>Arm dran sind diejenigen, die bei diesem Spiel nicht mithalten k\u00f6nnen.<br \/>\nUngl\u00fcck erscheint heute zumeist als ein Mangel an Kaufkraft. Und<br \/>\neinzelne, die mit ihrem Kaufkraftmangel gar nicht zu Recht kommen, geraten<br \/>\nin einen gef\u00e4hrlichen Strudel. Sie verschulden sich bis zum Ruin<br \/>\nund zur v\u00f6lligen Aussichtslosigkeit. Wenn ein Vater seine ganze<br \/>\nFamilie ausl\u00f6scht und wir davon v\u00f6llig entsetzt in der Zeitung<br \/>\nlesen, dann steckt h\u00e4ufig solch ein Verschuldungsdrama dahinter.<br \/>\nUnd auch der mutma\u00dfliche M\u00f6rder des Bankierssohns Jakob von<br \/>\nMetzler, dessen Prozess gerade l\u00e4uft, wurde zu seiner scheu\u00dflichen<br \/>\nTat wohl dadurch getrieben, dass er mithalten wollte mit den Anspr\u00fcchen<br \/>\nseiner Freundin und mit der Kaufkraft seiner Kommilitonen. Welch armseliges<br \/>\nLebensziel, welch ersch\u00fctternde Konsequenz!<\/p>\n<p>(4.) Zu den sch\u00e4rfsten Kritikern der modernen Shopping-Religion<br \/>\nz\u00e4hlte die Hamburger Theologin Dorothee S\u00f6lle. Sie starb vor<br \/>\nzwei Wochen im Alter von 73 Jahren in G\u00f6ppingen und wurde am vergangenen<br \/>\nMontag in Hamburg beigesetzt. Dorothee S\u00f6lle hatte einen besonders<br \/>\nklaren Blick f\u00fcr die innere Armut der modernen Menschen, die ihr<br \/>\nGl\u00fcck nur im Urlaub oder beim Shoppingerlebnis suchen. Mit scharfer<br \/>\nZunge und oft \u00fcberspitzer Polemik hat sie diese Gesellschaft angeklagt<br \/>\nund ihr ihre Erb\u00e4rmlichkeit und ihre damit einhergehende Erbarmungslosigkeit<br \/>\ngegen\u00fcber den armen und rechtlosen Menschen auf dieser Erde vorgehalten.<br \/>\nIn der Nachfolge Jesu warb Dorothee S\u00f6lle f\u00fcr ein Leben jenseits<br \/>\ndes alles-haben-und-erleben-Wollens.<\/p>\n<p>Zugleich jedoch hat Dorothee S\u00f6lle die Skepsis von uns modernen<br \/>\nMenschen und gerade von uns Deutschen angesichts allzu optimistischer<br \/>\nVisionen und Erwartungen geteilt. Dorothee S\u00f6lle verleugnete nie<br \/>\ndie Scheu\u00dflichkeit und die Niedertracht, zu der wir Menschen f\u00e4hig<br \/>\nsind. Sie rettete sich auch nicht in einen \u00fcberschw\u00e4nglichen<br \/>\nGlauben daran, dass Gott am Ende alles gut machen werde und die Opfer<br \/>\nmenschlicher Bosheit irgendwo im Jenseits entsch\u00e4digen werde. Dorothee<br \/>\nS\u00f6lle lehrte eine Theologie nach Auschwitz, eine Theologie, die<br \/>\ndarum wei\u00df, dass auch das Allerschlimmste m\u00f6glich ist, die<br \/>\nwei\u00df, dass Gott manchmal auch dann nicht eingreift, wenn das Unrecht \u00fcberlaut<br \/>\nzum Himmel schreit.<\/p>\n<p>Dorothee S\u00f6lle war von gro\u00dfer Skepsis und zugleich von gro\u00dfer<br \/>\nZuversicht erf\u00fcllt. Wahrscheinlich wurde sie deshalb zur meistgelesenen<br \/>\nTheologin unserer Tage. Ein Gedicht von ihr aus den 60er Jahren bringt<br \/>\nbeides zum Ausdruck, ihre Skepsis und ihren gro\u00dfen Glauben:<\/p>\n<p>Ich glaube wie sie das nennen nicht an gott<br \/>\naber ihm verstehst du kann ichs schlecht abschlagen<br \/>\nihm sieh ihn doch an im garten wenn ihm alle davon sind die freunde<br \/>\nihm dem die angst vom gesicht l\u00e4uft die spucke die sie ihm drauftun<br \/>\nihm muss ich es glauben<\/p>\n<p>Ihn kann ich nicht \u00fcberlassen<br \/>\nder gro\u00dfen verachtung von leben<br \/>\ndem gleichgeschalteten ablauf der jahrmillionen<br \/>\ndem gleichstumpfsinnigen wechsel von arbeit erholung und arbeit<br \/>\nder kaum unterbrechbaren langeweile in autos in betten in l\u00e4den<\/p>\n<p>So ist es sagen sie mir was willst du<br \/>\nz\u00f6gernd nicht ohne kritik<br \/>\nschlie\u00dfe ich mich der andern vermutung an<br \/>\ndie seine geschichte ist<br \/>\nso ist es nicht sagte er denn gott ist<br \/>\nund er stand ein f\u00fcr diese behauptung<\/p>\n<p>Nachdenkend finde ich man kann<br \/>\nihn nicht allein<br \/>\nf\u00fcr seine vermutung<br \/>\neinstehen lassen<br \/>\nalso glaube ich ihm gott<\/p>\n<p>Wie man einem das lachen glaubt<br \/>\noder das weinen<br \/>\noder das heiraten das neinsagen<br \/>\nso wirst du lernen<br \/>\nihm das allen versprochene leben<br \/>\nzu glauben<\/p>\n<p>(Dorothee S\u00f6lle, Ich will nicht auf tausend Messern gehen. Gedichte,<br \/>\nM\u00fcnchen 1986, S. 18)<\/p>\n<p>Der Glaube, den Dorothee S\u00f6lle in ihrem Gedicht uns nahe bringt,<br \/>\nist kein \u00fcberschw\u00e4nglicher Glaube. Dieser Glaube hat sich verabschiedet<br \/>\nvon einem allzu festen Vertrauen auf Gottes Allmacht, verabschiedet von<br \/>\nder Hoffnung, dass das Jenseits einen Ausgleich f\u00fcr die M\u00e4ngel<br \/>\ndes Diesseits liefert. Ohne Zweifel ist dieser sehr br\u00fcchige Glaube<br \/>\nvielen unter uns zu wenig und zu skeptisch.<\/p>\n<p>Aber vielleicht ist gerade Dorothee S\u00f6lles skeptische Hoffnung<br \/>\nheute, nach der Entt\u00e4uschung so vieler gro\u00dfer Visionen und<br \/>\nnach dem erlebten uns\u00e4glichen Missbrauch menschlicher Begeisterungsf\u00e4higkeit<br \/>\nbesonders glaubw\u00fcrdig. Auf ihre Art h\u00e4lt S\u00f6lle an der<br \/>\nVerhei\u00dfung Jesu vom Reich Gottes, von der Welt wie Gott sie will,<br \/>\nfest. Dem gekreuzigten Christus, dem geschundenen Lehrer der Gerechtigkeit,<br \/>\ndes Erbarmens und der Liebe glaubt sie das allen versprochene Leben,<br \/>\ndas Gott verhei\u00dft. Auf ihre Art macht Dorothee S\u00f6lle darauf<br \/>\naufmerksam, welcher Reichtum darin liegt, an Christus als dem Weinstock<br \/>\nzu bleiben und Frucht zu bringen. Wer zu Christus h\u00e4lt, dessen Leben,<br \/>\ndessen Hoffen, dessen Lieben und Arbeiten steht in einem weiteren Horizont<br \/>\nals dem der allzu erb\u00e4rmlichen Ziel des Kaufens und des In-den-Urlaub-Fl\u00fcchtens.<br \/>\nWer an Christus als dem Weinstock bleibt, der erlebt die Freude an den<br \/>\nkleinen und gro\u00dfen Taten der Gerechtigkeit in dieser Welt. Wer<br \/>\nan Christus bleibt, f\u00fcr den wird das Erbarmen, die Liebe, das Heilen<br \/>\nvon Wunden und das \u00dcberwinden von Hoffnungslosigkeit zu den gro\u00dfen<br \/>\nZielen des Lebens. Das Gl\u00fcck ist dann nicht nur das pers\u00f6nliche<br \/>\nGl\u00fcck, sondern auch das Gl\u00fcck des anderen, des N\u00e4chsten<br \/>\nund auch das Gl\u00fcck des fernen N\u00e4chsten. Wer an Christus bleibt,<br \/>\nder ist nicht allein, sondern ist Teil der Kirche, ein Teil der Gemeinschaft,<br \/>\ndie Jesus nachfolgt und in seinem Namen die Erde verwandelt.<\/p>\n<p>Auf ihre Art n\u00e4hrt auch Dorothee S\u00f6lles zur\u00fcckhaltend<br \/>\nvorgetragene Vermutung, dass Gott ist, den Glauben daran, dass der Weg<br \/>\nJesu der Weg zum wahren, zum erf\u00fcllten Leben ist. Nicht \u00fcberschw\u00e4nglich,<br \/>\naber gerade deshalb f\u00fcr uns skeptische Menschen besonders \u00fcberzeugend<br \/>\nzeigt sie auf Christus als denjenigen, der der Weg, die Wahrheit und<br \/>\ndas Leben ist. Ihre Vermutung, dass Gott ist, verweist uns darauf, dass<br \/>\njenseits unserer oft viel zu kleinen und erb\u00e4rmlichen Tr\u00e4ume<br \/>\nein Leben mit Christus die Frucht des wahren, des erf\u00fcllten Lebens<br \/>\nverhei\u00dft. \u2013 Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Christoph Dinkel<br \/>\nPfarrer, Privatdozent<br \/>\nG\u00e4nsheidestra\u00dfe 29<br \/>\n70184 Stuttgart<br \/>\n<a href=\"mailto:christoph.dinkel@arcor.de\">christoph.dinkel@arcor.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jubilate | 11. Mai 2003 | Johannes 15,1\u20138 | Christoph Dinkel | &#8222;Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weing\u00e4rtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. 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