{"id":9437,"date":"2003-05-07T19:49:54","date_gmt":"2003-05-07T17:49:54","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9437"},"modified":"2025-04-28T11:53:56","modified_gmt":"2025-04-28T09:53:56","slug":"johannes-15-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-15-5\/","title":{"rendered":"Johannes 15,1-8"},"content":{"rendered":"<h3>Jubilate | 11. Mai 2003 | Johannes 15,1\u20138 | Asta Gyldenk\u00e6rne |<\/h3>\n<p>Mitten in der Welt steht ein Baum. Ein Baum mit Wurzeln,<br \/>\ndie weit in die Erde reichen, und mit Zweigen, die sich zum Himmel hinstrecken.<br \/>\nEin Baum, der Himmel und Erde verbindet. Es gibt viele Erz\u00e4hlungen<br \/>\nvon diesem Baum. Man h\u00f6rt von ihm im Alten Testament, wo wir ihn<br \/>\naus dem Garten des Paradies kennen, dann in der Offenbarung des Johannes<br \/>\nals Baum des Lebens, der am Flu\u00df des Lebens steht. Wir kennen ihn<br \/>\naber auch aus der nordischen Mythologie als &#8222;Ask Ygdrasil&#8220;,<br \/>\nja er ist auch in vielen anderen sowohl nah\u00f6stlichen als auch indianischen<br \/>\nReligionen bekannt, wo der Baum das ist, was Himmel und Erde verbindet.<\/p>\n<p>Der Baum kann auch ein Bild f\u00fcr die Geschichte der Familie sein.<br \/>\nDer Baum mit seiner weitverzweigten Krone kann ganze Generationen mit<br \/>\nzahlreichen Gliedern enthalten und ihre Verbundenheit miteinander demonstrieren,<br \/>\nwobei jeder einzelne nur ein kleiner Teil eines gr\u00f6\u00dferen Zusammenhanges<br \/>\nist, ein kleiner Teil der gro\u00dfen Familie.<\/p>\n<p>Ein Baum kann also ein Bild sein, das etwas von der Geschichte erz\u00e4hlt,<br \/>\nvon der Zeit, aber zugleich zeigt er auch, wie die Zeit in der Ewigkeit<br \/>\nverankert ist.<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben&#8220;, sagt Jesus zu<br \/>\nseinen J\u00fcngern, und er sagt dies hier zwischen Ostern und Pfingsten,<br \/>\nwo es ihm wichtig ist, ihnen zu sagen, wie tief er und die J\u00fcnger<br \/>\nverbunden sind, auch wenn er sie bald verlassen wird.<\/p>\n<p>Das Bild vom Weinstock als Jesus und den J\u00fcngern als den Reben<br \/>\nenth\u00e4lt au\u00dferordentlich viel. Es liegt etwas unglaublich Sch\u00f6nes<br \/>\nund Frohes in diesem Bild. Aber in den Worten Jesu liegt auch eine Sch\u00e4rfe: &#8222;Ohne<br \/>\nmich k\u00f6nnt ihr nichts tun&#8220;. Eine Sch\u00e4rfe, die in unseren<br \/>\nOhren merkw\u00fcrdig klingen mag. Denn hier glaubten wir gerade, Jesus<br \/>\nsei der, der von sich selbst wegweist und uns statt dessen an unseren<br \/>\nMitmenschen verweist als den Menschen, dem wir helfen sollen. Ist nicht<br \/>\ngerade das Leben mit unserem N\u00e4chsten das wichtigste Anliegen des<br \/>\nChristentums? Warum dann solche harten Worte?<\/p>\n<p>Wir leben in einer Kultur, in der das Christentum viele Spuren hinterlassen<br \/>\nhat und wo vieles von dem, was Jesus gesagt und getan hat, nun sein eigenes<br \/>\nLeben f\u00fchrt. Ohne ihn, m\u00f6chte man meinen.<\/p>\n<p>Denn es handelt sich um eine Kultur, wo mitmenschliche F\u00fcrsorge<br \/>\neine Sache ist, der sich die Wohlfahrtsgesellschaft annimmt. Hoffen wir<br \/>\nwenigstens. Wo der Not des N\u00e4chsten durch die \u00f6ffentlichen<br \/>\nSteuern abgeholfen wird. Denken wir. Wo die W\u00fcrde eines Menschen<br \/>\nBestandteil unserer grundlegenden juristischen rechte ist. Meinen wir<br \/>\nwohl.<\/p>\n<p>Ja, wir haben geh\u00f6rt, was das war, was Jesus gesagt hat. Wir haben<br \/>\nes voll verstanden. Seht nur, wie praktisch und weise wir uns eingerichtet<br \/>\nhaben.<\/p>\n<p>Aber ist es nun auch sicher, da\u00df wir das auch verstanden haben?<br \/>\nMan kann sehr wohl ins Zweifeln geraten, denn es ist als h\u00e4tten<br \/>\nwir vergessen, wo wir unserer Nahrung herholen sollen. Wir glauben, die<br \/>\nZweige k\u00f6nnten ihr eigenes Leben leben und Frucht bringen, auch<br \/>\nwenn sie vom Baum getrennt sind.<\/p>\n<p>Aber indem wir die Bande zum christlichen Glauben gel\u00f6st haben,<br \/>\nindem wir die Worte Jesu nur h\u00f6ren als einen schwachen Nachklang<br \/>\nin dem was wir tun, und in dem Leben, das wir leben, verlieren wir rasch<br \/>\ndie Perspektive. Der Raum wird so unendlich eng um uns. Wir verlieren<br \/>\ndie Demut gegen\u00fcber dem, womit wir es zu tun haben. Wir werden eine<br \/>\nselbstgen\u00fcgsame, selbstgerechte und sentimentale Kultur. Wir vergessen,<br \/>\nda\u00df die Liebe etwas ist, das von au\u00dfen kommt und nicht etwas<br \/>\nist, das wir aus unserem eigenen Gef\u00fchlsleben entnehmen k\u00f6nnen.<br \/>\nWir werden beeindruckt von dem, was wir erreichen, und scheitern an dem,<br \/>\nwas uns nicht gelingt &#8211; denn was ist man dann wert? Nicht sehr viel,<br \/>\nist die gnadenlose Antwort, wenn wir nicht irgendwo gemeinsam die Erinnerung<br \/>\ndaran bewahren, da\u00df wir das Gesicht Jesu in dem Gesicht jedes Menschen<br \/>\nsehen sollen.<\/p>\n<p>Was wir im Lebens eines Menschen f\u00fcr wahr halten, mu\u00df deshalb<br \/>\nseinen Ursprung in etwas kennen, was g\u00f6ttlich ist, damit es in uns<br \/>\nFrucht bringen kann. Sonst wird es zu klein, zu rechthaberisch oder zu<br \/>\nunbarmherzig.<\/p>\n<p>Denn von diesem Baum, dem Weinstock, der auch der Baum des Kreuzes<br \/>\nist, in den wir durch die Taufe eingepfropft sind, erhalten wir Nahrung.<br \/>\nDort sollen wir Hoffnung, Trost und Lebensmut finden, indem wir seine<br \/>\nErz\u00e4hlung vom Leben, dem Tod und der Auferstehung Jesu h\u00f6ren<br \/>\nund dies zu einem Teil unserer eigenen Lebensgeschichte machen. Von diesem<br \/>\nBaum sollen wir den Mut und den Willen holen, unserem Mitmenschen zu<br \/>\nhelfen. Das ist der Baum, der uns frei macht, indem er uns an sich bindet.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer Asta Gyldenk\u00e6rne<br \/>\nSkovkirkevej 21<br \/>\nDK-3630 J\u00e6gerspris<br \/>\nTel: ++ 45 &#8211; 47 53 00 33<br \/>\n<a href=\"mailto:agy@km.dk\">E-mail: agy@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jubilate | 11. Mai 2003 | Johannes 15,1\u20138 | Asta Gyldenk\u00e6rne | Mitten in der Welt steht ein Baum. Ein Baum mit Wurzeln, die weit in die Erde reichen, und mit Zweigen, die sich zum Himmel hinstrecken. Ein Baum, der Himmel und Erde verbindet. Es gibt viele Erz\u00e4hlungen von diesem Baum. 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