{"id":9438,"date":"2003-05-07T19:49:53","date_gmt":"2003-05-07T17:49:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9438"},"modified":"2025-04-28T11:55:30","modified_gmt":"2025-04-28T09:55:30","slug":"johannes-15-1-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-15-1-8\/","title":{"rendered":"Johannes 15, 1-8"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Jubilate | 11. Mai 2003 | Johannes 15, 1-8 | Ulrich Haag |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Die Bibelforschung hat sich lange gefragt woran es liegt, da\u00df die vier Evangelisten so unterschiedliche Ausspr\u00fcche Jesu und so unterschiedliche Begebenheiten aus seinem Leben erz\u00e4hlen. Einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr ist, da\u00df die Evangelisten, w\u00e4hrend sie im R\u00fcckblick von Jesus berichteten, immer die Gegebenheiten ihrer eigenen Christengemeinde vor Augen hatten. Der Kreis der J\u00fcnger wurde ganz unwillk\u00fcrlich so beschrieben, wie es zur eigenen Gemeinde pa\u00dfte. Von den Worten Jesu wurden gerne die erinnert und aufgeschrieben, die der jeweiligen Gemeinde am meisten zu sagen hatten.<\/p>\n<p>Die auff\u00e4lligsten Unterschiede zu den \u00fcbrigen Evangelien weist das Johannesevangelium auf. Auch der Abschnitt vom wahren Weinstock, der heute der Predigttext ist, ist ein Beleg daf\u00fcr. Nirgends in den \u00fcbrigen Evangelien findet sich dieses Bild vom Weinstock und den Reben noch. Und nirgends wird der Zusammenhang zwischen Jesus und seiner J\u00fcngergemeinde so eng und durchdringend beschrieben wie hier. Ich bin der Weinstock, ihr die Reben &#8211; untrennbar verbunden. Ohne mich k\u00f6nnt ihr nichts tun und umgekehrt: Ohne euch w\u00e4chst der Weinstock ins Leere.<\/p>\n<p>In keinem anderen Evangelium allerdings herrscht auch eine derartige Enge. Bleibt in mir und ich in euch. Ohne mich k\u00f6nnt ihr nichts tun. Wer nicht bleibt der wird weggeworfen und mu\u00df im Feuer verbrennen. Das klingt nach Angst, jemanden loszulassen. Das klingt nach Panik, mit der jemand sich an einen anderen klammert. Wenn man es unvoreingenommen h\u00f6rt, klingt es nach dem Programm einer Sekte: Wer einmal dazu geh\u00f6rt, geh\u00f6rt immer dazu. Wer einmal dabei ist, kommt nicht mehr `raus. Es sei denn bei Gefahr f\u00fcr Leib und Leben \u2013 er \u201ewird im Feuer brennen\u201c (Vers 6). In das Bild von der Sekte pa\u00dft auch, da\u00df der Weinstock offenbar auf rasanten Zuwachs ausgelegt ist. Wer zum J\u00fcngerkreis &#8211; sprich zur Gemeinde des Johannes geh\u00f6rt &#8211; soll Frucht bringen. Wir haben uns daran gew\u00f6hnt unter dieser Frucht des Glaubens gute Werke und ein aufrechtes Leben zu verstehen. Hier aber spricht vieles daf\u00fcr, da\u00df mit \u201eFrucht bringen\u201c erfolgreiche Missionsarbeit gemeint war. Wer zur Gemeinde gefunden hatte und an den n\u00e4chsten Sonntagen seinerseits ein neues Mitglied mit in den Gottesdienst brachte, der hatte Frucht gebracht. Dies war dann ein erstes sichtbares Zeichen daf\u00fcr, da\u00df man Kontakt zum Weinstock hatte, in Christus war, und Christus in der Betreffenden oder dem Betreffenden<\/p>\n<p>Abgeschlossen nach au\u00dfen, auf Zuwachs ausgerichtet, zugleich Kontrolle der Mitglieder nach innen, den Aussteiger oder den Ausstieg mit Verdammnis bedrohend &#8211; anders h\u00e4tten die Gemeinde des Johannes vielleicht nicht \u00fcberlebt. Der Druck, unter dem die Christen standen, war gro\u00df. Schon wurden in manchen Gegenden die Christen verfolgt, es hatte die ersten M\u00e4rtyrer gegeben. Und je h\u00f6her der Druck von au\u00dfen ist, desto st\u00e4rker w\u00e4chst die Verbundenheit einer Gemeinschaft im Innern.<\/p>\n<p>Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer nicht in mir bleibt wird weggeworfen und wird im Feuer brennen! Die Evangelischen Landeskirchen des beginnenden dritten Jahrtausends sind keine Sekten, sondern eine sogenannte Volkskirche. Das hei\u00dft, sie sind f\u00fcr alles Volk da und allen offen. Die Kirche mu\u00df sich auch nicht gegen eine feindliche Umwelt zur Wehr setzten. H\u00f6chstens gegen eine ignorante. Mit ihrem Zugangsritual geht die Kirche nicht zur\u00fcckhaltend um, sondern fl\u00e4chendeckend verschwenderisch. Die Taufe ist f\u00fcr sie ein Zeichen der freien Gnade Gottes, die jeden Menschen ansprechen will.<\/p>\n<p>So l\u00e4\u00dft sich der Predigtabschnitt vom Weinstock mit der Wirklichkeit unserer Kirche an vielen Punkten nicht in Einklang bringen. Was tun?<\/p>\n<p>Es gibt christliche Gemeinschaften, die l\u00f6sen diesen Widerspruch, in dem sie das Rad zur\u00fcckdrehen. In dem sie die Wirklichkeit ihrer Gemeinde auf das Prokrustesbett biblischer Texte werfen und alles abhacken, was \u00fcbersteht. Es gibt christliche Gemeinschaften, die machen sich wieder zur Sekte, damit ihre Gemeindewirklichkeit mit der der alten biblischen Texte \u00fcbereinstimmt.<\/p>\n<p>Aber man mu\u00df nicht sektiererisch werden, um heutzutage als Christ leben zu k\u00f6nnen. Man mu\u00df keine Sekte gr\u00fcnden, um sich Kirche Jesu Christi nennen zu d\u00fcrfen. Ich bin sicher, da\u00df der Evangelist Johannes gejubelt h\u00e4tte \u2013 was ganz nebenbei am Sonntag Jubilate auch angemessen gewesen w\u00e4re &#8211; wenn er die unbedr\u00fcckte Freiheit und die M\u00f6glichkeiten, die die Kirche heute hat, mit eigenen Augen gesehen und erlebt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Eine Kirche, in der zun\u00e4chst alles und jeder einen Platz hat, bedarf auf die Dauer der Unterscheidung, der Reinigung. Jesus stellt Gott als Weing\u00e4rtner dar. Der pflanzt den Weinstock nicht nur, der kommt auch ein ums andere Mal, begutachtet das Gew\u00e4chs und schneidet verdorbene Reben ab, damit die ganze Kraft und S\u00fc\u00dfe in die gesunden Reben geht. Vielleicht ist das, was wir in der Kirche momentan erleben, eine solche Reinigung: Viele trennen sich von der Kirche und die Kirche trennt sich von vielem. Bei uns l\u00f6st das \u00c4ngste aus. F\u00fcr Johannes liegt auf dem Proze\u00df der Reinigung keine Bedrohung, sondern eine Verhei\u00dfung: Der Weing\u00e4rtner schneidet heraus, was nicht Frucht bringt. Das was bleibt, wird umso mehr Frucht bringen, den Willen Gottes \u00fcberzeugender vorleben und seine Verhei\u00dfungen lebendiger weitergeben.<\/p>\n<p>Z\u00e4hlen wir am Ende dazu?<br \/>\nOder werden wir im Laufe der Zeit auch herausgeschnitten?<br \/>\nWoran merke ich, da\u00df ich \u00fcberhaupt noch am Weinstock h\u00e4nge? Wie erkenne ich, ob ich in Saft und Kraft stehe oder schon eine trockene, taube Rebe bin? Bin ich eine Rebe, die Frucht bringt?<\/p>\n<p>Frucht bringen hei\u00dft landl\u00e4ufig Gutes tun und die Dinge zum Guten bewegen, effektiv sein, kreativ sein, was schaffen, flei\u00dfig und ertragreich &#8211; und vom eigenen Ertrag abgeben, was man er\u00fcbrigen kann. Bei soviel \u201eaction\u201c, Erfolg und Anerkennung ger\u00e4t das Wort Jesu gerne in Vergessenheit: Ohne mich k\u00f6nnt ihr nichts tun.<\/p>\n<p>Gegen diesen Satz str\u00e4ubt sich etwas in mir. Nichts tun! Wieso! Bin ich heute morgen nicht etwa aus eigener Kraft aufgestanden? Habe ich mich nicht fertig gemacht und bin hierher gefahren, ohne da\u00df Er mit am Steuer sa\u00df? Ohne mich k\u00f6nnt ihr nichts tun. Was sagen M\u00fctter zu dem Satz, die Tag f\u00fcr Tag ihre Kr\u00e4fte verschlei\u00dfen? Was sagt der Bauarbeiter, der Schuster, Abteilungsleiter? W\u00e4chst deren Arbeit nicht zu allermeist auf ihrem eigenen Mist? Selbst beim Pfarrer gibt es eine ganze Menge weltliche \u201eVerrichtungen&#8220;, die er ohne Jesus tun kann. Oder?<\/p>\n<p>Nach einer Vorstandssitzung des Diakonievereins nahm mich vor einiger Zeit ein Gemeindeglied beiseite, dessen Familie von jeher in der Kirche verwurzelt ist. \u201eWissen Sie eigentlich, Herr Pfarrer, da\u00df ich vor einigen Monaten mein Amt als Vorsitzender um ein Haar niedergelegt h\u00e4tte? Ich hatte das Gef\u00fchl, da\u00df ich mit meinem Einsatz nichts mehr bewegen kann, nichts Nennenswertes jedenfalls. Als k\u00f6nne ich nur teilnehmen an einem gro\u00dfen, sich in sich selbst drehenden Mahlwerk, in dem sich das meiste wiederholt. Als w\u00e4re ich nur ein R\u00e4dchen in einem Getriebe aus geboren werden und sterben, aus Geld verdienen und essen, aus arbeiten und ruhen, aus lachen und weinen. Viel getan, aber nichts bewegt. Viel geplant, aber mit der Linken zerst\u00f6rt, was die Rechte aufgebaut hat. Leben verzehrt, um selbst zu \u00fcberleben. Viel gemacht und gem\u00fcht, aber keine Frucht gebracht.<\/p>\n<p>Erst dachte ich, da\u00df Phantasie und Inspiration nachlassen, hat mit dem Alter zu tun. Durch eine kleine Bemerkung bin ich darauf aufmerksam geworden, woran es wirklich lag. Es passiert wohl jedem hin und wieder, da\u00df ihn etwas vom Beten wegtreibt. Nicht nur Alltagsstre\u00df oder beruflicher Druck. Viel gef\u00e4hrlicher sind Zeiten des Erfolgs und des Hochgef\u00fchls. Und wen die Str\u00f6mung einmal mitgenommen hat, hat einen m\u00fchsamen und langwierigen R\u00fcckweg vor sich. Nach einer langen Zeit ohne Worte kam damals dann ein Ansto\u00df von Au\u00dfen &#8211; worin er bestand, mu\u00df ich Ihnen gar nicht erz\u00e4hlen. Aber ich begann, das Gespr\u00e4ch mit Gott wieder aufzunehmen, m\u00fchselig, in kleinen Schritten. Vorher kam ich mir vor wie ein Spielball fremder Anspr\u00fcche und eigener Pl\u00e4ne. Das was ich tun mu\u00dfte, was ich vorhatte, was man von mir erwartete, was ich erreichen wollte schien mir wie ein chaotisches Gewirr, in das ich verstrickt war, ohne etwas Entscheidendes tun zu k\u00f6nnen. Aber seit ich wieder angefangen habe, das vor Gott auszubreiten, was mich belastet, das, was ich mir w\u00fcnsche, wof\u00fcr ich dankbar bin, l\u00f6st sich das wirre Netz allm\u00e4hlich. Es ist, als wickele ich einen Faden nach dem anderen auf. Ich habe in der Zwischenzeit viele ehrgeizige Pl\u00e4ne losgelassen, Gott \u00fcberlassen. Und trotzdem stellt sich bei mir wieder das Gef\u00fchl ein, da\u00df mein Leben zielgerichtet ist. Da\u00df das, was ich tue, einen Zusammenhang hat. Es hat teil an einem gro\u00dfen Ganzen, das auf ein bestimmtes Ziel hinl\u00e4uft. Es ist paradox: Je mehr ich Gott \u00fcberlasse, je \u00f6fter ich bitte, je einfacher und ehrlicher die Dinge sind, f\u00fcr die ich danke, desto mehr kommt es mir vor, als k\u00f6nnte ich etwas tun.\u201c<\/p>\n<p>Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch, werdet ihr beten und was immer es ist, es wird euch widerfahren. Dieser Vers vom Gebet ist f\u00fcr mich das Ziel der Weinstockrede. So wie Weinstock und Rebe in einem lebendigen Austausch stehen, so auch der Mensch und Gott im Gebet. Und je intensiver dieser Austausch ist, desto kr\u00e4ftiger wird die Frucht.<\/p>\n<p>Geh\u00f6re ich dazu? Bin ich noch eine Rebe am Weinstock Jesu? Man mu\u00df nicht einer Sekte beitreten, um gem\u00e4\u00df der Worte Jesu zu leben. Ich mu\u00df auch keine sozialen H\u00f6chstleistungen abliefern. Der m\u00fchselige und fruchtbare Schritt ist noch immer die eigene Umkehr: Gegen allen Stolz, gegen alle Scheu und alle anderen Einw\u00e4nde dem Herzen einen Sto\u00df geben und mit einfachen, kurzen S\u00e4tzen das Gespr\u00e4ch beginnen.<br \/>\nIch bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Bleibt ihr in mir und ich in euch, so bringt ihr viel Frucht.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gebet<\/strong><\/p>\n<p>Gott, wir bitten dich f\u00fcr die Menschen,<br \/>\ndie aus unserer Gesellschaft herausgeschnitten werden,<br \/>\nwie Reben aus dem Weinstock:<br \/>\nArbeitslose, Obdachlose, Asylsuchende und Kranke,<br \/>\ndie, die gescheitert sind<br \/>\nund die, die nicht mehr k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir bitten dich f\u00fcr unser Land,<br \/>\nda\u00df es uns gelingt,<br \/>\nes zu einem bl\u00fchenden Gemeinwesen zu machen,<br \/>\nin dem ausnahmslos jeder Frucht bringen kann,<br \/>\nwie an einen \u00fcberreichen Weinstock.<\/p>\n<p>Wir bitten dich f\u00fcr unsere Kirche,<br \/>\nda\u00df du sie reinigst,<br \/>\ndamit sie Frucht bringt,<br \/>\naber da\u00df du barmherzig mit ihr verf\u00e4hrst.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer Ulrich Haag, Aachen<br \/>\n<a href=\"mailto:haag@ekir.de\">E-Mail: haag@ekir.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jubilate | 11. 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