{"id":9439,"date":"2003-05-07T19:49:54","date_gmt":"2003-05-07T17:49:54","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9439"},"modified":"2025-04-23T14:50:05","modified_gmt":"2025-04-23T12:50:05","slug":"matthaeus-11-28","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-11-28\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 11, 28"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zur Konfirmation | 18.5.03 | Mt 11,28 | Jobst von Stuckrad-Barre |<\/h3>\n<p>1) Mit dieser Einladung l\u00e4sst sich anfangen: \u201eKommt her zu<br \/>\nmir, alle, die ihr m\u00fchselig und beladen seid; ich will euch erquicken.\u201c Ihr<br \/>\nKonfis, Konfirmandinnen und Konfirmanden zuerst und dann Eure N\u00e4chsten.<br \/>\nIhr, die auf dem Weg seid ins Leben \u2013 welch eine Einladung durch<br \/>\nJesus, was f\u00fcr eine Entlastung, was f\u00fcr ein Horizont.<\/p>\n<p>Ihr seid zuerst gemeint. Nicht so sehr, weil Ihr vielleicht aufgeregt<br \/>\nseid, heute, jetzt, an Eurer Konfirmation, sondern weil ihr in einer<br \/>\nLebensphase steckt, in der alles schon m\u00f6glich, das M\u00f6gliche<br \/>\naber eben doch noch nicht tats\u00e4chlich da ist. Aus dem, was sich<br \/>\nda ank\u00fcndigt, ergibt sich die Freude zu sehen, was das Leben ausmacht.<br \/>\nDie Aufregung vor dem Unbekannten, zugleich aber auch der Druck ist sp\u00fcrbar,<br \/>\ndie Anstrengung, es den Erwachsenen gleich tun zu wollen, und doch noch<br \/>\nnicht so weit zu sein \u2013 aus dieser Spannung ergeben sich manchmal<br \/>\nm\u00fchselige Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und ihren Eltern,<br \/>\nLehrern, Pastoren, Trainern und ich wei\u00df nicht, wer sich alles<br \/>\nf\u00fcr kompetent erkl\u00e4rt, zu Eurer Erziehung beizutragen; \u00e4ltere<br \/>\nGeschwister vielleicht oder die Klavierlehrerin&#8230; Doch mit solcher blo\u00dfen<br \/>\nErkl\u00e4rung ist es eben nicht getan, Eltern sind mehr als Erzieher,<br \/>\nKinder sind mehr als Kompetenzobjekte \u2013 sie sind unsere Kinder,<br \/>\nwir ihre Eltern oder Gro\u00dfeltern &#8211; Geschenk des Lebens, wie wir<br \/>\nes mit einander f\u00fchren, mit allen H\u00f6hen und Tiefen, die das<br \/>\neinbegreift. Die Paten habe ich nicht mit aufgez\u00e4hlt, dabei kommen<br \/>\ndie in dieser Phase manchmal st\u00e4rker mit ins Spiel, weil sie eben<br \/>\nnicht jeden Tag mitgestalten m\u00fcssen, sondern eher da gefragt sind,<br \/>\nwo mal jemand genau zuh\u00f6ren und entlastend helfen kann. Sie alle,<br \/>\nwir h\u00f6ren mit Euch zusammen diesen Satz Jesu: Kommt her zu mir,<br \/>\nalle, die ihr m\u00fchselig und beladen seid; ich will euch erquicken.<\/p>\n<p>Sanft sagt er das, dem\u00fctig sogar, damit wir nicht mehr unruhig<br \/>\nsind, aufgeregt oder angestrengt, bedr\u00fcckt oder \u00fcberlastet,<br \/>\nweil wir doch alles selbst verantworten oder aushalten m\u00fcssen. Was<br \/>\nihn bestimmt, wiederholt er, sein Joch sei sanft, leicht seine Last.<br \/>\nDieses Joch sollen wir aufnehmen, von ihm sollen wir lernen. Das aber<br \/>\nnun nicht so, dass wir ein Leben lang uns wie im Konfirmandenunterricht<br \/>\nf\u00fchlen oder benehmen; eher so, dass die dort entwickelten Perspektiven<br \/>\nweiter pr\u00e4zisiert und verfeinert werden. Wer und wo bin ich, wer<br \/>\noder wo ist mein N\u00e4chster, wie und wof\u00fcr kann ich entlastend<br \/>\neinwirken? Nicht, weil wir Herren des Lebens w\u00e4ren, sondern weil<br \/>\nJesus den Weg zum N\u00e4chsten wie zu Gott schon freimacht, Steine aus<br \/>\ndem Weg r\u00e4umt, uns Lasten l\u00e4ngst abnimmt, wo wir noch immer<br \/>\nauf die m\u00f6glichen Beschwernisse und Urteile starren. Darum k\u00f6nnen<br \/>\nwir f\u00fcr den andern mittragen, gerade das, was er oder sie als Last<br \/>\nempfindet; ihm abnehmen, was wir k\u00f6nnen und m\u00f6glicherweise<br \/>\nsogar nur wir k\u00f6nnen. Denkt bitte einmal daran, wie erbittert Fehden<br \/>\nunter Geschwistern und Freunden sein k\u00f6nnen \u2013 so weh k\u00f6nnen<br \/>\nAu\u00dfenstehende kaum tun wie die aus dem engsten Kreis! Da also zu<br \/>\nentlasten und mitzutragen, wo wir instandgesetzt werden, es zu tun. Das<br \/>\nist unsere M\u00f6glichkeit, darum wird uns diese Last leicht. Darum<br \/>\nhaben wir gestern das Abendmahl gefeiert und diese Entlastung in Anspruch<br \/>\ngenommen, die uns da zugesagt wird.<\/p>\n<p>Dann werdet ihr Ruhe finden f\u00fcr euch, eure Seelen. Nun ist Ruhe<br \/>\nso ziemlich das Zweitschlimmste, was Jugendlichen passieren kann. Genau \u00fcbersetzt<br \/>\nist damit ein Ausatmen gemeint, so wie einer aus- und aufatmet eben,<br \/>\nwenn er die schwere Last absetzt oder los wird, der Weg wird wieder frei,<br \/>\nder Blick weitet sich bis zum Horizont; Anla\u00df zur Freude, zum Feiern \u2013 welch<br \/>\n(ein Grund f\u00fcr) eine Konfirmation.<\/p>\n<p>2) \u201eIch preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil<br \/>\ndu dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unm\u00fcndigen<br \/>\noffenbart.\u201c Jesu Verwunderung ist noch zu sp\u00fcren \u2013 nicht<br \/>\nReligion per Verordnung, durch Macht der Tradition oder gar mit Gewalt,<br \/>\nsondern Glaube, wie die Unm\u00fcndigen ihn aufgreifen und danach fragen.<br \/>\nNicht Weisheit oder andere Instrumente der Herrschaft von Menschen \u00fcber<br \/>\nMenschen bringen Euch und uns zum Fragen, sondern das, was Ihr wie Jesus<br \/>\nam Menschen, an Euch selbst wie in unserer Welt wahrnehmt.<\/p>\n<p>Wieder dieses: wie Jesus! Er, den die Kundigen verlacht, verspottet,<br \/>\nam Ende gekreuzigt und verlassen haben, ist ihnen im Weg gewesen, so<br \/>\nt\u00f6richt, wenig weltgewandt, kindlich, dumm; zu dumm nur, dass ausgerechnet<br \/>\ndie Kinder und Kranken, die Verletzten und Verst\u00f6rten ihn erkannten,<br \/>\ndass sie verstanden, hier f\u00fchrt der Weg ins Leben. Das in Zeiten<br \/>\nwie diesen, wo man nicht wei\u00df, ob noch Krieg ist oder Nicht-mehr-Krieg<br \/>\noder gar Kriegserkl\u00e4rung mit allen m\u00f6glichen Fronten; denn<br \/>\ndie Kampfebenen wechseln, von der wirtschaftlichen zur milit\u00e4rischen \u00fcber<br \/>\ndie politisch-soziale hin zu den stellvertretenden Kriegsschaupl\u00e4tzen<br \/>\nim Privaten wie im Medialen.<\/p>\n<p>Jetzt wird\u2019s gef\u00e4hrlich: Euch die Konfirmanden mit dieser<br \/>\nGruppe in Beziehung zu setzen, den Unm\u00fcndigen, kann schief gehen.<br \/>\nDann n\u00e4mlich, wenn ihr jetzt einfach die Ohren zumacht und sagt,<br \/>\ndas ist ja wohl das letzte, uns so hinzustellen. Kinder? Das sind wir,<br \/>\nmit all den Vorz\u00fcgen, was die N\u00e4he, die Freude, die Unmittelbarkeit<br \/>\nzum Leben vor Gott angeht. Und unm\u00fcndig -, nun ja vor dem Gesetz<br \/>\ngibt es da noch ein paar Einschr\u00e4nkungen, aber um die geht es ja<br \/>\nwohl heute nicht. Im Gegenteil \u2013 Ihr seid sogar religionsm\u00fcndig<br \/>\nmit 14 Jahren, auch vor dem Gesetz. Nein, es geht um Eure F\u00e4higkeit,<br \/>\nwahrzunehmen, wer ihr vor Gott und dieser Gemeinde seid \u2013 ihm nahe,<br \/>\nweil er Euch so auf den Weg bringt.<\/p>\n<p>Also erneut: Die Konfis zuerst und dann ihre N\u00e4chsten. Soda\u00df Ihr<br \/>\njetzt in die Rolle derer geratet, die weitergeben, was sie geh\u00f6rt,<br \/>\ndie tun, was sie in Gottes Sinn f\u00fcr angemessen erachten, die aus<br \/>\nihrem Glauben leben.<\/p>\n<p>Und dies nicht, weil sie so tolle Menschen w\u00e4ren, sondern weil<br \/>\nsie einen gesch\u00e4rften Blick daf\u00fcr haben: Nicht wir sind die<br \/>\nHerren der Welt, sondern Erd und Himmel sind in Gottes Hand. Erst dann<br \/>\nist das Joch Jesu sanft und die Last leicht.<\/p>\n<p>3) Jesus l\u00e4dt die M\u00fchseligen und Beladenen ein, seine Verwunderung<br \/>\ndar\u00fcber meinen wir noch zu sp\u00fcren aus diesen Worten des Matth\u00e4usevangeliums.<br \/>\nWas geschieht, ist dies. Er spricht f\u00fcr uns, die wir so oft sprachlos<br \/>\nsind, wenn es um\u2019s Ganze, um Gott geht. Er offenbart sich f\u00fcr<br \/>\ndie, die ihn, seine Entlastung und seinen Horizont brauchen. Er redet<br \/>\nden an, den er als seinen Vater erkennt und der ihn als seinen Sohn annimmt.<br \/>\nEr preist ihn und bahnt damit uns den Weg, (nicht nur) an einem solchen<br \/>\nTage das Ganze in den Blick zu nehmen. So wie Gott sich in Jesus als<br \/>\nseinem Sohn zeigt, so gibt sich Jesus als der zu erkennen, der diesen<br \/>\nWillen Gottes f\u00fcr uns sichtbar macht. F\u00fcr uns und an uns, f\u00fcr<br \/>\ndie und an denen, die er als die Unm\u00fcndigen annimmt, als die, denen<br \/>\nes Gott in seiner Liebe offenbaren will. Das ist der Horizont Jesu.<\/p>\n<p>Das h\u00f6rt sich johanneisch an. Vielleicht ist es auch in einer Gemeinde<br \/>\nentstanden, die zwischen der Tradition des Matth\u00e4us und der des<br \/>\nJohannes stand. Dar\u00fcberhinaus aber: Das gibt uns Raum zu reden,<br \/>\nvon der Welt, die ihn so sehr braucht, von Gott, der in Jesus handelt,<br \/>\nvon der Zeit und der Gemeinschaft der M\u00fchseligen und Beladenen.<br \/>\nIhr wachst in eine Zeit hinein, in der vieles, was uns und Euch selbstverst\u00e4ndlich<br \/>\nerscheint, im Umbruch ist oder abgebaut wird. Da ist der Horizont Jesu<br \/>\num so mehr gefragt \u2013 da sind die gefragt, die sich ihr Christsein<br \/>\nbewu\u00dftmachen und es einbringen: die leichte Last f\u00fcr die,<br \/>\ndie schwer dran sind, das sanfte Joch f\u00fcr die, denen die M\u00fche<br \/>\nzu aussichtslos erscheint. Dann \u00f6ffnet sich die Perspektive f\u00fcr<br \/>\ndie, die mittragen und f\u00fcr die, denen etwas abgenommen werden kann.<br \/>\nLeben erh\u00e4lt seine Horizont.<\/p>\n<p>Die sich so versammeln, freuen sich an solcher Offenheit, feiern, da\u00df sie<br \/>\nheute wie zu aller Zeit zusammenkommen in seinem Namen und f\u00fcr die,<br \/>\ndie ihn brauchen. Darum ist Eure Konfirmation nichts anderes als die<br \/>\nBefestigung, Best\u00e4rkung in solchem Glauben an Gott den Vater, den<br \/>\nSohn zum Leben im Heiligen Geist.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>P. Jobst v. Stuckrad-Barre<br \/>\nKleiner Hillen 1<br \/>\n30559 Hannover<br \/>\n<a href=\"mailto:Jobst.vonStuckrad-Barre@evlka.de\">e-mail: Jobst.vonStuckrad-Barre@evlka.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zur Konfirmation | 18.5.03 | Mt 11,28 | Jobst von Stuckrad-Barre | 1) Mit dieser Einladung l\u00e4sst sich anfangen: \u201eKommt her zu mir, alle, die ihr m\u00fchselig und beladen seid; ich will euch erquicken.\u201c Ihr Konfis, Konfirmandinnen und Konfirmanden zuerst und dann Eure N\u00e4chsten. 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