{"id":9444,"date":"2003-05-07T19:49:53","date_gmt":"2003-05-07T17:49:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9444"},"modified":"2025-04-28T14:59:45","modified_gmt":"2025-04-28T12:59:45","slug":"johannes-16-23-29-32-33","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-16-23-29-32-33\/","title":{"rendered":"Johannes 16, 23 (29-32) 33"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Rogate | 25. Mai 2003 | Johannes 16, 23 (29-32) 33 | Karsten Matthis |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>in einer l\u00e4ndlichen amerikanischen Gegend herrschte eine besonders schwere und langanhaltende D\u00fcrre. Die Wasservorr\u00e4te schwanden. Die Tiere verdursteten. Die Bauern bef\u00fcrchteten eine schwere Missernte, denn die Pflanzen auf den Feldern vertrockneten. Weil aber die Einwohner des Landstriches gottesf\u00fcrchtige Menschen waren, luden sie zu einem F\u00fcrbittengottesdienst ein. Von weither str\u00f6mten die Menschen zusammen, um f\u00fcr Regen zu beten. Ein Junge, der ebenfalls zur Kirche ging, fiel den Gottesdienstbesuchern auf. Als einziger Gottesdienstbesucher hatte er einen Schirm dabei. \u201eWir beten doch um Regen.\u201c, antwortete er den anderen Gottesdienstbesuchern auf ihre erstaunten Blicke hin. Tats\u00e4chlich setzte der Regen noch w\u00e4hrend des Gottesdienstes ein.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, solch einen kindlichen Glauben h\u00e4tten wir auch gerne. Erfahrungen aber, die wir mit unerh\u00f6rten Gebeten machen, lassen jedoch einen kindlichen Glauben nicht aufkommen. Einen Regenschirm mitzubringen, wenn wir als Gemeinde um Regen bitten, dass s\u00e4he der eine oder andere als Provokation an. Es gebietet die Ehrfurcht vor Gott, von ihm nicht die prompte Erf\u00fcllung unserer W\u00fcnsche zu erwarten.<\/p>\n<p>Mit dem Erwachsensein haben wir uns Schranken auferlegt, was wir von Gott zu erbitten wagen. In unseren Gebeten versuchen wir zwischen unseren W\u00fcnschen und dem Willen Gottes zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, haben wir nicht unsere Erwartungen, die unsere Gebete betreffen, m\u00e4chtig heruntergeschraubt? Mag es daran liegen, dass wir unseren Glauben nicht gef\u00e4hrden wollen? Ist es so, dass wir von Bitte und F\u00fcrbitte nur wenig erhoffen?<\/p>\n<p>Diese geringe Erwartung steht im klaren Gegensatz zu den Beterinnen und Betern der Bibel. Viel Kraft und Wucht geht von den Gebeten Hiobs aus. Hiob schleudert seine Klage und seinen Fluch gegen Gott, der ihm so viel abverlangt. Aber er lobt am Ende Gottes Weisheit und G\u00fcte.<\/p>\n<p>Eine Faszination geht vom \u201eVater unser\u201c aus, da es alle unsere Bitten, W\u00fcnsche und Hoffnungen zusammenfasst. Im \u201eVater unser\u201c zeigt uns Jesus Gott als den himmlischen Vater, der sich unserem Gebet nicht verschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Der heutige Predigttext spricht von einem kindlichen Glauben. Vom liebenden Vater ist in den Abschiedsreden Jesu die Rede. Statt den Gott Israels als \u201eEwigen\u201c und \u201eAllm\u00e4chtigen\u201c anzureden, d\u00fcrfen die J\u00fcnger ihn \u201eAbba, lieber Vater\u201c nennen. Sie d\u00fcrfen fest mit ihrem Gegen\u00fcber rechnen und ihn mit \u201eDu\u201c ansprechen.<\/p>\n<p>Bisher war der Gott Israels, ihnen so fern und unnahbar. Hoch in den Himmeln thronte er, ein strenger und heiliger Gott. Doch Jesus spricht von einem liebenden und nahen Gott, zu dem die J\u00fcnger frei und offen beten d\u00fcrfen, weil sie geliebt werden.<\/p>\n<p>Vor Gr\u00fcndonnerstag ermuntert Jesus seine J\u00fcnger zum Gebet: \u201eBittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei.\u201c Wie zu einem Vater sollen die J\u00fcnger beten und mit einem kindlichen Gottvertrauen zu ihm sprechen. Jesus will seinen J\u00fcngern Mut machen, Gottes vollkommene Freude im Gebet zu erfahren. Wer den Vater in Jesu Namen bittet, der darf darauf vertrauen, dass sein Gebet nicht vergeblich bleibt. Gott schenkt euch vollkommene Freude, weil der Vater euch liebt, sagt Jesu seinen J\u00fcngern zum Abschied.<\/p>\n<p>Nicht nur Not lehrt beten, sondern ebenso die Erfahrungen des Gl\u00fccks und des erf\u00fcllten Augenblicks. Im Gebet bricht nicht nur die Klage, Verzweiflung und die Selbstverurteilung hervor, sondern auch der Dank und Lob an Gott. Im Gebet erfahren die J\u00fcnger Trost und Orientierung.<\/p>\n<p>Den Trost des Gebetes haben die J\u00fcnger bitter n\u00f6tig, denn Schreckliches werden sie am Karfreitag erleben. Ihr Herr und Meister wird wie ein Verbrecher ans Kreuz genagelt. Der Kreis der J\u00fcnger wird voller Angst in alle Richtungen fliehen. Statt vollkommener Freude werden sie vollkommene Verzweiflung erleben.<\/p>\n<p>Verst\u00f6rt und hilflos erleiden sie die schlimmste Trauer ihres Lebens. Doch diese tiefe Trauer wird mit dem Tag der Auferstehung \u00fcberwunden. Tiefste Trauer wird in die h\u00f6chste Freude verwandelt.<\/p>\n<p>Trauer und Leid, Not und Verzweiflung bleiben keinem erspart, der den Namen Gottes anruft. Aber wir k\u00f6nnen nicht tiefer fallen, als die J\u00fcnger fielen. Wir beten um die Hilfe Gottes in der Gewissheit, dass seine liebenden Arme uns auffangen.<\/p>\n<p>Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich gemeint.\u201c hei\u00dft es im Jakobusbrief (Jak. 5, 16). Ein Gebet vermag viel, wenn es zum Innehalten f\u00fchrt. Den inneren Raum zu finden, wo Stille in mir ist. Im pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch trete ich als einzelner Gott gegen\u00fcber. Ich lege ihm mein Innerstes vor, was mich bewegt und aufw\u00fchlt. Im Gebet gelingt es mir, \u00c4rger abzufangen und Distanz zu meinen Problemen zu gewinnen. Ich komme zu mir. Sehe ich mich selbst ungesch\u00f6nt, wie ich wirklich bin und nicht wie ich gerne vor anderen erscheinen m\u00f6chte. Oft gelingt es mir, nicht bei mir selbst stehen zu bleiben und \u00fcber mich nachzugr\u00fcbeln, sondern mich f\u00fcr Gott und den N\u00e4chsten zu \u00f6ffnen. Gott zu danken und ihn zu loben. Meine Mitmenschen in anderem Licht zu sehen und sie besser zu verstehen.<\/p>\n<p>So wird mein Gebet zum offenen Gespr\u00e4ch mit Gott, nicht zu einer frommen Leistung bei der ich tiefsch\u00fcrfende Gedanken produziere. Ich versuche zu erschlie\u00dfen, was sein Wille und Weg f\u00fcr mich ist. Seine Gedanken flie\u00dfen in meine Gedanken ein, darum bitte ich im Gebet vor ihm.<\/p>\n<p>So kann ich den Satz Dietrich Bonhoeffers nachsprechen und begreifen lernen: \u201eGott erf\u00fcllt nicht alle unsere W\u00fcnsche aber seine Verhei\u00dfungen.\u201c Gott wird seine Sch\u00f6pfung erhalten und Jesus Christus wird f\u00fcr mich eintreten.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, nicht nur vollkommene Freude, sondern auch vollkommenen Frieden verhei\u00dft Jesus zum Abschied seinen J\u00fcngern. Nach diesem vollkommenen Frieden sehnen wir uns. Tagt\u00e4glich erfahren wir, wie zerbrechlich menschlicher Friede ist, dass er von Kompromissen und Halbwahrheiten nur gest\u00fctzt wird.<\/p>\n<p>In den letzten Monaten haben viele Christen vergeblich f\u00fcr den Frieden gebetet, dennoch fand der Krieg im Irak statt. Sein Ausgang hat zwar eine Diktatur beseitigt, eine stabile Nachkriegsordnung ist noch in Sicht. Der Friede im Nahen Osten ist, wie an vielen anderen Orten der Welt, noch l\u00e4ngst nicht erreicht. Anlass zur Sorge besteht in Israel weiterhin. Die Angst der Menschen vor Terror und Gegenterror ist ungebrochen. Immer dann, wenn die Konfliktparteien sich in Israel ann\u00e4hern, ersch\u00fcttert ein Bombenanschlag den Friedensprozess. Ein milit\u00e4rischer Einsatz, der auch immer Unschuldige trifft, ist die Antwort.<\/p>\n<p>Jesus spricht aber nicht von diesem zerbrechlichen, menschlichen Frieden. Er verk\u00fcndigt einen vollkommenden Frieden, der selbst dann bestehen kann, wenn die Welt in Krieg und Terror versinkt. \u201eDas habe ich mit euch geredet, damit ihr Frieden habt.\u201c, sagt er seinen J\u00fcngern.<\/p>\n<p>Angst und Zweifel werden uns beim Beten nicht erspart bleiben. Denn wir leben in einer unerl\u00f6sten Welt, in der Menschen alles daran setzen, ihre Ziele mit Gewalt und Terror durchzusetzen. Menschen \u00fcben Gewalt und Einsch\u00fcchterung \u00fcber andere aus, um ihre Macht zu festigen.<\/p>\n<p>Gut, dass wir jemanden kennen, der unsere ganze Angst tr\u00e4gt. Der nicht auf Gewalt und Einsch\u00fcchterung setzt, sondern auf bedingungslose Liebe. Jemanden, der st\u00e4rker ist als die Macht des Todes und vor dem auch die kapitulieren m\u00fcssen, die Gewalt und Terror betreiben.<\/p>\n<p>Jesus Christus hat sich als der erwiesen, der die Wurzel des Unfriedens ausgerottet hat, als er am Kreuz starb und an Ostern den Tod \u00fcberwand. Er ist es, der nicht nur die Angst vor dem Tod, sondern auch seine Macht besiegt hat.<\/p>\n<p>Um seinen Frieden d\u00fcrfen wir beten, wenn rings um uns Unfrieden herrscht. In seinem Frieden k\u00f6nnen wir gelassen Menschen begegnen und liebend gegen\u00fcber treten, die uns einsch\u00fcchtern wollen oder gar bedrohen. Geborgen in seinem Frieden hoffen wir, dass unsere Gebete nicht vergeblich sind. Weil er unser Friede ist, d\u00fcrfen wir wie Kinder vertrauen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Karsten Matthis, Dipl. Theol., Wachtberg bei Bonn<br \/>\n<a href=\"karsten.matthis@t-online.de\">karsten.matthis@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rogate | 25. Mai 2003 | Johannes 16, 23 (29-32) 33 | Karsten Matthis | Liebe Gemeinde, in einer l\u00e4ndlichen amerikanischen Gegend herrschte eine besonders schwere und langanhaltende D\u00fcrre. Die Wasservorr\u00e4te schwanden. Die Tiere verdursteten. 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