{"id":9451,"date":"2003-05-07T19:49:54","date_gmt":"2003-05-07T17:49:54","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9451"},"modified":"2025-05-07T14:45:35","modified_gmt":"2025-05-07T12:45:35","slug":"predigt-zum-siebten-himmel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zum-siebten-himmel\/","title":{"rendered":"Lukas 24,44\u201353"},"content":{"rendered":"<h3>Konfirmationspredigt | Christi Himmelfahrt | 29. Mai 2003 | Lk 24,44\u201353 | J\u00f8rgen Demant |<\/h3>\n<p>Die meisten von uns kennen den Ausdruck,<br \/>\nman ist &#8222;im siebten Himmel&#8220;.<\/p>\n<p>Besseres kann man sich nicht w\u00fcnschen. Im siebten Himmel sein<br \/>\nhei\u00dft, sich in einem Zustand der Verr\u00fcckung befinden. Man<br \/>\nist sich selbst entr\u00fcckt. Aus einer Wirklichkeit, die einengt, einschn\u00fcrt,<br \/>\nzu kurz wird. Man ist in eine andere Welt versetzt, wo sich alles ausweitet<br \/>\nwie eine Unendlichkeit von Gl\u00fcck, wie eine Ewigkeit von Zeit, wie<br \/>\nwenn das Gute ewig w\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Vielleicht f\u00fchlt sich der eine oder andere heute so, weil man<br \/>\nvor Freude dar\u00fcber strahlen darf, im Mittelpunkt zu stehen, Gegenstand<br \/>\nder Freude, Bewunderung und der Dankbarkeit anderer zu sein. Vielleicht<br \/>\nwerden andere das erst sp\u00e4ter empfinden, wenn man sich zu Tische<br \/>\ngesetzt und ein paar Gl\u00e4ser Wein getrunken hat und sich im Scho\u00df der<br \/>\nFamilie oder unter Freunden wohlf\u00fchlt. Das hei\u00dft im siebten<br \/>\nHimmel sein.<\/p>\n<p>Im siebten Himmel sein hei\u00dft die vorbehaltlose Freude des Lebens,<br \/>\ndie Sch\u00f6nheit des Lebens, die Barmherzigkeit des Lebens sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Wenn ich vom Zustand des siebten Himmels rede, dann nicht nur, weil<br \/>\ner sich heute im Laufe des Tages einstellen k\u00f6nnte, sondern vor<br \/>\nallem deshalb, weil wir heute den Himmelfahrtstag feiern. Wir haben die<br \/>\nErz\u00e4hlung vom Abschied Jesu von seinen J\u00fcngern und von seiner<br \/>\nHimmelfahrt geh\u00f6rt. Die Lebensgeschichte Jesu ist sozusagen fertig<br \/>\nmit der Himmelfahrt. Jedenfalls die irdische Lebensgeschichte. Die Geschichte,<br \/>\ndie Weihnachten begann, als er in einem Stall in Bethlehem geboren wurde.<br \/>\nMan nannte ihn den himmlischen K\u00f6nigssohn. Was f\u00fcr die Welt<br \/>\ngut ist, kommt vom Himmel. Von Weihnachten bis Ostern h\u00f6ren wir<br \/>\ndann die Geschichte von seinem Leben auf Erden. Wer er war, was er tat,<br \/>\nwie er starb und auferstand. Aber hier kann die Geschichte nicht enden.<br \/>\nDer himmlische K\u00f6nigssohn mu\u00df sozusagen dorthin zur\u00fcckkehren,<br \/>\nwo er herkommt: in den Himmel. Das feiern wir heute.<\/p>\n<p>Der Ring schlie\u00dft sich. Heute bekennen die Konfirmanden diesen<br \/>\nf\u00fcr uns irdische Menschen so merkw\u00fcrdigen Tag mit den Worten:<br \/>\naufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allm\u00e4chtigen<br \/>\nVaters. Der Ring schlie\u00dft sich. Aber bedeutet das auch: Nun hat<br \/>\nder Himmel seine Lebensgeschichte gezeigt, und nun ist die T\u00fcr zum<br \/>\nHimmel wieder zu? Er zeigte sich 33 Jahre lang vor ein paar Tausend Jahren,<br \/>\nan einem Ort im mittleren Osten. Das ist ja eine interessante Geschichte.<br \/>\nF\u00fcr Historiker, die von einem pal\u00e4stinensichen Volk im r\u00f6mischen<br \/>\nReich erz\u00e4hlen wollen. F\u00fcr Arch\u00e4ologen, die den Ort finden<br \/>\nwollen, wo Jesus zum Himmel fuhr. F\u00fcr Gesellschaftswissenschaftler,<br \/>\ndie das Verh\u00e4ltnis zwischen Pal\u00e4stinensern und Juden erforschen<br \/>\nwollen. Es gibt Leute, die so denken.<\/p>\n<p>Aber wir sitzen hier heute weder als Historiker, Arch\u00e4ologen noch<br \/>\nals Gesellschaftswissenschaftler, um von dieser Lebensgeschichte zu h\u00f6ren,<br \/>\nderen Ring sich an Himmelfahrt geschlossen hat. Wir sitzen hier wohl,<br \/>\nweil diese Lebensgeschichte auch aus dem Abstand von 2000 Jahren zu unseren<br \/>\nHerzen spricht. Wir sitzen hier wohl, weil Ihr als Eltern euch dazu bekennt,<br \/>\nda\u00df ihr mit dieser Lebensgeschichte verbunden seid. Deshalb habt<br \/>\nihr eure Kinder taufen lassen. Diese Geschichte geh\u00f6rt mit zu unserer<br \/>\nGeschichte. Zu unserer Kultur, unserer Tradition, unseren Werten.<\/p>\n<p>Wir sitzen hier wohl, weil wir den Wunsch der Konfirmanden respektieren,<br \/>\nsich zu dieser Lebensgeschichte zu bekennen, weil sie je in ihrer Weise<br \/>\nvielleicht f\u00fchlen, da\u00df sie sich in dieser Geschichte wiederfinden<br \/>\nk\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und das k\u00f6nnen wir nur, weil die Lebensgeschichte Jesu einen Abschlu\u00df hat,<br \/>\nder Himmelfahrt hei\u00dft. Da\u00df seine Lebensgeschichte nicht nur<br \/>\nmit einem Land verbunden ist, das etwa so gro\u00df ist wie J\u00fctland,<br \/>\nsondern mit der ganzen Welt. Aufgefahren in den Himmel, sitzend zur Rechten<br \/>\nGottes, des allm\u00e4chtigen Vaters &#8211; so kann diese Lebensgeschichte \u00fcber<br \/>\ndie ganze Erde leuchten. Sie kann \u00fcberall sein &#8211; von Jerusalem bis<br \/>\nnach Svalbard, von Tokio bis nach Paris.<\/p>\n<p>Sitzend im Himmel &#8211; so k\u00f6nnen wir nun immer selbst in den siebten<br \/>\nHimmel kommen, oder auf einer rosa Wolke sitzen. Das tun wir u.a. im<br \/>\nGebet &#8211; wo wir beten: Gib uns den Himmel. Gib uns deinen Segen. Denn<br \/>\nChristus ist dort zusammen mit Gott. Er kann seinen siebten Himmel hier<br \/>\nals Zeichen des siebten Himmels herbringen: im Evangelium, das wir h\u00f6ren,<br \/>\ndurch die Taufe, durch die Konfirmation, die Hochzeit, bei der Beerdigung.<br \/>\nBei solchen Anl\u00e4ssen merken wir, da\u00df Erde und Himmel einander<br \/>\nnahe gekommen sind. Da\u00df unsere Lebensgeschichte mit der Lebensgeschichte<br \/>\nJesu zusammengebracht wird. Die irdische Lebensgeschichte Jesu wurde<br \/>\nin den Himmel eingeschrieben als Geschichte Gottes &#8211; und deshalb k\u00f6nnen<br \/>\nwir uns in ihr wiederfinden.<\/p>\n<p>Diese Begegnung zwischen Himmel und Erde nennen wir einen Segen. Als<br \/>\nJesus die Erde verlie\u00df, segnete er die J\u00fcnger. Und dieser<br \/>\nSegen ist eines der wichtigsten Zeichen der Gegenwart Gottes unter uns<br \/>\ngeworden.<\/p>\n<p>Und wie gesagt, wir werden nun das ganze Leben lang gesegnet: Es beginnt<br \/>\nmit der Taufe, wo Gott uns als Kinder segnet. Was ist das f\u00fcr ein<br \/>\nsiebter Himmel, in den das Kind durch die Taufe kommt? Da\u00df man<br \/>\nGott seinen Vater nennen darf! Wer kennt nicht das Gl\u00fcck, mit seinem<br \/>\nVater oder auch seiner Mutter zusammensein zu d\u00fcrfen, die Geborgenheit<br \/>\nzu merken, wenn die Eltern da sind und man mit ihnen zusammen ist: Man<br \/>\nf\u00fchlt sich zuhause, wird von Armen der Geborgenheit getragen, wird<br \/>\nauf dem Weg begleitet und merkt eine gro\u00dfe warme Hand, die einen<br \/>\nh\u00e4lt. Man sitzt auf der Schulter, hat Aussicht \u00fcber die ganze<br \/>\nWelt und denkt: Ja, das ist meine Welt, wie gro\u00df und sch\u00f6n<br \/>\nist sie! Das ist der Segen Nr. 1.<\/p>\n<p>Im Segen Nr. 2 sind wir schon mitten drin, oder im Auftakt zu ihm.<br \/>\nGleich kommen die Konfirmanden zum Altar, sprechen das Glaubensbekenntnis,<br \/>\nwerden gesegnet mit den Worten: Gott st\u00e4rke deinen Glauben und gebe<br \/>\ndir Hoffnung. Wir beten darum, da\u00df ihr nun so sehr an das Leben<br \/>\nund seine M\u00f6glichkeiten glaubt, da\u00df ihr es wagt, den eigenen<br \/>\nWeg zu gehen. Da\u00df die Hoffnung auf den Reichtum und die Sch\u00f6nheit<br \/>\ndes Lebens euch nicht genommen wird. Bei der Konfirmation gesegnet werden<br \/>\nhei\u00dft, da\u00df man an der Verhei\u00dfung Gottes von einer hellen<br \/>\nund offenen Zukunft festhalten kann.<\/p>\n<p>Gesegnet werden hei\u00dft begleitet werden auf dem Weg. Eines Tages<br \/>\ntrefft ihr vielleicht den, der euch begleiten kann, bis da\u00df der<br \/>\nTod euch scheidet. Bei der Hochzeit erbeten wir den Segen \u00fcber den \u00dcbergang<br \/>\nim Leben, wo wir aus einem Leben allein \u00fcbergehen zu einem Leben<br \/>\nzu zweit. Ein Segen, den man mit Leib und Seele sp\u00fcrt: Zwei Verliebte,<br \/>\ndie Hand in Hand ihren Weg gehen. Zwei K\u00f6rper, die einander sch\u00fctzen.<br \/>\nDa\u00df man miteinander verbunden ist in einer Schicksalsgemeinschaft<br \/>\num Kinder, Familie, Arbeit. Mit all dem, was das bedeutet an hellen und<br \/>\nguten Tagen &#8211; und all den Tagen, wo man am liebsten von allem weglaufen<br \/>\nm\u00f6chte.<\/p>\n<p>Der Segen in einer Partnerschaft kommt nicht immer von der Liebe, die<br \/>\nman hat, sondern daher, da\u00df man sie gemeinsam kennenlernt. Romantische<br \/>\nLiebe, auf einer rosa Wolke schweben &#8211; das erlebt man, aber man lebt<br \/>\nnicht davon. Man lebt von der Liebe, die tiefer wird und w\u00e4chst.<br \/>\nDie Liebe, die man kennenlernt durch das gelebte Leben. Bis der Tod einen<br \/>\nTrennstrich zieht durch der Liebe, die so viel Segen brachte, da\u00df man<br \/>\nsich gar kein Leben ohne den anderen vorstellen konnte, die Liebe wird<br \/>\nverwandelt in die Trauer der Liebe, die ja gerade daher kommt, da\u00df man<br \/>\nsehr geliebt hat.<\/p>\n<p>Wir feiern die Himmelfahrt Christi, um uns gemeinsam an die Segnungen<br \/>\nunseres Lebens zu erinnern. Christus segnet uns vom siebten Himmel. Er<br \/>\nl\u00e4\u00dft seine Sonne und seinen Himmel leuchten \u00fcber uns<br \/>\nmit Gnade, Liebe und Barmherzigkeit. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer J\u00f8rgen Demant<br \/>\nHjortek\u00e6rsvej 74<br \/>\nDK-45 88 40 Lyngby<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 45 88 40 75<br \/>\n<a href=\"mailto:j.demant@wanadoo.dk\">email: j.demant@wanadoo.dk<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konfirmationspredigt | Christi Himmelfahrt | 29. Mai 2003 | Lk 24,44\u201353 | J\u00f8rgen Demant | Die meisten von uns kennen den Ausdruck, man ist &#8222;im siebten Himmel&#8220;. Besseres kann man sich nicht w\u00fcnschen. Im siebten Himmel sein hei\u00dft, sich in einem Zustand der Verr\u00fcckung befinden. Man ist sich selbst entr\u00fcckt. 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