{"id":9453,"date":"2003-06-07T19:49:48","date_gmt":"2003-06-07T17:49:48","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9453"},"modified":"2025-05-07T14:49:33","modified_gmt":"2025-05-07T12:49:33","slug":"johannes-1526-164-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1526-164-2\/","title":{"rendered":"Johannes 15,26\u201316,4"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Exaudi | 1. Juni 2003 | Johannes 15,26\u201316,4 | Anne T\u00f6pfer |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Das kann doch nicht sein ?<br \/>\nSpinnt ihr?<br \/>\nWie denkt ihr euch das \u00fcberhaupt?<br \/>\nWie soll es weitergehen?<br \/>\n<strong>Ihr seid doch nicht ganz bei Trost?<\/strong><br \/>\nSolche und \u00e4hnlich Fragen stellen viele Menschen bei uns im Land.<br \/>\nAgenda 2010 erregt die Gem\u00fcter \u2013 Sozialabbau steht zu bef\u00fcrchten \u2013 die Kassen werden immer leerer, wenn sich \u00fcberhaupt noch etwas (au\u00dfer roten Zahlen) darin findet.<br \/>\nDie Schulden wachsen und Angst und Unsicherheit macht sich breit.<br \/>\nWer wei\u00df schon, was genau drin steht in der Agenda 2010 \u2013 ich gebe zu, ich habe sie nicht gelesen.<br \/>\nAber wer mit offenen Augen durch die Welt geht und die Nachrichten verfolgt, wei\u00df dass es um die Wirtschaft und die Finanzen nicht gut steht, weder im Bund, noch im Land, noch in den Kommunen. Die \u00f6ffentlichen Kassen sind leer. Einige wenige und ausgew\u00e4hlte private Kassen werden aber gleichzeitig immer voller.<br \/>\nDie fetten Jahre sind vorbei. Der sichere Mittelstand, aufgebaut in den m\u00fchevollen Jahren nach dem zweiten Weltkrieg wird immer weniger. Und die Reichen, die es gibt, werden immer reicher.<br \/>\nEin Umdenken und neue Perspektiven f\u00fcr die Zukunft sind n\u00f6tig.<br \/>\nso wie jetzt geht es jedenfalls nicht weiter.<br \/>\nUnd wie soll es in Zukunft werden?<\/p>\n<p>Auch bei uns in der Kirchengemeinde ist das leider nicht anders.<br \/>\nSie haben es gelesen oder geh\u00f6rt \u2013 die gesetzlichen Auflagen und die wirtschaftlichen Lage, sind die Ursache, dass wir die Diakonie-\/Sozialstation hier in Bovenden schlie\u00dfen m\u00fcssen. Mehr als 100 Menschen sind betroffen. Menschen, die in die Tagesbetreuung kommen, die zu Hause versorgt werden und die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.<br \/>\n<strong>Seid ihr noch ganz bei Trost ?<\/strong><br \/>\nAngst und Unsicherheit macht sich breit.<br \/>\nWie soll das nur weitergehen?<br \/>\nWir m\u00fcssen Abschied nehmen von Vertrautem.<br \/>\nZur\u00fccklassen, was gut tut, was man halten m\u00f6chte,<br \/>\nEntlassen, wen man halten m\u00f6chte?<br \/>\nAlles zu ende? Was bleibt?<\/p>\n<p>Dazu lese ich im Johannesevangelium:<br \/>\n15,26 \u2013 16,4<br \/>\n26 Wenn aber der Tr\u00f6ster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir. 27 Und auch ihr seid meine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen. 1 Das habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht abfallt. 2 Sie werden euch aus der Synagoge aussto\u00dfen. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch t\u00f6tet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit. 3 Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen. 4 Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, dass ich&#8217;s euch gesagt habe. Zu Anfang aber habe ich es euch nicht gesagt, denn ich war bei euch.<\/p>\n<p>Auch wenn der eine geht, wenn Jesus nicht mehr da ist, wenn sie sich zurecht verlassen f\u00fchlen und trostlos, so wird es doch nicht so bleiben. Da kommt einer oder etwas. Eine Hilfe, ein Trost, ein Tr\u00f6ster, der wach halten wird, was Jesus ins Leben gerufen hat. Dieser Tr\u00f6ster erinnert die Menschen daran, das nicht alles vorbei ist, sondern, dass es weitergeht. Gott h\u00e4lt fest an dem, was Menschen mit seinem Sohn erlebt haben. Aber jetzt sind neue Wege n\u00f6tig. Ein Zeuge muss her. Jemand, etwas, der oder das hilft zu verstehen, was so wenig mit H\u00e4nden zu greifen ist.<br \/>\nDie Sicherheit, die der menschgewordene Gott gegeben hat, ver\u00e4ndert sich.<br \/>\nAndere Zeiten erfordern andere Wege &#8230;. aber es geht weiter!<\/p>\n<p><strong>Er ist ganz bei Trost oder besser:<br \/>\ner selbst ist der Tr\u00f6ster, der Beistand, der F\u00fcrsprecher!<br \/>\n<\/strong>Auch nach Jesu Abschied, ist die Welt nicht gottverlassen.<br \/>\nDas klingt ja alles ganz gut, werden einige von ihnen denken. Fromme Spr\u00fcche, theologische S\u00e4tze, Worte halt, aber halten sie auch, was sie versprechen? Und \u2013 was bedeuten sie denn, herunterbuchstabiert in unsere Zeit? Eine Zeit, in der wir Abschied nehmen m\u00fcssen, von liebgewordenen Errungenschaften und Einrichtungen, von sozialer Sicherheit auf einem Niveau, das nicht mehr bezahlbar ist.<br \/>\nSollen diese frommen Spr\u00fcche uns ermutigen, Ja und Amen zu allen Reformvorhaben zu sagen. Rede ich hier der Politik das Wort, in dem ich dieselbe biblisch begr\u00fcnde? Da sei ferne. So politisch wie eine Predigt in bestimmten Situationen zu sein hat, so ist sie doch nicht parteipolitisch. Und nichts liegt mir ferner, als mich von der einen oder der anderen Seite vereinnahmen zu lassen.<\/p>\n<p>Aber auch ohne ein Parteibuch gibt es hier klare Aussagen \u00fcber den Tr\u00f6ster. Nicht nur, dass er uns Menschen hilft, Gott zu erkennen, sondern der Tr\u00f6ster ist der Geist der Wahrheit.<br \/>\nEr deckt auf. Vertuschen gibt es da nicht. Unter den Teppich kehren geht nicht. Mit seiner Hilfe kommt ans Licht, was manche gerne im Verborgenen halten w\u00fcrden.<br \/>\nDa sind z.B. die Vorw\u00fcrfe, dass mit den meisten Reformvorschl\u00e4gen erneut wieder eher die am unteren Rand der Einkommensskala tiefer in die Tasche greifen m\u00fcssen.<br \/>\nGewiss an viele Bequemlichkeiten haben wir uns gew\u00f6hnt, wer wei\u00df denn schon, was der Besuch beim Arzt kostet. Aber das als Konsequenz in Zukunft nur der Hilfe bekommt, der es sich leisten kann, ist doch wohl nicht ernsthaft gewollt. Und wenn es gewollt ist, dann ist es Zeit dagegen seine Stimme zu erheben.<br \/>\nWir haben \u00fcber unsere Verh\u00e4ltnisse gelebt, wir haben uns an vieles gew\u00f6hnt und glauben ein Anrecht darauf zu haben. Aber wir m\u00fcssen auch erkennen, dass es so nicht weitergeht. Wir m\u00fcssen sparen. Und zwar alle, die irgendwie sparen k\u00f6nnen. In Zukunft wird es f\u00fcr Viele weniger werden, was sie zum Leben zur Verf\u00fcgung haben. Denn unser System ist nicht mehr bezahlbar.<br \/>\nAber mit dem Geist der Wahrheit wird Gott auch Grenzen f\u00fcr neue Wege aufzeichnen. Denn es kann mit unserem Glauben nicht vertreten werden, dass wieder einmal die Kleinen alleine die Zeche zahlen sollen. Daf\u00fcr haben wir unsere Volksvertreter doch gew\u00e4hlt, dass sie alle Menschen, die in unserem Land leben, vertreten.<br \/>\nWie ein solcher Weg aussehen kann, vermag ich nicht zu sagen. Daf\u00fcr gibt es Fachleute. Aber auch ohne \u00d6konomin zu sein, kann ich Unrecht erkennen und beim Namen nennen, dem Geist der Wahrheit sei Dank daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Konkreter wird es im Fall der Schlie\u00dfung unserer Diakonie-\/Sozialstation hier in Bovenden. Zwangsl\u00e4ufig bin ich hier direkt beteiligt. Diese Einrichtung war gewollt. Es war eine bewusste Entscheidung, dass die Evangelische Kirchengemeinde Bovenden (wie auch viele andere Kirchengemeinden) auf diesem Feld der verfassten Diakonie t\u00e4tig ist. Es ist eine \u00fcberschaubare Einrichtung. Zu finden mitten im Zentrum. Menschen haben dort Arbeit. Andere kommen, um an einem oder mehreren Tagen in der Woche in der Tagespflege rundum betreut zu werden und Gemeinschaft zu erleben. Pflegende Angeh\u00f6rige finden Entlastung. Andere werden aufgesucht, da sie Hilfe und Pflege im Alltag zu Hause ben\u00f6tigen. Eine gute Sache. Die t\u00e4tige Seite des Glaubens, aktives Christentum. Nicht umsonst, wird gerade diese Seite der Kirche wohlwollend wahrgenommen. Da werden Menschen zu Zeugen Jesu. Sie werden zum Tr\u00f6ster f\u00fcr andere, in dem sie kommen, zupacken, helfen, zuh\u00f6ren &#8230; sie sind Zeugen des Glaubens.<\/p>\n<p>Aber nun ist diese Arbeit, in der \u00fcberschaubaren Gr\u00f6\u00dfe unserer Station nicht mehr finanzierbar. Die Auflagen, die vom Gesetzgeber kommen, sind verst\u00e4ndlich. Denn die Menschen sollen schlie\u00dflich gut versorgt werden. Wer k\u00f6nnte dagegen sein? Aber die Auflagen stehen im krassen Gegensatz zu dem, was abgerechnet werden kann. Auch sind die Rahmenbedingungen so kompliziert geworden, dass wir als Kirchengemeinde nicht mehr das n\u00f6tige Wissen haben, eine solche Station zu leiten. Heute funktioniert so etwas nur noch im gro\u00dfen Stil, mit einem hauptamtlichen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer oder aber ohne die Tarifbindungen, die wir als Kirchengemeinde haben und zu denen wir stehen.<br \/>\nWenn es anders laufen soll, dann m\u00fcssen es auch andere tun. Dann k\u00f6nnen wir nicht mehr guten Gewissens das Etikett Diakonie, als Dienst am ganzen Menschen, darauf kleben.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnte nun in so einer Situation der Geist der Wahrheit uns heute sagen?<br \/>\nDr\u00fccken wir uns vor der Verantwortung? M\u00fcssten wir nicht, um der Menschen willen, alles daran setzen, die Arbeit weiter zu f\u00fchren?<br \/>\nLange habe ich das geglaubt. Heute tue ich es nicht mehr. Es l\u00e4uft etwas schief in unserem Land. Diesbez\u00fcglich sind wir wirklich nicht mehr ganz bei Trost.<br \/>\nEtliche der 1.500 Diakoniestationen bundesweit sind akut gef\u00e4hrdet. Bovenden ist also kein Einzelfall. Irgendetwas l\u00e4uft falsch, wenn so viele gemeinn\u00fctzige Betriebe, die nach Tarif bezahlen, sich nicht mehr tragen.<br \/>\nAls Zeugen Jesu sind wir gefragt, Position zu beziehen.<br \/>\nIch glaube, dass unsere Entscheidung eine m\u00f6gliche Position ist. Unter diesen Bedingungen kann die Kirchengemeinde nicht mehr reinen Gewissens eine Diakonie-\/Sozialstation betreiben.<\/p>\n<p>Den Geist der Wahrheit brauchten nicht nur die Freunde Jesu damals. Auch wir haben ihn heute noch bitter n\u00f6tig, gerade wenn solche auch schmerzliche Entscheidungen zu treffen sind. Der Geist der Wahrheit macht auch uns zu Zeugen Jesu in unser Welt heute, in unserem Alltag in Bovenden. Und auch wenn der Betrieb der Diakonie-\/Sozialstation eingestellt wird, ist damit noch lange nicht unser Zeugendienst erloschen.<br \/>\nDen Tr\u00f6ster, den Geist der Wahrheit, von Jesus seinen Freunden versprochen, haben wir bitter n\u00f6tig. Er ist unser Wegweiser auch auf manch einem schweren Weg unserer Gemeinde.<br \/>\nUnd manchmal scheiden sich an so einem die Geister &#8230;..<br \/>\nAMEN<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Anne T\u00f6pfer, Pastorin<br \/>\nSteffensweg 65<br \/>\n37120 Bovenden<br \/>\n<a href=\"mailto:annetoepfer@t-online.de\">E-Mail: annetoepfer@t-online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exaudi | 1. Juni 2003 | Johannes 15,26\u201316,4 | Anne T\u00f6pfer | Liebe Gemeinde! Das kann doch nicht sein ? Spinnt ihr? Wie denkt ihr euch das \u00fcberhaupt? Wie soll es weitergehen? Ihr seid doch nicht ganz bei Trost? Solche und \u00e4hnlich Fragen stellen viele Menschen bei uns im Land. 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