{"id":9467,"date":"2003-06-07T19:49:52","date_gmt":"2003-06-07T17:49:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9467"},"modified":"2025-05-07T16:27:12","modified_gmt":"2025-05-07T14:27:12","slug":"johannes-31-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-31-8\/","title":{"rendered":"Johannes 3,1-8"},"content":{"rendered":"<h3>Trinitatis | 15. Juni 2003 | Johannes 3,1-8 | <b>Hans Joachim Schliep |<\/b><\/h3>\n<p class=\"p\"><em><span class=\"chapterNumber\">3<\/span><sup class=\"v\">1<\/sup><span class=\"verse part\" data-verse-org-id=\"JHN.3.1\">Es war aber ein Mensch unter den Pharis\u00e4ern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden.\u00a0<\/span><sup class=\"v\">2<\/sup><span class=\"verse part\" data-verse-org-id=\"JHN.3.2\">Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. <\/span><sup class=\"v\">3<\/sup><span class=\"verse part hovered\" data-verse-org-id=\"JHN.3.3\">Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht <\/span><span class=\"verse part hovered\" data-verse-org-id=\"JHN.3.3\">von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.\u00a0<\/span><sup class=\"v\">4<\/sup><span class=\"verse part\" data-verse-org-id=\"JHN.3.4\">Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? <\/span><sup class=\"v\">5<\/sup><span class=\"verse part\" data-verse-org-id=\"JHN.3.5\">Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird <\/span><span class=\"verse part\" data-verse-org-id=\"JHN.3.5\">aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. <\/span><sup class=\"v\">6<\/sup><span class=\"verse part\" data-verse-org-id=\"JHN.3.6\">Was <\/span><\/em><span class=\"no-text-indent trigger-holder\"><span class=\"note-toggle cross-reference-content\"><em><span class=\"verse part\" data-verse-org-id=\"JHN.3.6\">aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.\u00a0<\/span><sup class=\"v\">7<\/sup><span class=\"verse part\" data-verse-org-id=\"JHN.3.7\">Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr m\u00fcsst von Neuem geboren werden. <\/span><sup class=\"v\">8<\/sup><span class=\"verse part\" data-verse-org-id=\"JHN.3.8\">Der Wind bl\u00e4st, wo er will, und du h\u00f6rst sein Sausen wohl; aber du wei\u00dft nicht, woher er kommt und wohin er f\u00e4hrt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist. <\/span><\/em><span class=\"verse part\" data-verse-org-id=\"JHN.3.8\">(Johannes 3,1-8)<\/span><br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Es war eine ganz gew\u00f6hnliche Nacht. Hatte Paul getr\u00e4umt? Oder<br \/>\nwar er nur au\u00dfergew\u00f6hnlich wach gewesen? Paul erinnerte sich<br \/>\nnicht mehr. Nur eines wu\u00dfte er noch: Pl\u00f6tzlich war ihm klar geworden,<br \/>\nsein Leben w\u00fcrde sich nicht mehr entscheidend ver\u00e4ndern, es w\u00fcrde<br \/>\nin den Bahnen, in denen es jetzt verlief, weiterverlaufen. Er war nicht<br \/>\nerschrocken dar\u00fcber. Schlie\u00dflich hatte er ein gesundes Selbstbewu\u00dftsein.<br \/>\nUnd wie er so lebte, wozu er es inzwischen gebracht hatte, das war schon<br \/>\nin Ordnung. Aber immerhin hatte er noch nie sein Leben so aus einem Abstand<br \/>\nheraus, so klar gesehen.<br \/>\nEs war wenige Tage vor Pauls 53. Geburtstag. Geboren war er 5 Jahre nach<br \/>\nKriegsende, in einer th\u00fcringischen Kleinstadt. Sein Vater starb viel<br \/>\nzu fr\u00fch: schon wenige Monate, nachdem die Familie die Flucht aus der<br \/>\nDDR &#8211; kurz vor dem Mauerbau &#8211; geschafft hatte. Dem Vater, der nach russischer<br \/>\nKriegsgefangenschaft als kranker Mann seine Frau in Th\u00fcringen wiederfand,<br \/>\nhatte keinen Weg mehr gefunden, sich eine neue Existenz im &#8222;Westen&#8220;<br \/>\naufzubauen. Auch seine Mutter war sich hier immer fremd vorgekommen. Er<br \/>\naber hatte sich durchgek\u00e4mpft: erst Realschule, dann schwere Jahre<br \/>\nals Bauarbeiter, dann das Abitur in Abendkursen und das Studium. Jetzt war<br \/>\ner Ingenieur, mit Diplom &#8211; er baute Br\u00fccken.<br \/>\nStatt des 53. Geburtstags sollte einen Monat sp\u00e4ter der 25. Hochzeitstag<br \/>\ngro\u00df gefeiert werden. Ja, Paul war seit fast 25 Jahren verheiratet:<br \/>\nSilberne Hochzeit. Seine Frau und er \u00fcberlegten noch, ob sie dazu auch<br \/>\nin die Kirche gehen sollten. Die Tochter war jetzt schon 22, der Sohn, ein<br \/>\nNachk\u00f6mmling, gerade 13 Jahre alt. Vor drei Jahren erst hatten sie<br \/>\nihr eigenes Haus beziehen k\u00f6nnen, nach eigenen Pl\u00e4nen gebaut.<br \/>\nDie Kinder hatten daf\u00fcr gesorgt, da\u00df er seine Zeit nicht nur<br \/>\nim Baub\u00fcro zubrachte. Er hatte gleich in einer B\u00fcrgerinitiative<br \/>\nzum Aufbau des neuen Wohngebiets mitgemacht. Auch der Kirchengemeinde hatten<br \/>\nsie schon geholfen beim Umbau der Kirche, und in diesem Jahr w\u00fcrden<br \/>\nsie im Sommer zwei Kinder aus dem verstrahlten Gebiet um Tschernobyl bei<br \/>\nsich aufnehmen. Gew\u00e4hlt hatte Paul mal so, mal so. Bei der letzten<br \/>\nWahl war er der Meinung, es m\u00fcsse doch bei dem &gt;Projekt Rot-Gr\u00fcn&lt;<br \/>\nbleiben, trotz aller Probleme, die er mit dieser Regierung hatte. Selbst<br \/>\nf\u00fcr eine \u00d6ko-Steuer hatte er inzwischen Sympathien. War Paul stolz<br \/>\nauf sein Leben? Eigentlich nicht. Aber irgendwie zufrieden. Er hatte ja<br \/>\nauch kein anderes, und es w\u00fcrde eben nicht mehr viel anders werden!<br \/>\nDoch da war jene Nacht. Ihm war, als sei dieses Leben nirgendwo registriert,<br \/>\nals sei es vergangen, wenn er es mit ins Grab genommen h\u00e4tte. Es war<br \/>\nein Gef\u00fchl, als h\u00e4tte er seinen Personalausweis vorgelegt und<br \/>\nseine Identit\u00e4t sei nicht anerkannt worden. Gewi\u00df, sein Leben<br \/>\nwar nicht bedeutender als das anderer, es war aber auch nicht unbedeutender.<br \/>\nEr wollte nicht unbescheiden sein. Aber irgendwo mu\u00dfte es doch anerkannt<br \/>\nwerden, schlie\u00dflich war es sein Leben. &#8222;Oder bin ich ein ganz<br \/>\nanderer als der, den ich kenne?&#8220;<br \/>\nGab es noch ein zweites Leben? Seit jener Nacht ertappte Paul sich immer<br \/>\nwieder bei dem Gedanken, er m\u00fcsse ein zweites Leben haben, das ihm<br \/>\nselbst noch unbekannt war. Es gab jetzt h\u00e4ufiger Augenblicke, in denen<br \/>\ner auf der Suche nach diesem Leben war, nach diesem anderen Menschen, der<br \/>\ndoch niemand anders war als &#8211; er selbst. Manchmal freilich scho\u00df es<br \/>\nihm durch den Kopf, es hinge alles gar nicht von seinem Suchen, von seinem<br \/>\nNachdenken, von seinem Zupacken ab, ein anderer Geist m\u00fcsse noch einmal<br \/>\nkr\u00e4ftig durch sein Leben wehen, der ein Vertrauen stifte, das eben<br \/>\neinfach da sei und nicht konstruiert oder kalkuliert werden k\u00f6nne&#8230;<br \/>\nWieviel hatte er von der Leistung, die sein Beruf ihm abverlangte, allein<br \/>\nder Liebe seiner Frau zu verdanken?! Bei diesem Gedanken war Paul irgendwie<br \/>\nger\u00fchrt, obwohl er sonst R\u00fchrung vor sich selbst verbarg. Wann<br \/>\nhatte er seiner Frau zuletzt einen Blumenstrau\u00df mitgebracht, einfach<br \/>\nso?<br \/>\nWie w\u00fctend w\u00e4re er neulich geworden auf dem Bau, h\u00e4tte er<br \/>\nsich am Abend vorher nicht so sehr \u00fcber das ruppige Kompliment seines<br \/>\nDreizehnj\u00e4hrigen gefreut: &#8222;Du bist doch noch ganz fit und vor<br \/>\nallem sportlich immer noch gut drauf!&#8220;<br \/>\nPaul erschrak \u00fcber seine Neigung, die eigenen F\u00e4higkeiten herauszustellen<br \/>\n&#8211; und \u00fcberlegte, wieviele Menschen ihm im Laufe eines Tages trotzdem<br \/>\nfreundlich begegneten, ja, wieviele Mitarbeiter sich von ihm sogar gelegentlich<br \/>\neinen pers\u00f6nlichen Rat holten. Und jetzt meldeten sich alte Freunde<br \/>\nwieder, aus der christlichen Jugendgruppe, der er aber nur kurze Zeit angeh\u00f6rt<br \/>\nhatte: Ob man sich nicht einmal wieder treffen wolle?<br \/>\nMu\u00dfte es sein, da\u00df seine Frau sich schon kurz nach dem Umzug<br \/>\nin den Kirchenvorstand w\u00e4hlen lie\u00df? Das Amt der Elternbeiratsvorsitzenden<br \/>\nh\u00e4tte doch gereicht! Aber immerhin, das gab er zu, Erziehungsfragen<br \/>\nwaren seitdem &#8211; schon vor PISA &#8211; interessant geworden, und wenn seine Frau<br \/>\nin der Kirche &#8222;Dienst&#8220; hatte, begleitete er sie. Obwohl, er liebte<br \/>\nMusicals, das Singen dieser Lieder aus dem Gesangbuch fiel ihm schwer, und<br \/>\nnie wu\u00dfte er: Wann mu\u00dfte man aufstehen, wann blieb man sitzen?<\/p>\n<p>Vor allem aber seine \u00c4lteste. Im Umgang mit ihr hatte Paul erfahren,<br \/>\nda\u00df Anbieten, Vertrauen und Schenken gelegentlich Wunder wirken k\u00f6nnen.<br \/>\nUnd dann war der Freund seiner Tochter ein prima Kerl, fast so etwas wie<br \/>\nsein zweiter Sohn. Seine Frau fand diesen jungen Mann von Anfang an sehr<br \/>\nsympathisch. Dabei verga\u00df er ganz, da\u00df er der Meinung war, seine<br \/>\nTochter sei eigentlich noch zu jung f\u00fcr die Liebe.<br \/>\nSind am Ende die &#8222;Zweitleben&#8220; der Menschen f\u00fcr das eigene<br \/>\nLeben, ja, f\u00fcr die gute Zukunft des Lebens \u00fcberhaupt viel wichtiger<br \/>\nals die, die in einschl\u00e4gigen Lebensl\u00e4ufen aufgeschrieben werden?<br \/>\nDar\u00fcber dachte er nach &#8211; seit dieser Nacht. &#8222;Merkw\u00fcrdig &#8211;<br \/>\ndieses Leben, das man so sp\u00e4t noch zum ersten Mal entdeckt, obwohl<br \/>\nes immer da war, dieses Leben, das man erh\u00e4lt, statt es selbst herzustellen,<br \/>\ndas zu einem geh\u00f6rt und das man doch nicht besitzt, das kein anderes<br \/>\nLeben als das eigene ist und doch so anders. Kommt dieses Leben etwa von<br \/>\nganz woanders? Und seltsam, wie einem dieses &gt;Zweitleben&lt; pl\u00f6tzlich<br \/>\neinf\u00e4llt, wie man einen ganz anderen, neuen Wind sp\u00fcrt, der einen<br \/>\ndurchweht, manchmal auch kr\u00e4ftig durchpustet&#8230;&#8220;<br \/>\nVor einigen Tagen kam der Junge maulend aus der Konfirmandenstunde. Die<br \/>\nVikarin, die doch sonst ganz cool sei, habe die Konfi&#8217;s schrecklich gelangweilt<br \/>\nmit so einer alten Geschichte. Wovon sie gehandelt habe, diese alte Geschichte?<br \/>\nVon einem Mann, einem Gelehrten, Nikodemus habe er gehei\u00dfen und irgendetwas<br \/>\nsei mit einer neuen Geburt gewesen. Noch etwas: die Rede sei auch von einem<br \/>\nWind gewesen, der habe geweht, wo er wolle. Das sei der Geist gewesen. &gt;Geist&lt;<br \/>\n&#8211; hatte der Junge gefragt, was das denn nun wieder sei?! Und warum dieser<br \/>\nNikodemus denn erstens zu Jesus gekommen sei und zweitens gerade nachts?<br \/>\nEr hatte lange \u00fcberlegt. Irgendwie, schien ihm, m\u00fcsse er die Geschichte<br \/>\nkennen. Aber woher?<br \/>\nHeute ist Pauls Frau wieder dran &#8211; mit Kirchendienst. Er ist wieder einmal<br \/>\nmitgegangen, ihr zuliebe. Heute ist, schade, nicht die junge Vikarin, sondern<br \/>\nder Pastor, dran. Da sitzt Paul nun &#8211; und worum geht es? Ein Mann, der es<br \/>\nzu etwas gebracht hat, kommt zu Jesus, nachts. Und die beiden reden dar\u00fcber,<br \/>\nob ein Mensch &#8222;neu geboren&#8220; werden kann, auch wenn er schon erwachsen<br \/>\nist. Das ist doch unm\u00f6glich, wendet der gelehrte Nikodemus ein. Eigentlich<br \/>\nm\u00f6chte er ihm zustimmen. Doch er widerspricht: Es geht schon, wenn<br \/>\nein Mensch sich seines &#8222;Zweitlebens&#8220; pl\u00f6tzlich bewu\u00dft<br \/>\nwird. So k\u00f6nnte man das doch auch \u00fcbersetzen, was Jesus meint<br \/>\nmit dem &#8222;Geborenwerden aus Wasser und Geist&#8220;. Wann kommt der Pastor<br \/>\nendlich drauf?<br \/>\nNun ja, vielleicht meint er eben das, wenn er gerade von der anderen Kraft<br \/>\nspricht, die das Leben eines Menschen bestimmt, von dem Geheimnis, das sich<br \/>\nnur zwischen dem einzelnen Menschen und Gott abspielt und das einem meistens<br \/>\nnur in seltenen Augenblicken, nachts zum Beispiel, so richtig klar wird.<br \/>\nUnd jetzt sagt er noch: &#8222;Die Welt wird weniger durch das in Gang gehalten,<br \/>\nwas Menschen ersinnen und vollbringen, als durch das, was ihnen auf ewig<br \/>\nverborgen bleibt. Und Leben, das diesen Namen verdient, ist mehr als &gt;alles<br \/>\nrichtig machen&lt;, mehr sogar als &gt;gut sein&lt;; Leben ist geliebt werden.&#8220;<\/p>\n<p>Paul wei\u00df gar nicht, ob er an Gott glauben kann. Aber er wei\u00df<br \/>\nnun, es gibt dieses &#8222;Zweitleben&#8220; &#8211; und auch das mu\u00df irgendwo<br \/>\nherkommen und irgendwo hinf\u00fchren, irgendwo verzeichnet sein, damit<br \/>\nes vor dem Vergessen bewahrt wird.<br \/>\nJetzt aber laufen Pauls Gedanken in eine ganz andere Richtung. Er h\u00f6rt<br \/>\nden Pastor reden &#8211; wie einen Nachrichtensprecher im Hintergrund. Er denkt<br \/>\ndabei an den Konstruktionsfehler, den er in den Baupl\u00e4nen f\u00fcr<br \/>\ndie neue Br\u00fccke vorgestern erst entdeckt hat. Wenn der unentdeckt geblieben<br \/>\nw\u00e4re &#8211; was h\u00e4tte alles Schlimmes passieren k\u00f6nnen? Paul,<br \/>\nder Chef-Ingenieur, h\u00e4tte die Verantwortung gehabt. H\u00e4tte er sie<br \/>\ntragen, h\u00e4tte er sie auf sein Gewissen nehmen k\u00f6nnen? Schon \u00f6fter<br \/>\nhatte er innerlich gezittert bei diesem Gedanken &#8211; dann aber wieder auf<br \/>\ndie Pr\u00e4zision der Berechnungen und der Technik und auf die Kontrollen<br \/>\ngesetzt. Doch wenn die Kontrollen versagen &#8211; wie bei diesem schrecklichen<br \/>\nZugungl\u00fcck vor Jahren? Den Gerichtsproze\u00df hat man ja eingestellt.<br \/>\nEs ist richtig: Man mu\u00df nach den Fehlerquellen fahnden, Sicherheit<br \/>\ngeht \u00fcber alles, sie darf nicht den Kosten geopfert werden. Aber &#8211;<br \/>\nso fragt Paul sich weiter, w\u00e4hrend der Pastor immer noch spricht -:<br \/>\nReicht es aus, wenn die Frage nach der Schuld blo\u00df auf das konzentriert,<br \/>\nja, reduziert wird, was technisch falsch gemacht oder durch menschliches<br \/>\nVersagen vers\u00e4umt wurde? Und warum hat er den Fehler bemerkt, andere<br \/>\nnicht? Seit Paul auf sein &#8222;Zweitleben&#8220; gekommen ist, kommen auch<br \/>\nsolche Fragen &#8211; Fragen nach dem Geheimnis des Menschen, dem vom einen Augenblick<br \/>\nzum anderen ein b\u00f6ses Geschick zust\u00f6\u00dft oder dem ein Gl\u00fcck<br \/>\nzuteil wird, das ihn einfach \u00fcberw\u00e4ltigt. Solche Fragen werden<br \/>\ndoch selten gestellt, denkt er. Kann ein Mensch sie \u00fcberhaupt beantworten?<br \/>\nNun bekommt Paul nur noch die Reste der Predigt mit. Irgendwie mu\u00df<br \/>\nder Pastor doch genau davon gesprochen haben. Paul h\u00f6rt nur noch, mit<br \/>\neiner solchen abgrundtiefen Frage auf den Lippen sei Jesus Christus gestorben.<br \/>\nAber Jesus habe diese Frage, habe alle seine Ersch\u00fctterung, seine Zerrissenheit,<br \/>\nseine innere Unruhe vor Gott ausgebreitet. So sei er in seiner Verlorenheit<br \/>\nsich nicht verloren vorgekommen. So habe er sich einem Leben, einer Kraft<br \/>\nanvertraut, die \u00fcber seine eigene hinausreichte, in der sein Leben<br \/>\naufgehoben sei, sein Schmerz ebenso wie sein Gl\u00fcck. Eine Kraft, die<br \/>\nman nur &gt;Gott&lt; nennen k\u00f6nne, weil sie \u00fcber alles menschliche<br \/>\nVorstellen und Verm\u00f6gen hinaus sei, die Zuflucht gew\u00e4hre hinter<br \/>\nallen unseren Fluchten und allen Fl\u00fcchen, von denen die Menschheit<br \/>\nbesessen sei. Seither wohne Gott auch im Schmerz dieser Welt, wo die ganz,<br \/>\nganz schweren Ruder gehen, mittendrin auch in den Konstruktionsfehlern,<br \/>\nwo man nur noch schreien kann: &#8222;Um Himmels willen!&#8220; &#8211; ebenso wie<br \/>\ndort, wo man nur noch staunend rufen kann: &#8222;Dem Himmel sei Dank!&#8220;.<br \/>\n&#8222;Ich werde meiner Frau nachher vorschlagen, da\u00df wir unsere Silberne<br \/>\nHochzeit auf jeden Fall mit einem Gottesdienst feiern.&#8220;, denkt Paul.<br \/>\nDiese Kraft, geht der Prediger zum Schlu\u00df \u00fcber, ist gegenw\u00e4rtig<br \/>\nin dem Brot und dem Wein, die im Namen Jesu ausgeteilt werden. An ihr kannst<br \/>\ndu teilhaben, von ihr kannst du etwas abbekommen in der Feier des Lebens<br \/>\n&#8211; deines &#8222;Erstlebens&#8220; und deines &#8222;Zweitlebens&#8220;. Ja,<br \/>\nunser ganzes Leben steht im Licht der Liebe und der Gnade. Und ist bewegt<br \/>\nvon einem Geist, den du nicht greifen kannst, der dich aber ergreift in<br \/>\nder pl\u00f6tzlichen Einsicht, da\u00df &#8211; selbst wenn die Schrecken und<br \/>\ndas B\u00f6se das letzte Wort beanspruchen &#8211; Gott schon ein anderes, das<br \/>\naller-letzte Wort gesprochen, dich in der Taufe und im Abendmahl mit dem<br \/>\naller-g\u00fcltigsten Namen angesprochen hat: Jesus Christus. In diesen<br \/>\nNamen sind unser aller Namen eingezeichnet, in diesem Leben ist unser aller<br \/>\nLeben anerkannt. Sein Leben ist Ausweis unseres Lebens, unserer Identit\u00e4t.<br \/>\nDas hei\u00dft: Am Ende geht es gut aus. Gott f\u00fchrt es herrlich hinaus.<\/p>\n<p>Und wir nun hier in diesem Gottesdienst? Noch vor diesem Ende singen<br \/>\nwir unser Glaubenslied &#8211; wie ein Vogel, geweckt vom heraufziehenden Tag,<br \/>\nvom Licht eines neuen Morgens, das in eine gew\u00f6hnliche Nacht dringt.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Es folgt als Lied der Gemeinde EG 184,1-4: &#8222;Wir glauben Gott im<br \/>\nh\u00f6chsten Thron&#8230;&#8220;.<\/p>\n<p>Nach einer Idee von H. D. Osenberg: Zeit, die uns bleibt. Meditationen<br \/>\nim Alltag, Hamburg 1975.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Hans Joachim Schliep<br \/>\nPastor am Ev. Kirchenzentrum Kronsberg<br \/>\nSticksfeld 6, 30539 Hannover<br \/>\nFon\/Fax 0511 &#8211; 52 75 99<\/b><br \/>\n<b>E-Mail: <a href=\"mailto:Hans-Joachim.Schliep@evlka.de\">Hans-Joachim.Schliep@evlka.de<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trinitatis | 15. 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