{"id":9470,"date":"2003-06-07T19:49:48","date_gmt":"2003-06-07T17:49:48","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9470"},"modified":"2025-05-07T16:35:48","modified_gmt":"2025-05-07T14:35:48","slug":"johannes-3-1-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-3-1-16\/","title":{"rendered":"Johannes 3,\u00a01-16"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zum Kirchentag in Berlin | Trinitatis | 15. Juni 2003 | Johannes 3,1-16 | Detlef Reichert |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Pfingsten haben wir gefeiert,\u00a0der \u00f6kumenische Kirchentag liegt hinter<br \/>\nuns und die Eindr\u00fccke sind bei vielen, ob sie als Einzelne oder<br \/>\nin Gruppen die Tage und Abende in Berlin zugebracht haben, noch lebendig,<br \/>\nzum Teil auch noch unsortiert und \u201everarbeitungsoffen\u201c.<br \/>\nUnd nun schon &#8211; zumindest, wenn wir ein wenig dem Kirchenjahreskalender<br \/>\nfolgen &#8211; schon wieder ein Fest: Trinitatis.<br \/>\nSo ein richtiges Fest im breiten Bewu\u00dftsein ist Trinitatis nie<br \/>\ngeworden.<br \/>\nGewi\u00df, wir z\u00e4hlen im evangelischen Raum die Sonntage von da<br \/>\nan bis gegen Ende des Kirchenjahres durch; die Sache mit der \u201edrei\u201c kann<br \/>\nman auch bei Konfirmandinnen und Konfirmanden immer noch herausbekommen<br \/>\nlassen; dann wird es schon schwieriger und festlich wird es kaum.<br \/>\nNun muss man Trinitatis deswegen als Fest noch nicht streichen, auch<br \/>\nwenn es sich nicht als Ausgangsrahmen zu Grill und H\u00fcpfburg-Ereignissen<br \/>\neignet, und auch nicht, weil zum Beispiel Fachlexika zu Gottesdienst,<br \/>\nKirchenjahr und Liturgik sich zum Stichwort von Trinitatis knapp oder<br \/>\ngar nicht verhalten.<br \/>\nDem nachzusp\u00fcren, dass es nicht nur irgendwie Gott gibt,<br \/>\nerfahrbar vielleicht oder zu f\u00fcrchten oder zu ahnen oder wie immer,<br \/>\nirgendwo zwischen Naturerlebnis und Innerlichkeit,<br \/>\nsondern dass das zu dem Gott unserer Bibel geh\u00f6rt, dass er Mensch geworden<br \/>\nist in Jesus Christus, und dass er wirksam ist im Heiligen Geist,<br \/>\nund zu fragen zu versuchen, wie das zusammengeht und wo wir selbst uns dabei<br \/>\nund dazwischen befinden, &#8211;\u00a0daran festzuhalten lohnt schon.<br \/>\nWenn es, wie zugegeben, mit dem Festfeiern oder feste Feiern mit Trinitatis<br \/>\nnicht so gut klappt, scheint mir immerhin das eine gute M\u00f6glichkeit, es<br \/>\nnicht als \u201eFolgefest\u201c (so vorgeschlagen in einer \u201eEinordnung\u201c in<br \/>\nAnschluss an `Weihnachten\/Ostern\/Pfingsten\u00b4) zu sehen, sondern als \u201eFestvorbereitung\u201c,<br \/>\n&#8211;\u00a0eben mit der Frage, wo sind wir dazwischen zwischen Gottes Heilswillen, seiner<br \/>\nLiebestat in\u00a0Jesus Christus und seinem leitenden Handeln durch den Heiligen Geist.<br \/>\nUnd dann mag es wie bei mancher Festvorbereitung im Anfang vielleicht erst<br \/>\neinmal etwas verwirrend gemischt bis anfangschaotisch zugehen.<\/p>\n<p>Der Predigttext also zur Festvorbereitung f\u00fcr den Glauben, f\u00fcr<br \/>\nden Trinitatissonntag, steht im Johannesevangelium, dort im Kapitel 3<br \/>\nin den Versen 1 bis 16. Die Lutherbibel \u00fcberschreibt diese Verse<br \/>\nmit der \u00dcberschrift \u201eJesus und Nikodemus\u201c. Man k\u00f6nnte<br \/>\nsie auch bis zum Vers 21 weiterlesen. Aber ich bleibe bei den ersten<br \/>\n16 Versen.<br \/>\nSie reden vom Wiedergeborenwerdenm\u00fcssen, wenn es um das Reich Gottes geht,<br \/>\nvom Geist, der weht, wo er will, vom Zeugnis, das nicht angenommen wird, von denen, die es h\u00f6ren,<br \/>\nvon uns also, und am Schluss und vor allem vom ewigen Leben.<br \/>\nLassen Sie uns erst einmal hineinh\u00f6ren, Johannes 3,1-15 (Text)<\/p>\n<p>Ich denke, es geht dabei nicht so sehr um den Nikodemus und auch nicht<br \/>\num die Qualit\u00e4t eines Gespr\u00e4ches, in dem jemand eine Antwort<br \/>\nbekommt auf eine Frage, die er so nicht oder noch nicht gestellt hat<br \/>\nund auch nicht um Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse oder wie man mit ihnen<br \/>\numgehen k\u00f6nnte und auch nicht darum, wie man das nun einsch\u00e4tzen<br \/>\nmuss, dass im Verlauf eines Gespr\u00e4ches einer der beiden so in den<br \/>\nHintergrund tritt, Nikodemus, dass er praktisch fast verschwindet.<br \/>\nDas sind Hilfsmittel und stilistische Handgriffe des Evangelisten, mit<br \/>\ndenen er darstellt und erz\u00e4hlt, was er erz\u00e4hlen will und muss.<br \/>\nUnd erz\u00e4hlen kann Johannes schon.<\/p>\n<p>Worum es geht, auch gerade im Anschluss an das Pfingstfest mit der Frage<br \/>\nunserer Festvorbereitung, worum es geht zwischen Wiedergeborenwerden<br \/>\naus Wasser und Geist, dem Reich Gottes und dem ewigen Leben,<br \/>\ndas hat, und ich mute Ihnen jetzt ein l\u00e4ngeres Zitat zu, -aber auch<br \/>\ndas ist gut zu h\u00f6ren-, Johannes Calvin so umschrieben:<br \/>\n`Jesus Christus beweist, dass uns allen das Reich Gottes verschlossen<br \/>\nist und bleibt, wenn uns nicht durch die Wiedergeburt, durch das Neu-Werden,<br \/>\nder Zugang ge\u00f6ffnet wird. Jesus nimmt als zweifelsfrei ausgemacht,<br \/>\ndass wir nicht in das Reich Gottes eingehen k\u00f6nnen, wenn wir nicht<br \/>\ngeistlich sind. Von Geburt her bringen wir nichts anderes als die fleischliche<br \/>\nNatur mit. Also sind wir so, wie wir sind, von Natur aus vom Reich Gottes<br \/>\nausgeschlossen. Wir sind Fremde, wir haben kein himmlisches Leben, wir<br \/>\nleben unter der Herrschaft des Todes. Christus spricht es aus, dass unser<br \/>\nInneres und unsere Vernunft grundverkehrt sind, weil sie fleischlich<br \/>\nsind und nicht geistlich, und auch, dass alle Regungen des Herzens verdorben<br \/>\nund verworfen sind, weil auch sie selbst fleischlich sind. Denn alles,<br \/>\nwas dem Menschen an Wissen von Gott \u00fcbriggeblieben ist, ist nichts<br \/>\nanderes als ein schrecklicher sprudelnder Quell von G\u00f6tzendienst<br \/>\nund Aberglauben. Und deswegen mahnt Jesu Christus den Nikodemus, nicht<br \/>\nsich selbst und seinem Scharfsinn zu vertrauen. Denn kein Mensch kann<br \/>\nvon sich selbst aus in den Himmel eindringen, sondern nur, wenn er sich<br \/>\nvon dem Sohn Gottes dahin leiten l\u00e4\u00dft. Denn mit \u201eAufstieg<br \/>\nin dem Himmel\u201c -wie es bei Johannes steht- sind die reinen Geheimnisse<br \/>\nGottes gemeint und das Licht des geistlichen Verst\u00e4ndnisses. Also<br \/>\ninsgesamt: Alle unsere Sinne und F\u00e4higkeiten sind untauglich, wenn<br \/>\nes um Gott geht.<br \/>\nAber nachdem Christus uns so den Himmel verschlossen hat,<br \/>\nbietet er uns gleich danach das Heilmittel, indem er hinzuf\u00fcgt,<br \/>\ndass dem Menschensohn, ihm, gegeben ist, was allem anderen versagt ist,<br \/>\ndenn die Auferstehung ist nicht f\u00fcr ihn allein geschehen, sondern<br \/>\ndamit er uns F\u00fchrer und Leiter sein kann. Also: Christus, der im<br \/>\nHimmel ist, ist deswegen Mensch geworden, damit er uns mit seiner uns<br \/>\nhingestreckten br\u00fcderlichen Hand mit sich selbst in den Himmel empor-f\u00fchrt.\u00b4 (Kommentar<br \/>\nzum Johannesevangelium, leicht ge\u00e4ndert zitiert nach H.Stoevesandt,<br \/>\nGPM 33\/3, 1979, S 261)<\/p>\n<p>\u00dcber unsere menschlichen M\u00f6glichkeiten ist Deutliches damit<br \/>\ngenug gesagt. \u00dcber Christus, den Menschensohn, -ob wir \u201edas<br \/>\nZeugnis annehmen\u201c oder nicht- auch.<\/p>\n<p>\u00dcber den Geist, der wiedergeboren werden l\u00e4\u00dft, in Textn\u00e4he<br \/>\nvielleicht so:<br \/>\nEs steckt, bis hin zu den Worten des \u201ealso hat Gott die Welt geliebt\u201c,<br \/>\nf\u00fcr Johannes dahinter die Erfahrung eines schrankenlos weit ge\u00f6ffneten<br \/>\nTores, eines `g\u00f6ttlich-\u00fcbermenschlichen\u00b4 und doch tief<br \/>\nmenschlichen vergebenden Erbarmens, das als befreiender und lebens-schaffender<br \/>\nGeist uns entgegen kommt. Es ist der Widerspruch Gottes gegen alles verzweifelte,<br \/>\ngnadenlos ung\u00fcltige. leere, unterworfene Leben in Abh\u00e4ngigkeiten.<br \/>\nDieser Widerspruch ist zum Geist geworden und ruft neues Leben unter<br \/>\nMenschen wach, unter denen, die sich verloren geben oder die wir verloren<br \/>\ngeben. Diesen Geist kann niemand von uns aus sich selbst entwickeln oder<br \/>\nmachen. Er ist `\u00fcber die Menschheit gekommen\u00b4 so wie die Geschichte<br \/>\ndes Menschensohns, der vom Himmel herabstieg, &#8211; wie der Sturmwind, dessen<br \/>\nWehen alle sp\u00fcren, aber niemand in den Griff bekommen kann.<br \/>\nZu ihm geh\u00f6rt, dass die Geschichte des Menschensohns sagt, wo dieser<br \/>\nWind herkommt, wo er hinf\u00e4hrt und wo er uns hinf\u00fchrt.<br \/>\nZu diesem Geist geh\u00f6rt offensichtlich auch, dass wir schnell und<br \/>\nin `arg-menschlicher Weise\u00b4 benennen und aufz\u00e4hlen k\u00f6nnen,<br \/>\nwo er jeweils immer nicht ist, wo andere Geister herrschen, aber gl\u00fccklicherweise<br \/>\ndann auch immer wieder dies, dass wir doch von ihm wahrnehmen.<\/p>\n<p>Zur Begleitung der Festvorbereitung noch dieses:<br \/>\nIn meinem Zimmer habe ich ein Holzkreuz h\u00e4ngen, das ich vor Jahren<br \/>\neinmal geschenkt bekommen habe. Es ist einfach und ungelenk geschnitzt,<br \/>\neinen Meter ungef\u00e4hr hoch und stammt aus dem Indonesischen Gebirgsland.<br \/>\nEs ist nicht besonders alt, nur eben von weit her. Am langen Stamm ein<br \/>\nkurzer Querbalken, den der Gekreuzigte mit seinen H\u00e4nden am Ende<br \/>\numfasst. Es sieht mehr danach aus, als tr\u00fcgen die H\u00e4nde den<br \/>\nBalken, als dass Christus an ihm hinge. Glatt, wie ins Holz hineingewachsen<br \/>\nist der K\u00f6rper in Umri\u00dflinien in den Stamm geschnitzt. Er<br \/>\nhat ein lachendes, ein strahlendes Gesicht in der Art von \u201ePunkt-Punkt-Komma-Strich\u201c Kinderzeichnungen.<br \/>\nEs hat eine ganze Weile gedauert, bis ich einen Zugang zu dieser Art,<br \/>\nden Gekreuzigten darzustellen, fand. Es sind die Farben, die ich noch<br \/>\nbeschreiben mu\u00df: Auf dem naturdunkel-farbigen Braun des Holzes<br \/>\nein Wei\u00df -wie Leichenfahlheit und Tod- und ein Rot -wie pulsierendes<br \/>\nLeben. Sie sind eingetragen in die Schnitzlinien von K\u00f6rper und<br \/>\nKopf. Es sieht so aus, als ob der K\u00f6rper sich vom Holz l\u00f6st<br \/>\nund aus ihm heraustritt. Beide Farben sind in einem einfachen, faszinierenden<br \/>\nSchema eingesetzt: Sie stehen sich immer gegen\u00fcber, Arm gegen Arm,<br \/>\nK\u00f6rperseite gegen K\u00f6rperseite, Bein gegen Bein, und geh\u00f6ren<br \/>\nimmer zusammen, bilden erst miteinander das Ganze. Und ebenso der Kopf,<br \/>\nim Umri\u00df wei\u00df, wie vom Tod umgeben, das Innengesicht rot;<br \/>\nLeben inmitten des Todes, &#8211; ein Tod, der das Zentrum, die Mitte nicht<br \/>\nerreicht.<br \/>\nDer Menschensohn, der erh\u00f6ht werden muss, wird in diesem Holzkreuz<br \/>\nf\u00fcr mich zum Bild des Leben &#8211; so wie Leben und Tod in mir sind und<br \/>\ndoch Leben bleiben.<\/p>\n<p>Was immer Nikodemus aus dem Nachtgespr\u00e4ch mit Jesus mitnahm, Johannes<br \/>\nerz\u00e4hlt es nicht. Vielleicht war es etwas von der Fr\u00f6hlichkeit<br \/>\ndieses lachendes Gesichtes des Holzkreuzes an meiner Zimmerwand, das<br \/>\ndurch das Miteinander von Leben und Tod hindurchstrahlt und das sich<br \/>\nvon der Vielfalt des Lebens nicht wegrei\u00dfen und von der Angst des<br \/>\nTodes nicht brechen l\u00e4\u00dft. Es weist auf den Sch\u00f6pfer des<br \/>\nLeben hin, der auch mein Sch\u00f6pfer ist und mein Erhalter, &#8211; er, nicht<br \/>\nich,<br \/>\nund weist so auf das ewige Leben.<\/p>\n<p>Und jetzt lassen Sie uns die Johannesverse noch einmal h\u00f6ren: (Joh.3.1-15)<br \/>\nAmen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Sup. Dr. Detlef Reichert<br \/>\nGneisenaustr.76<br \/>\n33330 G\u00fctersloh<br \/>\n<a href=\"mailto:SuperintendentGT@aol.com\">E-Mail: SuperintendentGT@aol.com<br \/>\n<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zum Kirchentag in Berlin | Trinitatis | 15. 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