{"id":9472,"date":"2003-06-07T19:49:47","date_gmt":"2003-06-07T17:49:47","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9472"},"modified":"2025-05-07T16:38:51","modified_gmt":"2025-05-07T14:38:51","slug":"johannes-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-3\/","title":{"rendered":"Johannes 3,1\u201315"},"content":{"rendered":"<h3>Trinitatis | 15. Juni 2003 | Johannes 3,1\u201315 | Hanne Sander |<\/h3>\n<p>Es ist in einer seiner schlaflosen N\u00e4chte, in der wir Nikodemus<br \/>\nkennenlernen. Es ist wohl nicht die erste Nacht, wo er lag und nicht<br \/>\nschlafen konnte &#8211; denn es geh\u00f6rt schon etwas dazu, da\u00df ein<br \/>\nangesehener Jude sich dazu bequemt, bei Jesus vorbeizuschauen.<\/p>\n<p>Und was das f\u00fcr Gedanken sind, die Nikodemus wachhalten &#8211; wir<br \/>\nerfahren es nicht direkt, denn Nikodemus kommt nicht weiter als da\u00df er<br \/>\nsagt, da\u00df er bemerkt hat, da\u00df bei Jesus etwas auf dem Spiel<br \/>\nsteht, da\u00df durch die Zeichen, die er tut, Kr\u00e4fte sichtbar<br \/>\nwerden, die gr\u00f6\u00dfer sind als er selbst. Die Dinge, die um ihn<br \/>\nherum geschehen, reichen \u00fcber ihn selbst hinaus &#8211; und werden heilend<br \/>\nund vergebend f\u00fcr die Menschen, denen Jesus begegnet. Das ist etwas<br \/>\nvon dem, was Nikodemus geh\u00f6rt und gesehen hat, er hat gesehen, da\u00df sich<br \/>\neine Ver\u00e4nderung vollzog im Leben der Menschen, die mit Jesus in<br \/>\nBer\u00fchrung kamen &#8211; aber seine Nachtgedanken kommen immer wieder auf<br \/>\ndie Frage zur\u00fcck, wie Ver\u00e4nderung m\u00f6glich ist im Leben<br \/>\neines Menschen.<\/p>\n<p>In der Antwort, die Nikodemus von Jesus erh\u00e4lt, wird das Wort<br \/>\nVer\u00e4nderung nicht verwandt, sondern die Wendung, da\u00df ein Mensch,<br \/>\nwenn er nicht von Neuem geboren wird, nicht das Reich Gottes sehen kann.<\/p>\n<p>Neu geboren werden &#8211; einen neuen Anfang bekommen, Nikodemus hatte gesehen,<br \/>\nda\u00df das geschah. Er hatte Menschen gesehen, wie sie befreit wurden<br \/>\nund eine neue Freiheit gewannen in der Begegnung mit Jesus &#8211; und Jesus<br \/>\nhatte er auch als einen befreiten Menschen erlebt. Aber trotzdem kehrt<br \/>\ner immer wieder zu derselben Frage zur\u00fcck: Ja, wie ist das m\u00f6glich?<br \/>\nWie ist ein neuer Anfang m\u00f6glich &#8211; wie kann man zum zweiten Mal<br \/>\ngeboren werden?<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re das, wonach Nikodemus fragt, nicht so buchst\u00e4blich,<br \/>\nwie es klingt. Vielmehr denkt er dar\u00fcber nach, da\u00df wir nicht<br \/>\nvon dem loskommen k\u00f6nnen, die wir sind. Das Leben, das wir schon<br \/>\ngelebt haben, k\u00f6nnen wir nicht noch einmal leben mit all dem, was<br \/>\nwir gesagt, gedacht und getan haben &#8211; oder nicht getan haben. Dies hat<br \/>\nja unser Leben gestaltet und bestimmt &#8211; und zu dem gemacht, was es heute<br \/>\nist. Wie soll man das au\u00dfer Betracht lassen und dann von vorn beginnen?<\/p>\n<p>Wir versuchen das zuweilen &#8211; oder denken zumindest: Nun soll es anders<br \/>\nwerden. Und wir k\u00f6nnen ernste Beschl\u00fcsse fassen, da\u00df es<br \/>\njetzt anders werden soll &#8211; ab morgen, n\u00e4chsten Monat, nach den Sommerferien:<br \/>\nDann will ich mich nicht mehr so leicht aus der Fassung bringen lassen,<br \/>\ndann will ich nicht mehr dem Minderwertigkeitsgef\u00fchl erliegen, dann<br \/>\nwill ich nicht mehr das zerst\u00f6rerische Schuldgef\u00fchl mit mir<br \/>\nherumtragen &#8211; oder was das nun ist, von dem wir uns selbst \u00fcberzeugen<br \/>\nwollen. Nun soll all das, was war, nicht mehr bestimmen, was kommt. Die<br \/>\nVergangenheit soll nicht mehr die Zukunft bestimmen. Und was erleben<br \/>\nwir, was erlebte Nikodemus? Da\u00df wir nicht von uns selbst freikommen<br \/>\nk\u00f6nnen &#8211; mit all unserer Vernunft und mit all unserem Willen. Was<br \/>\nvom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch, sagt Jesus &#8211; und das ist keine<br \/>\nAbwertung, sondern eine Feststellung.<\/p>\n<p>Ja, aber &#8230;, sagt Nikodemus. Da fehlt Glaube, sagt Jesus. Denn irgendwo<br \/>\nist es so, da\u00df man sich den Glauben mit Fragen vom Leibe halten<br \/>\nkann. Nikodemus ist in der Tradition oft als der sympathisch Fragende<br \/>\ndargestellt worden. Das ist auch nicht falsch &#8211; aber es kann der Zeitpunkt<br \/>\nkommen, wo man sich von der Wahrheit wegfragt, wo die Fragen eine Art<br \/>\nvon Schirm werden, so da\u00df die Fragen in sich dazu betragen, einen<br \/>\nauf Abstand zu halten zu dem, wonach gefragt wird.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an eine etwas merkw\u00fcrdiges Beispiel von einer<br \/>\nReise nach Erfurt. Dort gibt es eine sch\u00f6ne und ber\u00fchmte Holzbr\u00fccke,<br \/>\ndie mu\u00dftten wir nat\u00fcrlich auch sehen, als wir da waren. Wir<br \/>\nfragten nach der Br\u00fccke &#8211; ohne sie finden zu k\u00f6nnen. Es stehen<br \/>\nn\u00e4mlich H\u00e4user auf beiden Seiten der Br\u00fccke &#8211; sie sieht<br \/>\nunmittelbar nicht aus wie eine Br\u00fccke. Wir fragten also weiter,<br \/>\nauch als wir schon auf der Br\u00fccke standen &#8211; und da konnte uns niemand<br \/>\nhelfen.<\/p>\n<p>Ein mehr tragisches &#8211; aber sicher allen vertrautes Beispiel ist die<br \/>\nSituation, wo die Frau den Mann immer wieder fragt, ob er sie liebt.<br \/>\nUnd ganz gleich wie sehr er ihr versichert, da\u00df er sie liebt, sie<br \/>\nfragt weiter: Ja, liebst du mich nun auch richtig? Zugespitzt gesagt:<br \/>\nMan kann die Liebe wegfragen und \u00dcberdru\u00df herbeifragen &#8211; denn<br \/>\nder andere kann sich ganz ohnm\u00e4chtig f\u00fchlen in den Versuchen,<br \/>\nseinen Worten nun Glaubw\u00fcrdigkeit zu verleihen, wenn der Fragende<br \/>\nnicht h\u00f6rt, was gesagt wird, und nicht sieht, was ist.<\/p>\n<p>Das Fragen des Nikodemus \u00e4hnelt in gewisser Weise dem heutige<br \/>\nreligi\u00f6sen Fragen &#8211; denn manchmal kann man das Gef\u00fchl haben,<br \/>\nda\u00df das viele Fragen in sich eine Abwehr ist f\u00fcr eine Form<br \/>\nvon Immunit\u00e4t &#8211; man h\u00e4lt sich selbst au\u00dfen vor, vielleicht<br \/>\naus Angst, sich dem unberechenbaren Leben auszuzetzen.<\/p>\n<p>Die Geschichte von Nikodemus wird nicht fertig erz\u00e4hlt. Johannes<br \/>\nerz\u00e4hlt von ihm ein paar Mal mehr &#8211; einmal, als er Jesus vor dem<br \/>\nHohen Rat verteidigt, und dann ist er auch bei der Grablegung dabei,<br \/>\nund da ist es keine Nacht. Wir erfahren also nicht, ob Nikodemus sozusagen<br \/>\nim Dunkel bleibt, die in sich auch eine Art von Schutz bietet. In der<br \/>\nNacht kann man nicht so gut gesehen werden und braucht nicht so deutlich<br \/>\nin Erscheinung zu treten.<\/p>\n<p>Vielleicht ist das sogar das Kl\u00fcgste &#8211; aber das war nie das, was<br \/>\nGott mit uns vorhatte. Deshalb schickt er noch immer seinen Geist, der<br \/>\nuns wie ein Wind aus der Nacht fegt, und er schickt noch immer sein Licht<br \/>\nin unsere Finsternis, so da\u00df sie zerfliegt und wir Augenlicht und<br \/>\nSinne wieder gewinnen und wieder lebendig werden. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer Hanne Sander<br \/>\nPrins Valdemarsvej 62<br \/>\nDK-2820 Gentofte<br \/>\nTel.: 39 65 52 72<br \/>\n<a href=\"mailto:sa@km.dk\">e-mail: sa@km.dk<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trinitatis | 15. 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