{"id":9487,"date":"2003-07-07T19:49:51","date_gmt":"2003-07-07T17:49:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9487"},"modified":"2025-05-08T09:43:55","modified_gmt":"2025-05-08T07:43:55","slug":"predigt-zu-lk-1511-32-vom-verlorenen-sohn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-lk-1511-32-vom-verlorenen-sohn\/","title":{"rendered":"Lukas 15,11\u201332"},"content":{"rendered":"<h3>\u00a03. Sonntag nach Trinitatis | 6. Juli 2003 | Lk 15,11-32 | <strong>Hilmar Menke |<\/strong><\/h3>\n<p>Vorbemerkung:<\/p>\n<p>Ein gutes Beispiel f\u00fcr eine verfremdete Nacherz\u00e4hlung<br \/>\nder Geschichte vom \u201eVerlorenen Sohn&#8220; bietet Rudolf Otto Wiemer<br \/>\nin : Jesusgeschichten &#8211; Kindern erz\u00e4hlt, G\u00fctersloh 1985, ISBN<br \/>\n3-579 &#8211; 00811 &#8211; 0 Der Zusatz \u201eKindern erz\u00e4hlt&#8220; t\u00e4uscht<br \/>\ninsofern als die Geschichten durchaus auch f\u00fcr Erwachsene geeignet<br \/>\nsind.<\/p>\n<p>Predigt:<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt wohl zum Menschsein dazu: Das Empfinden des<br \/>\nMangels, das Gef\u00fchl, etwas nicht zu haben; die Erkenntnis, da\u00df mir<br \/>\netwas fehlt &#8211; und die Sehnsucht nach mehr, nach der \u201eF\u00fclle&#8220;,<br \/>\nnach allem, was fehlt; der Wunsch, alles zu haben und das m\u00f6glichst<br \/>\nsofort&#8230;. F\u00fcr junge Menschen hei\u00dft das oft: Die Sehnsucht<br \/>\nnach mehr Freiheit von den Einschr\u00e4nkungen des Elternhauses und<br \/>\nder Schule &#8211; von den Grenzen, die das immer zu gering geratene Taschengeld<br \/>\nsetzt &#8211; von der Enge der Heimat; von der Ereignislosigkeit des Alltags<br \/>\n&#8211; ach, so vieles w\u00fcrde mir da noch einfallen.<\/p>\n<p>So \u00e4hnlich jedenfalls<br \/>\n&#8211; scheint mir &#8211; denkt auch der junge Mann in der bekannten Geschichte,<br \/>\ndie wir h\u00f6rten: Er will alles, was ihm zusteht &#8211; und das auf der<br \/>\nStelle; er will fort aus der Vormundschaft des Vaters, fort von der \u00dcberlegenheit<br \/>\ndes \u00e4lteren Bruders &#8211; in die gro\u00dfe weite Welt. Endlich leben<br \/>\nin F\u00fclle&#8230;<\/p>\n<p>Ja, und das tut er dann wohl auch: Mit vollen H\u00e4nden<br \/>\ngibt er das Geld aus zusammen mit den vielen \u201eguten Freunden&#8220; die<br \/>\nden Gro\u00dfz\u00fcgigen immer umgeben &#8211; und mit Freundinnen auch,<br \/>\nso wei\u00df es sp\u00e4ter sein Bruder zu berichten&#8230; Nur zu bald<br \/>\naber sp\u00fcrt er wieder den Mangel: Nur zu schnell ist das Geld aufgebraucht,<br \/>\nnur zu schnell wird klar, wessen Freunde die Kumpel waren &#8211; die seines<br \/>\nGeldes n\u00e4mlich &#8211; nur zu schnell mu\u00df er erkennen, da\u00df man<br \/>\nLiebe nicht kaufen kann.<\/p>\n<p>Aus der F\u00fclle wird schnell Mangel: Alles<br \/>\nverliert er und mit seiner Arbeit verliert er auch seine Bindung an seinen<br \/>\nGlauben: Kein Israelit h\u00fctet Schweine, die Tiere, die ihm als unrein gelten<br \/>\n&#8211; keiner sehnt sich nach dem Schweinefra\u00df&#8230;<\/p>\n<p>Als der Mangel am<br \/>\ngr\u00f6\u00dften ist; als er f\u00fchlt, da\u00df alles fehlt &#8211; da \u201egeht<br \/>\ner in sich&#8220; &#8211; und das hei\u00dft: Da sucht er den Grund f\u00fcr<br \/>\nseine Lage nicht mehr hier oder dort &#8211; bei den anderen oder bei den Verh\u00e4ltnissen<br \/>\noder beim Schicksal &#8211; da sucht er den Grund bei sich, in sich selber.<br \/>\nUnd dort findet er ihn!<\/p>\n<p>Er findet ihn bei dem, was er \u201eS\u00fcnde&#8220; nennt<br \/>\n&#8211; S\u00fcnde gegen\u00fcber dem Vater und gegen\u00fcber Gott: Da\u00df er<br \/>\nsich losgesagt hat von seinem Vater und Gott los geworden ist &#8211; das kann<br \/>\nman klein und zusammen und gro\u00df und auseinander schreiben &#8211; \u201eGott<br \/>\nlos werden&#8220; und \u201egottlos werden&#8220; &#8211; und beides pa\u00dft!<br \/>\nUnd er will umkehren. Seine Sehnsucht ist so klein geworden und seine<br \/>\nW\u00fcnsche so bescheiden. Nur genug zu Essen und nur bei den Menschen<br \/>\nsein, zu denen er geh\u00f6rt &#8211; und bei Gott! Und dann erlebt er die<br \/>\nF\u00fclle &#8211; die F\u00fclle der Liebe des Vaters, in der die Liebe Gottes<br \/>\nausstrahlt auf ihn &#8211; ausgebreitete Arme, die ihn willkommen hei\u00dfen,<br \/>\nUmarmung und Ku\u00df; die F\u00fclle der Vergebung, die einen neuen<br \/>\nAnfang macht &#8211; das Gewand des Sohnes, der Ring des Erben; die F\u00fclle<br \/>\nder Freude, die alle einl\u00e4dt, mit zu feiern.<\/p>\n<p>Jedes Fest, das wir<br \/>\nfeiern, ist ein Versuch, etwas von dem zu sp\u00fcren, zu erleben, von<br \/>\nder F\u00fclle des Lebens; ein Versuch, den Mangel zu \u00fcberwinden:<br \/>\nDen Mangel an Freude und an Freunden, den Mangel an Gemeinschaft und<br \/>\nGeborgenheit. Es ist ja die Jahreszeit der Feste &#8211; hier bei uns der Sch\u00fctzenfeste<br \/>\nim Besonderen, die immer noch gerade in den kleinen D\u00f6rfern sehr<br \/>\nviele Menschen zusammenf\u00fchren zum gemeinsamen feiern. Da\u00df es<br \/>\naber immer nur ein Versuch bleiben wird, ein Versuch, der sich eben dem<br \/>\nZiel nur ann\u00e4hern kann &#8211; nur f\u00fcr einige Augenblicke im Leben,<br \/>\ndas geh\u00f6rt zu unserer Erfahrung. Bei vielen dieser Feste im Dorf<br \/>\nfeiern wir auch Gottesdienst, Zeichen daf\u00fcr, da\u00df wir das,<br \/>\nwas wir uns wirklich ersehen, das, was wir wirklich brauchen, das, was<br \/>\nden Mangel beseitigt von Gott erwarten. Und ein gro\u00dfes Fest hat<br \/>\nunsere Kirche vor Kurzem gefeiert &#8211; den Kirchentag mit vielen Tausend<br \/>\nTeilnehmern, diesmal zusammen mit den Schwestern und Br\u00fcdern der<br \/>\nr\u00f6misch katholischen Kirche &#8211; ein Gottesdienst besonderer Art mit<br \/>\nVortr\u00e4gen und Diskussionen,<\/p>\n<p>Andachten und Bibelarbeiten, mit Streitgespr\u00e4chen und Demonstrationen<br \/>\n&#8211; ein Fest f\u00fcr so viele, die in ihren Gemeinden oft meinen, wir<br \/>\nw\u00e4ren nur so wenige. Der ganze Kirchentag ein Gottesdienst? \u201eGottes-Dienst&#8220; hei\u00dft<br \/>\ndas Fest des Lebens &#8211; so hat Martin Luther es gesagt &#8211; weil dabei Gott<br \/>\nuns dient, weil er uns dies Fest bereitet, so wie der Vater in der Geschichte<br \/>\nes tut &#8211; f\u00fcr seinen wiedergefundenen Sohn und f\u00fcr alle, die<br \/>\nzu ihm geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Einer freilich, so geht die Geschichte weiter &#8211;<br \/>\neiner will nicht mitfeiern. Ich lese die Verse 25 bis 32 Der \u00e4ltere<br \/>\nBruder hat &#8211; so glaubt er &#8211; allen Grund, bei diesem Fest nicht dabei<br \/>\nzu sein: Wieder wird der kleine Bruder vorgezogen, so scheint es ihm.<br \/>\nEr, der \u00c4ltere ist es doch gewesen, der dem Vater nie Kummer gemacht<br \/>\nhat, der nicht forderte, was ihm nicht zustand, der ohne Murren die Arbeit<br \/>\ntat, die zu tun war. Ihn hat man nie gefeiert &#8211; er war einfach da, geh\u00f6rte<br \/>\ndazu. Der \u00e4ltere Bruder merkt gar nicht, da\u00df sein Fest gerade<br \/>\ndarin bestanden hat: Immer beim Vater zu sein, von ihm nicht weniger<br \/>\ngeliebt als der verlorengegangene, zu Hause sein zu d\u00fcrfen, geborgen,<br \/>\nversorgt, gebraucht.<\/p>\n<p>\u201eIn Christus wohnt die ganze F\u00fclle der Gottheit leibhaftig,<br \/>\nund an dieser F\u00fclle habt ihr teil in ihm, der das Haupt aller M\u00e4chte<br \/>\nund Gewalten ist.&#8220; so hei\u00dft es im Kolosserbrief &#8211; in ihm ist<br \/>\ndie ganze F\u00fclle Gottes \u201eleibhaftig&#8220;, in ihm, in seinen<br \/>\nWorten und Taten lebt sie, konnten Menschen sie sehen, ja anfassen &#8211;<br \/>\nin seinem Leiden und seinem Tod lebt die F\u00fclle der Liebe Gottes<br \/>\n&#8211; in seiner Auferstehung die F\u00fclle des Lebens. Daran, so steht es<br \/>\nim Kolosserbrief, daran haben wir teil &#8211; davon k\u00f6nnen, sollen wir<br \/>\nein, unser Teil bekommen &#8211; von dieser F\u00fclle Gottes. Wir brauchen<br \/>\ndazu nicht den Weg &#8211; den weiten Umweg &#8211; zu gehen, den der sogenannte \u201eVerlorene<br \/>\nSohn&#8220; geht &#8211; weder den in die Gottferne, noch den so m\u00fchsamen<br \/>\nWeg zur\u00fcck. Wie der \u00e4ltere Bruder d\u00fcrfen wir immer bei<br \/>\nGott bleiben. Wir brauchen uns nur an Jesus Christus zu halten, der uns<br \/>\nden richtigen Weg gezeigt hat.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Hilmar Menke, Superintendent in Cadenberge<br \/>\n<a href=\"mailto:HHFJMenke@aol.com\">E-Mail: HHFJMenke@aol.com<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a03. Sonntag nach Trinitatis | 6. 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