{"id":9490,"date":"2003-07-07T19:49:50","date_gmt":"2003-07-07T17:49:50","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9490"},"modified":"2025-05-08T09:58:51","modified_gmt":"2025-05-08T07:58:51","slug":"lukas-6-36-43-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-6-36-43-2\/","title":{"rendered":"Lukas 6, 36-43"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">4. Sonntag nach Trinitatis | 13. Juli 2003 | Lukas 6,36-43 | Katharina Coblenz-Arfken |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>was t\u00e4ten Sie am liebsten, wenn Ihnen jemand eine runterhaut, sei es mit Grund oder ohne? Wenn wir ganz ehrlich sind, w\u00fcrden wir doch zur\u00fcckschlagen, dass es nur so knallt.<br \/>\nSolche Reaktionen sind Kurzschlusshandlungen, und es ist nicht von ungef\u00e4hr, dass die Sprache sie so nennt. Wenn etwas zu kurz ist, muss es doch auch etwas geben, was l\u00e4nger ist.<br \/>\nNur stecken wir in den seltensten F\u00e4llen Ohrfeigen ein, aber, dass mir jemand den Arbeitplatz nicht g\u00f6nnt und wegnimmt, dass jemand mich blo\u00dfstellt, so dass die anderen \u00fcber mich lachen, dass falsche Dinge \u00fcber mich im Umlauf gebracht werden \u2013 das sind die Ohrfeigen der Erwachsenen.<br \/>\nWas ist denn die Folge, wenn wir auf das B\u00f6se, was man uns antut, so b\u00f6se reagieren?<br \/>\nWahrscheinlich wird der, der uns geschlagen hat und von uns wieder geschlagen wurde, den Drang haben, uns noch einmal zu schlagen, und eine bl\u00fchende Schl\u00e4gerei kommt in Gang.<br \/>\nWir nennen das Eskalation.<br \/>\nDie Kunst Jesu aber besteht darin, Eskalationen im Keim zu ersticken. Er bietet uns eine bessere Reaktionsweise an.<\/p>\n<p>Jesus z\u00e4hlt mehrere Ebenen auf, in denen es darum geht, solche Eskalationen zu vermeiden.<br \/>\nZuerst ber\u00fchrt er die gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfige Ebene : \u201eSeid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.\u201c. Vom deutschen Sprachempfinden her hat Barmherzigkeit mit unserm Scho\u00df (Barm) und dem Herzen zu tun, ist also dort verankert, wo das Leben entsteht. In der Muttersprache Jesu bedeutet das Wort \u201ebarmherzig sein\u201c (racham): \u201eweich sein\u201c. Ein Mensch, der sich verh\u00e4rtet, ist nicht barmherzig. Wir tun unserm Herzen keinen Gefallen, indem wir uns verh\u00e4rten. Solche Verh\u00e4rtungen machen in der Regel krank. Kein Wunder, dass die Herzkrankheiten in einer Gesellschaft zunehmen, die auf Barmherzigkeit verzichtet und stattdessen auf H\u00e4rte setzt.<br \/>\nIch rufe blo\u00df ins Ged\u00e4chtnis, dass wir als eines der reichsten L\u00e4nder der Erde dabei sind, die Sozialgesetze abzubauen.<br \/>\nNach dieser gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfigen Ebene spricht Jesus unseren Verstand an: \u201eRichtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet\u201c. Und er verst\u00e4rkt dies \u201emacht niemanden runter, so werdet ihr auch nicht runter gemacht\u201c. (Das umgangssprachliche \u201erunter machen\u201c kommt m.E. dem griechischen katadikein am n\u00e4chsten.) Mir kommt dabei Bonhoeffers Regel f\u00fcr das Zusammenleben im Finkenwalder Predigerseminar in den Sinn. Es galt, \u00fcber Abwesende nicht zu reden. Kennen Sie nicht auch genug Beispiele von Menschen, die sich auf Kosten anderer profilieren? Andere werden runter gemacht, um selbst besser dazustehen. Das nennt man negative Selbsterh\u00f6hung. Aber ich merke oft genug, wie schwer es ist, \u00fcber andere nichts Negatives zu sagen.<br \/>\nManchmal ist es schier unm\u00f6glich, dem anderen zu vergeben, weil die Verletzungen zu tief sind und wir auch nicht begreifen k\u00f6nnen, wieso der andere so handelt.<br \/>\nEs gibt in der modernen Psychotherapie eine Heilmethode, die man als das Familienstellen bezeichnet. Sie besteht darin, dass der Leidende stellvertretend eine Reihe von Personen um sich aufstellt \u2013 je nach der Beziehung zu ihm und untereinander. Es geht darum, die Gef\u00fchle, die dabei aufkommen, auszusprechen und auszuhalten.<br \/>\nVielleicht ist deshalb die Therapie des Familienstellens so beliebt und wirksam. Der Hintergrund ist ja, dass wir Menschen an zerst\u00f6rten Beziehungen leiden. Eben, wenn wir nicht vergeben k\u00f6nnen, weil das, was uns angetan wurde, einfach zu schwer ist. Die Heilung kommt in dem Moment, wo ich verzeihen kann, wo ich die Daseinsberechtigung des anderen in seiner Ordnung anerkenne. Und weil das manchmal in der Wirklichkeit nicht geht, hilft es auch, dass ich es exemplarisch mit einem anderen, der sich stellvertretend in die Rolle begibt, praktiziere. Damit l\u00f6st sich der Hass auf. Die Bitterkeit verschwindet. Das Leben flie\u00dft weiter.<\/p>\n<p>Jesus r\u00e4t uns als drittes f\u00fcr unser praktisches Zusammenleben:<br \/>\n\u201e Vergebt, so wird euch vergeben, gebt, so wird euch gegeben.\u201c<br \/>\nWas uns damit zugemutet wird, war damals nicht neu.<br \/>\nEpiktet, ein griechischer Philosoph, der auch im 1. Jahrhundert lebte, erkl\u00e4rte, dass wir ernten, was wir s\u00e4en und uns das Schicksal immer irgendwie zwingt, f\u00fcr unsere Missetaten zu bezahlen. Mit dem \u201eguten, vollgedr\u00fcckt, ger\u00fcttelt Ma\u00df\u201c, dass in euren Scho\u00df gegeben wird, zitiert auch Jesus ein damals g\u00e4ngiges Sprichwort.<br \/>\nAber stimmt das? \u201eVergebt, so wird euch vergeben, gebt, so wird euch gegeben \u2026und mit welchen Ma\u00df ihr messt, wird man euch wieder messen?\u201c<br \/>\nAls ich das anderen vorlas, kam Zustimmung. Jeden Satz k\u00f6nne man unterschreiben, doch es kam auch der Einwand, damit lebt es sich schwer.<br \/>\nWenn wir diese S\u00e4tze als moralische Forderung an uns verstehen, so haben wir sie gr\u00fcndlich missverstanden.<br \/>\nWas Jesus hier sagt, ist gewisserma\u00dfen eine verschl\u00fcsselte Sprache. Die Juden scheuten sich, den heiligen Namen Gottes auszusprechen. Wenn Jesus sagt, \u201egebt, so wird euch gegeben\u201c, meint er , \u201egebt, so wird Gott euch geben\u201c, \u201erichtet nicht, so wird Gott euch auch nicht richten\u201c. Jesus traut Gott zu, dass er uns in reichem Ma\u00dfe Gutes tut, wenn wir unseren Mitmenschen Gutes erweisen.<br \/>\nHalte ich inne, dann entdecke ich, dass auch mir dies randvoll gef\u00fcllte Ma\u00df des Guten zuteil wurde und wird. Da kann ich z.B. bei einem Unfall erfahren, wie viel mir geholfen wird von Menschen, die mir fremd waren und von denen ich das gar nicht erwartet hatte.<\/p>\n<p>Im weiteren Verlauf seiner Rede erz\u00e4hlt Jesus das ber\u00fchmte Gleichnis vom Splitter im Auge.<br \/>\nWer immer nur die Fehler bei anderen sucht, sieht nicht den Balken in eigenen Auge. Das Problem ist doch, die eigenen Fehler einzugestehen. Wer das gelernt hat, lebt leichter und schafft um sich ein Klima des Verstehens. Das ist aber schwer in einer Gesellschaft, die nur auf Leistung zielt.<br \/>\nDer Volksmund sagt, das Leben ist eines der Schwersten. Ich denke, Jesus hilft uns sehr, dass dieses Leben leichter wird und besser gelingt.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Liedvorschlag: EG 82,7<\/p>\n<p>Lass mich an andern \u00fcben, was du an mir getan<br \/>\nund meinen N\u00e4chsten lieben, gern dienen jedermann<br \/>\nohn Eigennutz und Heuchelschein und,<br \/>\nwie du mir erwiesen<br \/>\naus lauter Lieb allein.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Katharina Coblenz-Arfken<br \/>\nDragonerstr. 17<br \/>\nHohnstedt<br \/>\n37154 Northeim<br \/>\nTel.: 05551-51105<br \/>\n<a href=\"mailto:arfkencoblenz@aol.com\">E-mail: arfkencoblenz@aol.com<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. Sonntag nach Trinitatis | 13. Juli 2003 | Lukas 6,36-43 | Katharina Coblenz-Arfken | Liebe Gemeinde, was t\u00e4ten Sie am liebsten, wenn Ihnen jemand eine runterhaut, sei es mit Grund oder ohne? Wenn wir ganz ehrlich sind, w\u00fcrden wir doch zur\u00fcckschlagen, dass es nur so knallt. 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