{"id":9507,"date":"2003-07-07T19:49:53","date_gmt":"2003-07-07T17:49:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9507"},"modified":"2025-05-08T10:40:35","modified_gmt":"2025-05-08T08:40:35","slug":"matthaeus-28-16-20-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-28-16-20-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 28, 16-20"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">6. Sonntag nach Trinitatis | 27. Juli 2003 | Matth\u00e4us 28, 16-20 | Ulrich Haag |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Ohne diese Worte unseres Predigttextes w\u00e4ren wir heute nicht hier. Nicht in diesem Haus, in dieser Stadt, versammelt unter diesem Kreuz, das an den Mann aus Galil\u00e4a erinnert. Der wu\u00dfte sich erst nur zu den verlorenen Schafen Israels gesandt, \u00fcberschritt dann die Grenzen seiner Religion und Volkszugeh\u00f6rigkeit und wandte sich den Menschen gleich welcher Herkunft zu. Und schlie\u00dflich \u2013 wir haben es geh\u00f6rt \u2013 sandte er seine J\u00fcnger aus in alle Welt.<\/p>\n<p>Die J\u00fcnger haben sich das zu Herzen genommen. Der Apostel Petrus, der den Mittelmeerraum bereiste. Der Apostel Jakobus, der bis nach Spanien gelangt sein soll, der Apostel Thomas gar bis nach Indien. Allen voran aber der Apostel Paulus, der <em>seinen<\/em>Missionsbefehl an anderer Stelle und auf andere Weise vernommen hatte. Seine Missionsreisen sind \u2013 stellvertretend f\u00fcr die aller &#8211; auf den Landkarten jeder g\u00e4ngigen Bibel s\u00e4uberlich verzeichnet, gewaltige Distanzen f\u00fcr die damalige Zeit, weshalb sich die Christenheit bis heute dieser M\u00e4nner der ersten Stunde erinnert, weltreisende Prediger, Gemeindegr\u00fcnder, Apostel eben, w\u00f6rtlich: Ausgesandte.<\/p>\n<p>Gehet hin in alle Welt \u2013 dieser Befehl Jesu war Triebfeder f\u00fcr Weltreisen und die Entdeckung neuer Kontinente, f\u00fcr das Interesse an fremden Kulturen und f\u00fcr manche Erfindung. Heute ist der Auftrag an ein vorl\u00e4ufiges Ziel gelangt. Jedes noch so entlegene Gebiet der Erde kann von einem Moment auf den anderen mit einer Nachricht erreicht werden. Und nat\u00fcrlich bedient sich auch die Verk\u00fcndigung des Evangeliums dieser Kan\u00e4le. Ob durch Radio, Fernsehen oder neuerdings das Internet \u2013 ob in den Urw\u00e4ldern Lateinamerikas, den Eisw\u00fcsten Gr\u00f6nlands oder den Steinw\u00fcsten des Himalaya &#8211; es gibt so gut wie keinen Menschen auf dem Globus, der nicht zu Lebzeiten irgendwann mit dem Glauben an den gestorbenen und auferstandenen Christus in Ber\u00fchrung kommt. Der nicht mit irgendjemandem eine Begegnung hat, den die Botschaft Jesu pers\u00f6nlich angesprochen hat.<\/p>\n<p>Gehet hin in alle Welt &#8230; Was bedeuten diese Worte in einer Zeit tats\u00e4chlich weltumspannender Kommunikation noch? Wo vieles ans Ziel kommt, geht nicht selten der Ursprung verloren. Wo der Flu\u00df m\u00fcndet, ist das Wasser der Quelle unendlich verd\u00fcnnt. Doch in diesen Worten sto\u00dfen wir auf die Quelle, die den breiten Strom eines allgemeinverbreiteten Glaubens erneuern und frisch halten kann. Dies gerade dort wo sich Widerstand in uns regt, Protest. F\u00fcr mich war das lange der Vers vom Gewaltanspruch Jesu: Mir ist gegeben&#8230;<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an eine hitzige Diskussion, die ich w\u00e4hrend der Bibelkundevorpr\u00fcfung mit einem Pr\u00fcfer \u2013 auch einem Pfarrer &#8211; gef\u00fchrt habe, der diesen Vers unbedingt von mir h\u00f6ren wollte.<\/p>\n<p>Wieso ist das wichtig, da\u00df Jesus einen Gewaltanspruch stellt? Ich halte es f\u00fcr falsch, da\u00df man diesen Vers bei der Taufe jedesmal zitiert. Deshalb habe ich ihn mir auch nicht gemerkt. Er f\u00fchrt die Taufeltern und die Gemeinde auf ein falsches Gleis. Nur wenige Kapitel vorher beschreibt das Matth\u00e4us-Evangelium Jesus in der Leidensgeschichte als einen gewaltlosen Erl\u00f6ser. Das ist das entscheidende an ihm, da\u00df er aller Gewalt zwischen Menschen eine Absage erteilt und vorgelebt hat, wie es auch anders geht: Die Sanftm\u00fctigen. Die Barmherzigen. Die ihre Feinde lieben&#8230;<\/p>\n<p>Immerhin die Bergpredigt haben sie ordentlich gelernt, meinte der Pr\u00fcfer. In der Theologie m\u00fcssen sie noch nachlegen. Was sagen Sie den Menschen, die Opfer einer Gewalttat werden? Oder, um die Frage n\u00e4her an Ihr Leben und meines heranzuholen, was sagen sie einem Mitstudenten, der hier ungerechtfertigt durch die Pr\u00fcfung f\u00e4llt, weil ich oder einer meiner Kollegen einen schlechten Tag hatte? Das ist zwar keine k\u00f6rperliche Gewalt, aber es ist eine Erfahrung, die weh tut und die einen ganz sch\u00f6n knicken kann, das wissen Sie besser als ich.<\/p>\n<p>Warum lassen Sie es dann nicht? Bis heute wei\u00df ich nicht, woher ich die Frechheit hatte, so zu fragen. Wenn Sie nicht mehr pr\u00fcfen, haben sie auch kein Problem damit, da\u00df sie in einem gewissen Sinne Gewalt aus\u00fcben. Dann brauchen Sie den Vers nicht mehr.<\/p>\n<p>Sie verstehen noch nicht, was ich meine. Mir geht es nicht um die, die Gewalt oder besser Macht aus\u00fcben. Mir geht es um die, die etwas erleiden. Und nicht nur um die, die unter einem Unrecht leiden. Auch wenn einem das Schicksal \u00fcbel mitspielt. Sie kennen doch das Wort niederschmetternd. Es zeigt, da\u00df man einen Schicksalsschlag tats\u00e4chlich als etwas gewaltt\u00e4tiges erfahren kann, das in das Leben einbricht. Wenn sie Pfarrer sind, m\u00fcssen sie den Menschen ihrer Gemeinde beistehen, wenn ihr Glaube nach solchen Einschl\u00e4gen auf der Kippe steht.<\/p>\n<p>Aber was hat das mit dem Vers von der Gewalt zu tun?<\/p>\n<p>In der letzten Woche war ich bei einem Ehepaar, das sein erstes Kind erwartet. Bei der letzten Untersuchung hat sich herausgestellt, da\u00df das Kind mit einer schweren K\u00f6rperbehinderung zur Welt kommen wird. Ich kann gar nicht wiedergeben, wie verzweifelt die beiden da gesessen haben. Am schwierigsten wogen f\u00fcr mich die Fragen nach dem Sinn. Warum wir? Warum tut Gott uns so etwas an? Wenn er so blind in unser Leben schl\u00e4gt, wozu sollen wir uns dann noch zu ihm halten? Oder ist er zu schwach, um so eine Katastrophe zu verhindern?<\/p>\n<p>Ich habe sie an diesen Vers erinnert, der damals bei ihrer Taufe ausgesprochen worden ist: Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. Das bedeutet, da\u00df Jesus f\u00fcr alles, was auf Erden geschieht, die Verantwortung \u00fcbernimmt. Da\u00df alles, auch das Furchtbare, auch das Unbegreifliche letztlich aus seiner Hand kommt.<\/p>\n<p>Das sind Worte, sage ich. Sie m\u00fcssen den beiden doch auch irgendwie helfen. Bei Ihrer Entscheidung, ob sie das Kind behalten wollen. Sp\u00e4ter, wenn sie es zur Welt bringen. Und danach, wenn sie es erziehen.<\/p>\n<p>Helfen, sagt er, ist genauso wichtig wie Worte. Deshalb war ich froh, da\u00df ich mit den beiden am Tag darauf zur evangelischen Schwangerschafts-Beratungsstelle gehen konnte. Und da\u00df es in unserer Stadt einen integrativen Kindergarten gibt, der von engagierten evangelischen Christen betrieben wird. Und ein evangelisches Krankenhaus. Das sind nicht nur Einrichtungen, auf die man stolz sein kann. Sie sind f\u00fcr eine christliche Gemeinde lebensnotwendig. Es ist die ganz einfache Tat, die den Menschen den Glauben wiedergeben kann. Da\u00df jemand des N\u00e4chstliegende tut. Die Erfahrung, da ist jemand, der springt mir bei. Aber <em>Sie<\/em> werden dazu ausgebildet, da\u00df <em>Sie<\/em> den Menschen <em>mit dem Wort Gottes helfen<\/em>. Wenn nicht der Pfarrer, wer soll es sonst tun?<\/p>\n<p>Und was machen Sie mit den Gemeindemitgliedern, die zu Ihren Worten nicht Ja und Amen sagen? Die wirklich daran verzweifeln, da\u00df Gott so unmenschlich mit ihnen verf\u00e4hrt?<\/p>\n<p>Das war bei den beiden, die ihr behindertes Kind erwarteten, nicht anders. Die konnten von dem, was ich gesagt habe erst nichts annehmen. Trotzdem habe ich den Vers noch einmal wiederholt und gesagt, da\u00df er auch bei der Taufe ihres Kindes ausgesprochen wird, wenn sie es zur Welt bringen. Und den Abschlusssatz des Taufbefehls habe ich angef\u00fcgt: Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende. Dieses Wort, dieses Versprechen ist f\u00fcr mich gr\u00f6\u00dfer als alles, was Menschen widerfahren kann, gr\u00f6\u00dfer als alles, was sie zum Verzweifeln bringen k\u00f6nnte. Weil der, der es gesagt hat \u00fcber allem steht, was menschlich, besser gesagt, was irdisch ist. Weil er diese Welt tats\u00e4chlich in seiner Hand h\u00e4lt&#8230;<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie wir den Bogen zur\u00fcck zur Pr\u00fcfung geschlagen haben. Am Ende hat es f\u00fcr mich zu einer 3 gereicht, und das erz\u00e4hle ich nur deshalb, weil die Zeugnisse vor der T\u00fcr stehen. Ich war damals mit der Note nicht zufrieden. Aber ein paar Wochen sp\u00e4ter war sie schon nicht mehr wichtig. Wichtig blieb die Spur, auf die mich das Gespr\u00e4ch gesetzt hat.<\/p>\n<p>Und der Vers, den ich \u2013 wie jede Pfarrerin und jeder Pfarrer \u2013 bei jeder Taufe zitiere: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.<\/p>\n<p>Mit dieser Verhei\u00dfung sind wir nie fertig, selbst wenn wir zu ihrer Verbreitung \u00fcber ein weltumspannendes Kommunikationsnetz verf\u00fcgen. Da\u00df es Gott ist, der die Welt und jedes einzelne Menschenleben in H\u00e4nden h\u00e4lt \u2013 das steht t\u00e4glich in Frage. Das Vertrauen darauf m\u00fcssen wir uns manchmal m\u00fchsam erk\u00e4mpfen. Wir sollen einander darin beistehen. Indem wir einander zuh\u00f6ren. Indem wir einander mit aufrichtigen Taten zur Hilfe kommen. Und in dem wir dort, wo es passt und wir den Mut haben, ein Wort der Zuversicht sagen. Da\u00df sich darin unser Glaube bew\u00e4hrt, und da\u00df \u2013 wo wir einander beistehen Gott selbst uns beisteht \u2013 dazu bewahre Er unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Ulrich Haag, Aachen<br \/>\n<a href=\"mailto:haag@ekir.de\">haag@ekir.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>6. Sonntag nach Trinitatis | 27. Juli 2003 | Matth\u00e4us 28, 16-20 | Ulrich Haag | Ohne diese Worte unseres Predigttextes w\u00e4ren wir heute nicht hier. Nicht in diesem Haus, in dieser Stadt, versammelt unter diesem Kreuz, das an den Mann aus Galil\u00e4a erinnert. Der wu\u00dfte sich erst nur zu den verlorenen Schafen Israels gesandt, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":13207,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[36,440,1,727,157,853,114,305,349,3,109,1637],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9507","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-matthaeus","category-6-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-28-chapter-28","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-ulrich-haag"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9507","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9507"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9507\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23696,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9507\/revisions\/23696"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13207"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9507"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9507"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9507"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9507"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9507"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9507"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9507"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}