{"id":9520,"date":"2003-08-07T19:49:50","date_gmt":"2003-08-07T17:49:50","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9520"},"modified":"2025-05-08T14:13:04","modified_gmt":"2025-05-08T12:13:04","slug":"matthaeus-5-13-16-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-5-13-16-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 5, 13-16"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">8. Sonntag nach Trinitatis | 10. August 2003 | Matth\u00e4us 5, 13-16 | Wolfgang Petrak |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Hannas stellte den Leuchter langsam auf den Tisch. Beim Anz\u00fcnden der Kerzen zitterte seine Hand ein wenig. Das tat sie immer, weil er unwillk\u00fcrlich zur\u00fcckdenken musste: damals in Jerusalem, als es noch den Tempel&#8230; \u201eHannas, die Linsen sind gleich fertig\u201c. Fr\u00f6hlich rief das Julia ihrem Schwiegervater zu, w\u00e4hrend sie den Topf vom Herdfeuer nahm. Hoffentlich sind sie nicht angebrannt, dachte sie, er ist ja sonst ein lieber Kerl, aber beim Essen wird er immer pingeliger. \u201eHast du auch das Salz nicht vergessen? Und zum Schluss einen Faden Oliven\u00f6l\u201c! \u201eAber nein, und frisches Brot habe ich auch. Judith, kommst du\u201c? \u201eSimon ist ja noch gar nicht da\u201c. Etwas maulig stand das vierzehnj\u00e4hrige M\u00e4dchen aus ihrer Ecke auf, wedelte die Papyrusseite durch die Luft, damit die Tinte schneller trocknete. \u201eEs ist wichtig, total wichtig, dass das rauskommt\u201c. \u201eHast du wieder was geschrieben?\u201c Hannas musste ein bisschen l\u00e4cheln. Nat\u00fcrlich lag er oft mit seiner Enkeltochter \u00fcber kreuz, was ja auch kein Wunder ist, wenn man zu viert in einem Raum lebt, und dann noch in diesem Alter. Aber er mochte sie, auch, wie sie die Dinge ansprach, wie sie sich was traute und wie sie sich einsetzte. \u201e Da fehlt doch Salz\u201c! \u201eJudith, wir fangen gemeinsam an und warten, bis Simon da ist\u201c.<\/p>\n<p>\u201eAlso Judith, was hast du geschrieben\u201c? \u201ePass auf, Gro\u00dfvater, du hast doch gesagt, dass unser Herr gesagt hat, dass wir Salz der Erde sein sollen und Licht der Welt\u201c. \u201eNein ,so habe ich das nicht&#8230;\u201c \u201eDoch, so soll es doch sein, und deshalb halbe ich diesen offenen Brief geschrieben: &#8218;Gegen die Ausbeutung im Hafen von Ephesus. Ende der Kinderarbeit. Im Namen des allm\u00e4chtigen: Lasst die Sklaven frei!&#8216; \u201c. \u201eAber Judith, alle Welt hat Sklaven\u201c rief ihre Mutter vom Herd her\u00fcber, w\u00e4hrend sie nochmals im Topf r\u00fchrte und sich mit der freien Hand eine Locke, die immer gerade dann widerspenstig in die Stirn zu fallen pflegte, wenn es hitzig wurde. \u201eDu bist ja auch R\u00f6merin\u201c, fuhr Judith ihre Mutter an, \u201eund bei Euch zu Haus habt ihr immer Sklaven gehabt\u201c. \u201eAber bei uns hatten Sklaven es gut, waren gut untergebracht und sa\u00dfen mit am Tisch. Und au\u00dferdem verstehst gar nicht, wie die Zeiten waren. Und dann&#8230;\u201cJulia ging einen Schritt in Richtung Tochter, hatte dabei noch den L\u00f6ffel in der Hand, sodass sich durch den Schein des Leuchters ein riesiger L\u00f6ffel als Schatten an der Wand abbildete. \u201e Und dann haben wir daf\u00fcr gesorgt, dass alle in unserem Haus getauft wurden\u201c.<br \/>\n\u201eAber das ist es ja gerade\u201c. Nun war es Judith, die aufgestanden war und deren Schatten den erhobenen m\u00fctterlichen L\u00f6ffel-Arm \u00fcberdeckte. \u201e Das ist doch so was von scheinheilig. In die Gemeinschaft der Christen wird man aufgenommen. Und was tut ihr in Wirklichkeit? Nichts. Salz sollt ihr sein, h\u00f6rst, du, Salz\u201c. \u201eUnd Licht\u201c, f\u00fcgte Hannas hinzu, \u201edas brauchen wir, um die Schriften zu verstehen\u201c. Hannas zog den Leuchter zu sich her\u00fcber. \u201e Sieh, als damals das Volk Gottes aus der Fron in Babylon zur\u00fcckgekehrt war, da haben Menschen, einfache Menschen so wie wir, begriffen, dass der Herr seinen Bund mit uns schlie\u00dft, wenn wir seinen Willen tunt. Und dann, du warst da noch nicht geboren, als der Tempel in Jerusalem von den Ungl\u00e4ubigen gesch\u00e4ndet und zerst\u00f6rt wurde, da haben wir alle bekannt: wir m\u00fcssen den Weg der Gerechtigkeit gehen, so wie es in den Schriften gesagt ist\u201c.<br \/>\nHannas war aufgestanden, um aus einem Tongef\u00e4\u00df in der Ecke, also dort, wo seine Schlafmatte lag, einige Rollen hervorzuziehen. \u201eAlso was sagen die Schriften zum Thema Salz\u201c? In dieser Frage waren sich Mutter und Tochter einig. Hannas stand am Licht. \u201eIn der Thora (Lev.2,13) ist Salz ein Zeichen des Bundes des Herrn mit seinem Volk. Die Speiseopfer m\u00fcssen gesalzen werden\u201c. Wohl deshalb, damit sie rein sind\u201c. \u201eJulia, du kennst dich gut bei uns aus\u201c. \u201eJa, aber das gilt doch jetzt alles nicht mehr\u201c. \u201eAber\u201c, und dabei tippte Judith mit ihrem Zeigefinger an die Schl\u00e4fe, was sie immer tat, wenn ihr ein neuer Gedanke gekommen war, \u201edann kann doch damit gemeint sein, dass wir alle Priesterinnen und Priester sein sollen\u201c. \u201eSind, Judith, sind. Unser Herr hat auf dem Berg Gottes gesagt: Ihr seid das Salz der Erde, nicht, ihr sollt sein, Sondern ihr seid das\u201c. \u201eImmer diese feinen Unterschiede, warf Julia ein, \u201e wo Simon bleibt? Vielleicht m\u00fcssen wir allein anfangen\u201c. \u201eVielleicht muss er in der Schule nachsitzen, er ist doch sowieso kein gro\u00dfes Licht\u201c. \u201eJudith\u201c! \u201eJudith, wei\u00dft du, was das Licht bedeutet? Damit ist der Gesalbte des Herrn gemeint\u201c. \u201eIch dachte: Die Weisheit\u201c? \u201eSag mir Julia, wer ist weiser als der Herr\u201c?<br \/>\nWieder ber\u00fchrte Hannas den Leuchter gedankenverloren, dann stellte er ihn entschlossen in die Mitte des Tisches. \u201eEs ist so\u201c, sagte er laut und fest, \u201edass er gekommen ist. Wir haben sein Wort. Und wir werden ihm nachfolgen, sodass alle V\u00f6lker es sehen k\u00f6nnen: Christus ist der Herr\u201c. Leise war Julia hinter Hannas getreten. Sie legte ihre Hand auf seine Schulter und sah ihn fragend von der Seite an:\u201eIst es deshalb, warum du nicht mehr in die Synagoge gehst\u201c? \u201eAch, es ist so, dass wir keinen Zugang mehr haben. Aber wir sind das Salz der Erde und jeder kann es merken, und wir sind das Licht der Welt, und jeder kann es sehen\u201c. \u201eUnd die Pharis\u00e4er\u201c?<\/p>\n<p>Mit einem Seufzer wollte der Gro\u00dfvater Hannah die Frage der Enkeltochter beantworten, auch, um sich selbst eine Antwort zu geben, doch da ging die T\u00fcr leise auf. Dem Herrn sei Dank, dachte er, dachte auch, dass das Jahr 70 noch gar nicht so lange her war, und dass man in dieser Zeit man nicht sicher sein konnte, wer an die T\u00fcr kam. \u201eMensch, Simon, endlich, ich habe Hunger\u201c. Judith legte ihr Flugblatt zur\u00fcck und setzte sich an den Tisch. Der Bruder stand mit h\u00e4ngenden Schultern noch unschl\u00fcssig an der T\u00fcr. \u201eHey ,Br\u00fcderlein! Bist du verknallt oder warst du beim Sport\u201c? Trotz der Dunkelheit vermeinte Judith erkennen zu k\u00f6nnen, wie das Gesicht ihres Bruders err\u00f6tete. Und dabei war er doch zwei Jahre \u00e4lter! \u201eAch ne, lass man, h\u00f6r doch auf\u201c, sagte er leise zwischen den Z\u00e4hnen hindurch. Julia dachte, bevor Fr\u00e4ulein Tochter noch ein weiteres Wort sagt, dachte Julia, sollte sie jetzt was sagen, einfach anfangen, irgendwie, es wird schon gehen: \u201e Du, ich habe geh\u00f6rt, dass deine Euterpe ganz nett sein soll. Willst du sie nicht einfach mal mitbringen, nur so, oder vielleicht auch zum Essen\u201c? \u201eJa? Ich wei\u00df nicht.\u201c<br \/>\n\u201eIsst sie nur Krebse und Schnecken?\u201c \u201eH\u00f6r doch auf\u201c. Weniger w\u00fctend als traurig kam das raus. \u201eAber, es ist ja nur, also: wenn sie mitkommt und wir wollen essen und fangen dann erst einmal an zu beten, sie ist doch eine von den V\u00f6lkern..\u201c \u201eNa und\u201c, jetzt war es Hannas, der laut wurde, \u201e meinst du etwa, wir wollen uns mit dem Beten dicke tun? Wir beten doch nicht, um andere auszuschlie\u00dfen, sondern um sie einzuschlie\u00dfen, weil der Wille des Herrn im Himmel und auf Erden geschehen soll. Sie kann ja mitbeten. Oder einfach nur dabei sein. Und jetzt lasst uns anfangen, ich habe Hunger\u201c.<\/p>\n<p>Julia gab sich richtig M\u00fche, ihr L\u00e4cheln, dass sie ab liebsten ganz breit aufgesetzt h\u00e4tte, nicht zu zeigen. Aber es gibt Situationen, wo man ernst bleiben sollte. Komisch, dachte sie, wir sind doch ganz verschieden. Verzagt der Simon, und Judith wie immer, Schwiegervater Hannas : er nimmt es genau, gleich fehlt ihm noch \u00d6l, und ich- , ich bin irgendwie frei. Und wenn ich mir vorstelle: diese Unterschiede an einem Tisch: wenn man jetzt unsichtbare Linien ziehen w\u00fcrde, dann ist das wie ein Kreuz. Ja genau: wir sind ja das Salz. So, wie wir sind. Und damals am Berg: ach, die werden doch auch alle ganz verschieden gewesen sein, als unserer Herr sie alle angeredet hatte.<\/p>\n<p>\u201eWir bitten dich: unser Herr komm\u201c. Ja, das ist gut.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>P. Wolfgang Petrak<br \/>\nSchlagenweg 8a<br \/>\n37077 G\u00f6ttingen, den 14.1.02<br \/>\nTel: 0551\/31838<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:W.Petrak@gmx.de\">W.Petrak@gmx.de<\/a> <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>8. Sonntag nach Trinitatis | 10. August 2003 | Matth\u00e4us 5, 13-16 | Wolfgang Petrak | Hannas stellte den Leuchter langsam auf den Tisch. Beim Anz\u00fcnden der Kerzen zitterte seine Hand ein wenig. 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