{"id":9522,"date":"2003-08-07T19:49:46","date_gmt":"2003-08-07T17:49:46","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9522"},"modified":"2025-05-08T14:16:12","modified_gmt":"2025-05-08T12:16:12","slug":"matthaeus-2514-30-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-2514-30-10\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 25,14-30"},"content":{"rendered":"<h3>9. Sonntag nach Trinitatis | 17. August 2003 | Mt 25,14\u201330 | Birte Andersen |<\/h3>\n<p>Drei Diener erhalten je ihre Summe. Die zwei investieren<br \/>\nsie und machen Profit. Der dritte vergr\u00e4bt sein Geld, aber er liefert<br \/>\nes dennoch beim Herrn ab. Trotzdem wird er gescholten und wahrscheinlich<br \/>\naus seinem Dienst entfernt.<\/p>\n<p>Nun handelt die Pointe dieses Gleichnisses nicht von Profit, wie man meinen<br \/>\nk\u00f6nnte, wenn man das Gleichnis schnell h\u00f6rt. Der entscheidende<br \/>\nUnterschied zwischen den beiden Dienern und dem einen liegt im Unterschied<br \/>\nan Wagemut.<br \/>\nNun ist es aber nicht einfach so, da\u00df die zwei mutig sind und der<br \/>\ndritte leider etwas vorsichtig, so ist er nach seiner Natur. Sogleich<br \/>\nsind wir bereit, ihn zu entschuldigen &#8211; teils weil wir ihn bedauern &#8211;<br \/>\ner hatte ja eigentlich nichts aktiv Falsches getan, und au\u00dferdem<br \/>\nist er es, mit dem wir uns meistens identifizieren.<br \/>\nWarum soll er daran leiden, da\u00df er eine vorsichtige Natur ist? Weil<br \/>\neine solche Vorsicht Mangel an Vertrauen ist! Vertrauen auf die Gro\u00dfmut<br \/>\nseines Herrn. Vertrauen darauf, da\u00df der Herr es sich leisten kann<br \/>\nund auch willens ist, seine Investition zu verlieren. Der, der nicht glaubt,<br \/>\nda\u00df sein Herr es sich leisten kann, eine Investition zu verlieren,<br \/>\nmacht seinen Herrn klein.<\/p>\n<p>Auf diese Weise sagt Jesus, da\u00df der Herr Wille ist und da\u00df<br \/>\ner es sich leisten kann. Er hat es sich geleistet, und er will, da\u00df<br \/>\nseine Diener dasselbe tun. Er hat sich dazu entschlossen, da\u00df es<br \/>\nbesser ist, im Spiel des Lebens zu investieren, als gar nicht mitzuspielen;<br \/>\nund er m\u00f6chte nicht, da\u00df seine Diener in seinem Namen vorsichtiger<br \/>\nsind als er selbst, und er will \u00fcberhaupt nicht, da\u00df sie seine<br \/>\nangebliche Kleinlichkeit als Vorwand benutzen. Was er von seinen Dienern<br \/>\nverlangt, ist Wille zum Risiko, denn nur so kann man den Aufgaben des<br \/>\nLebens gerecht werden &#8211; sonst steht das Leben still.<br \/>\nDas ist der wahre Mut: der Mut zu verlieren, der Mut, Schuld auf sich<br \/>\nzu laden, der Mut, wenn man schuldig wird, dann auch schuldig zu sein!<br \/>\nWas dem dritten Diener widerfuhr, war dies: Die Schuld, die er auszugrenzen<br \/>\nsuchte, grenzte ihn aus.<\/p>\n<p>Aber: Wenn du spielst, wirst du schuldig. Niemand kann das Leben leben,<br \/>\nwie es ist, voll von Entscheidungen und M\u00f6glichkeiten und Verlusten,<br \/>\nohne Schuld auf sich zu laden. Das kann man nur, wenn man sich das Leben<br \/>\nvom Leibe h\u00e4lt. Jeder, der lebt und sich einsetzt, wird schuldig.<br \/>\nEs war ein Zufall, da\u00df die beiden ersten Diener nicht alles verloren.<br \/>\nEs ist deshalb nat\u00fcrlich, da\u00df man versucht, die schlimmsten<br \/>\nKonsequenzen der Schuld zu vermeiden. Und wir haben eine lange Tradition<br \/>\ndaf\u00fcr, da\u00df es schwer ist, die Schuld festzuhalten. Da\u00df<br \/>\nman etwas in die Augen sieht, ohne sich dadurch in seinem Handeln l\u00e4hmen<br \/>\nzulassen, das f\u00e4llt uns in unserer Kultur schwer. Es wirkt bequemer,<br \/>\ndas zu \u00fcberspringen und sich in Schuldgef\u00fchlen zu verlieren<br \/>\nAber Schuldgef\u00fchle k\u00f6nnen oft eine Flucht vor dem Festhalten<br \/>\nder Schuld sein. Dann verlegt man das Augenmerk weg von der Tat in das<br \/>\nInnere, das Motiv, das Ich.<br \/>\nAber das dient der Verantwortung nicht. Der Schuld in die Augen zu sehen,<br \/>\nsich zu dem Versagen oder der falschen Entscheidung zu bekennen, die notwendigerweise<br \/>\nzur Lebensgeschichte eines jeden Menschen geh\u00f6ren, ist unheimlich<br \/>\nschwer.<\/p>\n<p>Ein hervorragendes Beispiel sah ich einmal im Fernsehen, eine schwedische<br \/>\nSendung. Gro Harlem Brundtland, fr\u00fcher Ministerpr\u00e4sidentin von<br \/>\nNorwegen, nun in leitender Stellung in der Weltgesundheitsorganisation<br \/>\nWHO, wurde aus Anla\u00df ihrer gerade erschienenen Erinnerungen interviewt.<br \/>\nEin Kapitel ist den Umst\u00e4nden und Gedanken um den Selbstmord ihres<br \/>\nSohnes gewidmet. Er war psychisch krank, und die Frage, ob sie dieses<br \/>\nUngl\u00fcck h\u00e4tte verhindern k\u00f6nnen, kam nicht auf. Aber sie<br \/>\nh\u00e4tte ja auch nicht mehr tun k\u00f6nnen, meinte der Interviewer.<br \/>\nDoch, antwortete sie, das h\u00e4tte ich. Sie h\u00e4tte mehr tun k\u00f6nnen.<br \/>\nSie hatte auf die falschen geh\u00f6rt, auf die, die sie beruhigten, und<br \/>\nwar deren Rat gefolgt. Sie h\u00e4tte mehr mit ihm zussamensein k\u00f6nnen,<br \/>\nsie h\u00e4tte vielleicht auch mehr an Behandlung verlangen k\u00f6nnen<br \/>\nin dem, was ihr richtig erschien. Sie hatte sich zur\u00fcckgehalten,<br \/>\ngerade weil sie sowohl Ministerpr\u00e4sident als auch \u00c4rztin war<br \/>\nund sich nicht in die Arbeit von Kollegen einmischen wollte. Aber es ging<br \/>\nja um ihren Sohn, und den Kampf konnte niemand anderes k\u00e4mpfen, das<br \/>\nwar ihre Verantwortung.<br \/>\nSo wie sie da sa\u00df und redete, war deutlich, da\u00df sie kein Schuldgef\u00fchl<br \/>\nl\u00e4hmte, aber da\u00df sie die Schuld mit sich trug als einen Teil<br \/>\nihrer Geschichte. Und ihre weitere Geschichte war die, da\u00df sie eine<br \/>\nnoch gr\u00f6\u00dfere Aufgabe in der WHO \u00fcbernahm &#8211; f\u00fcr die<br \/>\nKinder der Welt &#8211; zu einem Zeitpunkt, wo sie eigentlich daran gedacht<br \/>\nhatte, Zeit f\u00fcr sich selbst zu gewinnen und die Wunden nach dem Tod<br \/>\ndes Sohnes zu lecken &#8211; also in Pension zu gehen.<br \/>\nNun hatte sie sich daf\u00fcr entschieden, diese Verantwortung zu \u00fcbernehmen,<br \/>\ndie niemand anderes so gut wahrnehmen konnte wie sie, weil sie so viel<br \/>\nEinsicht, so viele Talente mitbrachte.<\/p>\n<p>Und eben dies ist das Schwierige und Herausfordernde, wenn man in der<br \/>\nGeschichte und im Lichte des Christentums steht: Wir haben die volle Verantwortung<br \/>\nund m\u00fcssen die Konsequenzen unser Entscheidungen selbst tragen: das<br \/>\nGericht. Wir k\u00f6nnen keine anderen Instanzen zwischen uns und dem<br \/>\nLeben Gottes einschieben: Keine moralischen Regeln, die zu erf\u00fcllen<br \/>\nsind. Keine Systeme, die den richtigen Weg garantieren. Keine einfachen<br \/>\nL\u00f6sungen und Wege. Keine Tr\u00e4ume, die Entscheidungen auf n\u00e4chste<br \/>\nWoche verschieben zu k\u00f6nnen oder sie von anderen f\u00fcr mich treffen<br \/>\nzu lassen &#8211; h\u00f6heren Personen oder Instanzen, kirchlichen oder weltlichen<br \/>\nAmtspersonen.<\/p>\n<p>Und der Grund daf\u00fcr, da\u00df die volle Entscheidung bei uns liegt,<br \/>\nist der, da\u00df wir dazu befreit sind, die Entscheidungen zu treffen,<br \/>\ndie auf uns zukommen. Wir sollen uns nicht selbst erl\u00f6sen mit den<br \/>\nHandlungen, die wir ausf\u00fchren. Erl\u00f6st sind wir schon, wir haben<br \/>\nM\u00f6glichkeiten erhalten, wir haben mehr Talente erhalten, als wir<br \/>\ngebrauchen k\u00f6nnen. Und deshalb sollen wir uns selbst die Freiheit<br \/>\nnehmen, sie einzusetzen, so da\u00df das Bild, das wir von uns &#8211; und<br \/>\nvon Gott &#8211; abgeben, so gro\u00df wie \u00fcberhaupt m\u00f6glich werden<br \/>\nkann.<br \/>\nWeil wir die Befreiung hinter uns und die Aufgaben vor uns haben, ist<br \/>\nes m\u00f6glich, die Verantwortung zu tragen, die jeder von uns hat. Wir<br \/>\nk\u00f6nnen einander helfen zu sehen, wie sie aussieht, aber Verantwortung<br \/>\ntragen, das k\u00f6nnen nur du und ich.<br \/>\nEin moderner Denker, Levinas, hat sich mit der Frage besch\u00e4ftigt,<br \/>\nwas in besonderem Ma\u00dfe in der Praxis nach unserer Verantwortung<br \/>\nruft. Levinas ist der Auffassung, da\u00df dies der Appell ist, der von<br \/>\ndem Gesicht des anderen Menschen ausgeht. Denn das Besondere an einem<br \/>\nGesicht ist, da\u00df es der Spiegel der Seele ist und deshalb nicht<br \/>\nzur Maske werken kann. Das Gesicht hat keine Au\u00dfenseite. Es dr\u00fcckt<br \/>\ndas aus, wovon das Herz voll ist, selbst bei dem, der gelernt hat, sich<br \/>\nzu beherrschen. Dann dr\u00fcckt es Beherrschung aus.<br \/>\nDeshalb ist es nicht m\u00f6glich, das Gesicht eines anderen Menschen<br \/>\nneutral zu betrachten &#8211; es beeinflu\u00dft immer, ehe wir es bemerken.<\/p>\n<p>Und dieser Ruf ist der Antrieb f\u00fcr unsere Verantwortung und die Entscheidungen,<br \/>\ndie wir treffen. Das Gesicht eines anderen Menschen ist ein so starker<br \/>\nAusdruck f\u00fcr Leben, da\u00df es ein Bild ist f\u00fcr eine Ganzheit,<br \/>\neine gr\u00f6\u00dfere Ganzheit als die, die ich gerade vor Augen habe.<br \/>\nDas Gesicht eines anderen Menschen ist deshalb ein Ruf, \u00fcber sich<br \/>\nselbst hinauszugehen, eine gr\u00f6\u00dfere Welt als meine eigene wahr-<br \/>\nund anzunehmen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrerin Birte Andersen<br \/>\nEmdrupvej 42<br \/>\nDK-2100 K\u00f8benhavn-\u00d8<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 39 18 30 39<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:bia@km.dk\">bia@km.dk<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>9. Sonntag nach Trinitatis | 17. August 2003 | Mt 25,14\u201330 | Birte Andersen | Drei Diener erhalten je ihre Summe. Die zwei investieren sie und machen Profit. Der dritte vergr\u00e4bt sein Geld, aber er liefert es dennoch beim Herrn ab. Trotzdem wird er gescholten und wahrscheinlich aus seinem Dienst entfernt. 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