{"id":9524,"date":"2003-08-07T19:49:55","date_gmt":"2003-08-07T17:49:55","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9524"},"modified":"2025-05-08T14:22:58","modified_gmt":"2025-05-08T12:22:58","slug":"die-chance-mit-seinen-talenten-umgehen-zu-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/die-chance-mit-seinen-talenten-umgehen-zu-lernen\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 25,14\u201330"},"content":{"rendered":"<h3>Die Chance, mit seinen Talenten umgehen zu lernen | 9. Sonntag nach Trinitatis | 17. August 2003 | Matth\u00e4us 25,14\u201330 | Thomas Bautz |<\/h3>\n<p>Will geh\u00f6rt zu einer Clique junger M\u00e4nner, die sich ihr Geld<br \/>\nhart auf dem Bau verdienen. Nach der Arbeit entspannen sie sich in einer<br \/>\nPinte, genie\u00dfen das Bier, Gespr\u00e4che und sind gelegentlich auch<br \/>\nf\u00fcr eine Rauferei zu haben. Besonders Will, er ist deswegen schon<br \/>\n\u00f6fter mit dem Gesetz in Konflikt geraten und sa\u00df schon ein<br \/>\npaar Mal in Untersuchungshaft. Der Richter hat ihn sch\u00e4rfstens ermahnt:<br \/>\nNoch ein Vorfall und er muss einsitzen.<\/p>\n<p>Will [Matt Damon] hat noch einen Job an einer ber\u00fchmten Highschool,<br \/>\naber nicht etwa als wissenschaftlicher Mitarbeiter oder als Bibliothekar.<br \/>\nNein, er ist dort als Reinigungskraft angestellt. Dabei h\u00e4tte er<br \/>\nohne weiteres das Zeug zu wesentlich mehr. Er l\u00f6st n\u00e4mlich in<br \/>\naller Heimlichkeit und Anonymit\u00e4t die kompliziertesten mathematischen<br \/>\nProbleme, die ein Mathematikprofessor auf dem Flur an eine Tafel schreibt:<br \/>\nellenlange Gleichungen und Formeln, von denen er sich durch seine Studenten<br \/>\n(oder einem\/einer unter ihnen) eine L\u00f6sung erhofft. Eine solche Intelligenzbestie<br \/>\nw\u00fcrde er umgehend in besonderer Weise f\u00f6rdern und f\u00fcr einen<br \/>\nAward, einen Preis, vorschlagen.<br \/>\nUnd siehe da: am n\u00e4chsten Tag steht die L\u00f6sung an der Tafel;<br \/>\nder Prof beruft sofort eine Studentenvollversammlung im gr\u00f6\u00dften<br \/>\nLehrsaal ein. Er m\u00f6chte, dass sich derjenige oder diejenige zu erkennen<br \/>\ngibt. Aber er st\u00f6\u00dft auf beharrliches und zudem unschuldiges<br \/>\nSchweigen. Niemand von den Anwesenden hat das mathematische Wunder vollbracht!<\/p>\n<p>Erst sp\u00e4ter wird der Hochbegabte mit Hilfe der Verwaltung identifiziert:<br \/>\nWill l\u00f6st die abstrakten Aufgaben gleichsam en passant, indem er<br \/>\nz.B. w\u00e4hrend seiner Putzarbeiten das Problem notiert und daheim l\u00f6st,<br \/>\num am folgenden Tag bereits den Professor mit der L\u00f6sung zu begl\u00fccken.<br \/>\nDer m\u00f6chte ihn nat\u00fcrlich sofort unter seine Fittiche nehmen;<br \/>\naber da stellt sich ein Riesenproblem: Will ist wieder straff\u00e4llig<br \/>\ngeworden und hatte nun beim Richter ausgespielt. Nur eine einzige, diesmal<br \/>\nallerdings juristische M\u00f6glichkeit wird Will angeboten. Wenn er sich<br \/>\nin ambulante psychiatrische, psychotherapeutische Behandlung begibt und<br \/>\naus dieser als gesellschaftsf\u00e4hig entlassen w\u00fcrde, k\u00e4me<br \/>\ner um eine Haft herum. Aber welcher Psychiater soll den schwierigen jungen<br \/>\nMann behandeln? Will ist n\u00e4mlich nicht einseitig begabt; er ist auch<br \/>\nsehr belesen und versteht unter anderem auch einiges von Literatur und<br \/>\nGeschichte, wenn auch nur theoretisch.<\/p>\n<p>Will l\u00e4\u00dft einige Psychiater und Therapeuten v\u00f6llig auflaufen,<br \/>\nentlarvt sogar deren eigene Schw\u00e4chen, bis er schlie\u00dflich bei<br \/>\neinem Freund des Matheprofessors landet. Die erste Begegnung verl\u00e4uft<br \/>\n\u00e4hnlich wie die mit anderen \u201eSeelendoktoren\u201c; es trifft<br \/>\nden Psychiater [Robin Williams] hart: Will deckt seine Vergangenheit auf,<br \/>\nindem er anhand eines von diesem gemalten Bildes nachweist, dass der Therapeut<br \/>\nden Tod seiner Frau noch nicht verarbeitet hat. Die Behandlung scheint,<br \/>\ngerade erst begonnen, ihr abruptes Ende zu finden.<br \/>\nAber der Psychiater bekommt seine pers\u00f6nliche Krise in der darauffolgenden<br \/>\nNacht in den Griff und bleibt Will gegen\u00fcber hartn\u00e4ckig. Im<br \/>\nLaufe der n\u00e4chsten Sitzungen entwickelt sich ein Vertrauensverh\u00e4ltnis,<br \/>\nhaupts\u00e4chlich durch gegenseitige Offenheit, aber auch durch klare<br \/>\nDirektiven seitens des Therapeuten. Er versucht Will dabei zu helfen,<br \/>\nzu seiner au\u00dfergew\u00f6hnlichen mathematischen Begabung zu stehen<br \/>\nund das beste daraus zu machen. Der befreundete Matheprofessor profitiert<br \/>\nvon diesen Ver\u00e4nderungen und verschafft Will einige Vorstellungstermine<br \/>\nbei sehr guten, lukrativen beruflichen Verwen-dungen, aber Will\u2019s<br \/>\nAuftreten dort ist au\u00dferordentlich arrogant. Er verspielt seine<br \/>\nChancen; er wei\u00df auch noch gar nicht, was er wirklich will.<\/p>\n<p>Inzwischen versuchen auch seine Freunde, ihn zum Umdenken zu bewegen.<br \/>\nSein bester Kumpel aus der Clique sagt ihm eines Tages ins Gesicht: \u201eWill,<br \/>\nich werde Dir die Visage polieren!\u201c \u2013 Will ist nat\u00fcrlich<br \/>\nentsetzt; sein bester Freund &#8230; \u2013 \u201eDoch! Ich sage Dir auch,<br \/>\nwarum. Wei\u00dft Du, wir arbeiten hart; machen uns die Knochen kaputt<br \/>\nauf dem Bau, und das ist in Ordnung so. Denn wir k\u00f6nnen nichts anderes;<br \/>\naber DU hast \u201asechs Richtige\u2019 in der Tasche und machst nichts<br \/>\ndraus! Warum gibst Du Dir nicht ein wenig M\u00fche und ergreifst die<br \/>\nHilfe und die Chance, die man Dir anbietet? Mensch, wenn wir eine solche<br \/>\nBegabung h\u00e4tten &#8230; \u2013 Ich warte seit langem darauf, dass Du<br \/>\nmorgens nicht mehr da bist, wenn ich Dich abholen komme. Dann w\u00fcrde<br \/>\nich n\u00e4mlich sagen: Gut so, Will hat\u2019s kapiert! Und ich w\u00e4re,<br \/>\nwir w\u00e4ren alle verdammt stolz auf Dich.\u201c<br \/>\nParallel dazu geht es auch um seine brachliegende Emotionalit\u00e4t,<br \/>\ndie sich auch im Umgang mit Frauen offenbart. Auch dabei versucht ihm<br \/>\nder Psychiater zu helfen. Will lernt w\u00e4hrend dieser Zeit an der Hochschule<br \/>\neine Studentin kennen, mit der er gut harmoniert, aber dann bekommt er<br \/>\nes mit der Angst zu tun. Ihre Liebe geht ihm zu nah &#8230;<br \/>\nAls sie ihm die Chance eines f\u00fcr sie g\u00fcnstigen Hochschulwechsels,<br \/>\nallerdings in einen anderen Staat, unterbreitet und sich bei dieser Gelegenheit<br \/>\nseiner Liebe vergewissern m\u00f6chte, kneift er; es kommt zum Bruch.<br \/>\nEr verleugnet seine Liebe zu ihr. Auch beruflich kommt er nach wie vor<br \/>\nnicht weiter. Aber pers\u00f6nlich macht er Fortschritte; dank der Offenheit<br \/>\nseines Therapeuten schafft er es, seine miserable Kindheit aufzuarbeiten<br \/>\nund total verdr\u00e4ngte Gef\u00fchle \u2013 auch latente Selbstvorw\u00fcrfe<br \/>\n\u2013 rauszulassen. Am Ende eines therapeutischen Gespr\u00e4ches f\u00e4llt<br \/>\ner dem Psychiater schluchzend in die Arme; dieser nimmt sich seiner v\u00e4terlich<br \/>\nund freundschaftlich, nicht nur fachlich an.<\/p>\n<p>Der Schlu\u00df ist ein Happyend, auch wenn manches f\u00fcr den Zuschauer<br \/>\noffen bleibt: Will k\u00fcndigt die Stelle, die er zu guter Letzt doch<br \/>\nnoch angenommen hatte; er reist seiner Studentin nach, um die Liebe und<br \/>\ndas Leben \u2013 wie es wirklich ist \u2013 kennenzulernen. Ob er auch<br \/>\nnoch studiert, ob er eine andere Stelle annehmen wird, das bleibt offen<br \/>\n&#8230; Er vergisst aber nicht, seinem Arzt und Freund einen Zettel zu hinterlassen:<br \/>\n\u201eIch muss mich um meine Liebe k\u00fcmmern.\u201c (So oder \u00e4hnlich<br \/>\nhei\u00dft es). Auch der Psychiater hat sich ver\u00e4ndert: Er tritt<br \/>\neine l\u00e4ngere Reise an und will ebenfalls etwas Neues wagen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, dieser Film \u201eGOOD WILL HUNTING\u201c (USA 1997)<br \/>\nlief k\u00fcrzlich wieder im Fernsehen; vielleicht haben Sie ihn gesehen.<br \/>\nEr ist wirklich empfehlenswert; eigentlich wie fast alle Filme mit Robin<br \/>\nWilliams. Wahrscheinlich kennen Sie auch den Film \u201eCLUB DER TOTEN<br \/>\nDICHTER\u201c; darin spielt er einen Literaturprofessor, der mit au\u00dfergew\u00f6hnlichen<br \/>\nMethoden versucht, seinen Studenten selbst\u00e4ndiges Denken zu vermitteln<br \/>\nund sie ihre individuellen Gaben\/Begabungen entdecken zu lassen. Einem<br \/>\njungen Mann wird z.B. offenbar, dass er ein enormes schauspielerisches<br \/>\nTalent hat. Doch leider ist sein Vater strikt dagegen; sein Sohn soll<br \/>\neinen \u201evern\u00fcnftigen\u201c (angesehen) Beruf erlernen als Jurist<br \/>\noder Mediziner. Der Student begeht Suizid (Selbstmord), und der Professor<br \/>\nwird von der Hochschule verwiesen. In der Schlu\u00dfszene solidarisieren<br \/>\nsich noch einmal alle seine Studenten mit ihm, indem jeder demonstrativ<br \/>\nauf seinen Tisch steigt, &#8211; in Erinnerung an eine seiner extravaganten,<br \/>\naber stets sinnreichen Lehrmethoden (sie sollten damals ausprobieren,<br \/>\nob sich die Welt aus einer h\u00f6heren Perspektive nicht doch noch anders<br \/>\nwahrnehmen l\u00e4\u00dft).<br \/>\nBeide Filme erz\u00e4hlen von den Schwierigkeiten, sogar von der Tragik<br \/>\nder Selbstfindung. Wie soll ein Mensch seine Gaben, seine Begabungen,<br \/>\nseine Talente entdecken, wenn er nicht fr\u00fch- oder rechtzeitig gef\u00f6rdert<br \/>\nwird? Wenn die Lebensumst\u00e4nde im Elternhaus mehr als ung\u00fcnstig<br \/>\nausfielen, wenn er oder sie niemanden hatte, um die entscheidenden Wege<br \/>\nzu ebnen, Weichen zu stellen und den jungen Menschen zu ermutigen, eigene<br \/>\nWege zu entdecken? Wenn Eltern versuchen, sich in ihren Kindern zu verwirklichen?<br \/>\nVielen ist das gar nicht bewu\u00dft! Wenn eine Familientherapie auf<br \/>\nGrund mangelnden Bewu\u00dftseins, die Probleme betreffend, \u00fcberhaupt<br \/>\nnicht im Blick ist oder eine solche wegen vermeint-lich besseren Wissens<br \/>\nverweigert wird; etwa nach dem Motto: Psychiater und Psycho-logen sind<br \/>\ndoch selbst gest\u00f6rt. (Das ist noch milde ausgedr\u00fcckt &#8230;!)<\/p>\n<p>Manche Talente liegen aber auch brach, weil die Betroffenen Minderwertigkeitskomplexe<br \/>\noder auch Versagens\u00e4ngste entwickelt haben. Andere leiden unter schrecklichen<br \/>\nDepressi-onen. Oft kommen alle bisher erw\u00e4hnten Faktoren zusammen.<br \/>\nDann wird es selbst f\u00fcr einen Facharzt schwierig, dem paradoxerweise<br \/>\nmit oder gar unter seinen Talenten Leidenden wirklich zu helfen. Die Behandlung<br \/>\nkann sich \u00fcber Jahre erstrecken; eine Unterbrechung \u2013 kein<br \/>\nAbbruch \u2013 ist manchmal hilfreich.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nes geht hier keineswegs einseitig um hochbegabte Menschen; vielmehr sind<br \/>\nwir alle ange-sprochen, denn jeder von uns hat Gaben und F\u00e4higkeiten,<br \/>\ndie er f\u00fcr sich und f\u00fcr die Ge-meinschaft einbringen oder aber<br \/>\nauch \u201evergraben\u201c, verbergen kann.<br \/>\nDer Nazarener hatte offenbar ein besonderes Gesp\u00fcr daf\u00fcr, in<br \/>\nden Menschen, auf die er damals in Israel stie\u00df, ihre Gaben und<br \/>\nBegabungen anzusprechen. Er ermutigte, ermahnte und provozierte; aber<br \/>\nin allem diente er den Menschen. Er selbst wird \u00fcbrigens von einer<br \/>\nTiefenpsychologin [Hanna Wolff] als eine der ges\u00fcndesten und st\u00e4rksten<br \/>\nPers\u00f6nlichkeiten bezeichnet; sie hat sich intensiv mit der Gestalt<br \/>\ndes Jesus von Nazareth besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Wahrlich, von diesem Jesus, auch wenn er uns nur noch in den Erz\u00e4hlungen<br \/>\nder Evangelien begegnet, lie\u00dfe sich vieles lernen: P\u00e4dagogisches<br \/>\nund Psychologisches. Ich halte das f\u00fcr wichtiger als irgendeine \u201eGotteslehre\u201c.<br \/>\nJesus war kein Theologe!<br \/>\nEin guter P\u00e4dagoge und Psychologe redet anschaulich; genau das vermochte<br \/>\nder Nazarener: Er vermittelte Gleichnisse, Beispielerz\u00e4hlungen oder<br \/>\nsprach in Bildworten. In der Theologie, Germanistik und Literaturwissenschaft<br \/>\nhat sich ein eigener Forschungs-zweig darum gebildet.<\/p>\n<p>Vergangenen Sonntag h\u00f6rten Sie einiges \u00fcber das Bildwort: \u201eIhr<br \/>\nseid das Salz der Erde.\u201c Heute vernahmen Sie ein Gleichnis, gleichzeitig<br \/>\nauch Evangelium des Sonntags. Die Filmerz\u00e4hlung hat \u2013 freilich<br \/>\nin einer ganz anderen Sprache \u2013 vieles aus diesem \u201aGleichnis<br \/>\nvon den Talenten\u2019 bereits angesprochen. Falls Sie das nicht so empfinden,<br \/>\nbitte ich Sie, sich daheim einmal den Film (als Videoausgabe) anzuschauen<br \/>\nund dann auch das Gleichnis selbst noch einmal nachzulesen (Mt 25, 14-30).<br \/>\nIch bin mit Ihnen gespannt, was dabei herauskommt.<br \/>\nWenden wir uns nun einem Aspekt des Gleichnisses zu, der vielleicht am<br \/>\nmeisten Kopf-zerbrechen bereitet: Warum vergr\u00e4bt jemand sein Talent<br \/>\nund macht sp\u00e4ter noch dem, der ihm nur Gutes will, noch Vorw\u00fcrfe?<br \/>\nIn einer Meditation zu diesem Gleichnis meint Eugen Drewermann, dass hier<br \/>\nkeineswegs einseitig die Faulheit oder Tr\u00e4gheit dessen angesprochen<br \/>\nwird, der das eine Talent, was er erhalten hat, vergr\u00e4bt und sich<br \/>\nsp\u00e4ter mit fadenscheinigen Argumenten aus der Aff\u00e4re ziehen<br \/>\nwill. Vielmehr ist er zum einen neidisch auf die anderen, die mehr bekommen<br \/>\nhaben (zehn und f\u00fcnf Talente), und zum anderen ist er voller Angst,<br \/>\nim Konkurrenzkampf unterzugehen und zu versagen. Deshalb entwickelt er<br \/>\nsich zu einer Totalverweigerung und w\u00e4hlt den Weg der vermeintlichen<br \/>\nSicherheit, und die bestand damals im Vergraben des anvertrauten Gutes.<br \/>\nDass er sich damit v\u00f6llig der M\u00f6glichkeit beraubt, etwas aus<br \/>\nseinem Leben zu machen, dass ihn die Angst, der Neid und der immer st\u00e4rker<br \/>\nwerdende Ha\u00df und die Wut auf die anderen, die sich am Ende sogar<br \/>\nauf den Geber erstreckt, an einem von Gott gewollten, erf\u00fcllten Leben<br \/>\nhindert, &#8211; das alles hat er nicht im Blick.<br \/>\nDas Gleichnis k\u00f6nnte uns die Augen \u00f6ffnen f\u00fcr eine Lebensart,<br \/>\nin der wir frei werden vom st\u00e4ndigen Vergleich mit den materiellen<br \/>\nund ideellen oder geistigen Gaben der anderen. Wer es h\u00f6ren und sein<br \/>\nLeben danach (um)gestalten kann, dem werden die eigenen F\u00e4hig-keiten<br \/>\nzunehmend liebenswert und sinnvoll erscheinen. Wir d\u00fcrfen und sollen<br \/>\nunsere Be-gabungen einbringen und auf diese Weise zufrieden werden \u2013<br \/>\nmit uns und unseren Mitmenschen: in der Familie, im Freundeskreis, am<br \/>\nArbeitsplatz, in der Nachbarschaft, auch in der Gemeinde.<\/p>\n<p>Aber \u2013 wie die Filmerz\u00e4hlung verdeutlicht hat \u2013 nicht<br \/>\njeder Mensch hat von Anfang an die notwendigen Voraussetzungen, seine<br \/>\nGaben \u00fcberhaupt zu entdecken oder zu entwickeln. Davon haben wir<br \/>\ngesprochen. Vielleicht d\u00fcrfen wir einem oder sogar einigen Menschen<br \/>\ndabei helfen, ihre brachliegenden oder \u00e4ngstlich und verkrampft todgeschwiegenen<br \/>\nGaben ans Licht zu bringen. Denn niemand soll sein \u201eLicht unter<br \/>\nden Scheffel stellen\u201c.<br \/>\nWarum sollte es Menschen, die gro\u00dftuerisch auftreten, mit ihren<br \/>\nF\u00e4higkeiten prahlen und andere gern niederhalten, vorbehalten bleiben,<br \/>\nmit ihren Begabungen und Leistungen zu gl\u00e4nzen? Interessanter- und<br \/>\ngerechterweise sind diese normalerweise gar nicht so beliebt, wie es f\u00fcr<br \/>\nsie selbst den Anschein hat.<br \/>\nAber wie begl\u00fcckend ist es doch, wenn wir einen Menschen dazu ermutigen<br \/>\nkonnten, sich mit seinen ganz individuellen F\u00e4higkeiten einzubringen,<br \/>\nwenn wir ihn daf\u00fcr loben und wir durch die bei ihm freigesetzte Freude<br \/>\nund wieder erwachte Lebensenergie beschenkt werden. Alles Wesentliche<br \/>\nund wirklich Wichtige im Leben ist ein Geschenk. Im Grunde k\u00f6nnen<br \/>\nwir einander immer wieder \u201enur\u201c beschenken. Wir haben \u2013<br \/>\nrecht verstanden \u2013 nichts davon in die Welt gebracht, und wir werden<br \/>\nauch nichts davon in die andere Dimension mitnehmen k\u00f6nnen. Aber<br \/>\ndas Beschenkt- und wohl auch Besch\u00e4mtwerden durch die unendliche<br \/>\nG\u00fcte und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit des Gebers wird nicht aufh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Deshalb ist es wichtig, in diesem Leben alles zu geben, alles einzusetzen,<br \/>\nwas uns anver-traut und geschenkt wurde bzw. noch geschenkt und anvertraut<br \/>\nwerden wird. Nicht nur unsere Begabungen, sondern auch Menschen, denen<br \/>\ngegen\u00fcber wir eine naturgem\u00e4\u00dfe und\/oder rechtliche Verpflichtung<br \/>\nhaben: Eltern und Gro\u00dfeltern, Kinder und Enkel, Paten-kinder, Ehepartner<br \/>\nund Lebensgef\u00e4hrten, Vorgesetzte und Mitarbeiter u.v.a.<br \/>\nJe mehr wir uns selbst werden annehmen k\u00f6nnen, desto phantasievoller<br \/>\nwird sich unser Verantwortungsbereich automatisch \u2013 wie von selbst<br \/>\n\u2013 erweitern. Wir beginnen, unsere Gaben auch im Rahmen moralischer<br \/>\nVerpflichtungen oder im Sinne ethischer \u00dcberzeugungen einzusetzen:<br \/>\nz.B. k\u00f6nnten wir uns im Bereich des Umweltschutzes engagieren, oder<br \/>\nwir k\u00f6nnten einer Initiative, Hilfsorganisation oder Selbsthilfegruppe<br \/>\nbeitreten, um deren Arbeit zu f\u00f6rdern. Vielleicht bekommen wir einen<br \/>\nBlick f\u00fcr Hilfs-bed\u00fcrftige in der Nachbarschaft oder in der<br \/>\nGemeinde.<br \/>\nWer auf diese beschriebene Weise seine Gaben entdeckt, wird sie mit Freuden<br \/>\nausleben, sofern man ihn l\u00e4\u00dft \u2013 das mu\u00df leider<br \/>\nstets dazugesagt werden; ansonsten w\u00fcrden wir die Realit\u00e4t ausblenden.<br \/>\nKinder z.B. sind normalerweise mit schier unb\u00e4ndigem Eifer, voller<br \/>\nEntdeckerfreude, Neugier und Selbstvergessenheit bei der Sache, wenn sie<br \/>\nspielen oder sich mit etwas besch\u00e4ftigen, das sie interessiert und<br \/>\npositiv vereinnahmt.<br \/>\nInsofern brauchen wir wieder ein kindliches Vertrauen, eine unschuldige<br \/>\nNaivit\u00e4t, die uns dazu befreit, ganz nat\u00fcrlich all das auszuleben,<br \/>\nwas uns geschenkt ist und den Begabungen frei und mit Freuden zu entsprechen,<br \/>\ndie uns anvertraut, geliehen oder sogar geschenkt sind.<br \/>\nAMEN.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Thomas Bautz <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Chance, mit seinen Talenten umgehen zu lernen | 9. 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