{"id":9526,"date":"2003-08-07T19:49:53","date_gmt":"2003-08-07T17:49:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9526"},"modified":"2025-05-08T14:26:50","modified_gmt":"2025-05-08T12:26:50","slug":"lukas-1941-48","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1941-48\/","title":{"rendered":"Lukas 19,41-48"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">10. Sonntag nach Trinitatis | 24. August 2003 | Lukas 19,41-48 | Christian-Erdmann Schott |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>der 10. Sonntag nach Trinitatis wird traditionell Israelsonntag genannt. Wir denken daran, dass die Wurzeln des Christentums in Israel liegen, dass Jesus und seine J\u00fcnger zum Volk Israel geh\u00f6rten und dass wir das Alte Testament dem alten Gottesvolk verdanken. In \u00e4lteren Kirchenordnungen hie\u00df dieser Sonntag auch \u201eGedenktag an die Zerst\u00f6rung von Jerusalem\u201c. Diesem Thema ist unser heutiger Predigttext zuzuordnen. Er zeigt, dass Jesus die Zerst\u00f6rung der Stadt und des Tempels von Jerusalem im Voraus bef\u00fcrchtet hat. Sie ist dann in den Jahren 70\/71 auch tats\u00e4chlich eingetreten. Als der Evangelist Lukas sein Evangelium schrieb, lag die Zerst\u00f6rung etwa 10 Jahre zur\u00fcck. Man nimmt an, dass er sein Evangelium um das Jahr 80 nach Christus geschrieben hat.<br \/>\nUnser Predigtabschnitt zeigt Jerusalem noch in seiner ganzen Sch\u00f6nheit und \u00e4u\u00dferlich unbesch\u00e4digt. Ich lese:<\/p>\n<p><em>Und als Jesus nahe an Jerusalem hinzukam, sah er die Stadt an und weinte \u00fcber sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zu deinem Frieden dient! Aber nun ist`s vor deinen Augen verborgen. Denn es werden \u00fcber dich die Tage kommen, dass deine Feinde werden um dich und deine Kinder einen Wall aufwerfen, dich belagern und an allen Orten \u00e4ngstigen; und werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen, darum dass du nicht erkannt hast, die Zeit, darin du heimgesucht bist.<br \/>\nUnd er ging in den Tempel und fing an auszutreiben, die da verkauften, und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jes. 56,7): \u201eMein Haus soll ein Bethaus sein\u201c; ihr aber habt`s gemacht zur R\u00e4uberh\u00f6hle. Und er lehrte t\u00e4glich im Tempel. Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Vornehmsten im Volk trachteten danach, dass sie ihn umbr\u00e4chten., und fanden nicht, wie sie es machen sollten; denn alles Volk hing ihm an und h\u00f6rte ihn.<\/em><\/p>\n<p>Der Evangelist beschreibt die Belagerung und den Untergang Jerusalems nach dem tats\u00e4chlichen Verlauf. Er macht es kurz. Hinter seinen wenigen Stichworten verbirgt sich namenloses Leid. Wir wissen das, weil ein zeitgen\u00f6ssischer j\u00fcdischer Schriftsteller diese Eroberung ausf\u00fchrlich beschrieben hat. Josephus Flavius (37\/38-etwa 100 nach Christus) hatte zun\u00e4chst gegen die R\u00f6mer gek\u00e4mpft, ist dann aber auf ihre Seite getreten und hat im R\u00fcckblick sein Buch De bello judaico \u2013 \u201e\u00dcber den j\u00fcdischen Krieg\u201c verfasst. Bei ihm hei\u00dft es: \u201eAlles Elend, welches je ein Volk befallen hat seit Anbeginn der Welt, war gering im Vergleich mit den Juden! &#8230;.In vielen H\u00e4usern lagen die Toten bis unter das Dach, die Kan\u00e4le waren mit Leichnamen verstopft und die B\u00e4ume der Umgebung mit gekreuzigten Juden bedeckt. 6000 Menschen wurden im Tempel verbrannt. 100 000 wurden gefangen nach Rom verschleppt und die Stadt Jerusalem mit ihren herrlichen Pal\u00e4sten dem Erdboden gleichgemacht\u201c.<\/p>\n<p>Vom Tempel ist lediglich eine Mauer \u00fcbrig geblieben. Sie steht heute noch und ist weltweit als \u201eKlagemauer\u201c bekannt, die wichtigste Gebetsst\u00e4tte des Judentums. Das Volk Israel ist damals in alle Winder zerstreut worden und hatte bis 1947 keine eigene Heimst\u00e4tte auf dieser Erde.<br \/>\nF\u00fcr uns heute ist es leicht m\u00f6glich, diese Katastrophe als Ereignis einer fernen Vergangenheit einigerma\u00dfen unger\u00fchrt zur Kenntnis zu nehmen. Auf diese Weise werden wir aus der Geschichte allerdings kaum etwas lernen. Erst wenn wir fragen: Warum ist es zu dieser Katastrophe gekommen? beginnt die Geschichte lebendig zu werden. Schon Josephus hat sich diese Frage gestellt. Seine Antwort: Die Juden haben den Aufstand gegen die r\u00f6mische Besatzungsmacht verloren, weil sie unter sich zerstritten waren und weil sie gegen die milit\u00e4rische \u00dcbermacht und technische Perfektion der R\u00f6mer nicht ankamen.<\/p>\n<p>Die Christen haben die Frage theologisch beantwortet. Sie haben sich an die Tr\u00e4nen und an den Zorn Jesu \u2013 unser Predigttext \u2013 erinnert, die zeigen, dass er die Katastrophe kommen sah, aber in letzter Minute noch zu verhindern gehofft hatte, &#8211; durch seine Tr\u00e4nen und durch den zornigen Rauswurf der H\u00e4ndler aus dem Vorhof des Tempels. Die Tr\u00e4nen Jesu galten seinem geliebten Jerusalem, dessen Oberschicht sich gegen ihn verschlie\u00dft und nicht erkennen kann oder will, dass Gott diesem seinem auserw\u00e4hlten Volk in der Sendung und Botschaft Jesu von Nazareth ein neues Angebot macht. Sein Zorn kam ebenfalls aus der Liebe, aus der Liebe zum Tempel und zum Gottesdienst, und galt dem ver\u00e4u\u00dferlichten, kommerzialisierten Betrieb, der sich in seinen Vorh\u00f6fen abspielte. Diese armselige, gesch\u00e4ftige Geistlosigkeit, die sich da breit machte, zeigte schlaglichtartig, wie weit sich diese Gesellschaft von ihrer Mitte, von Gott, vom H\u00f6ren auf sein Wort und vom Gebet entfernt hat \u2013 ohne es zu merken. Beides, die Tr\u00e4nen Jesu und der Zorn Jesu, sind traurig, sehr ungl\u00fccklich, aber sie sind nicht ohne Hoffnung. Durch seine Tr\u00e4nen und durch seinen Zorn hoffte Jesus noch immer, wider den Augenschein, die Katastrophe aufhalten zu k\u00f6nnen. Es ist ihm nicht gelungen. In den Jahren 70\/71 bricht das Gericht Gottes \u00fcber Jerusalem herein.<\/p>\n<p>Wenn die christliche Kirche sp\u00e4ter den \u201eGedenktag an die Zerst\u00f6rung Jerusalems\u201c eingerichtet hat, hat sie \u00fcber dieses Ereignis hinaus an eine Seite im Wesen Gottes erinnern wollen, die wir gern \u00fcbersehen. Wir sprechen gern vom \u201elieben Gott\u201c und meinen damit den liebevollen Vater, mitunter wohl aber auch den Kuschelgott, der wie ein zahnloser Gro\u00dfvater seine Enkel gew\u00e4hren l\u00e4sst und sie dar\u00fcber hinaus auch noch mit S\u00fc\u00dfigkeiten verw\u00f6hnt. Das ist ein falsches Gottesbild; falsch, weil es vor der Geschichte nicht bestehen kann. Martin Luther hat recht, wenn er uns r\u00e4t \u201eWir sollen Gott \u00fcber alle Dinge f\u00fcrchten, lieben und vertrauen\u201c. F\u00fcrchten werden wir ihn, wenn wir uns klar machen, dass Gott nicht allein der Vater, sondern auch der Richter der Menschen und der V\u00f6lker ist; und zwar ein Richter, der hart zuschlagen kann.<br \/>\nDie \u00c4lteren haben es als Kinder miterlebt, wie solche Katastrophen sein k\u00f6nnen. Die Zerbombungen unserer Gro\u00dfst\u00e4dte, die Vertreibungen aus Schlesien, Pommern, Ostpreu\u00dfen und den anderen deutschen Ostgebieten haben uns gezeigt, dass Gott sich nicht spotten l\u00e4sst und die Verbrechen, die im deutschen Namen an den Juden und an anderen V\u00f6lkern begangen worden sind, auf die Urheber zur\u00fcckfallen l\u00e4sst. Das gilt, auch, wenn wir es heute nicht gern h\u00f6ren und am liebsten vergessen wollen.<br \/>\nDas immer wieder wunderbar Erstaunliche ist, dass Gottes Gerichte nicht auf Vernichtung oder Ausl\u00f6schung angelegt sind. Die Juden haben die Katastrophe von 70\/71 bis heute \u00fcberlebt. Es gibt sie weiterhin. Und wir Deutschen haben die Katastrophe von 1945 auch \u00fcberlebt. Der Richter will, das wird in beiden F\u00e4llen deutlich, nicht den Untergang des S\u00fcnders, sondern dass er sich bekehre und lebe. In diesem Sinne steckt hinter dem harten Nein, das gro\u00dfe einladende Ja Gottes. Beides ist dann richtig aufgenommen, wenn es zur Demut, zur Bu\u00dfe und zur Dankbarkeit f\u00fchrt.<\/p>\n<p>V\u00f6llig unangemessen w\u00e4re der \u201eGedenktag an die Zerst\u00f6rung Jerusalems\u201c begangen, wenn wir in der Katastrophe der Jahre 70\/71 eine Best\u00e4tigung der Verworfenheit Israels und umgekehrt der Vortrefflichkeit der Christen sehen w\u00fcrden. Solche Deutungen hat es im Lauf der christlichen Kirchengeschichte leider auch gegeben, mit verheerenden Konsequenzen. Solche Deutungen waren nicht dem\u00fctig. Dem\u00fctig und angemessen im Sinne Jesu Christi ist es, wenn wir uns durch das Beispiel Israels warnen lassen und auch durch dieses weit zur\u00fcckliegende Ereignis lernen, Gott ernst zu nehmen \u2013 eben weil er es mit uns ernst meint. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer em. Dr. Christian-Erdmann Schott<br \/>\nElsa-Braendstroem-Str. 21<br \/>\n55124 Mainz-Gonsenheim<br \/>\nTel.: 06131\/690488<br \/>\nFAX 06131\/686319<br \/>\n<a href=\"mailto:ce.schott@surfeu.de\">ce.schott@surfeu.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10. Sonntag nach Trinitatis | 24. August 2003 | Lukas 19,41-48 | Christian-Erdmann Schott | Liebe Gemeinde, der 10. Sonntag nach Trinitatis wird traditionell Israelsonntag genannt. 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