{"id":9527,"date":"2003-08-07T19:49:46","date_gmt":"2003-08-07T17:49:46","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9527"},"modified":"2025-05-08T14:29:59","modified_gmt":"2025-05-08T12:29:59","slug":"lukas-1941-48-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1941-48-2\/","title":{"rendered":"Lukas 19,41-48"},"content":{"rendered":"<h3>10. Sonntag nach Trinitatis | 24. August 2003 | Lk 19,41\u201348 | Rainer Stahl |<\/h3>\n<p>Liebe Leserin, lieber Leser,<br \/>\nliebe Schwester, lieber Bruder,<\/p>\n<p>Muki Betser beschlie\u00dft sein Buch \u00fcber wichtige Erinnerungen<br \/>\nseines Lebens &#8211; \u201eSoldat in geheimem Auftrag. Israels f\u00fchrender<br \/>\nAntiterror-Spezialist berichtet \u00fcber seine spektakul\u00e4rsten<br \/>\nEins\u00e4tze\u201c &#8211; mit einem Blick vom Berg Nebo in Jordanien nach<br \/>\nWesten hin\u00fcber bis Jerusalem:<\/p>\n<p>\u201eEs ist wirklich das Herz des Landes Israel &#8211; aber es ist nicht<br \/>\nder Staat Israel&#8230;<br \/>\nIn dieser neuen Welt ist es undenkbar, da\u00df ein Volk ein anderes<br \/>\ngegen dessen Willen beherrscht. So wie wir Frieden mit \u00c4gypten geschlossen<br \/>\nhaben, indem wir den Sinai zur\u00fcckgaben, und so wie der Frieden mit<br \/>\nSyrien, der, w\u00e4hrend ich dieses Buch schreibe, in greifbare N\u00e4he<br \/>\nr\u00fcckt, darauf basieren wird, da\u00df wir die Golanh\u00f6hen gegen<br \/>\nden Frieden eintauschen, wird und mu\u00df dieses Land, das ich vom<br \/>\nGipfel des Berges Nebo aus sehen konnte, eines Tages den Pal\u00e4stinensern<br \/>\ngeh\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>Hier spricht ein Offizier Israels, dessen spektakul\u00e4rster Einsatz<br \/>\nwohl der der Befreiung der israelischen Geiseln auf dem Flughafen von<br \/>\nEntebbe in Uganda im Sommer 1976 war. Er hat sein Leben f\u00fcr seine<br \/>\nLandsleute eingesetzt und auch das Lebensrecht der Pal\u00e4stinenser<br \/>\nnicht aus den Augen verloren.<\/p>\n<p>Mit diesem Zitat m\u00f6chte ich einen Zusammenhang deutlich machen,<br \/>\nder f\u00fcr unser Nachdenken am heutigen \u201eIsrael-Sonntag\u201c ganz<br \/>\nentscheidend ist: Eine Aussage, eine Behauptung, eine Forderung steht<br \/>\nimmer im Zusammenhang mit demjenigen, der sie trifft, der sie aufstellt.<br \/>\nSie kann nie losgel\u00f6st von der Person gewertet werden, die sie spricht.<br \/>\nUnd: die Beziehungen sind entscheidend, in denen eine solche Person steht<br \/>\n&#8211; ihr eigenes Herkommen, ihre Lebensentscheidungen, ihre Treue, ihre<br \/>\nWandlungen. Ohne all das zu ber\u00fccksichtigen, verstehen wir Aussagen<br \/>\nnicht, stimmen Behauptungen nicht, werden Forderungen mi\u00dfverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Uns ist schlagartig bewu\u00dft, wie wichtig es ist, da\u00df der<br \/>\nIsraeli Muki Betser das Recht der Pal\u00e4stinenser auf ihr Land anerkennt.<br \/>\nGenauso w\u00e4re es wichtig, da\u00df Juden, die Christen geworden<br \/>\nsind, das Verh\u00e4ltnis von Kirche und Judentum bestimmen. Ich, als<br \/>\nNichtjude, als Deutscher, stehe da von meinem Herkommen her gesehen,<br \/>\ndrau\u00dfen. Ich bin ja erst dadurch, da\u00df ich Christ geworden<br \/>\nbin, in eine Beziehung zum Judentum geraten. Ich habe keine Beziehung<br \/>\nzum Judentum unabh\u00e4ngig davon, da\u00df ich Christ bin.<\/p>\n<p>Fragen Sie sich bitte jetzt, wie es Ihnen geht. Bestimmen Sie Ihren<br \/>\neigenen \u201eOrt\u201c. Vielleicht sind Sie in derselben Lage wie<br \/>\nich: Schon lange Christ und dadurch auch in einer Beziehung zum Judentum<br \/>\n(wie das zugeht, dar\u00fcber m\u00fcssen wir noch gleich nachdenken).<br \/>\nVielleicht sind Sie auf dem Wege zum christlichen Glauben, durchaus interessiert,<br \/>\naber noch zur\u00fcckhaltend. Dann sind Sie auch zugleich &#8211; ob Sie das<br \/>\nwollen oder nicht! &#8211; auf dem Wege hin zu einer bestimmten Beziehung zum<br \/>\nJudentum. Vielleicht sind Sie Jude und lesen aus Interesse am Christentum<br \/>\ndiese Predigt. Dann gibt es f\u00fcr Sie auch eine Br\u00fccke hin zu<br \/>\nuns Christen: Es ist dieselbe, die sich f\u00fcr uns zu Ihnen hin ergibt<br \/>\n&#8211; n\u00e4mlich Jesus aus Nazaret. Vielleicht sind Sie Christ und waren<br \/>\nfr\u00fcher Jude. Dann sind Sie in derselben Situation wie die meisten<br \/>\nersten Christen.<\/p>\n<p>Gerade aber vom Verfasser des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte<br \/>\nmeint die neutestamentliche Forschung erarbeitet zu haben, da\u00df er<br \/>\nnichtj\u00fcdischer Christ war: Gewi\u00df m\u00fcssen wir uns vorstellen,<br \/>\nda\u00df er vor der Begegnung mit dem Glauben an Christus schon l\u00e4nger<br \/>\nzum Kreis derer geh\u00f6rte, die am Judentum interessiert waren, zu<br \/>\nden sogenannten \u201eGottesf\u00fcrchtigen\u201c. Er selbst f\u00fchrt<br \/>\nja als erste Christin in Europa eine solche \u201eGottesf\u00fcrchtige\u201c vor,<br \/>\ndie Lydia in Thyatira (Apostelgeschichte 16). Die christliche Verk\u00fcndigung<br \/>\nbegann immer im Umkreis der Synagogen und wurde dort auch sogleich von<br \/>\ndenjenigen geh\u00f6rt und aufgenommen, die sich f\u00fcr das Judentum<br \/>\ninteressierten. So ein Mensch war wohl Lukas. Und er hat vor dem Hintergrund<br \/>\nall dessen, was er vom Judentum schon wu\u00dfte, dann den Glauben an<br \/>\nden Jesus aus Nazaret, den Christus, angenommen. Und diesen Glauben verk\u00fcndigt<br \/>\ner mit seinem gro\u00dfen Werk.<\/p>\n<p>Alle anderen neutestamentlichen Verfasser waren aber gewi\u00df urspr\u00fcnglich<br \/>\nJuden &#8211; Markus, Matth\u00e4us, Paulus, Johannes! Sie lebten in der j\u00fcdischen<br \/>\nReligion. Und sie sind den Weg gef\u00fchrt worden dahin, Christen zu<br \/>\nwerden. Das ist ein legitimer Weg. Das d\u00fcrfen Juden auch heute.<br \/>\nMenschlich gesagt: In voller eigener Freiheit d\u00fcrfen sie den Weg<br \/>\ngehen hin zum christlichen Glauben. Und wir anderen werden anerkennen,<br \/>\nda\u00df diejenigen, die sich auf diesen Weg begeben haben, zum Ziel<br \/>\ngekommen sind, wenn sie einer unserer Kirchen beigetreten sind oder wenn<br \/>\nsie messianische Juden geworden sind. Auch diese &#8211; die messianischen<br \/>\nJuden &#8211; geh\u00f6ren f\u00fcr mich zur \u201ekatholischen\u201c, zur<br \/>\nallgemeinen Kirche.<\/p>\n<p>Sie merken &#8211; liebe Leserin, lieber Leser, liebe Schwester, lieber Bruder<br \/>\n-, da\u00df sich einem ernsthaften und offenen Nachdenken eine gro\u00dfe<br \/>\nVielfalt und Freiheit auftut. Da bin ich mit meiner letzten Bemerkung<br \/>\ngewi\u00df auch \u00fcber die Grenzen hinausgegangen, die die Bekenntnisschriften<br \/>\nder Kirche abstecken, der ich angeh\u00f6re. So wichtig solche Grenzen,<br \/>\nsolche Eindeutigkeiten sind: Heute geht es um die gro\u00dfen Dimensionen<br \/>\nund Beziehungen, in denen unser Glaube steht:<\/p>\n<p>Erz\u00e4hltraditionen im Alten und Neuen Testament machen mir Mut,<br \/>\ndas Bild von einer Familie zu w\u00e4hlen. Gott ist Vater und Mutter.<br \/>\nEr hat Kinder.<\/p>\n<p>Seine \u00e4lteren S\u00f6hne und T\u00f6chter sind die Glieder der<br \/>\nj\u00fcdischen Gemeinschaft. Gott l\u00e4\u00dft diesen Kindern die<br \/>\nFreiheit, von ihm wegzulaufen oder ihm treu zu bleiben. Er gibt ihnen<br \/>\ndie Freiheit, wieder zur\u00fcckzukehren. Er sorgt sich besonders um<br \/>\ndiejenigen, die scheinbar immer dem Glauben treu geblieben waren, tats\u00e4chlich<br \/>\naber die Verbindung zu ihm verloren haben. Jesus selbst hat diese Tragik<br \/>\nin seiner gro\u00dfartigen Geschichte von den beiden S\u00f6hnen, die<br \/>\nbeide in die Gefahr geraten, verloren zu gehen, zum Ausdruck gebracht<br \/>\n(Lukas 15).<\/p>\n<p>Gottes j\u00fcngere S\u00f6hne und T\u00f6chter sind diejenigen, die<br \/>\nvon anderen V\u00f6lkern hinfinden zum Glauben an ihn. Im geistlichen<br \/>\nHerzen des Judentums gibt es die Hoffnung darauf, da\u00df viele Menschen<br \/>\nzu diesem Ziel gelangen werden (Jesaja 2). Die \u201eGottesf\u00fcrchtigen\u201c am<br \/>\nRande der Synagogen in neutestamentlicher Zeit waren solche Menschen.<br \/>\nEs gibt den Weg f\u00fcr die Nichtjuden &#8211; von mir aus gesagt: f\u00fcr<br \/>\nuns Nichtjuden &#8211; hin zum Heil, hin zum Leben &#8211; indem sie n\u00e4mlich<br \/>\nJuden werden.<\/p>\n<p>Dann aber gibt es noch eine Gruppe j\u00fcngerer S\u00f6hne und T\u00f6chter.<br \/>\nDas sind all diejenigen, die dem Juden Jesus vertrauen, die Jesus \u201eanh\u00e4ngen\u201c, \u201esich<br \/>\nan ihn anklammern\u201c &#8211; wie es Lukas am Ende unseres Textes sagt.<br \/>\nSo, wie er selbst sich angeklammert hat, sich angeh\u00e4ngt hat an diesen<br \/>\nJesus, weil er nur in ihm das Leben finden konnte.<\/p>\n<p>Hier m\u00fcssen wir in unserem Nachdenken &#8211; liebe Schwester, lieber<br \/>\nBruder &#8211; kurz innehalten. Ich bin der festen \u00dcberzeugung, da\u00df hier<br \/>\ndas Problem liegt, da\u00df hier die eigentliche Herausforderung sich<br \/>\nauftut:<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte jetzt ganz von mir reden. Bitte tragen Sie sich im Sinne<br \/>\nIhrer eigenen Situation mit ein, oder bestimmen Sie sich eigenst\u00e4ndig.<br \/>\nIch komme zu Gott in eine Beziehung, weil ich auf Jesus aus Nazaret vertraue,<br \/>\nweil f\u00fcr mich dieser Jesus das Leben ist, den Zugang zu Gott und<br \/>\nallen seinen Verhei\u00dfungen er\u00f6ffnet, weil er &#8211; traditionell<br \/>\ngesprochen &#8211; \u201eder Christus\u201c ist, \u201eder Messias\u201c ist.<\/p>\n<p>Und nur dadurch komme ich auch in eine Beziehung zum Judentum, denn<br \/>\nJesus war Jude, denn \u00fcber ihn kann ich eintreten in den Reichtum<br \/>\ndieser gro\u00dfartigen Gottesbeziehung.<\/p>\n<p>Aber gerade dieser Jesus ist es auch, der mich vom Judentum trennt.<br \/>\nNicht, weil er Jude war &#8211; das wird auch von meinen j\u00fcdischen Mitmenschen<br \/>\nanerkannt. Nicht, weil er Rabbi gewesen ist &#8211; auch das wird von meinen<br \/>\nj\u00fcdischen Mitmenschen anerkannt und geachtet. Aber die Trennung<br \/>\nergibt sich, weil ich ihn f\u00fcr \u201eden Christus\u201c halte,<br \/>\nden eigentlichen und wahren Geber des Lebens. Das lehnen &#8211; f\u00fcr mich<br \/>\nschmerzlich &#8211; meine j\u00fcdischen Mitmenschen ab.<\/p>\n<p>Jedoch, ich kann den Anspruch, den ich mit Jesus verbinde, nicht aufgeben.<br \/>\nWenn ich das t\u00e4te, w\u00fcrde ich das gesamte Zeugnis der j\u00fcdischen<br \/>\nVerfasser der neutestamentlichen Schriften und auch dasjenige des Nichtjuden<br \/>\nLukas beiseite wischen. Das kann ich nicht. \u201eChristliche Theologie<br \/>\nwird nicht einmal hypothetisch davon ausgehen, es g\u00e4be Gott nicht,<br \/>\ner st\u00fcnde uns in der Kraft des Heiligen Geistes nicht gegenw\u00e4rtig<br \/>\nzur Seite, Christus sei nicht der Erste und der Letzte und der Lebendige.<br \/>\nWas &#8230; mit dem sch\u00f6nen Wort Toleranz bezeichnet wird, ist de facto<br \/>\nVerrat. &#8230; Wer sind wir denn, Jesus Christus zur Disposition zu stellen?!\u201c (Michael<br \/>\nTrowitzsch).<\/p>\n<p>Als christlicher Prediger darf ich Jesus Christus nicht wie eine Variable<br \/>\nbehandeln. Und ich kann es nicht. Auch wenn dadurch meine Beziehung zum<br \/>\nJudentum spannungsvoll wird.<\/p>\n<p>Aber, ist das eine b\u00f6se Spannung? Solange diese Spannung ausgehalten<br \/>\nwird, ohne Macht \u00fcber die jeweils anderen aus\u00fcben zu wollen,<br \/>\nsolange kann diese Spannung ertragen werden. Solange diese Spannung so<br \/>\nausgehalten wird, da\u00df dem jeweils anderen die Freiheit belassen<br \/>\nwird, in Frieden zu leben, solange ist Zukunft &#8211; f\u00fcr alle! &#8211; m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Deshalb beeindruckt mich so besonders, da\u00df Lukas &#8211; und nur er<br \/>\ntut das &#8211; vor die Szene von der Tempelreinigung das Weinen Jesu \u00fcber<br \/>\nJerusalem einordnet. Mit der Trauer \u00fcber die Zerst\u00f6rung Jerusalems<br \/>\n&#8211; auf die Lukas ja zur\u00fcckschaut! &#8211; baut er eine Br\u00fccke zu der<br \/>\nReligion, f\u00fcr die er sich so lange selber interessiert hatte, zu<br \/>\nder Religion, zu der so viele seiner Mitchristen geh\u00f6rt haben.<\/p>\n<p>Bischof Theophil Wurm, W\u00fcrttemberg, hat meines Wissens schon w\u00e4hrend<br \/>\ndes Zweiten Weltkrieges in einer Predigt den Zusammenhang hergestellt<br \/>\nzwischen den brennenden Synagogen der Pogromnacht des Jahres 1939 und<br \/>\ndann den brennenden Kirchen der Bombenn\u00e4chte. Er hatte erkannt:<br \/>\nEs gibt eine tiefe Solidarit\u00e4t und Verbundenheit zwischen uns \u00e4lteren<br \/>\nund j\u00fcngeren Geschwistern. Im Leid gibt es diese, und auch im Zeugnis<br \/>\ndes Glaubens vor der Welt. Wir werden &#8211; wie bei Geschwistern so h\u00e4ufig<br \/>\n&#8211; nicht in allem einer Meinung sein, aber wir sollen und d\u00fcrfen<br \/>\nunsere Geschwisterlichkeit in Erinnerung behalten, ihr uns bewu\u00dft<br \/>\nwerden, sie leben.<\/p>\n<p>M\u00f6ge dazu dieser Sonntag heute ein kleines St\u00fcck beitragen.<br \/>\nAmen. Komm Sch\u00f6pfer Geist, der Du uns verhei\u00dfen bist von Jesus<br \/>\naus Nazaret, der f\u00fcr mich der Christus ist, als F\u00fchrer und<br \/>\nTr\u00f6ster von Gott her, von dem Gott her, den Israel schon so lange<br \/>\nbezeugt. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Rainer Stahl, Erlangen<br \/>\nGeneralsekretaer des Martin-Luther-Bundes<br \/>\n<a href=\"mailto:gensek@martin-luther-bund.de\">E-Mail: gensek@martin-luther-bund.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10. Sonntag nach Trinitatis | 24. 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