{"id":9529,"date":"2003-08-07T19:49:44","date_gmt":"2003-08-07T17:49:44","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9529"},"modified":"2025-05-08T14:32:34","modified_gmt":"2025-05-08T12:32:34","slug":"lukas-1941-48-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1941-48-4\/","title":{"rendered":"Lukas 19,41-48"},"content":{"rendered":"<h3>10. Sonntag nach Trinitatis | 24. August 2003 | Lk 19,41\u201348 | Asta Gyldenk\u00e6rne |<\/h3>\n<p>Es gibt viele Worte und Wendungen aus der Bibel, die<br \/>\nin die allt\u00e4gliche Sprache eingegangen sind. Das k\u00f6nnen Wendungen<br \/>\nsein wie die, da\u00df man nicht Perlen vor die S\u00e4ue werfen soll,<br \/>\noder die, da\u00df man sein Licht nicht unter einen Scheffel stellen<br \/>\nsoll, oder eine Wendung wie die, da\u00df man seine Zeit nicht erkannt<br \/>\nhat, in der d\u00e4nischen Sprache da\u00df man seine \u201eBesuchszeit\u201c nicht<br \/>\nerkannt hat, wo die Luther\u00fcbesetzung sagt: \u201edie Zeit, darin<br \/>\ndu heimgesucht bist\u201c.<\/p>\n<p>Man soll seine Zeit kennen, man soll wissen, wann der entscheidende<br \/>\nAugenblick ist. Man soll wissen, wann man handeln soll. Dieser Ausdruck<br \/>\nstammt aus dem heutigen Predigttext aus dem Lukasevangelium. Er wird<br \/>\nin einem Zusammenhang verwandt, wo Jesus gerade nach Jerusalem gekommen<br \/>\nist in der Woche vor Ostern, und Jesus gebraucht ihn als Urteil \u00fcber<br \/>\ndie Stadt Jerusalem. Die Stadt wird dem Erdboden gleich gemacht und zerst\u00f6rt<br \/>\nwerden. Die Feinde werden sie belagern. Ja, es wird furchtbares geschehen,<br \/>\nund Jesus weint \u00fcber die Stadt Jerusalem. Die Tr\u00e4nen zeigen,<br \/>\nda\u00df dies keine Drohung ist, die er aus Verbitterung ausspricht,<br \/>\neher eine sorgenvolle Feststellung, da\u00df etwas nicht so ist, wie<br \/>\nes sein soll. Es besteht ein Mi\u00dfverh\u00e4ltnis. Die Menschen erkannten<br \/>\nnicht, da\u00df es an der Zeit war. Sie konnten nicht sehen, wer er<br \/>\nwar, als es noch Zeit war. Sie nahmen das Reich Gottes nicht wahr, von<br \/>\ndem er sprach und das er ihnen gab.<\/p>\n<p>Wenn wir den Ausdruck \u201eseine Zeit nicht kennen\u201c in der allt\u00e4glichen<br \/>\nSprache verwenden, abgesehen von der Bibel, dann klingt etwas Verh\u00e4ngnisvolles<br \/>\nmit. Denn darin liegt ja, da\u00df man den entscheidenden Zeitpunkt<br \/>\nverpa\u00dft hat. Man hat etwas \u00fcberh\u00f6rt. Man hat sich nicht<br \/>\nzusammengenommen. Es wurde nichts daraus. Irgend etwas ist einem vielleicht<br \/>\naus den H\u00e4nden geglitten. Und wenn man dann endlich zur Tat schreitet,<br \/>\ndann ist es zu sp\u00e4t \u2013 denn man hat seine Zeit nicht erkannt.<br \/>\nDas hat nat\u00fcrlich Stoff geliefert f\u00fcr viele Romae und Filme,<br \/>\nwo der dramatische Effekt oft auf der Tatsache aufbaut, da\u00df die<br \/>\nbeteiligten Personen in der Situation nicht wissen, in welch einem entscheidenden<br \/>\nAugenblick sie stehen. Und gerade weil sie sich der Bedeutung des Augenblickes<br \/>\nnicht bewu\u00dft sind, nimmt das Verh\u00e4ngnis seinen Lauf. Ein Verh\u00e4ngnis,<br \/>\nwo es oft um ungl\u00fcckliche Liebe und viele vegebene Lebensm\u00f6glichkeiten<br \/>\ngeht.<\/p>\n<p>Im Christentum ist gleichsam jeder Augenblick des Lebens entscheidend.<br \/>\nWir haben nicht die M\u00f6glichkeit, dahinzud\u00f6sen oder zu vergessen,<br \/>\nwas auf dem Spiel steht. Daran hat uns die neutestamentliche Gerichtsverk\u00fcndigung<br \/>\nJahrhunderte lang erinnert. Denn es ist und bleibt wichtig, seine Zeit<br \/>\nzu kennen.<\/p>\n<p>Aber es kann ja unweigerlich zu sp\u00e4t sein, so hart ist das Urteil<br \/>\nder Zeit \u00fcber unser eigenes Leben. Das kann ein hartes und unbarmherziges<br \/>\nUrteil sein, das wir \u00fcber unser eigenes Leben f\u00e4llen. Da\u00df man<br \/>\nseine Zeit nicht gekannt hat. Weil man vielleicht, wenn man auf sein<br \/>\nLeben zur\u00fcckschaut, nichts anderes sehen kann als Versagen, Lieblosigkeit,<br \/>\nfehlende N\u00e4he und Aufmerksamkeit auch denen gegen\u00fcber, die<br \/>\neinem am n\u00e4chsten sein sollten. All das hat uns unbarmherzig gepr\u00e4gt.<br \/>\nMan hat seine Zeit nicht gekannt. Man lie\u00df sich den Augenblick<br \/>\naus den H\u00e4nden gleiten, und eines Tages ist es zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Wir suchen in diesen Jahren immer mehr, die Geschichte \u00fcber uns<br \/>\nselbst durch unsere Arbeit zu schaffen, unser Familienleben und unsere<br \/>\nganze Lebensform. Wir versuchen, uns eine Geschichte \u00fcber unser<br \/>\neigenes Leben zu schaffen. Wir f\u00fchren Traditionen ein, die Familie<br \/>\nund Freunde einen k\u00f6nnen. Wir suchen Erlebnisse, und wenn wir Ferien<br \/>\nmachen, entspannen wir uns nicht nur, nein, wir machen uns auf und suchen<br \/>\netwas auf, was zu der Geschichte \u00fcber das beitragen kann, was wir<br \/>\nnun je f\u00fcr sich sind. Das ist eine umfassende Aufgabe, die man sich<br \/>\nselber stellt, da\u00df man seine eigene Lebensgeschichte schreibt.<br \/>\nDenn was soll man mit all dem machen, was man vergeigt hat? Was soll<br \/>\nman mit all dem tun, was man verspielt hat? Wie soll man das in seine<br \/>\nLebensgeschichte einbauen?<\/p>\n<p>Nun wei\u00df ich wohl, da\u00df wohlmeinende Menschen sagen werden,<br \/>\nda\u00df man versuchen soll, sich selbst zu vergeben, oder da\u00df sie<br \/>\nvielleicht versuchen werden, einen davon zu \u00fcberzeugen, da\u00df es<br \/>\nnicht an einem selbst gelegen hat, da\u00df es sich so ergeben hat.<br \/>\nAber wer ist wirklich davon \u00fcberzeugt, wenn man nun einemal wei\u00df,<br \/>\nda\u00df das nicht wahr ist?<\/p>\n<p>Auch wenn wir viele Versuche unternehmen, so ist es dennoch eine fast<br \/>\nunm\u00f6gliche Aufgabe, seine eigene Lebensgeschichte zu schaffen. Das<br \/>\nwird in vieler Hinsicht nur eine halbe und nicht besonders wahre Geschichte,<br \/>\nwenn wir das versuchen. Das mu\u00df ein anderer tun! Und es ist eine<br \/>\nder wichtigsten Pointen im Christentum, da\u00df das nur Gott tun kann \u2013 wenn<br \/>\nes eine wahre Geschichte \u00fcber uns werden soll. Denn die wahre Geschichte<br \/>\nsoll ja nicht von dem Urteil der Zeitgenossen oder von uns selbst \u00fcber<br \/>\nuns handeln, sie soll auch von Vergebung erz\u00e4hlen, von der Vergebung<br \/>\nder S\u00fcnden, da\u00df es Gnade gibt. Sie soll uns erz\u00e4hlen,<br \/>\nda\u00df die Auferstehung unser Leben ist.<\/p>\n<p>Nun kann aber nicht jeder kommen und so etwas \u00fcber uns erz\u00e4hlen.<br \/>\nDies war auch nicht der Fall \u2013 denn es war der Sohn Gottes selbst,<br \/>\nder ein Mensch war, der in einem solchen Ma\u00dfe seine Zeit kannte,<br \/>\nals er seiner Zeit seine Spuren einpr\u00e4gte. Denn in ihm wurden Zeit<br \/>\nund Ewigkeit eins. In ihm wurden Gericht und Gnade eins. Das eine kann<br \/>\nnicht mehr von dem anderen getrennt werden, denn sie sind zwei Seiten<br \/>\nein und derselben Sache. Ja, zum Gl\u00fcck f\u00fcr uns, Gott kannte<br \/>\nseine Zeit.<\/p>\n<p>In diese Erz\u00e4hlung k\u00f6nnen wir hineingehen. Wir k\u00f6nnen<br \/>\nauf sie h\u00f6ren. Wir k\u00f6nnen uns von ihr pr\u00e4gen lassen.<br \/>\nWir k\u00f6nnen aus ihr neuen Lebensmut sch\u00f6pfen. Und das k\u00f6nnen<br \/>\nwir, weil wir uns nicht mehr in unsere eigene Geschickte voll von Br\u00fcchen<br \/>\nund M\u00e4ngeln zu verlieren brauchen, weil wir sie statt dessen loslassen<br \/>\nund unserem Mitmenschen nahe sein k\u00f6nnen. Denn dort sollen wir<br \/>\nsein. Denn man soll seine Zeit kennen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastorin Asta Gyldenk\u00e6rne<br \/>\nSkovkirkevej 21<br \/>\nDK-3630 Jaegerspris<br \/>\nDanmark<br \/>\nTlf 47 53 08 81<br \/>\n<a href=\"mailto:agy@km.dk\">Email : agy@km.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10. Sonntag nach Trinitatis | 24. August 2003 | Lk 19,41\u201348 | Asta Gyldenk\u00e6rne | Es gibt viele Worte und Wendungen aus der Bibel, die in die allt\u00e4gliche Sprache eingegangen sind. Das k\u00f6nnen Wendungen sein wie die, da\u00df man nicht Perlen vor die S\u00e4ue werfen soll, oder die, da\u00df man sein Licht nicht unter einen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,474,1,727,1059,185,157,853,114,522,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9529","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-10-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-archiv","category-asta-gyldenkaerne","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-19-chapter-19-lukas","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9529","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9529"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9529\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23735,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9529\/revisions\/23735"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9529"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9529"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9529"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9529"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9529"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9529"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9529"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}