{"id":9531,"date":"2003-08-07T19:49:44","date_gmt":"2003-08-07T17:49:44","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9531"},"modified":"2025-05-08T14:35:50","modified_gmt":"2025-05-08T12:35:50","slug":"lukas-18-9-14-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-18-9-14-4\/","title":{"rendered":"Lukas 18, 9-14"},"content":{"rendered":"<h3>11. Sonntag nach Trinitatis | 31. August 2003 | Lk 18,9\u201314 | Asta Gyldenk\u00e6rne |<\/h3>\n<p>Ein Wort wie &#8222;Pharis\u00e4er&#8220; ist negativ besetzt.<br \/>\nNun gibt es zahlreiche Stellen in den Evangelien, an denen Jesus sich<br \/>\nmit den Pharis\u00e4ern<br \/>\nund Schriftgelehrten anlegt &#8211; deshalb hat es seinen guten Grund, da\u00df wir<br \/>\nzu der Auffassung gekommen sind, da\u00df ein Pharis\u00e4er kein positives<br \/>\nWort ist, sondern da\u00df &#8222;Pharis\u00e4er&#8220; zu einem Schimpfwort<br \/>\ngeworden ist. Denn sowohl Lukas als auch Matth\u00e4us haben dazu beigetragen,<br \/>\nuns den Eindruck zu vermitteln, da\u00df ein Pharis\u00e4er jemand ist,<br \/>\nder sich seiner Fr\u00f6mmigkeit r\u00fchmt. Ja ein Pharis\u00e4er hat<br \/>\ndirekt heuchlerische Z\u00fcge. Der Schein tr\u00fcgt. Er macht sich<br \/>\nbesser, als er in Wirklichkeit ist. Ein Pharis\u00e4er ist voll von frommen<br \/>\nWorten, aber wenn es darauf ankommt, sieht es ganz anders aus. Denn ein<br \/>\nPharis\u00e4er sagt das eine und tut etwas anderes. Es handelt sich um<br \/>\nk\u00fcnstliche Fr\u00f6mmigkeit, die gar nicht das ist, was sie vorgibt.<\/p>\n<p>Nun habe ich eben gesagt, da\u00df Pharis\u00e4er zu einem Schimpfwort<br \/>\ngeworden ist. Es ist ja auch klar, wo wir uns selbst am liebsten anbringen,<br \/>\nwenn wir ein Gleichnis wie dieses vom Pharis\u00e4er und Z\u00f6llner<br \/>\nh\u00f6ren. Pharis\u00e4er &#8211; das sind die anderen. Es sind die anderen,<br \/>\ndie sich selbst erh\u00f6hen, w\u00e4hrend wir uns daf\u00fcr zu schade<br \/>\nsind. Denn wir selbst sind viel dem\u00fctiger. Aber sind wir das wirklich?<br \/>\nDenn ist es Demut, wenn man seinen Christenglauben nicht gro\u00df herausstellt?<br \/>\nOder ist demut etwas ganz anderes?<\/p>\n<p>Vor einigen Jahren gab es eine Sache, die in den d\u00e4nischen Medien<br \/>\nlebhaft diskutiert wurde. Es ging um einen Pfarrer in der d\u00e4nischen<br \/>\nVolkskirche, der daran beteiligt war, Fl\u00fcchtlinge zu verstecken,<br \/>\num sie vor Ausweisung zu sch\u00fctzen. Die Fl\u00fcchtlinge hatten sich<br \/>\nbei ihrer Ankunft hier um Asyl beworben, das war aber abgelehnt worden.<br \/>\nDeshalb standen sie vor der Ausweisung in eine sehr ungewisse Zukunft<br \/>\nin dem Land, aus dem sie urspr\u00fcnglich geflohen waren wegen starker<br \/>\nethnischer Spannungen, die dort herrschten. Die Fl\u00fcchtlinge waren<br \/>\nnun untergetaucht und lebten verborgen in d\u00e4nischen Familien. Viele<br \/>\nhalfen ihnen, hierunter auch der erw\u00e4hnte Pfarrer. Wenn er nur dies<br \/>\ngetan h\u00e4tte. Wenn er nur f\u00fcr Essen und Unterkunft f\u00fcr<br \/>\ndie Fl\u00fcchtlinge gesorgt h\u00e4tte und sich ansonsten ruhig verhalten<br \/>\nh\u00e4tte, h\u00e4tte niemand davon Notiz genommen. Viele h\u00e4tten<br \/>\nes zudem im Grunde sehr sympathisch gefunden, da\u00df der Pfarrer Leuten<br \/>\nhalf, die in Not geraten waren.<\/p>\n<p>Nein, das, was den Sturm in den Medien ausl\u00f6ste, war dies, da\u00df der<br \/>\nPfarrer sich hinstellte und den Journalisten erkl\u00e4rte, wenn er dies<br \/>\ntue, so handele es sich um N\u00e4chstenliebe. Der Pfarrer behauptete,<br \/>\ner tue dies im Gehorsam gegen\u00fcber dem Wort Christi, da\u00df man<br \/>\nseinen N\u00e4chsten lieben soll, und deshalb meinte er den Fl\u00fcchtlingen<br \/>\nhelfen zu m\u00fcssen, auch wenn er damit Gesetze brach. Der Pfarrer<br \/>\nverletzte die Gesetze des Landes, das war und blieb eine Sache zwischen<br \/>\nden Gerichten des Landes und ihm. Eine andere Frage war, und hier begann<br \/>\ndie kirchliche Diskussion, ob es nicht verwerflich sei, sich hinzustellen<br \/>\nund in dieser Weise das Gebot der N\u00e4chstenliebe in Anspruch zu nehmen.<br \/>\nDarf ein Pfarrer in dieser Weise sich selbst und seine eigene Fr\u00f6mmigkeit \u00fcber<br \/>\ndie Gesetzgebung des Landes stellen? Hatte der Pfarrer eigentlich nur<br \/>\nseine eigene Fr\u00f6mmigkeit ins rechte Licht r\u00fccken wollen? Erh\u00f6hte<br \/>\ner nicht eigentlich sich selbst, statt etwas dem\u00fctiger zu sein?<\/p>\n<p>Dieses Unbehagen, seine eigene Fr\u00f6mmigkeit auszustellen, ist etwas,<br \/>\nwas wir aus dem Neuen Testament haben. Aber wir benutzen es allzu oft,<br \/>\num andere zurechtzuweisen, anstatt vielleicht eher den Pharis\u00e4er<br \/>\nin uns selbst zu sehen. Denn jedesmal, wenn wir uns in heiligem Zorn<br \/>\nvon anderen distanzieren, die es gewagt haben, den Mund aufzumachen oder<br \/>\netwas zu tun, lauert der Pharis\u00e4er in uns. Jedes Mal, wenn wir jemanden<br \/>\nkalt verurteilen, w\u00e4hrend wir uns zusammen mit Gleichgesinnten w\u00e4rmen<br \/>\n&#8211; ist der Pharis\u00e4er gegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>Aber Jesus hat kaum das Gleichnis erz\u00e4hlt, damit wir die Fehler<br \/>\nder anderen sehen und einander zurechtweisen sollen. Das w\u00e4re nicht<br \/>\nseine Art. Er hat es eher deshalb erz\u00e4hlt, um uns ein Bild der Demut<br \/>\nzu geben. Der Pharis\u00e4er im Gleichnis braucht insoweit Gott nicht.<br \/>\nEr kann alles selbst, ja seine Dankbarkeit gegen\u00fcber Gott ist eigentlich<br \/>\ngeheuchelt. Er dankt sich in erster Linie selbst, weil er nun ein so<br \/>\nguter und ordentlicher Mensch ist. Der Z\u00f6llner dagegen, er hat nichts<br \/>\nvorzuweisen. Die H\u00e4nde, die er ausstreckt, sind leer. Er wei\u00df,<br \/>\nda\u00df er in seinem Leben von Gott abh\u00e4ngig ist. Er wei\u00df,<br \/>\nda\u00df ohne Gott nichts m\u00f6glich ist. Er wei\u00df im Gegensatz<br \/>\nzum Pharis\u00e4er, da\u00df Gott mit ihm etwas vorhat. Die Demut, die<br \/>\nder Z\u00f6llner hat, k\u00f6nnte man mit einem anderen Wort auch Hellh\u00f6rigkeit<br \/>\nnennen. Der Z\u00f6llner ist hellh\u00f6rig daf\u00fcr, da\u00df Gott<br \/>\nmit ihm etwas vorhast, was der Z\u00f6llner selbst nicht vermag. Diese<br \/>\nHellh\u00f6rigkeit, diese Demut kann in vielen Dingen bestehen. Vielleicht<br \/>\naber ist es gar nicht so abwegig, unter Demut dies zu verstehen: hellh\u00f6rig<br \/>\nzu sein gegen\u00fcber dem Gebot der N\u00e4chstenliebe, und dies nach<br \/>\nden Kr\u00e4ften, die wir nun einmal haben, in dem Leben wirksam werden<br \/>\nzu lassen, das wir miteinander leben. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrerin Asta Gyldenk\u00e6rne<br \/>\nSkovkirkevej 21<br \/>\nDK-3630 J\u00e6rgerspris<br \/>\nTel: ++ 45 &#8211; 47 53 00 33<br \/>\n<a href=\"mailto:agy@km.dk\">E-mail: agy@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11. Sonntag nach Trinitatis | 31. August 2003 | Lk 18,9\u201314 | Asta Gyldenk\u00e6rne | Ein Wort wie &#8222;Pharis\u00e4er&#8220; ist negativ besetzt. 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