{"id":9532,"date":"2003-08-07T19:49:55","date_gmt":"2003-08-07T17:49:55","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9532"},"modified":"2025-05-08T14:39:56","modified_gmt":"2025-05-08T12:39:56","slug":"predigt-im-festgottesdienst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-im-festgottesdienst\/","title":{"rendered":"Psalm 143,5"},"content":{"rendered":"<h3>11. Sonntag nach Trinitatis | 31. August 2003 | Psalm 143,5 | Christian-Erdmann Schott |<\/h3>\n<p>Predigt im Festgottesdienst\u00a0in der Katharinenkirche zu Arnsdorf bei G\u00f6rlitz<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Es ist mir eine gro\u00dfe Freude, heute bei Ihnen hier<br \/>\nins Arnsdorf, nicht weit von der deutsch-polnisch geteilten Stadt G\u00f6rlitz,<br \/>\ndie Predigt zu halten. Dabei \u00fcberbringe ich die Gr\u00fc\u00dfe<br \/>\ndes Vereins f\u00fcr Schlesische Kirchengeschichte. Dieser 1882 gegr\u00fcndete<br \/>\nVerein hat in diesen Tagen in dieser Region seine Jahrestagung abgehalten.<br \/>\nSie schlie\u00dft heute mit Gottesdiensten, die von Teilnehmern dieser<br \/>\nTagung in verschiedenen Gemeinden der schlesischen Oberlausitz gehalten<br \/>\nund gestaltet werden.<\/p>\n<p>Der Predigttext steht in Psalm 143 Vers 5: &#8222;Ich gedenke der vorigen<br \/>\nZeiten; ich rede von allen deinen Taten und sage von den Werken deiner<br \/>\nH\u00e4nde.&#8220;<\/p>\n<p>Wir gehen gern in die Kirchengemeinden, weil wir in ihnen den Sinn f\u00fcr<br \/>\nGeschichte und Kirchengeschichte st\u00e4rken wollen \u2013 aus mehreren<br \/>\nGr\u00fcnden:<\/p>\n<p>I. Wir wissen: Durch das \u201eGedenken der vorigen Zeiten\u201c entsteht<br \/>\nHeimatgef\u00fchl. Erz\u00e4hlte, erinnerte, wachgehaltene, zug\u00e4nglich<br \/>\ngemachte Geschichte zeigt uns, wo wir sind, wo wir herkommen, was es<br \/>\nmit unserer Heimat auf sich hat. Zusammen mit der Landschaft, mit den<br \/>\nD\u00f6rfern und St\u00e4dten, mit dem Dialekt, mit den Kirchen und ihren<br \/>\nT\u00fcrmen, mit den Menschen stehen wir in einer langen Kette, in generationen\u00fcbergreifenden<br \/>\nZusammenh\u00e4ngen. Durch das Gedenken und Erinnern werden uns diese<br \/>\nZusammenh\u00e4nge bewusst gemacht. Wir sp\u00fcren und erkennen, dass<br \/>\nwir ein Teil dieser Geschichte sind.<\/p>\n<p>Das gilt von der Region genauso wie von der Konfession. Die Kirchengeschichte<br \/>\nkann uns die Heimat unseres Glaubens erschlie\u00dfen \u2013 zum Beispiel<br \/>\ndurch die Erinnerung an die Kirchenliederdichter, die hier gelebt haben.<br \/>\nIn diesem Jahr haben wir hier besonders gedacht an die F\u00fcrstin Eleonore<br \/>\nvon Reu\u00df (1835-1903) und an ihren hundertsten Todestag. Von ihr<br \/>\nstammt das bekannte Silvesterlied \u201eDas Jahr geht still zu Ende\u201c.<br \/>\nWenn man sich in das Leben der Eleonore Reu\u00df vertieft, wei\u00df man,<br \/>\ndass sie sehr am Leben und auch an ihrer Heimat, nicht weit von hier<br \/>\nin J\u00e4nkendorf bei Niesky, gehangen hat, ohne sie zu verg\u00f6tzen<br \/>\noder \u00fcberzubewerten. Das zeigt eine Strophe aus diesem Lied, in<br \/>\nder dann auch von einer ganz anderen Heimat die Rede ist: &#8222;Dass nicht<br \/>\nvergessen werde, was man so gern vergisst: dass diese arme Erde nicht<br \/>\nunsre Heimat<br \/>\nist. Es hat der Herr uns allen, die wir auf ihn<br \/>\ngetauft, in Zions goldnen Hallen ein Heimatrecht erkauft\u201c. (EG<br \/>\n63,3).<\/p>\n<p>II. Das \u201eGedenken der vorigen Zeiten\u201c l\u00e4sst uns auch<br \/>\nin Abgr\u00fcnde sehen. Die Vergangenheit war in der Regel nicht besser<br \/>\nals die Gegenwart. Die Greuel des 30j\u00e4hrigen Krieges, die Verbrechen<br \/>\nder Nazis, die dunklen Seiten der DDR-Zeit hat es gegeben und wir wollen<br \/>\ndas alles nicht vergessen \u2013 wie wir auch nicht vergessen wollen,<br \/>\ndie tapferen Christen und Bekenner, die es auf der anderen Seite gegeben<br \/>\nhat. Hier in der restschlesischen Kirche denken wir dann auch an Dietrich<br \/>\nBonhoeffer, Katharina Staritz, Edith Stein, den Kreisauer Kreis und viele<br \/>\nviele treue Menschen, die in den Gemeinden ihre Frau und ihren Mann gestanden<br \/>\nhaben.<\/p>\n<p>Geschichte ist ein Spiegel der Menschheit. Sie zeigt uns die M\u00f6glichkeiten,<br \/>\ndie in uns liegen und bei entsprechender Gelegenheit dann auch herauskommen.<br \/>\nAber sie zeigt uns zugleich sehr viel Bewahrung durch Gott oder Spuren<br \/>\nGottes mitten im allt\u00e4glichen Leben. Das finde ich ausgedr\u00fcckt<br \/>\nin den Worten des Psalms &#8222;ich rede von allen deinen Taten und sage von<br \/>\nden Werken deiner H\u00e4nde&#8220;. Dietrich Bonhoeffer selbst weist uns den<br \/>\nWeg in diese Richtung in seinem ber\u00fchmten Lied, das den Schluss<br \/>\nhat:<br \/>\n&#8222;Von guten M\u00e4chten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost,<br \/>\nwas kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss<br \/>\nan<br \/>\njedem neuen Tag.&#8220; (EG 65,7).<\/p>\n<p>Ich gebe gern zu, dass nicht nur mir die Geschichte auch Angst macht.<br \/>\nManchmal fragt sich jeder Nachdenkliche, wo sollen die Umweltzerst\u00f6rung,<br \/>\nder Terrorismus, die viele Not auf der Erde eigentlich einmal hinf\u00fchren?<br \/>\nEine Geschichtsbetrachtung ohne den Aufblick zu Gott w\u00e4re trostlos.<br \/>\nAber mit dem Glauben an Gott, den Herrn des Lebens und der Geschichte,<br \/>\nk\u00f6nnen wir die Sichtbarkeit aushalten &#8230;..\u201cGott ist bei uns<br \/>\n&#8230;.an jedem neuen Tag\u201c. So kann das Gedenken dann auch den Glauben<br \/>\nbef\u00f6rdern.<\/p>\n<p>III. Wir brauchen allerdings nicht nur das Erinnern und Gedenken. Wir<br \/>\nbrauchen genauso auch das Vergessen. Wir haben auch die F\u00e4higkeit<br \/>\nzu vergessen. Beide F\u00e4higkeiten geh\u00f6ren zu unserer eigentlich<br \/>\nambivalenten Grundausstattung. Beide werden uns in der Bibel ausdr\u00fccklich<br \/>\nnahegelegt.<\/p>\n<p>Wir kennen Menschen, die nichts vergessen k\u00f6nnen oder wollen. Kr\u00e4nkungen,<br \/>\nVerletzungen, Dem\u00fctigungen, Benachteiligungen tragen sie als ewige<br \/>\nVorw\u00fcrfe an das Leben mit sich herum und machen sich und anderen<br \/>\ndas Leben zu einer sehr unerquicklichen Angelegenheit. Ihnen empfiehlt<br \/>\nJesus Christus \u201eSeht nicht zur\u00fcck! Belastet euch nicht mit<br \/>\nder Vergangenheit!\u201c \u201eWer seine Hand an den Pflug legt und<br \/>\nsieht zur\u00fcck, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes \u201e(Lk.<br \/>\n9,62). Ganz in diese Linie passt ein anderes, weniger bekanntes Jesus-Wort \u201eGedenket<br \/>\nan Lots Weib\u201c ( Lk 17,32). Es spielt an auf die sehr alte Geschichte<br \/>\nvom Untergang von Sodom und Gommorrha. Als Lot, der Auserw\u00e4hlte<br \/>\nGottes, Sodom verlassen musste, war ihm und seiner Frau von zwei Engeln<br \/>\nim Auftrag Gottes gesagt worden: \u201eErrette deine Seele und sieh<br \/>\nnicht hinter dich\u201c (1. Mose 19,17). Als nun das Gericht Gottes<br \/>\neinsetzte und die Zeit der Flucht kam, konnte die Frau des Lot sich von<br \/>\nder Vergangenheit nicht losrei\u00dfen. Sie \u201esah hinter sich und<br \/>\nward zur Salzs\u00e4ule\u201c (V. 26). Die Vergangenheit hielt sie fest.<br \/>\nAuf diese Weise war sie nicht in der Lage, auf die Zukunft zuzugehen,<br \/>\nsie anzunehmen und zu gewinnen. Das Sicht-Fest-Klammern an der Vergangenheit<br \/>\nmachte sie lebensunf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Genauso starke Worte gibt es aber auch f\u00fcr das Gegenteil, f\u00fcr<br \/>\ndas Erinnern \u2013 etwa in Psalm 103 Vers 2 den sch\u00f6nen Satz: \u201eLobe<br \/>\nden Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat\u201c.<br \/>\nOder im 5. Buch Mose 8,2 a (so \u00e4hnlich wie unser Predigttext): \u201eGedenke<br \/>\nalles des Weges, durch den dich der Herr, dein Gott, geleitet hat\u201c.<\/p>\n<p>Schon diese Gegen\u00fcberstellung zeigt, wann Vergessen und wann Erinnern<br \/>\nangesagt ist: Vergessen ist notwendig, wenn uns die Erinnerung in der<br \/>\nVergangenheit festh\u00e4lt, uns zu nachtragenden, unvers\u00f6hnlichen,<br \/>\nverbitterten oder gar hasserf\u00fcllten Menschen macht, die sich in<br \/>\nihrem Aufrechnen festbei\u00dfen und damit die Chance verspielen, doch<br \/>\nnoch etwas Gutes aus ihrem Leben zu machen. Solche Erinnerung ist lebenzerst\u00f6rend.<\/p>\n<p>Umgekehrt ist Erinnern lebenf\u00f6rdernd, wenn es ins Staunen f\u00fchrt;<br \/>\nins Staunen \u00fcber die Freundlichkeit Gottes in unserem Leben und<br \/>\nin der Geschichte. Solches Staunen f\u00fchrt zur Dankbarkeit. Dankbarkeit<br \/>\nformiert sich als Gottvertrauen. Und Vertrauen ist die Kraft, die wir<br \/>\nbrauchen, um die Zukunft verantwortlich und positiv zu gestalten. Diese<br \/>\nErinnerung, dieses Gedenken ist gemeint in dem Satz:<br \/>\n&#8222;Ich gedenke der vorigen Jahre; ich rede von allen deinen Taten und sage<br \/>\nvon den Werken deiner H\u00e4nde\u201c<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer em. Dr. Christian-Erdmann Schott<br \/>\nElsa-Braendstroem-Stra\u00dfe 21<br \/>\n55124 Mainz (Gonsenheim)<br \/>\nTel: 06131\/690488<br \/>\nFAX 06131\/686319<br \/>\n<a href=\"mailto:ce.schott@surfeu.de\">E-Mail: ce.schott@surfeu.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11. Sonntag nach Trinitatis | 31. August 2003 | Psalm 143,5 | Christian-Erdmann Schott | Predigt im Festgottesdienst\u00a0in der Katharinenkirche zu Arnsdorf bei G\u00f6rlitz Liebe Gemeinde! 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