{"id":9533,"date":"2003-08-07T19:49:52","date_gmt":"2003-08-07T17:49:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9533"},"modified":"2025-05-08T14:41:22","modified_gmt":"2025-05-08T12:41:22","slug":"lukas-18-9-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-18-9-14\/","title":{"rendered":"Lukas 18, 9-14"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">11. Sonntag nach Trinitatis | 31. August 2003 | Lukas 18, 9-14 | Eberhard Harbsmeier |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Um es gleich zu sagen: An diesem Text ist etwas, was mir nicht gef\u00e4llt. Es ist fast unm\u00f6glich, sich zu dieser Geschichte zu verhalten, ohne gerade das zu tun, wogegen sich diese Erz\u00e4hlung wendet: andere geringzuachten, die Religion oder Fr\u00f6mmigkeit anderer schlecht zu machen. Da ist es eigentlich egal, ob man nun wie der Pharis\u00e4er den Z\u00f6llner schlecht macht, oder ob man, wie wir es gewohnt sind, den Pharis\u00e4er als Heuchler verleumdet.<\/p>\n<p>Es gef\u00e4llt mir gar nicht, da\u00df in dieser Geschichte scheinbar zwischen Menschen sortiert wird, die einen sind gerechtfertigt, die anderen nicht. Da ist es eigentlich gar nicht so wichtig, wer nun gerechtfertigt ist und wer nicht.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich hat dieser Text &#8211; oder besser dieses Bild &#8211; eine Geschichte und eine Wirkung gehabt, die nicht immer gut ist. Er hat seine Geschichte gehabt, als b\u00f6swillige Karikatur des Judentums, er hat eine Rolle gespielt in der Geschichte des Antisemitismus. Es gibt wohl kaum einen Text, der mehr beigetragen hat zu christlicher Selbst\u00fcberheblichkeit.<\/p>\n<p>Wir haben wohl aus der Geschichte gelernt: Man hat nicht das Recht, den Glauben anderer Menschen zu verd\u00e4chtigten, herunterzumachen. Kierkegaard hat einmal gesagt: Du hast nicht das Recht, den Glauben eines anderen Menschen anzuzweifeln &#8211; nur an deinem eigenen Glauben darfst du zweifeln. Wir haben nicht das Recht, jeden, der seinen Glauben und sein Leben ernst nimmt, einen Heuchler und Pharis\u00e4er zu nennen &#8211; um umgekehrt ist es auch nicht statthaft, die Demut und Bescheidenheit des Z\u00f6llners als falsche und heuchlerische Bescheidenheit abzuqualifizieren.<\/p>\n<p>Wenn man nicht selbst zu einem Pharis\u00e4er werden will, kann man diese Geschichte nur so verstehen, da\u00df der Pharis\u00e4er und der Z\u00f6llner nicht zwei Menschen oder gar zwei Typen sind, die ich gegeneinander abw\u00e4gen kann, sondern zwei Seiten in mir selbst. Jesus teilt hier nicht die Menschheit auf in Leute, die gerechtfertigt sind, und andere, die es nicht sind, und wir sollten dies schon gar nicht tun. Wir sollen diese Geschichte als an uns gerichtet h\u00f6ren, nicht von &#8222;den anderen&#8220; reden, sondern von uns selbst.<\/p>\n<p>Ich kann mich sehr wohl in dem Pharis\u00e4er wiedererkennen, ohne damit gleich zu sagen, da\u00df ich ihm gleiche:<\/p>\n<p>1. Der Pharis\u00e4er ist &#8222;nicht wie die anderen&#8220;. Er stellt besondere Forderungen an sich, er versucht, sich nicht der allgemeinen Mittelm\u00e4\u00dfigkeit und Gleichg\u00fcltigkeit anzupassen. Ich mu\u00df sagen, wenn jemand zu mir sagte: Du bist nicht wie die anderen &#8211; ich w\u00fcrde das als ein Kompliment auffassen. Vielleicht bin ich das nicht, aber ich m\u00f6chte gerne anders sein als die anderen.<\/p>\n<p>2. Die Pharis\u00e4er hat ethische und moralische Grunds\u00e4tze und Prinzipien. Er nimmt sein Leben ernst. Wer wollte und sollte das nicht?<\/p>\n<p>3. Und auch das letzte, was man dem Pharis\u00e4er oft vorgeworfen hat: Er sucht Anerkennung &#8211; vor Gott und den Menschen. Wer m\u00f6chte das nicht. Ich gestehe ein: Ohne die Anerkennung anderer Menschen kann ich nicht leben, kein Mensch kann das, und es w\u00e4re arrogant und verlogen, wenn man behaupten wollte, es sei einem gleichg\u00fcltig, was andere von einem denken.<\/p>\n<p>Ich denke, in jedem Menschen wohnt so ein Pharis\u00e4er, wir wollen anders sein als die anderen, dennoch wollen wir respektiert sein und anerkannt, und wir wollen und Leben ernst nehmen, verantwortlich leben.<\/p>\n<p>Aber ich gebe zu: Da ist auch eine andere Seite in mir. Dinge, von denen ich nicht so gerne spreche, was nicht gelingt, was ich gerne verdr\u00e4ngen m\u00f6chte. Das Leben ist oft mehr als ich beherrschen kann, und oft ist die Angst, zu kurz zu kommen, stark in mir. All das, was man manchmal die Schattenseiten den Menschen nennt: Was ich nicht kontrollieren kann, was ich nicht beherrschen kann, womit ich nicht fertig werde. Das ist der Z\u00f6llner in mir.<\/p>\n<p>Ich gestehe: Ich habe noch nie einen reinen Pharis\u00e4er getroffen, ich w\u00fcrde mich auch nie unterstehen, einen anderen Menschen als einen Pharis\u00e4er zu bezeichnen. Ich habe auch noch nie so einen Z\u00f6llner getroffen, der sich nur als einen armen S\u00fcnder bezeichnet, der nichts wert ist. Aber ich kenne viele Menschen, ich kenne es auch von mir selbst, die beides in sich tragen: Wir wissen, was wir wert sind, stellen gro\u00dfe Forderungen an uns selbst und das Leben &#8211; und zugleich sind wir auch ohnm\u00e4chtig, voll von Angst, ob wir uns selbst und de Leben gerecht werden.<\/p>\n<p>Vielleicht handelt diese Geschichte mehr von Macht und Ohnmacht zu leben. Der Pharis\u00e4er, das ist das Starke in uns, die Macht, der Z\u00f6llner das Schwache, die Ohnmacht. Beides ist in uns &#8211; sowohl Gott als auch anderen Menschen gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Aber es ist eines, selbstgerecht zu sein, eingenommen von sich selbst, das kann man bekanntlich sowohl als Pharis\u00e4er als auch als Z\u00f6llner sein. Etwas anderes ist es, man selbst zu sein, sich zu sich bekennen, in der Sprache der Bibel nicht gerecht, aber gerechtfertigt zu sein.<\/p>\n<p>Davon redet der Schlu\u00df der Geschichte, mit dem die Auslegung schon immer Schwierigkeiten hatte. Die Menschheit in Grechtfertigte und nicht Gerechtfertigte aufteilen zu wollen, ist schon an sich ein pharis\u00e4ischer Gedanke.<\/p>\n<p>Vielleicht k\u00f6nnte man ja auch die alte \u00dcbersetzung verwenden, die nicht davon sprach, da\u00df der eine gerechtfertigt ist und der andere nicht, sondern da\u00df der eine gerechtfertigt ist vor dem anderen. Und dann macht vielleicht auch der letzte Satz der Erz\u00e4hlung Sinn, den man ansonsten oft als einen sp\u00e4teren Zusatz abgelehnt hat. Wer sich selbst erh\u00f6ht, der wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erh\u00f6ht werden. Das darf man ja nicht als Demut aus Berechnung oder falsche Bescheidenheit deuten, so als k\u00f6nne man noch mit seiner S\u00fcndigkeit vor Gott prahlen. Ich verstehe diesen Satz so, da\u00df beide Male von demselben Menschen die Rede ist von mir: Wenn du dich selbst erh\u00f6hst, wenn du dich zu deiner St\u00e4rke selbstbewu\u00dft bekennst &#8211; dann wirst du erniedrigt, dann wirst du deine Ohnmacht, deine Abh\u00e4ngigkeit heilsam erfahren &#8211; und wenn du dich selbst erniedrigst, dich zu deiner Schw\u00e4che, Schuld und Angst bekennst, dann wirst du erfahren, da\u00df du stark bist, da\u00df du mehr bist als du glaubst. Wer stark ist, erf\u00e4hrt heilsam seine Ohnmacht, wer schwach ist, seine St\u00e4rke. Denn Christus ist f\u00fcr beide gestorben, den Pharis\u00e4er und den Z\u00f6llner &#8211; und das hei\u00dft f\u00fcr mich. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Rektor Professor Eberhard Harbsmeier<br \/>\nFasanvej 21<br \/>\nDK-6240 L\u00f8gumkloster<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 74 74 32 13<br \/>\n<a href=\"mailto:ebh@km.dk\">e-mail: ebh@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11. Sonntag nach Trinitatis | 31. August 2003 | Lukas 18, 9-14 | Eberhard Harbsmeier | Um es gleich zu sagen: An diesem Text ist etwas, was mir nicht gef\u00e4llt. 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