{"id":9535,"date":"2003-08-07T19:49:50","date_gmt":"2003-08-07T17:49:50","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9535"},"modified":"2025-05-08T14:45:35","modified_gmt":"2025-05-08T12:45:35","slug":"lukas-18-9-14-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-18-9-14-2\/","title":{"rendered":"Lukas 18, 9-14"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #000099;\">11. Sonntag nach Trinitatis | 31. August 2003 |\u00a0Lukas 18, 9-14 | Paul Kluge |<\/span><\/h3>\n<p><em>&#8222;Er sagte aber zu einigen, die sich anma\u00dften, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:<\/em><br \/>\n<em>\u201eEs gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharis\u00e4er, der andere ein Z\u00f6llner. Der Pharis\u00e4er stand f\u00fcr sich und betete so: Ich danke dir, Gott, da\u00df ich nicht bin wie die andern Leute, R\u00e4uber, Betr\u00fcger, Ehebrecher oder auch wie dieser Z\u00f6llner.<\/em><br \/>\n<em>Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Z\u00f6llner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir S\u00fcnder gn\u00e4dig!<\/em><br \/>\n<em>Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erh\u00f6ht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erh\u00f6ht werden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Liebe Geschwister,<\/p>\n<p>das richtige Bewu\u00dftsein, ein \u201earmer, elender, s\u00fcndiger Mensch\u201c zu sein, verkehrt sich gelegentlich in ein pharis\u00e4isches Verhalten \u2013 wenn n\u00e4mlich jemand sein S\u00fcnderbewu\u00dftsein zur Vollkommenheit treibt und sich damit zum Ma\u00dfstab f\u00fcr andere macht. Solche Menschen hat es zu allen Zeiten des Christentums gegeben. Menschen, die auf S\u00e4ulen lebten, \u00f6ffentlich bis zum Umfallen fasteten oder sich kasteiten; Menschen, die teure Abla\u00dfbriefe sammelten und an die Wand h\u00e4ngten oder sich \u00fcber Pilgerwegen qu\u00e4lten und anschlie\u00dfend ihre Souvenirs zur Schau trugen. Sie machten und machen sich selbst zum Vorbild f\u00fcr andere, indem sie zeigen, wie sehr sie f\u00fcr ihre S\u00fcnden b\u00fc\u00dfen \u2013 als w\u00e4re die Erl\u00f6sung durch Christus nie geschehen. Andere Menschen gibt es, die zeigen das zwar nicht, reden aber gern davon, was sie doch f\u00fcr schwache Menschen seien und wie sehr sie der Gnade bed\u00fcrften, stellen sich als gering dar und \u00fcben doch Macht aus.<\/p>\n<p>Zum Beispiel jene Frau L. aus einer kleinen Stadt in der Mitte Deutschlands; inzwischen ist sie fast 80 Jahre alt. Sie wuchs in einem ebenso frommen wie strengen Elternhaus auf, die \u00fcblichen Vergn\u00fcgen junger Leute waren ihr verboten, sonnt\u00e4glicher Gottesdienstbesuch und regelm\u00e4\u00dfige Teilnahme an der w\u00f6chentlichen Bibelstunde waren Pflicht. Durch diese Gewohnheit wurde die Gemeinde ihr bald zur erweiterten Familie, und weil es eine kleine Gemeinde war, achtete man sehr aufeinander, ja, kontrollierte sich gegenseitig und wies einander gegebenenfalls zurecht. Auch half man einander zurecht, wenn jemand unverschuldet in Not geraten war. Auf das \u201eUnverschuldet\u201c aber kam es an, wenn jemand Hilfe brauchte.<\/p>\n<p>Nun gab es in der Gemeinde nicht wenige, die manches Unerlaubte in den eigenen vier W\u00e4nden ohne Gewissensbisse doch taten. Frau L. aber nahm schon als Kind alles sehr ernst und genau, hielt sich streng an die Regeln ihrer Gemeinschaft und f\u00fchlte sich den anderen \u00fcberlegen. Abends aber vor dem Schlafengehen kamen ihr oft die Tr\u00e4nen \u00fcber sich selbst, wenn sie betete, was die Mutter sie gelehrt hatte: \u201eAllm\u00e4chtiger Gott, barmherziger Vater. Ich armer, s\u00fcndiger Mensch bekenne dir alle meine S\u00fcnde und Missetat, die ich begangen habe mit Gedanken, Worten und Werken, womit ich dich erz\u00fcrnt und deine Strafe zeitlich und ewig wohl verdient habe. Sie sind mir alle von Herzen leid und reuen mich sehr und ich bitte dich im Vertrauen auf das unschuldige, bittere Leiden und Sterben deines lieben Sohnes Jesus Christus: Du wollest mir armem, s\u00fcndhaften Menschen gn\u00e4dig und barmherzig sein, mir alle meine S\u00fcnden vergeben und zur Besserung meines Lebens deines Geistes Kraft verleihen.\u201c Denn w\u00e4hrend sie betete, lie\u00df sie den vergangenen Tag Revue passieren, und dabei fielen ihr manche Gedanken, Worte und Werke ein, die nicht h\u00e4tten sein sollen und d\u00fcrfen. Je \u00e4lter sie wurde, um so mehr bekam sie die Werke unter ihre Kontrolle, ihre Gedanken aber um so weniger. Das steigerte sich noch, als sie einen jungen Mann n\u00e4her kennenlernte, und ihre Schuldgef\u00fchle raubten ihr oft den Schlaf. Doch sie verhielt sich, wie es erwartet wurde. Als ihre langj\u00e4hrige Schulfreundin vor der Ehe schwanger wurde, beendete sie die Freundschaft abrupt, ein \u201egefallenes M\u00e4dchen\u201c war f\u00fcr sie kein Umgang.<\/p>\n<p>Als der junge Mann in den Krieg mu\u00dfte, verlobten sie sich, Frau L. engagierte sich im Frauenkreis der Gemeinde, der bald zum Witwenkreis wurde, und als ihr Verlobter in Kriegsgefangenschaft starb, gab es f\u00fcr sie nur noch die Gemeinde. Sie tr\u00f6stete Witwen und Waisen, pflegte Alte und Kranke, besorgte Fl\u00fcchtlingen Unterkunft, Essen und Kleidung. An Heirat dachte sie nicht mehr, die Gemeinde war nun ihre einzige Familie.<\/p>\n<p>Auch der Pastor kam nicht aus dem Krieg zur\u00fcck, seine Frau zog mit ihren Kindern fort. Frau L. hielt die Gemeinde zusammen, organisierte Gottesdienste, f\u00fchrte die Kirchenb\u00fccher. Nach einigen Jahren bekam die Gemeinde wieder einen Pastoren, Frau L. nahm ihn unter ihre Fittiche. Sie sagte ihm, was er wie zu tun habe, wen zu besuchen und wen warum nicht. Als er das dunkelh\u00e4utige \u201eBesatzungskind\u201c einer ledigen Mutter im Gottesdienst taufen wollte, kam es zum Streit, und als er es gegen ihren Willen doch tat, zum Bruch. Es dauerte nicht mehr lange, bis der Pastor sich nach einer anderen Gemeinde umsah und ging.<\/p>\n<p>Frau L. sah das als Eingest\u00e4ndnis eines schweren Fehlers und sich in ihrer strengen Haltung best\u00e4tigt. Mit diesem Triumph empfing sie den Nachfolger. Auch der blieb nicht lange. Frau L. f\u00fchlte sich inzwischen unentbehrlich, sah es als ihre Pflicht, sich f\u00fcr die Gemeinde aufzuopfern. Wenn sie abends betete, in Gedanken, Worten und Werken ges\u00fcndigt zu haben, fiel ihr kaum noch etwas ein. Doch davon, da\u00df sie eine S\u00fcnderin war und blieb, ein schwacher Mensch, auf Gnade angewiesen, sprach sie oft und gern, auch davon, wie wenig sie doch f\u00fcr die Gemeinde tun k\u00f6nne. Besonders gern aber sprach sie \u00fcber die Verderbtheit der gegenw\u00e4rtigen Zeiten und ihrer Menschen, namentlich der Jugend.<\/p>\n<p>Ein dritter Pastor kam und ging, Frau L. machte weiter, steigerte sich gar noch und wurde Lektorin, erwarb schlie\u00dflich das Recht zur freien Wortverk\u00fcndigung. Als unw\u00fcrdige Dienerin der Gemeinde bezeichnete sie sich gelegentlich und klagte dar\u00fcber, da\u00df es davon so wenige g\u00e4be. Vielen fehle es wohl an der Kraft des Geistes Gottes. Was der zu bewirken verm\u00f6ge, k\u00f6nne man an einem armen, schwachen Menschlein wie sie ja sehen.<\/p>\n<p>Sie wurde mit der Zeit immer selbstgerechter, auch selbstherrlicher. Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zogen sich nach und nach zur\u00fcck, bis sie schlie\u00dflich allein war. Sie geno\u00df es, alle Last auf ihren schwachen Schultern tragen und sich f\u00fcr ihren Heiland aufopfern zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Wieder kam ein neuer Pastor. Dem Alter nach h\u00e4tte er ihr Sohn sein k\u00f6nnen, und so behandelte sie ihn auch. Da aber war sie an den Falschen geraten. Es gab viele und lange Gespr\u00e4che, zun\u00e4chst zwischen den beiden, dann zwischen ihr und dem Kirchenrat, man suchte Hilfe bei der Gemeindeberatung, schaltete den Kreiskirchenrat ein: Nichts n\u00fctzte. Sie verstand nicht, warum sie etwas \u00e4ndern sollte, schlie\u00dflich habe sie doch alles nur f\u00fcr die Gemeinde getan und wisse auf Grund ihrer langen Erfahrung, was gut und richtig sei.<\/p>\n<p>Das Ende vom Lied war, da\u00df der Kirchenrat ihr alle Aufgaben abnahm und ihr jede Aktivit\u00e4t in der Gemeinde untersagte. In ihren Augen ist das ebenso ungerechtfertigt wie ungerecht, sie sieht sich als unschuldiges Opfer \u00fcbler Machenschaften. Da\u00df sie, die sich gro\u00df gemacht hat, sich eben dadurch am Ende selbst erniedrigt hat, erkennt sie nicht.<\/p>\n<p>Uns, liebe Geschwister, steht es nicht an, \u00fcber diese Frau zu urteilen, denn es gab all die Jahre auch Menschen, die sie gew\u00e4hren lie\u00dfen. Es ist ja so bequem, wenn einer sich um alles k\u00fcmmert. Das dem\u00fctigende Ende w\u00e4re zu vermeiden gewesen, und da\u00df es dann doch kam, liegt wohl an vielen Menschen. Frau L. ist auch Opfer. Wir k\u00f6nnen an ihr jedoch sehen, wie auch im selbstlosen Einsatz f\u00fcr die Gemeinde, im opferbereiten Dienst zur Ehre Gottes die Versuchung der Selbstgerechtigkeit und der Selbstrechtfertigung lauern. Davor bewahre uns Gott. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Gebet<\/strong>:<\/p>\n<p>Gott, du machst es uns aber auch schwer: Erst m\u00fcssen wir m\u00fchsam begreifen, da\u00df wir dich mit unseren guten Taten nicht beeinflussen k\u00f6nnen. Dann m\u00fcssen wir uns als \u201earme, elende, s\u00fcndige Menschen\u201c akzeptieren lernen, die allein durch deine Gnade vor dir bestehen k\u00f6nnen. Und wenn wir dann versuchen, gute S\u00fcnder zu sein, sind wir schon wieder der Versuchung erlegen, dich beeinflussen zu wollen.<\/p>\n<p>Darum lehre uns erkennen, da\u00df wir nichts, wirklich nichts tun k\u00f6nnen und deshalb auch nichts zu tun brauchen, dich gn\u00e4dig zu stimmen. Denn du bist gn\u00e4dig und hast uns in Jesus Christus deine Gnade ein f\u00fcr alle mal erwiesen. Darauf d\u00fcrfen wir vertrauen, und daf\u00fcr k\u00f6nnen wir nur danken, indem wir weitergeben, was wir von dir empfangen haben: Glaube, Hoffnung und Liebe.<\/p>\n<p><strong>Liedvorschlag<\/strong><\/p>\n<p>Es ist das Heil, EG 342; Such, wer da will, EG 347; Es ist in keinem andern Heil, EG 356; Herzlich lieb hab ich dich, o Herr, EG 397<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Paul Kluge, Provinzialpfarrer i. R., Magdeburg<br \/>\n<a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\">Mail: Paul.Kluge@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11. Sonntag nach Trinitatis | 31. August 2003 |\u00a0Lukas 18, 9-14 | Paul Kluge | &#8222;Er sagte aber zu einigen, die sich anma\u00dften, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: \u201eEs gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharis\u00e4er, der andere ein Z\u00f6llner. 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