{"id":9540,"date":"2003-09-07T19:49:51","date_gmt":"2003-09-07T17:49:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9540"},"modified":"2025-05-08T15:53:45","modified_gmt":"2025-05-08T13:53:45","slug":"markus-7-31-37","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-7-31-37\/","title":{"rendered":"Markus 7, 31-37"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">12. Sonntag nach Trinitatis | 7. September 2003 | Markus 7, 31-37 | Angelika \u00dcberr\u00fcck |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Mich faszinieren die verschiedenen Personen, die in dieser Geschichte von der Heilung des Taubstummen vorkommen. Ich m\u00f6chte mir die drei Personen bzw. Personengruppen deshalb gerne mit Ihnen ansehen.<\/p>\n<p>Da ist zun\u00e4chst die Hauptperson der Geschichte, der Taubstumme selbst.<br \/>\nIch wei\u00df nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist, aber sein Name wird nicht genannt. Wahrscheinlich ist sein Name f\u00fcr den Inhalt der Geschichte nicht wichtig. Im Mittelpunkt steht vor allem seine Krankheit. Manchmal machen wir das heute auch noch so, dass wir jemanden beschreiben \u00fcber ein charakteristisches Merkmal. Wir wissen auch nicht, ob der Taubstumme von Geburt an behindert war oder ob ein schlimmes Erlebnis ihm Ohren und Mund verschlossen hat. Auch das scheint also nicht von Bedeutung zu sein.<br \/>\nDas Leben als Taubstummer zur Zeit Jesu war sicher alles andere als angenehm.<br \/>\nSie kennen bestimmt auch etliche Menschen, die schlecht h\u00f6ren. Oft erz\u00e4hlen sie, wie schwer es ist, wenn man nicht versteht, was die Anderen sagen. Wie schwer es ist, dauernd nachfragen zu m\u00fcssen, wom\u00f6glich auch noch dumme Bemerkungen einstecken zu m\u00fcssen. Der Taubstumme hat nicht einmal diese M\u00f6glichkeiten gehabt. Er sah, wie andere lachten, aber warum, blieb f\u00fcr ihn unklar. Er sah, wie Andere redeten, aber wor\u00fcber, blieb ihm verborgen. Ob sie gar \u00fcber ihn redeten und lachten, konnte er sich nur selbst fragen.<br \/>\nNeben der eigenen Unsicherheit steht die Unsicherheit der Mitmenschen. Und so erfolgt oft der R\u00fcckzug. Der Taubstumme lebt isoliert und verlassen. In der damaligen Zeit kam dazu, dass Krankheiten oft als eine Strafe von Gott angesehen wurden. Ich denke, es war ein sehr einsames und abgeschnittenes Leben, das dieser Mann f\u00fchrte.<br \/>\nHeute ist das sicher an manchen Punkten f\u00fcr taubstumme Menschen einfacher, da es ja die Geb\u00e4rdensprache gibt. Im Fernsehen in den Nachrichten haben Sie sicher schon Geb\u00e4rdendolmetscher gesehen, die die Nachrichten in Geb\u00e4rdensprache \u00fcbersetzen. Andererseits: wer von uns beherrscht sie schon? Und daran scheitert dann auch schon wieder eine normale Verst\u00e4ndigung. Und wenn Sie ehrlich sind: wann sind Sie zuletzt einer Person begegnet, die taubstumm ist? Wirklich wahrnehmbar kommen sie auch in unserem Alltag nicht vor. Und auch viele schwerh\u00f6rige Menschen bei uns ziehen sich zur\u00fcck, weil es ihnen zu m\u00fchsam ist, immer wieder neu um deutlichere Aussprache, um lauteres und langsameres Sprechen bitten zu m\u00fcssen.<br \/>\nUnd so kommt der Taubstumme zu Jesus. Ich habe mich gefragt, ob er wohl wusste, zu wem er da gebracht wurde. Geb\u00e4rdensprache wird er nicht gekannt haben, Lesen konnte er sicher auch nicht. Also: vermutlich ein mutiger Schritt zu einem Unbekannten. Mutig schon deshalb, weil er ja nicht wissen konnte, was sie mit ihm vor hatten. Er wird gef\u00fchlt haben, dass sie es gut mit ihm meinten, denn sonst w\u00e4re er sicher nicht mitgegangen.<br \/>\nUnd dann kommt Jesu Ber\u00fchrung und das Wort: \u201eEffata &#8211; \u00f6ffne dich\u201c. Das h\u00f6rt er wohl noch nicht. Doch dann kann er h\u00f6ren und reden.<br \/>\nIch denke, er muss total \u00fcberw\u00e4ltigt gewesen sein. Mit Jesu Heilung ist er aus seiner Isolation befreit. Er kann am normalen Leben teilnehmen, lachen, wenn die Anderen lachen, weinen, wenn die Anderen weinen. Er geh\u00f6rt dazu. Er ist wieder einer von ihnen. Die Heilung erm\u00f6glicht ihm Gemeinschaft und neues Leben.<br \/>\nF\u00fcr den Taubstummen ist diese Begegnung mit Jesus der Beginn eines normalen Lebens, der Beginn eines Lebens in der Gemeinschaft mit anderen Menschen.<\/p>\n<p>Versetzen Sie sich mit mir nun in die anderen, in die Gruppe der umstehenden Leute.<br \/>\nSie sind sicher gekommen, weil sie von Jesus schon einiges geh\u00f6rt haben. Weil sie auch geh\u00f6rt haben, dass er Kranke nicht wegschickt. Deshalb werden sie auch den Taubstummen zu ihm gebracht haben. Schon damit haben sie ihn ein St\u00fcck weit in die Gemeinschaft wieder aufgenommen. Martin Luther hat diese Haltung der Menschen, die den Taubstummen aus seiner Isolation herausholen, mit den folgenden Worten beschrieben: \u201eDas Gute an dieser Historie ist nun dies, dass sie sich des armen Menschen angenommen haben wie ihrer eigenen Not. Damit ist uns ihr Glaube und ihre Liebe angezeigt. Ihre Liebe ist hier so gemalt, dass sie fremde Sorge auf sich nimmt. Sie sehen nicht auf sich, sondern auf den armen Menschen und denken, wie ihm Hilfe werden kann.\u201c<br \/>\nHeilung des Taubstummen wird wohl keiner erwartet haben. Aber sie wollten es wohl einfach probieren, die Situation dieses Menschen zu ver\u00e4ndern. Um so gr\u00f6\u00dfer wird das Erstaunen gewesen sein. Und vermischt damit vielleicht auch ein wenig Angst, denn was ist das f\u00fcr einer, der sogar Taube zum H\u00f6ren und Stumme zum Reden bringen kann? Was sind das f\u00fcr Heilpraktiken, die er beherrscht?<br \/>\nUnd so beginnen die Menschen \u00fcber Jesus zu reden, nicht anders als bei uns heute auch. Trotz des Verbotes, die Sache weiterzuerz\u00e4hlen, wird Jesu Heilung des Taubstummen immer weiter erz\u00e4hlt. Dass die Menschen nicht schweigen k\u00f6nnen, ist v\u00f6llig klar, denn wer kann schon schweigen, wenn es etwas sehr Ungew\u00f6hnliches erlebt hat? Sie versuchen sich ein Bild zu machen. Sie versuchen herauszubekommen, was er f\u00fcr einer ist. Ob er einer von den vielen Wunderheilern ist, die es gibt und deren Methoden sich dann doch nur als Augenwischerei herausstellen oder ob er wirklich etwas bewirken kann. Fremd erscheint mir das Verhalten der Menschen absolut nicht. Wie oft erleben wir es bis heute immer wieder, dass Menschen auf eine neue Wunderdi\u00e4t, auf eine neue Wunderheilung, auf ein neues Zaubermittel f\u00fcr Behandlung vertrauen. Das endet dann h\u00e4ufig damit, dass sie viel Geld und vor allem viel Vertrauen verlieren. Weil es dem Anbieter nur darum ging sich selbst zu bereichern. Ihm war es nicht wichtig, dem Andern zu helfen. Da ist es schon gut, wenn man versucht herauszubekommen, was an jemandem dran ist.<\/p>\n<p>Und die dritte Person in dieser Geschichte ist nat\u00fcrlich Jesus selbst.<br \/>\nEr benimmt sich ganz in der Art und Weise der Wunderheiler. Er nimmt den Kranken zur Seite, das hei\u00dft nat\u00fcrlich auch einmal: der ist mir jetzt wichtig, der und kein Anderer. Auch das kennen wir: wenn wir mit jemandem etwas wirklich Wichtiges besprechen wollen, dann versuchen wir mit ihm oder ihr allein zu sein. Jesus legt dem Taubstummen dann die Finger in die Ohren und den Speichel auf die Zunge. Mich erinnert das ein wenig daran, dass ich bei meinen Kindern manchmal, wenn sie gefallen waren, ein wenig von meiner Spucke genommen habe und es auf die betroffene Stelle getan habe und schon waren die Schmerzen weg, frei nach dem Motto: Mamas Spucke heilt alle Wunden.<br \/>\nVon Jesus w\u00fcrde ich mir da schon eine andere Handlungsweise w\u00fcnschen. Eine, die ihn eindeutig als Sohn Gottes identifizierbar macht. Eine, die ihn deutlich herausnimmt aus der Menge der Wunderheiler seiner und unserer Zeit. Denn mit dieser Heilungsmethode arbeitet Jesus wie viele andere Heiler seiner Zeit auch, vielleicht als ein besonders guter.<br \/>\nWarum macht Jesus die Sache nicht eindeutiger?<br \/>\nDas wird eigentlich erst durch das Verbot zu reden deutlich. Denn dieses sogenannte Schweigegebot macht deutlich, dass Jesus erst als der zu erkennen ist, der er ist, nach Karfreitag und Ostern. Erst mit seinem Tod und seiner Auferstehung wird er eindeutig aus der Schar der Wunderheiler seiner Zeit herausgenommen und erkennbar als Sohn Gottes. Und auch seine Wunder und Taten werden erst von daher ganz verst\u00e4ndlich. Erst dann ist deutlich, dass mit diesem Jesus Gott uns ganz nahe gekommen ist, dass er mit uns geht durch unser Leben.<br \/>\nUnd damit ist dann auch klar, warum diese Geschichte bis heute Bedeutung f\u00fcr uns hat. Nicht, weil da irgendwann mal ein Taubstummer geheilt wurde, sondern weil Jesus bis heute Menschen heilen m\u00f6chte. Weil Jesus bis heute Menschen aus ihrer Isolation herausholen m\u00f6chte. Nicht k\u00f6rperlich, das ist vorbei. Aber denen m\u00f6chte er helfen, die sich bei uns verschlie\u00dfen.<br \/>\nSie alle kennen sicher Menschen, die allein sind und isoliert, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben, weil sie Angst haben vor der Fremdheit der Anderen, weil sie das Gerede der Anderen nicht mehr ertragen. Am Anfang ist da nur der R\u00fcckzug. Aber irgendwann ist die Isolation so gro\u00df, dass sie sich allein nicht mehr helfen k\u00f6nnen, dass sie alleine nicht mehr herauskommen.<br \/>\nDa braucht man dann Menschen wie in unserer Geschichte, die einen sehen, dem es schlecht geht und ihn mitnehmen, ihn herausholen. Da sind wir gefragt. Da k\u00f6nnen wir die sein, die jemanden sehen und wieder in die Gemeinschaft hereinnehmen. Das kann ganz einfach sein, einfach mal vorbeigehen und sich Zeit nehmen. Nicht nur Gespr\u00e4che zwischen T\u00fcr und Angel f\u00fchren, sondern ganz allein, abseits, ohne Trubel, mit viel Zeit. Das kann auch unser Gebet sein, ein intensives Gebet f\u00fcr jemanden, der uns am Herzen liegt.<br \/>\nVielleicht werden Sie mich jetzt auch fragen wollen, wo haben wir heute so konkrete Hilfe, wo kommt Jesus uns heute noch so nahe? Wenn wir gleich miteinander in diesem Gottesdienst das Abendmahl feiern, dann ist das f\u00fcr mich bis heute eine Form, wo wir einander nahekommen. Aber wo wir vor allem auch Gott ganz nahe kommen. Wo er f\u00fcr uns ganz nah und erfahrbar wird. Und ich habe es oft erlebt, dass Menschen, die nach au\u00dfen hin sehr zu und ganz in sich gekehrt wirkten, pl\u00f6tzlich sehr bewegt waren beim Abendmahl. Dass sie sich auftaten und Neues an sich heranlassen konnten.<br \/>\nAmen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Liedvorschl\u00e4ge: 452 Er weckt mich alle Morgen<br \/>\n289 Nun lob, mein Seel, den Herren (Graduallied)<br \/>\n304 Lobet den Herren (Psalm des Sonntags)<br \/>\n321 Nun danket alle Gott<br \/>\n320 Nun lasst uns Gott dem Herren<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Angelika \u00dcberr\u00fcck<br \/>\nPastorin<br \/>\nJakob-Kaiser-Str. 14<br \/>\n21337 L\u00fcneburg<br \/>\nTel.: 04131\/852731<br \/>\n<a href=\"mailto:RUeberrueck@t-online.de\">Email: RUeberrueck@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>12. Sonntag nach Trinitatis | 7. September 2003 | Markus 7, 31-37 | Angelika \u00dcberr\u00fcck | Liebe Gemeinde! Mich faszinieren die verschiedenen Personen, die in dieser Geschichte von der Heilung des Taubstummen vorkommen. Ich m\u00f6chte mir die drei Personen bzw. Personengruppen deshalb gerne mit Ihnen ansehen. 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