{"id":9543,"date":"2003-09-07T19:49:50","date_gmt":"2003-09-07T17:49:50","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9543"},"modified":"2025-05-08T16:03:00","modified_gmt":"2025-05-08T14:03:00","slug":"lukas-10-25-37-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-10-25-37-2\/","title":{"rendered":"Lukas 10, 25-37"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">13. Sonntag nach Trinitatis | 14. September 2003 |\u00a0Lukas 10<\/span><\/b><b><span style=\"color: #000099;\">, 25-37 | Wolfgang Butz |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>\u201eGeiz ist geil!\u201c Mit diesem Slogan wirbt ein gro\u00dfes Unternehmen der Elektronikbranche um K\u00e4ufer und Kunden. Ich wei\u00df nicht, ob ich dar\u00fcber lachen oder weinen soll. Jedenfalls diese Werbung \u00e4rgert mich ma\u00dflos. Sie spielt mit meiner Urangst, im Leben zu kurz zu kommen, am Leben vorbei zu leben. Die Botschaft hei\u00dft dann: Haben, Haben, Haben! Auf keinen Fall zu kurz kommen. \u201eGeiz ist geil\u201c \u2013 alles f\u00fcr mich! Dahinter verborgen aber ist tiefe Sehnsucht nach einem erf\u00fcllten und gegl\u00fcckten Leben, nach einem Leben, das sinnvoll ist. Die Frage nach Erf\u00fcllung des Lebens ist eine uralte religi\u00f6se Frage der Menschheit. Geht es doch um nicht mehr oder weniger als um die Frage nach dem Heil des Lebens bei Gott in Zeit und Ewigkeit. Es ist die Frage nach dem Himmel oder dem ewigen Leben. Der Predigttext dieses Sonntags beginnt mit dieser Frage: \u201eWas muss ich tun, um das ewige Leben zu ererben?\u201c Wie komme ich in den Himmel, wie finde ich die Erf\u00fcllung meines Lebens? Ich lese aus LK. 10, 25 \u201337.<\/p>\n<p>Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: \u00bbDu sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kr\u00e4ften und von ganzem Gem\u00fct, und deinen N\u00e4chsten wie dich selbst\u00ab Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein N\u00e4chster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die R\u00e4uber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und lie\u00dfen ihn halbtot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Stra\u00dfe hinabzog; und als er ihn sah, ging er vor\u00fcber. Desgleichen auch ein Levit: als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vor\u00fcber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss \u00d6l und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am n\u00e4chsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir&#8217;s bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der N\u00e4chste gewesen dem, der unter die R\u00e4uber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!<\/p>\n<p>Die Antwort auf die Frage nach Erf\u00fcllung und Heil des Lebens ist nicht: Raff und sieh zu, was du kriegen kannst, sondern: Sei offen f\u00fcr deinen N\u00e4chsten, f\u00fcr Bed\u00fcrfnisse des anderen. Vor allem aber, sei dir bewusst, dass du in einem gr\u00f6\u00dferen Ganzen lebst. Auch der andere hat einen Anspruch auf Erf\u00fcllung im Leben. \u201eWer also ist mein N\u00e4chster?\u201c Der Schriftgelehrte, so hei\u00dft es in unserem Text, wollte ihn auf die Probe stellen. Das kenne ich auch! Hinter dieser Frage steckt ja manche Unsicherheit: Wie helfe ich richtig? Ich habe so oft gegeben. Kommt mein Geld auch an? Man h\u00f6rt und liest doch so viel. Spenden verschwinden in dunklen Kan\u00e4len. Die Verwaltung verschlingt einen gro\u00dfen Teil. Und die Bettler in der Stadt, kaum gebe ich ihnen etwas, setzten sie es in der n\u00e4chsten Kneipe in Alkohol um!<\/p>\n<p>\u201eWer ist mein N\u00e4chster?\u201c Diese Frage beantwortet Jesus nicht. Er nimmt den Schriftgelehrten mit hinein in eine andere Perspektive und l\u00e4sst ihn auf jemanden anderen schauen. Die Geschichte, die ihm Jesus erz\u00e4hlt, gibt ihm eine \u00fcberraschende Antwort. Es geht eben nicht um die Pfadfindertugend: Jeden Tag eine gute Tat! Es geht auch nicht darum, immer noch mehr zu tun, sondern darum: Geh mit offenen Augen durch die Welt, \u00f6ffne dein Herz, bleibe empfindsam und du wirst deinen N\u00e4chsten sehen. Wenn du dich darauf einlassen kannst, ist die Frage \u201eWer ist mein N\u00e4chster\u201c \u00fcberfl\u00fcssig. Sie stellt sich nicht mehr.<\/p>\n<p>Die Frage hei\u00dft jetzt so: \u201eWer von diesen dreien, meinst du, ist der N\u00e4chste gewesen dem, der unter die R\u00e4uber gefallen war?\u201c Und darauf gibt es nur eine Antwort: \u201eDer die Barmherzigkeit an ihm tat!\u201c Der N\u00e4chste ist der, der die Barmherzigkeit tut. Ganz sch\u00f6n brisant! Wir sind die N\u00e4chsten f\u00fcr die Obdachlosen, f\u00fcr die perspektivlosen Jugendlichen, f\u00fcr die Sterbenden, Kranken und Einsamen!<\/p>\n<p>Das ist eine \u00fcberraschende Rollenver\u00e4nderung. Wieder einmal stellt dieser Jesus von Nazareth alles auf den Kopf. Normalerweise ist der N\u00e4chste f\u00fcr mich der andere, den ich lieben soll wie mich selbst. Nun bin ich der N\u00e4chste f\u00fcr den anderen, weil er mich braucht. Er bringt mich in Bewegung wie einst den barmherzigen Samariter, von dem die Zuh\u00f6rer Jesu es am wenigsten erwartet h\u00e4tten. Samariter, mit denen wollten die frommen Juden wirklich nichts zu tun haben. Und er tut das Selbstverst\u00e4ndliche, ganz einfach. Ihn stellt Jesus uns als Beispiel vor Augen. Er reagiert auf die Not, die er antrifft, er l\u00e4sst sich anr\u00fchren, nicht weil er muss oder aus moralischer Pflicht. Dies traute man einem Samariter sowieso nicht zu. Er tut es, weil es jetzt notwendend ist.<\/p>\n<p>Wir gucken allzu oft weg. Das scheint mir das gro\u00dfe Problem unserer Gesellschaft zu sein. Die Antriebskraft unseres wirtschaftlichen Handelns \u2013 des Kapitalismus \u2013 hei\u00dft unhinterfragt zur Zeit jedenfalls Egoismus, Haben, Haben, Haben. Da braucht doch keiner mehr mit Barmherzigkeit, N\u00e4chstenliebe oder gar Gottesliebe zu kommen. Was sind das f\u00fcr Werte? L\u00e4cherlich! \u201eGeiz ist geil!\u201c Was aber haben wir damit alles verloren an Miteinander, an Gemeinschaft, an Verst\u00e4ndnis, an R\u00fccksichtnahme? Dies macht doch unser Leben lebenswert! Oder nicht?<\/p>\n<p>Wenn ich hingucke, stelle ich N\u00e4he her, da kann ich nicht vor\u00fcbergehen. Ich kann gar nicht anders, als mich hineinziehen zu lassen. Eine Beziehung wird hergestellt. Der barmherzige Samariter hat hingeguckt, nicht pflichtgem\u00e4\u00df, sondern wahrnehmend. Er hatte keine Wahl mehr. Das bewusste Sehen stellt N\u00e4he her und bezieht andere mit ein. Der Wirt pflegte ihn, wohl gegen Bezahlung, aber er war mit dabei. Barmherzigkeit zieht Kreise. Meine Angst, im Leben zu kurz zu kommen, zieht keine Kreise, sondern wirft mich auf mich zur\u00fcck, macht mich einsam in meiner Gier, immer mehr haben zu wollen.<\/p>\n<p>Gott lieben und den N\u00e4chsten lieben. Das war der Ausgangspunkt f\u00fcr unsere Geschichte. Im selbstverst\u00e4ndlichen Tun der Barmherzigkeit fallen Gottesliebe und N\u00e4chstenliebe zusammen. Der unter die R\u00e4uber Gefallene ruft meine Verantwortung, meine Liebe wach. \u201eWas ihr einem meiner geringsten Br\u00fcder getan habt, das habt ihr mir getan.\u201c So wird das Tun der Barmherzigkeit, die Zuwendung zu den Geschundenen und Benachteiligten im tiefsten Sinne zu einer Christusbegegnung.<\/p>\n<p>\u201eSchau hin! Nimm dich nicht so wichtig, sei nicht so fixiert auf die Frage, wie bekomme ich das, was ich unbedingt brauche!\u201c Dann geschieht es wie von selbst, dass ich sehe, was der andere braucht. Viel Engagement von Menschen hat sich so entwickelt: Die einen sammeln G\u00fcter f\u00fcr notleidende Kinder in Rum\u00e4nien und fahren sie hin, wieder andere k\u00fcmmern sich um die Ausstattung eines Kinderheimes in der Ukraine, und dritte beginnen sich in Behindertenclubs zu engagieren, weil sie Behinderung in der eigenen Umgebung erlebt haben.<\/p>\n<p>Die beiden Frommen hatten wichtigeres zu tun. Sie hatten ihre Pflichten, waren damit so besch\u00e4ftigt, dass sie die Welt nicht mehr gesehen haben \u2013 gefangen in sich selbst. Das bin ich auch oft! Gefangen in mir selbst, mit mir besch\u00e4ftigt, mit dem Haben wollen. So ist das! Ich kann nicht \u00fcberall hinschauen, weil ich sonst verr\u00fcckt w\u00fcrde \u00fcber das Ma\u00df der Unbarmherzigkeit in dieser Welt. Meine Liebe hat auch ihre Grenzen.<\/p>\n<p>Aber manchmal schaffe ich es vielleicht ein bisschen, mich anr\u00fchren zu lassen, mich hineinziehen zu lassen. Manchmal schaffe ich es vielleicht, aus meinem Selbstmitleid in meiner Ichbezogenheit herauszugehen und den anderen zu Dann bleibe stehen, gehe nicht vor\u00fcber und kann einem anderen Menschen zum N\u00e4chsten werden. Es gibt nichts Wichtigeres als das und nichts Befriedigenderes. Das ist die unmittelbarste Umsetzung des Gebotes: \u201eDu sollst Gott lieben und deinen N\u00e4chsten wie dich selbst.\u201c Also, Denk nicht so viel \u00fcber dich und dein Seelenheil nach, sagt Jesus zu dem Schriftgelehrten in unserer Geschichte. Geh einfach mit offenen Augen durch die Welt und tue das N\u00e4chstliegende, das Menschliche, das Selbstverst\u00e4ndliche! Tu\u2019s ganz einfach und erlebe, dass die Frage sich erledigt hat!<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dekan Wolfgang Butz &#8211; Prodekanat N\u00fcrnberg S\u00fcd<br \/>\n<a href=\"mailto:Prodekanat.Sued@t-online.de\">Prodekanat.Sued@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13. 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