{"id":9545,"date":"2003-09-07T19:49:48","date_gmt":"2003-09-07T17:49:48","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9545"},"modified":"2025-05-08T16:05:38","modified_gmt":"2025-05-08T14:05:38","slug":"lukas-1025-37-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1025-37-3\/","title":{"rendered":"Lukas 10,25\u201337"},"content":{"rendered":"<h3>13. Sonntag nach Trinitatis |14. September 2003 | Lk 10,25\u201337 | Birte Andersen |<\/h3>\n<p>Es ist, als passe Barmherzigkeit nicht in unsere Welt.<br \/>\nIm Hinblick auf Jesu Erz\u00e4hlung von seiner Geschichte sagen wir auf<br \/>\nder einen Seite, da\u00df die Welt durch sie die Barmherzigkeit als<br \/>\nTugend gelernt habe. Wir meinen, da\u00df einer der tiefsten Werte des<br \/>\nAbendlandes &#8211; die Barmherzigkeit ist. Und daran ist vieles richtig und<br \/>\nwahr. Bei uns versuchen wir, uns derer anzunehmen, die unserer Hilfe<br \/>\nbed\u00fcrfen, ganz gleich ob wir mit ihnen verwandt sind oder nicht.<\/p>\n<p>Zugleich aber ger\u00e4t der, der Barmherzigkeit \u00fcbt, in Schwierigkeiten.<br \/>\nHeutzutage w\u00fcrde man es sich zweimal \u00fcberlegen &#8211; der Wirt h\u00e4tte<br \/>\nden \u00dcberfallenen sicher nicht angenommen, er liefe ja Gefahr, ihn<br \/>\nnicht wieder loszuwerden &#8211; so wie der norwegische Kapit\u00e4n, der in<br \/>\nseiner barmherzigen Tat 400 Fl\u00fcchtlinge aufnahm &#8211; und nicht wieder<br \/>\nloswurde, weil niemand sie haben wollte. Oder vielleicht w\u00fcrde heute<br \/>\nniemand dem \u00fcberfallenen Mann helfen, weil 15 andere nach ihm den,<br \/>\nder hilft, berauben k\u00f6nnten. Und der einzelne, der den Anblick leidender<br \/>\nMenschen nicht ertragen kann in den Fersehnachrichten oder danach &#8211; oder<br \/>\nder in seiner Arbeit leidenden Menschen begegnet, kann keine Barmherzigkeit \u00fcben,<br \/>\nweil die Barmherzigkeit in starre Strukturen eingezw\u00e4ngt ist und<br \/>\nformal gesehen von anderen wahrgenommen wird &#8211; von anderen Instanzen<br \/>\nund anderen Menschen.<\/p>\n<p>Das bedeutet oft, da\u00df die konkrete Barmherzigkeit eine ohnm\u00e4chtige<br \/>\nAufforderung oder ein ohnm\u00e4chtiger Impuls wird &#8211; aber keine Tat.<br \/>\nUnd darunter leiden sowohl der, der Barmherzigkeit braucht, als auch<br \/>\nder, der sie aus\u00fcben m\u00f6chte. Wenn Trauer die Liebe ist, die<br \/>\nman nicht loswird, so wird Barmherzigkeit oft eine Aufmerksamkeit, die<br \/>\nich nicht loswerde. Ich habe deine Not gesehen, aber ich kann nicht handeln.<\/p>\n<p>Wie zur Zeit Jesu bleibt die Barmherzigkeit meist auf unseren eigenen<br \/>\nKreis beschr\u00e4nkt. Dort wo es f\u00fcr uns nat\u00fcrlich ist zu<br \/>\nhelfen. Es ist ganz nat\u00fcrlich, Freunden und Verwandten zu helfen,<br \/>\ndie irgendwie in Not geraten sind. Wer einem Kameraden, einem Freund<br \/>\nhilft, f\u00fchlt sich dann gr\u00f6\u00dfer. Jemand ruft nach ihm,<br \/>\nund er antwortet. Und eben dieses Antworten macht einen gr\u00f6\u00dfer.<br \/>\nWenn der, dem man hilft, jemand ist, den man kennt, kann man oft die<br \/>\nWirkungen seiner Hilfe verfolgen. Die Hilfe macht einen Unterschied.<\/p>\n<p>Aber es gibt Leute, die nach uns rufen und nicht &#8211; jedenfalls nicht<br \/>\ngleich &#8211; Hilfe erlangen. Statt dessen rufen sie Angst hervor. \u00dcberfallene<br \/>\nstinken. Ein schwacher und verwundeter Mensch ist j\u00e4mmerlich, unw\u00fcrdig<br \/>\nund appelliert an unsere Angst &#8211; vor dem Unbekannten und davor, selbst<br \/>\neine so j\u00e4mmerliche Person zu sein. Einem Kind, das uns anschaut<br \/>\nmit gro\u00dfen bittenden Augen, k\u00f6nnen wir die Hilfe nicht verweigern.<br \/>\nAber ein blutender, verletzter, zusammengekr\u00fcmmter Mensch gleicht<br \/>\nvielleicht nicht mehr einem Menschen &#8211; wir brauchen ihn deshalb vielleicht<br \/>\ngar nicht mehr als einen Menschen zu betrachten. Wenn er dann auch noch<br \/>\ngar nicht zu unserer Familie geh\u00f6rt oder unserem Freundeskreis,<br \/>\nvielleicht ein Fremder ist, liegt es n\u00e4her, den Appell zu \u00fcberh\u00f6ren,<br \/>\nden seine Not aussendet. Wir sind am besten darin, uns unserer eigenen<br \/>\nLeute anzunehmen.<\/p>\n<p>Wenn wir weitergehen sollen, so verlangt das viel \u00dcberwindung.<br \/>\nWir k\u00f6nnen uns selbst \u00fcberwinden, aber nur wenn es wichtig<br \/>\nist, und dann beteuern wir uns selbst gegen\u00fcber, da\u00df es dies<br \/>\nnicht ist.<\/p>\n<p>Einige stehen uns n\u00e4her, einige k\u00f6nnen es besser, und alles<br \/>\nsoll doch wohl nicht immer an mir h\u00e4ngen bleiben! Es ist deshalb<br \/>\nauch ganz legitim geworden, sich an des Gesetz des Dschungels zu halten.<br \/>\nWo der st\u00e4rkste der Held ist, wo der Starke Recht hat und Erfolg<br \/>\nund wo es ihm so ergeht, wie er es verdient.<\/p>\n<p>Das ist der sportliche Held, der nur f\u00fcr sich selbst l\u00e4uft<br \/>\n&#8211; zur Not f\u00fcr sein Land. Wir bewundern den Tarzan-Typen &#8211; nicht<br \/>\nden, der sein leben aufs Spiel setzt, um z.B. Friedensprozesse auf dem<br \/>\nBalkan in Gang zu bringen, oder &#8222;\u00c4rzte ohne Grenzen&#8220; &#8211;<br \/>\ndie werden als Extremisten diffamiert.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit sind wir gar nicht so weit entfernt von der Welt der<br \/>\nTiere &#8211; wir k\u00f6nnen es genauso gut eingestehen. Und dann hat uns<br \/>\nder menschliche Geist auch noch die technischen M\u00f6glichkeiten gegeben,<br \/>\nweit schlimmer zu sein als Tiere.<\/p>\n<p>Der Wert der Barmherzigkeit ist bei uns vielleicht ein Kapital, aber<br \/>\nein totes Kapital, solange wir dem Gesetz des Dschungels folgen. Wenn<br \/>\ndie Barmherzigkeit erstarrt, herrscht der Tod, ganz gleich wie lebendig<br \/>\nwir aussehen. Christentum ist das nicht. Die Hauptperson des Christentums<br \/>\nist nicht ein Supermensch, der in der Konkurrenz des Lebens alle anderen<br \/>\nbesiegt.<\/p>\n<p>Die Hauptperson des Christentums ist unendlich schwach. Selbst ein<br \/>\nFremdling auf der Erde mit v\u00e4terlicherseits unsicherer Herkunft.<br \/>\nEin Pilgrim, der keinen Ort hatte, wo er sein Haupt legen konnte. Heimatlos<br \/>\nund verfolgt. In der letzten Erniedrigung am Kreuz nackt &#8211; seiner Identit\u00e4t<br \/>\nberaubt. So da\u00df seine Identit\u00e4t statt dessen f\u00fcr die<br \/>\nzu sehen war, die Zeugen waren. Sowohl Gottessohn als auch Menschensohn.<br \/>\nEr starb nicht aus Liebe zu seinen Br\u00fcdern und Schwestern, sondern<br \/>\nzu denen, die ihn verfolgten. Er setzte sich an die Stelle derer, die<br \/>\nihn verfolgten. Er \u00f6ffnete mit seiner Liebe das Herz Gottes, der<br \/>\nbis dahin nur der Stammesgott Israels gewesen war, und zeigte, da\u00df das<br \/>\nwahre Wesen Gottes wie des Menschen die Verletzlichkeit ist. Er machte<br \/>\nsich zum Sohn Gottes &#8211; und war doch zugleich der Sohn seines Volkes.<br \/>\nEr lie\u00df sich sozusagen von Gott adoptieren, und Gott erweiterte<br \/>\ndas Bild von sich selbst, indem er ihn annahm als den wahren Menschen.<br \/>\nUnd Gott machte Barmherzigkeit zum Willen seiner Liebe. Gott \u00fcberwand<br \/>\nsich selbst, als Jesus ihn zum Vater machte. Deshalb ist Gott nicht mehr<br \/>\nnur der Gott eines Volkes, sondern kann jeden von uns zu seinem Sohn<br \/>\nund seiner Tochter machen.<\/p>\n<p>Hiernach sind es nicht mehr die Bande des Blutes, Stammesgemeinschaften<br \/>\nund Klans, die dar\u00fcber entscheiden, wer unsere Br\u00fcder und Schwestern<br \/>\nsind, wem wir Barmherzigkeit erweisen k\u00f6nnen. Der Fremde und der,<br \/>\nder unsere Hilfe braucht, wohnt nun im Herzen Gottes.<\/p>\n<p>In unserer Logik ist es noch immer das Selbstverst\u00e4ndlichste,<br \/>\nda\u00df wir es sind, die uns selbst \u00fcberwinden m\u00fcssen. Was<br \/>\nuns schwerf\u00e4llt &#8211; denn Tiere sind wir nicht, aber auch keine G\u00f6tter.<br \/>\nDas wahrhaft Menschliche ist die F\u00e4higkeit, sich in die Stelle eines<br \/>\nanderen zu versetzen. Der weiche Punkt, der anger\u00fchrt wird, wenn<br \/>\ndas Herz frei spricht. Was es selten tut. Und das ist unsere Not.<\/p>\n<p>Unser Fehler ist selten Schw\u00e4che, sondern die St\u00e4rke, die<br \/>\nwir als ein Schild tragen zu k\u00f6nnen glauben. Alle Kultur kommt daher,<br \/>\nden Zwang der Konkurrenz zu brechen. Unser wahres Gl\u00fcck besteht<br \/>\ndarin, da\u00df wir im Bilde Gottes als unendlich verwundbare Wesen<br \/>\ngeschaffen sind. Aber eine Schwachheit, die uns nicht so hilflos macht,<br \/>\nda\u00df wir zu ihr stehen. Die Rolle, die Christus auf sich nimmt,<br \/>\nist die, da\u00df er der barmherzige Samariter f\u00fcr uns wird. Die \u00dcberwindung,<br \/>\ndie wir selbst nicht schaffen, leistet er f\u00fcr uns. Er bricht ein<br \/>\nin unser Herz mit der St\u00e4rke, die die Schwachheit ihm gibt, und<br \/>\nverbindet uns mit dem Herzen Gottes.<\/p>\n<p>Er verbindet nicht in erster Linie unsere Wunden &#8211; wir haben Pflaster<br \/>\ngenug, sie zuzudecken: Unterhaltung und Hilfssysteme &#8211; er schl\u00e4gt<br \/>\nvielmehr die T\u00fcr ein zu unserem Herzen, und wohnt in ihm. Die T\u00fcr<br \/>\nunseres Herzens kann nun offen bleiben &#8211; so offen, da\u00df unser N\u00e4chste<br \/>\nein- und ausgehen kann. Er l\u00e4\u00dft seine Kraft, sich an unsere<br \/>\nStelle zu setzen, zu unserer Kraft werden. Die Liebe, die die Barmherzigkeit<br \/>\nist, zeigt sich jenseits von Geben und Nehmen &#8211; sie ist g\u00f6ttlicher \u00dcberschu\u00df.<\/p>\n<p>Aber wir sehen das in der Schwachheit. Gott hat eine Schw\u00e4che<br \/>\nf\u00fcr uns. Wenn wir eine Schw\u00e4che zeigen f\u00fcr den, der uns<br \/>\nbraucht, begegnen wir der Schwachheit Gottes. Das ist unsere St\u00e4rke.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Ich habe sein Gesicht nie gesehen.<br \/>\nNoch weniger seine Wunden ber\u00fchrt.<br \/>\nIch habe nur ein L\u00e4cheln vernommen<br \/>\n\u00fc ber der dichtesten<br \/>\nWildnis des Mythos,<br \/>\ndas weiche L\u00e4cheln eines Regenbogens<br \/>\ndurch die Tr\u00e4nen: Licht von<br \/>\nLicht.<br \/>\n&#8211; Und von vielen Wohnungen ist die Rede<br \/>\nin einem gro\u00dfen Haus des Erbarmens.<br \/>\n(Anna Greta Wide: &#8222;Dikter&#8220;,<br \/>\nS. 119)<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrerin Birte Andersen<br \/>\nEmdrupvej 42<br \/>\nDK-2100 K\u00f8benhavn-\u00d8<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 39 18 30 39<br \/>\n<a href=\"mailto:bia@km.dk\"> e-mail: bia@km.dk<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13. Sonntag nach Trinitatis |14. September 2003 | Lk 10,25\u201337 | Birte Andersen | Es ist, als passe Barmherzigkeit nicht in unsere Welt. 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