{"id":9549,"date":"2003-09-07T19:49:46","date_gmt":"2003-09-07T17:49:46","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9549"},"modified":"2025-05-08T17:33:58","modified_gmt":"2025-05-08T15:33:58","slug":"lukas-17-11-19-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-17-11-19-4\/","title":{"rendered":"Lukas 17, 11-19"},"content":{"rendered":"<h3>14. Sonntag nach Trinitatis | 21. September 2003 | Lukas 17,11\u201319 | J\u00fcrgen J\u00fcngling |<\/h3>\n<p>1. Immer wenn ich diese biblische Geschichte lese oder<br \/>\nh\u00f6re, steigt<br \/>\nbis auf dem heutigen Tag ein Bild in mir hoch. Ich war noch Kind, gerade<br \/>\nin der Schule, und der Lehrer machte uns nicht nur m\u00fcndlich mit<br \/>\ndieser Geschichte vertraut, sondern verteilte dazu auch ein Bild: einen<br \/>\nsehr grob gedruckten, ganz in schwarz-wei\u00df gehaltenen Holzschnitt,<br \/>\nder die Begegnung Jesu mit dem einen Auss\u00e4tzigen darstellt. Es war<br \/>\neine Art Verschlag, wenn nicht gar Verlies mit dicken Mauern und im unheimlichen<br \/>\nHalbdunkel, in dem sich diese Begegnung abspielte: der eine als Lichtgestalt<br \/>\nund der andere \u00fcber und \u00fcber durch Beulen und Geschw\u00fcre<br \/>\ngezeichnet. Vielleicht k\u00f6nnen Kinder diese Ursituation menschlichen<br \/>\nLebens viel intensiver nachvollziehen als Erwachsene \u2013 allein und<br \/>\nisoliert zu sein, im Dunklen Angst zu haben vor dem, was kommt, vielleicht<br \/>\nvor dem Leben und um das Leben, eben Lebensangst.<\/p>\n<p>Und so war es im Altertum ja auch: Wer auss\u00e4tzig war, der war \u2013 wortw\u00f6rtlich \u2013 ausgesetzt,<br \/>\nnur unter Seinesgleichen, abgeschnitten von Umwelt und Gesellschaft und<br \/>\nAlltag, verdammt zum Klappern auf, dass ihn nur jeder h\u00f6ren und<br \/>\nsich von ihm fernhalten konnte. Aussatz rief auf der Stelle Ber\u00fchrungsangst,<br \/>\nAbscheu und Ekel hervor. Und es komme bitte niemand und sage, dass sei<br \/>\ndoch nun aber Schnee von gestern \u2013 der Aussatz zur Zeit Jesu oder<br \/>\nsp\u00e4ter die Pest des Mittelalters oder vielleicht noch die Tuberkulose<br \/>\nder Nachkriegszeit, als betroffene Menschen weggesperrt und isoliert<br \/>\nwurden. Weit gefehlt, denn die moderne Geisel Aids und die ganz aktuelle<br \/>\nSeuche SARS machen deutlich, wie zeitlos das mit den Aussatz verbundene<br \/>\nPh\u00e4nomen ist und wie schnell die Urangst des Menschen ausbricht,<br \/>\nverlassen und ausgesto\u00dfen zu werden.<\/p>\n<p>Auss\u00e4tzige passen nun einmal nicht ins Bild, das Menschen vom Menschen<br \/>\nhaben \u2013 damals nicht und heute vielleicht noch weniger mit unserer<br \/>\nausgepr\u00e4gten K\u00f6rper- und Sch\u00f6nheitskultur. So jemandem,<br \/>\nMenschen mit lepr\u00f6sen-zerfressenen Gesichtern, wollte niemand zu<br \/>\nnahe kommen, geschweige denn sie ber\u00fchren. Sie bekamen ein wenig<br \/>\nNahrung an den Rand ihres Reservates gestellt, denn Verhungern sollten<br \/>\nsie nun auch wieder nicht. Und dennoch wirkte nicht zuletzt die Isolation<br \/>\ngeradezu t\u00f6dlich.<\/p>\n<p>Sicher, diese Art von Auss\u00e4tzigen haben wir so nicht mehr, aber<br \/>\nauch weit \u00fcber Aids und SARS hinaus ist dieses Ph\u00e4nomen uns<br \/>\ndoch durch und durch vertraut. Ich denke dabei ganz konkret an eine Behinderung,<br \/>\ndie manche Zeitgenossen in ihrem wohlverdienten Urlaub nicht einmal sehen<br \/>\noder h\u00f6ren mochten. Ich denke an Asylbewerber, die man in speziellen<br \/>\nUnterk\u00fcnften nicht nur isoliert hat, sondern die Mitb\u00fcrger<br \/>\nvon uns geradezu eliminiert haben wollten. Ich denke an die \u00f6ffentliche<br \/>\nDiskussion \u00fcber Strafvollzug und Resozialisierung und die \u2013 l\u00e4ngst<br \/>\nnicht nur an Stammtischen \u2013 geh\u00f6rte Forderung nach<br \/>\nkurzen und b\u00fcndigen Wegsperren. Ich denke aber auch an unsere Auseinandersetzung \u00fcber<br \/>\nPflege, \u00fcber Alte oder Demenzerkrankte und \u00fcber die Grenzen<br \/>\nder Behandlung. Wie schnell ist \u00fcberall da die Grenze zum Aussortieren \u00fcberschritten,<br \/>\nwohlgemerkt: zum Aussortieren von Menschen? Die Gr\u00fcnde f\u00fcr<br \/>\ndiese Tendenz sind sicher unterschiedlich. Sie haben aber immer mit Furcht<br \/>\nzu tun, mit Angst davor, sich anzustecken oder auch mit der eher unbewussten<br \/>\nAngst, am Ende selber einmal so zu werden. Wer von uns k\u00f6nnte diese<br \/>\nAbwehrhaltung nicht ein St\u00fcck weit nachvollziehen?<\/p>\n<p>2. Kommen wir doch auf die Betroffenen, auf die Auss\u00e4tzigen in<br \/>\nunsere Geschichte zur\u00fcck: Menschen, die so drastisch ihre Aussonderung<br \/>\nerleben, die m\u00f6chten, dass die Gr\u00fcnde daf\u00fcr verschwinden.<br \/>\nDie m\u00f6chten wieder akzeptabel, annehmbar werden. Daf\u00fcr nehmen<br \/>\nsie vieles, wahrscheinlich alles in Kauf. So war das schon immer, nat\u00fcrlich<br \/>\nauch bei den zehn, die Jesus treffen und ihn um Hilfe bitten. Und er<br \/>\nerf\u00fcllt ihren Wunsch, ihren Lebenswunsch. In der biblischen Geschichte<br \/>\nwird dieser Moment ganz unaufgeregt und eher beil\u00e4ufig geschildert.<br \/>\nNur einen Wimpernschlag nach der Begegnung ist das Wunder bereits geschehen.<\/p>\n<p>Viele \u00c4u\u00dferungen gibt es dazu, ganz begeisterte, eher kritische<br \/>\nund nat\u00fcrlich auch Kopfsch\u00fctteln. Ich selber hege dar\u00fcber \u00fcberhaupt<br \/>\nkeinen \u2013 ach so modernen \u2013 Zweifel, denn Jesus und seine<br \/>\nAnh\u00e4nger haben ganz fraglos und selbstverst\u00e4ndlich Kranke geheilt.<br \/>\nWarum sollten wir daran zweifeln? Dieser Zug ist doch typisch f\u00fcr<br \/>\nsein ganzes Wirken. Ich frage mich: Ist das nicht wirklich bis in unsere<br \/>\nTage so, dass Krankheiten ganz h\u00e4ufig damit zu tun haben, dass Menschen<br \/>\nniemanden haben, dem sie vertrauen k\u00f6nnen? Wie sagt doch so treffend<br \/>\nder Gel\u00e4hmte am Teich Betesda zu ihm: \u201eHerr, ich habe keinen<br \/>\nMenschen\u201c. Sollte es deshalb so schwer verst\u00e4ndlich sein,<br \/>\ndass Jesus Kranke gesund machen konnte, indem er ihnen Gottes ganze Liebe<br \/>\nzuwendete, indem er ihnen Gottes gro\u00dfes Ja zusagte?<\/p>\n<p>3. Die Zehn von damals sind jedenfalls wieder rein geworden und konnten<br \/>\nin ihre Umwelt wieder zur\u00fcckkehren, von der sie bis eben noch ausgeschlossen<br \/>\nwaren. Aber nur einer kehrt um. Gl\u00fccklich waren sie ganz gewiss<br \/>\nalle. Aber nur einer kann sein Gl\u00fcck in Dankbarkeit umsetzen, in<br \/>\nDankbarkeit seinem Retter gegen\u00fcber und in Dankbarkeit vor Gott.<br \/>\nSo kann Glaube entstehen. Und dieser eine war gleich auf zwei Ebenen<br \/>\nauss\u00e4tzig, ein auss\u00e4tziger Auss\u00e4tziger gewisserma\u00dfen:<br \/>\nn\u00e4mlich ein Samariter, einer von der anderen, von der verhassten<br \/>\nKonfession der Samaritaner. Man m\u00f6chte geradezu sagen: ausgerechnet<br \/>\nder! Doch er hat offensichtlich als einziger kapiert, dass zum wirklichen<br \/>\nGesundwerden mehr, vielmehr geh\u00f6rt als lediglich die R\u00fcckkehr<br \/>\nin den alten Trott. Wer gesunden will, der muss eben unter Umst\u00e4nden<br \/>\nganz neu anfangen, n\u00e4mlich von vorn. Das ist doch auch uns \u00fcberhaupt<br \/>\nnicht unbekannt. Denn wehe dem Herzinfarkt-Patienten, der aus der Reha-Ma\u00dfnahme<br \/>\nkommt und den Faden genau da und genau so wieder aufnehmen will, wo er<br \/>\nihn aus der Hand hat geben m\u00fcssen.<br \/>\nDer wird gut beraten sein, sein bisheriges Leben ernsthaft zu \u00fcberdenken<br \/>\nund es ein gutes St\u00fcck neu zu sortieren. Wie sagt es so treffend<br \/>\nHermann Hesse? \u201eWohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!\u201c<\/p>\n<p>Abschied und Neuanfang, das hat zu tun mit dem Ordnen unserer Lebenslinien,<br \/>\nunserer Schwerpunkte und auch mit unseren Beziehungen zu Menschen und<br \/>\nnicht weniger zu Gott. Dieser eine hat verstanden, dass man nur dann<br \/>\nrein und heil werden kann, wenn man sich darum bem\u00fcht, sein gest\u00f6rtes<br \/>\nVerh\u00e4ltnis zu Gott wieder ins Lot zu bringen. Und dazu braucht es<br \/>\nder \u2013 bleibenden \u2013 Gemeinschaft seines Sohnes \u2013 nicht<br \/>\nnur in der Situation der Not, sondern weit dar\u00fcber hinaus. Dazu<br \/>\nbraucht es ebenfalls der Gemeinschaft von Menschen, die mit einem und<br \/>\ndie um einem sind. Es gen\u00fcgt jedenfalls nicht und ist sogar zum<br \/>\nScheitern verurteilt, wenn jemand nur f\u00fcr sich gesund werden will.<\/p>\n<p>4. Immer wenn ich diese biblische Geschichte lese oder h\u00f6re, frage<br \/>\nich mich, was wohl aus den neun anderen geworden ist. Von ihrem weiteren<br \/>\nErgehen wird uns ja leider nichts berichtet. Sicher werden sie in ihre<br \/>\ngewohnte Umgebung zur\u00fcckgekehrt sein und haben wohl versucht, sich<br \/>\nda wieder einzuklinken, wo sie ausgegliedert worden waren. Vielleicht<br \/>\nhaben sie auch die Zeit ihres Elends so schnell wie m\u00f6glich verdr\u00e4ngen<br \/>\nund so gr\u00fcndlich wie m\u00f6glich vergessen wollen. Wir kennen das.<br \/>\nUnd wahrscheinlich haben sie sich so verschieden weiterentwickelt, wie<br \/>\nMenschen nun einmal verschieden sind. Aber dass das Ganze spurlos an<br \/>\nihnen vorbeigegangen ist, ohne Nachdruck und Eindruck, das kann ich mir<br \/>\nnicht vorstellen. Auch sie werden noch lange mit diesem einschneidenden<br \/>\nEreignis zu tun gehabt haben. \u00dcber so etwas kann eigentlich niemand<br \/>\neinfach zur Tagesordnung \u00fcbergehen. Wer wei\u00df, wie vielen von<br \/>\nihnen es erst im nachhinein ged\u00e4mmert hat, was ihnen da wirklich<br \/>\nwiderfahren war. Und wer von diesen erst im nachhinein den Weg zu diesem<br \/>\nJesus oder auch zu seinen Leuten gesucht hat. Der eine braucht nun einmal<br \/>\nmehr Zeit als der andere um zu merken, worauf es ankommt.<\/p>\n<p>Aus einen weiteren Grund muss ich an diese neun denken: w\u00e4hrend<br \/>\nwir Interesse an Gottes Wort haben \u2013 aus welchem Grund und in welcher<br \/>\nArt auch immer \u2013 und vielleicht auch Freude am Besuch des Gottesdienstes,<br \/>\ngeht genau das vielen unserer Zeitgenossen und Landsleute ab. Als Pfarrer<br \/>\nund Mann der Kirche bedaure ich das nat\u00fcrlich, und das nicht etwa<br \/>\naus Bestands\u00e4ngsten. Ich denke an meine Zeit als Gemeindepfarrer<br \/>\nund dabei an alle die, die ich so oft zum Gottesdienst eingeladen habe.<br \/>\nIch denke an die, die anl\u00e4sslich eines besonderen Ereignisses schon<br \/>\neinmal da gewesen sind \u2013 bei der Taufe ihres Kindes oder nach dem<br \/>\nTod eines Angeh\u00f6rigen. Ich denke an die, die Heilig Abend oder angesichts<br \/>\neiner Katastrophe die Kirche bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt haben.<br \/>\nIch denke an die, die beim fr\u00f6hlichen Gemeindefest dabei waren,<br \/>\noder an die, die ich nach zwei Jahren Unterricht feierlich konfirmiert<br \/>\nhabe. Und ich frage mich: Warum die neun nicht zur\u00fcck? Bei dieser<br \/>\nFrage wird deutlich, wie zeitnah die alte biblische Geschichte ist. Wir<br \/>\nbrauchen sie erst gar nicht krampfhaft zu aktualisieren.<\/p>\n<p>Worauf kommt<br \/>\nes deshalb an? Was muss unsere Kirche, was m\u00fcsste<br \/>\nunsere Gemeinden und ihre Pfarrerinnen und Pfarrer unbedingt festhalten?<br \/>\nIch<br \/>\nmeine den Zusammenhang untereinander, im Bilde gesprochen: den Kontakt<br \/>\nzwischen den einem und den neun. Es ist wichtig, dass wir miteinander<br \/>\nim Gespr\u00e4ch bleiben, aufeinander h\u00f6ren und voneinander lernen<br \/>\nin den Fragen des Lebens und in denen des Glaubens. Auch die in der Kirche<br \/>\nk\u00f6nnen allzu schnell auf einem Auge blind werden. Von daher ist<br \/>\nes ganz wichtig, wie wir miteinander umgehen, auch und gerade mit denen,<br \/>\ndie mit dem Glauben ihre Schwierigkeiten haben. Heutzutage sind so viele<br \/>\nauf der Suche, auf der Suche nach einer Wirklichkeit, die ihr Leben heil<br \/>\nund ganz macht, die Ermutigungen verhei\u00dft und Halt gibt.<\/p>\n<p>Der letzte Satz unserer Geschichte lautet: \u201eStehe auf, gehe hin;<br \/>\ndein Glaube hat dir geholfen.\u201c Das ist ein sch\u00f6ner und wichtiger<br \/>\nSchlusssatz, denn darum geht es doch letztendlich: mit dem R\u00fcckenwind<br \/>\ndes Glaubens aufzustehen aus unserem Bedr\u00fcckungen, den aufrechten<br \/>\nGang einzuschlagen und hinzugehen \u2013 aus dem Gottesdienst oder dem<br \/>\nGebet hinaus und hinein in den Alltag mit all seinen H\u00f6hen und Tiefen.<br \/>\nDieser R\u00fcckenwind wird uns helfen zu leben, dankbar zu leben, zusammen<br \/>\nmit denen, die so sind wie wir, und ebenso mit denen, die so ganz anders<br \/>\ngestrickt sind. Die wir wissen: \u201eGott ist mit uns am Abend und<br \/>\nam Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.\u201c<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Oberlandeskirchenrat J\u00fcrgen J\u00fcngling<br \/>\nEv. Kirche von Kurhessen-Waldeck<br \/>\n<a href=\"mailto:landeskirchenamt@ekkw.de\">landeskirchenamt@ekkw.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14. Sonntag nach Trinitatis | 21. September 2003 | Lukas 17,11\u201319 | J\u00fcrgen J\u00fcngling | 1. Immer wenn ich diese biblische Geschichte lese oder h\u00f6re, steigt bis auf dem heutigen Tag ein Bild in mir hoch. 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