{"id":9553,"date":"2003-09-07T19:49:50","date_gmt":"2003-09-07T17:49:50","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9553"},"modified":"2025-05-08T17:42:19","modified_gmt":"2025-05-08T15:42:19","slug":"lukas-17-11-19-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-17-11-19-3\/","title":{"rendered":"Lukas 17, 11-19"},"content":{"rendered":"<h3>14. Sonntag nach Trinitatis | 21. September 2003 | Lukas 17, 11-19 |<strong> Andreas Brummer |<\/strong><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>&#8222;Noch einmal davongekommen!&#8220;. In letzter Sekunde.<br \/>\nDa waren sie schon weg vom Fenster, die Zehn, von denen unser Evangelientext<br \/>\nerz\u00e4hlt. Da geh\u00f6rten sie schon zu denen, die man abgeschrieben<br \/>\nhat. Mit denen keiner mehr etwas zu tun haben wollte.<br \/>\nAbgeschoben drau\u00dfen vor die Stadt. Diagnose: Aussatz.<br \/>\nEine Krankheit, die den K\u00f6rper entstellt &#8211; und die die anderen abst\u00f6\u00dft.<br \/>\nWer wei\u00df, wie lange die 10 da schon vor den Toren der Stadt lebten<br \/>\nin ihrer ungewollten Quarant\u00e4ne?<br \/>\nMonate, Jahre? Man sieht die Kinder von ferne &#8211; aber sie in den Arm nehmen?<br \/>\nDie eigene Frau &#8211; keine Ber\u00fchrung ist m\u00f6glich, allein vielleicht<br \/>\nein paar Worte von ferne?<br \/>\nAber dann: Eine Nachricht breitet sich aus. Breitet sich aus auch unter<br \/>\ndenen, die da vor den Toren leben. Der Wunderrabbi kommt. In diese Stadt.<br \/>\nUnd so versammeln sie sich in Sichtweite des Weges.<br \/>\n\u201cOb er wohl auch uns helfen kann? Uns, denen, die im abseits stehen,<br \/>\ndrau\u00dfen<br \/>\nvor der T\u00fcr?\u201d<br \/>\n<em>Sie standen von ferne<\/em>, so hei\u00dft es da.<\/p>\n<p>Sie standen von ferne. Nicht nur damals ist das so. Ich denke, es gibt<br \/>\nauch heute eine ganze Reihe von Menschen, die da von Ferne stehen und<br \/>\ngucken, ob da nicht einer einmal Notiz nimmt von ihnen und ihrer Not.<br \/>\nOb da nicht einer oder eine einmal hinzuschauen wagt und nicht gleich<br \/>\nden Kopf wegdreht.<\/p>\n<p>Doch die 10 Ausgestossenen aus unserer Geschichte lassen es nicht dabei,<br \/>\nstill zu leiden und zu warten, dass einer sie sehe. Sie machen auf sich<br \/>\naufmerksam. Sie rufen, sie schreien aus voller Kehle:<br \/>\n<em>Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser.<\/em><br \/>\nOb&#8217;s die Verzweiflung ist, die da aus ihnen ruft?<br \/>\nSo vieles schon ausprobiert &#8211; und doch nicht gesund geworden!<br \/>\nWarum nun nicht diesen einen als letzten Strohhalm? Wer wei\u00df, vielleicht<br \/>\nkann dieser ja helfen?<br \/>\nOder ob sie wirklich sp\u00fcren und ahnen: Da ist eine Kraft in jenem<br \/>\nRabbi, die kann ein Leben auf den Kopf stellen und so auch das ihre;<br \/>\ndie kann ihr Leben jenseits der Gemeinschaft neu machen und heil.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, der, der da angerufen wird, fragt nicht nach ihren<br \/>\nGr\u00fcnden.<br \/>\nEr bleibt stehen und sieht.<br \/>\n<em>Und als Jesus sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den<br \/>\nPriestern! <\/em><\/p>\n<p><em>Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein&#8220;.<br \/>\n<\/em> Keine Spontanheilung ist es, die hier stattfindet. Kein Budenzauber,<br \/>\nder die Menge erschrecken l\u00e4sst.<br \/>\nDie Kranken werden vielmehr schlicht auf einen Weg geschickt: <em>Geht hin<br \/>\nund zeigt euch den Priestern.<\/em><br \/>\nJesus h\u00e4lt sich dabei an das \u00fcbliche Verfahren. Die Priester<br \/>\nwaren es, die zu beurteilen hatten, ob da einer rein war, sozusagen wieder<br \/>\ngesellschaftsf\u00e4hig. Die Priester waren so etwas wie das Eingangstor<br \/>\nzur\u00fcck in die Gemeinschaft. Kam von dort die Antwort &#8222;du bist<br \/>\nrein&#8220;, dann war der Weg frei: der Weg zur\u00fcck &#8211; zur\u00fcck<br \/>\nzur Familie, zur\u00fcck zur Arbeit, zur\u00fcck ins Leben.<\/p>\n<p>Jene Zehn nun machen sich auf diesen Weg, auf den sie geschickt werden.<br \/>\nIch finde, das ist schon au\u00dferordentlich und nicht selbstverst\u00e4ndlich.<br \/>\nDenn wohlgemerkt: Der Ausgang des Ganzen ist ja noch unsicher. Da war<br \/>\nkeine vorschnelle Versprechung. Da war kein Heilungswunder. Das einzige,<br \/>\nwas Jesus zu ihnen sagt, ist schlicht eine Aufforderung: \u201cGeht!<br \/>\nZeigt euch!\u201d Das Wunder geschieht erst dann, auf dem Weg und ganz<br \/>\nnebenbei. Unauff\u00e4llig und unspektakul\u00e4r, so dass man es im<br \/>\nGrunde gar nicht beweisen kann. Dass man gar nicht Jesus direkt daf\u00fcr<br \/>\nverantwortlich machen kann und die Heilung selbst mehrdeutig bleibt.<br \/>\nEin Wunder? Waren sie nicht vielleicht in Wahrheit schon l\u00e4ngst<br \/>\nwieder dabei, gesund zu werden? Sicher ist nur: by the way &#8211; nebenbei<br \/>\nauf dem Weg, da wird es sichtbar und sp\u00fcrbar f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>Auf dem Weg und nebenbei. Vielleicht ist das ja etwas, was auch wir<br \/>\nheute uns merken m\u00fcssen: Um heil zu werden an K\u00f6rper und Seele,<br \/>\ndazu muss man einen Weg gehen. Das f\u00e4llt nicht vom Himmel. Selbst<br \/>\nin der unmittelbaren Gegenwart dessen, der in Gottes Auftrag unsere Welt<br \/>\nheil machen will. Selbst in seiner N\u00e4he f\u00e4llt die Heilung nicht<br \/>\nvom Himmel. Und manchmal ist der Weg vielleicht sehr lange und m\u00fchsam.<br \/>\nUnd selbst dann ist es nicht zu erzwingen, sondern geschieht. Pl\u00f6tzlich<br \/>\nund unvermutet. By the way.<br \/>\n<em>Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein.<\/em><\/p>\n<p>&#8222;Noch einmal davongekommen!&#8220;.<br \/>\nEndlich wieder die Kinder in den Arm nehmen k\u00f6nnen, endlich wieder<br \/>\neine z\u00e4rtliche Ber\u00fchrung zwischen Mann und Frau.<br \/>\nEndlich wieder unter den Menschen, unter den Gesunden, endlich wieder<br \/>\nunter denen, die Zukunft haben, denen die Zukunft geh\u00f6rt.<br \/>\nUnd so st\u00fcrzen sie zur\u00fcck, wie es scheint. Jedenfalls 9 von<br \/>\nihnen. Wie ausgehungert st\u00fcrzen sie zur\u00fcck. St\u00fcrzen wieder<br \/>\nmitten hinein in das Leben, von dem sie solange ausgesondert und ausgemustert<br \/>\nwaren. St\u00fcrzen hinein in ihre Familien, in ihre Arbeit, in ihre<br \/>\nalten Lebensmuster und in ihre alten Lebenspl\u00e4ne.<br \/>\nNachvollziehbar ist das. Es ist im Grunde schlicht normal. Damals und<br \/>\nheute auch. Wer wieder gesund ist, aus dem Krankenhaus oder dem Reha-Zentrum<br \/>\nentlassen, f\u00fcr den hei\u00dft es: So schnell wie m\u00f6glich wieder<br \/>\nAnschluss bekommen und auf den Zug des Lebens wieder aufzuspringen. Der<br \/>\nh\u00e4lt ja nicht einfach an, weil ich krank bin. Der bleibt ja nicht<br \/>\neinfach im Bahnhof liegen, weil da ein Platz leer geblieben ist.<br \/>\nUnd deshalb: Dranbleiben, aufholen!<br \/>\nDer Arbeitsplatz &#8211; wie schnell ist man da ins Hintertreffen geraten!<br \/>\nDas Leben &#8211; nur nichts verpassen!<br \/>\nDeshalb: Heraus dem Krankenhaus und zur\u00fcck in den Alltag. Auf dass<br \/>\nda wieder Normalit\u00e4t einkehre.<br \/>\nDenn nichts ist schlimmer in einer Welt, in der Leistung fast alles ist,<br \/>\nals dass da an einem oder einer der Nimbus klebt: &#8222;Der\/die ist nicht<br \/>\nmehr belastbar&#8220;.<\/p>\n<p>Also: Verwunderlich ist das nicht, dass 9 von den 10 M\u00e4nnern sofort<br \/>\nin ihren Alltag zur\u00fcckkehren, dass sie versuchen all das hinter<br \/>\nsich zu lassen, was sie an ihre Krankheit erinnert. Denn da ist ja auch<br \/>\ndieses schreckliche Gef\u00fchl, diese Erinnerung: \u201cMein K\u00f6rper<br \/>\nwendet sich gegen mich, er versagt mir den Dienst, l\u00e4sst mich mit<br \/>\nall dem, was da ist an Pl\u00e4nen und Zielen im Stich\u201d.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in den Alltag: Nur ja nicht einmal mehr den Anschein des<br \/>\nKrankseins mehr um sich haben.<br \/>\nNein: \u201cWir sind gesund, wir sind wieder da, mit uns m\u00fcsst<br \/>\nihr wieder rechnen.\u201d Und das gilt es dann auch zu beweisen in der<br \/>\nTretm\u00fchle des Alltags. Kennen Sie das nicht auch? Da war einer schwer<br \/>\nkrank, und kaum ist er zur\u00fcck an seiner Arbeitsstelle, da versucht<br \/>\ner mit aller Kraft es allen und jedem zu beweisen: \u201cSchau an, ich<br \/>\nbin wieder da, ich kann&#8217;s noch. Ich bin noch was wert.\u201d<\/p>\n<p><em>Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war,<br \/>\nkehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme. <\/em><br \/>\nEiner schert aus. Einer geht nicht sofort zur\u00fcck in den Alltag.<br \/>\nEiner von den 10 h\u00e4lt inne. Geht zur\u00fcck zum Ort seiner Krankheit.<br \/>\nGeht zur\u00fcck zu dem Ort der Not, an dem aber doch auch die Heilung<br \/>\nbegann und an dem vielleicht noch andere liegen und warten. Das ist fast<br \/>\nso, als bliebe da f\u00fcr einen Moment die Zeit stehen. Als machte da<br \/>\neiner einen Einschnitt und fragte: &#8222;Was nun?&#8220;.<br \/>\nDas alles l\u00e4sst sich ja nicht einfach absch\u00fctteln und verdr\u00e4ngen.<br \/>\nDie Zeit der Krankheit, die Ausgeschlossenheit, das Gef\u00fchl: \u201cIch<br \/>\nbin nicht unverwundbar. Mein K\u00f6rper hat Grenzen. Grenzen der Belastung\u201d.<br \/>\nUnd dazu die Erfahrung: \u201cWenn ich krank bin, dann kr\u00e4ht kein<br \/>\nHahn mehr nach mir.\u201d<\/p>\n<p>&#8222;Was nun?&#8220; &#8211; Da geraten Lebensziele und -pl\u00e4ne ins Wanken.<br \/>\nDa kehrt einer nicht sofort zur\u00fcck in die Tretm\u00fchle des Alltags,<br \/>\nin die Welt der hoffnungslos Gesunden und ihrer oft so unbarmherzigen<br \/>\nIdeale vom &#8222;mehr&#8220;: Mehr leisten, mehr Erfolg, mehr Geld, mehr<br \/>\nSpa\u00df. Da nimmt einer eine Auszeit, auf dass er es \u00fcberhaupt<br \/>\nbegreife, es \u00fcberhaupt schmecke und sp\u00fcre: \u201cIch bin gesund!\u201d<br \/>\nDas gibt es eben auch in unserer Geschichte, dass da einer erkennt: \u201cIch<br \/>\nkann neu ins Leben gehen.\u201d<br \/>\nMit einer ver\u00e4nderten Perspektive. Nicht mehr nur mit dem Leistungsblick<br \/>\nder hoffnungslos Gesunden.<br \/>\nDass einer merkt: \u201cIch kann mir neue Ziele setzen, kleiner vielleicht,<br \/>\naber eben mit mehr Freiraum und weniger Druck\u201d. Dass einer oder<br \/>\neine nun ein bisschen mehr in der Gegenwart als f\u00fcr die Zukunft<br \/>\nlebt.<\/p>\n<p><em>Und er pries Gott mit lauter Stimme.<\/em><br \/>\nMit lauter Stimme. Am Anfang war ein Rufen und ein Schreien: Jesus lieber<br \/>\nMeister, erbarme dich unser. Und jetzt ist das Lob mit lauter Stimme<br \/>\nso etwas wie die Entsprechung, wie die Antwort auf das Flehen in der<br \/>\nNot. Da nimmt einer seine Gesundheit nicht heimlich still und leise<br \/>\nmit sich nach Hause, so wie man ein Pfund Butter, das man gekauft hat,<br \/>\neinsteckt, sondern ruft es heraus: \u201cGesund bin ich &#8211; Gott sei<br \/>\nDank!\u201d<br \/>\nDa spricht es einer aus, dass da vorher ein Flehen war und ein lautes<br \/>\nBitten und manche Verzweiflung.<br \/>\nUnd da f\u00e4ngt einer nicht damit an, den Gott, den er vorher angerufen<br \/>\nhat in der Not, hinterher herauszuerkl\u00e4ren aus der Geschichte seiner<br \/>\nHeilung. Auch wenn es daf\u00fcr Gr\u00fcnde geben mag. Auch wenn da<br \/>\nnichts zu sehen war von einem wundersamen Eingreifen Jesu oder von Engeln<br \/>\nund g\u00f6ttlichen Gewalten.<br \/>\nDennoch wird hier nichts herauserkl\u00e4rt und herumgedeutet.<br \/>\nDa nimmt vielmehr einer sich selbst beim Wort.<br \/>\nDa war am Anfang ein Flehen und ist am Ende ein Lobpreis. Mit lauter<br \/>\nStimme.<br \/>\nUnd dazwischen ein Mensch, der heil geworden ist.<br \/>\nGott sei Dank!<br \/>\nAmen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Andreas Brummer<br \/>\nL\u00fcneburger Damm 4 b<br \/>\n30625 Hannover<br \/>\n<a href=\"mailto:Andreas.Brummer@evlka.de\">Andreas.Brummer@evlka.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14. Sonntag nach Trinitatis | 21. September 2003 | Lukas 17, 11-19 | Andreas Brummer | Liebe Gemeinde! &#8222;Noch einmal davongekommen!&#8220;. In letzter Sekunde. Da waren sie schon weg vom Fenster, die Zehn, von denen unser Evangelientext erz\u00e4hlt. Da geh\u00f6rten sie schon zu denen, die man abgeschrieben hat. 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